Migranten der Hoffnung

Migranten der Hoffnung
Altarbild

Einblicke in das Werden von Gemeinschaft.  Bildbetrachtung

von Stefan Kunz

Liebe Schwestern und Brüder,

Nun ist es soweit, nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens und Unterwegsseins und nach zwei Jahren intensiver Vorbereitung wollt ihr heute im Namen Gottes etwas Neues beginnen: eine verbindliche geistliche Gemeinschaft mit Lebensperspektive.
Dreiundzwanzig von euch werden gemeinsam vortreten, sich um diesen Altar versammeln und ein Gebet sprechen, ein Gebet der Hingabe an den lebendigen Gott, im Vertrauen darauf, dass Er es erhört und durch die Kraft seines Geistes etwas ganz Neues schafft, eine "neue Kreatur" mit dem Namen Kommunität Offensive Junger Christen.

Zu diesem Anlass möchte ich mit euch ein pfingstliches Bild betrachten, ein Altarbild aus dem 14. Jahrhundert, das euch wichtig geworden ist.
Auf dem Bild seht ihr Maria und die zwölf Jünger um einen runden Abendmahlstisch in flehentlicher Erwartung des Heiligen Geistes. Beim genauen Betrachten könnt ihr drei Blickrichtungen erkennen: den Blick zur Mitte, den Blick nach links und rechts und den Blick nach oben. Alle drei sind bedeutsam.

Die Blickrichtung

Zunächst der Blick zur Mitte:
Maria und Johannes am hinteren Ende des Tisches schauen unverkennbar zur Mitte. Die Mitte aber ist leer, unverfügbar, sie deutet auf das göttliche Geheimnis hin. Von dieser Mitte ist jeder gleichweit entfernt und jeder hat einen eigenen und unmittelbaren Zugang dazu.
Alle sitzen in einem heiligen Kreis. Es gibt so etwas wie eine "kurze Hierarchie". Zwischen Christus und jedem Einzelnen gibt es keine menschliche Vermittlung mehr, sondern nur die Vermittlung des Heiligen Geistes. Jeder in diesem heiligen Kreis ist von der Mitte gleichermaßen angesprochen und angerührt.
Der vertrauensvolle Blick zur Mitte - das ist der Glaube.
Ihr formiert euch heute als Menschen, die gemeinsam zur selben Mitte blicken. Ihr formiert euch heute als heiliger Kreis, als eine Glaubensgemeinschaft.

Da ist zweitens der Blick nach links und rechts: Einige der Jünger schauen zum Nebenmann hin - etwa der Apostel vorne rechts im grünen Gewand, der sich zum Nachbarn wendet und ihn mit der Hand, die von Herzen kommt, zärtlich berührt. Wer zur Mitte schaut, wird von dorther aufgefordert, auf seinen Mitbruder, auf seine Mitschwester zu achten.
In der letzten Zeit ist es euch neu bewusst geworden: Gott will euch nicht nur als Dienstgemeinschaft, sondern auch als Lebensgemeinschaft, als Gefährtenschaft. Ihr seid Gefährten auf einem gemeinsamen, abenteuerlichen Weg - einige schon seit vierzig Jahren. Dankbar denkt ihr heute an diese gemeinsam zurückgelegte Wegstrecke zurück.
Es ist wichtig, dass die Apostel und Maria einander dankbar und liebevoll im Blick haben. Damals, kurz vor Pfingsten, saßen sie noch als verängstigte kleine Gruppe in Jerusalem, angefeindet von den Bewohnern der Stadt, verachtet als Sympathisanten eines Mannes, der vor sechs Wochen in Jerusalem gekreuzigt worden war. Sie mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Es hätte nahegelegen, die gefährliche Stadt möglichst schnell zu verlassen und in die alten Heimatdörfer zurückzukehren. Die Versuchung war groß. Aber Jesus hatte ihnen zum Abschied gesagt: "Ihr sollt nicht flüchten, sondern standhalten!"
Auch ihr wollt und sollt gemeinsam standhalten, was immer geschehen mag. Das kann aber nur gelingen, wenn eure Geschwisterschaft immer wieder neu durch Dankbarkeit und Liebe gestärkt wird und ihr den Blick nach links und rechts übt, wie die Gestalten auf dem Bild es unverkennbar tun. Heute formiert ihr euch nicht nur neu als Glaubensgemeinschaft, sondern auch als Liebesgemeinschaft, als geistliche Lebensgemeinschaft.

Da ist schließlich der Blick nach oben: Einige der Jünger blicken erwartungsvoll nach oben und halten Ausschau nach dem kommenden Christus. Sie richten ihren Blick nach oben und nach vorne in flehentlicher Erwartung des Heiligen Geistes. Jesus hatte ihnen gesagt: "Ihr sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe." Die Jünger bilden kurz vor Pfingsten nicht nur eine Glaubensgemeinschaft im gemeinsamen Blick zur Mitte, nicht nur eine Liebesgemeinschaft im Blick nach links und rechts, sondern auch eine Hoffnungsgemeinschaft im gemeinsamen Blick nach oben. Auch euch vereint heute dieser gemeinsame Blick nach oben, hin zum kommenden Reich Gottes.

Die Einbindung

Wir haben gemeinsam darauf geachtet, wie und wohin Maria und die Apostel kurz vor der Ausgießung des Heiligen Geistes schauen. Jetzt wollen wir uns anschauen, wie sie sitzen. Auch dabei lässt sich dreierlei erkennen:

Sie sitzen auf einem guten Fundament.
Das will sagen, sie sitzen auf der Grundlage ihrer Berufung durch Jesus. Er hatte ihnen gesagt: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Das ist guter Grund, auf dem sie sicher ausruhen.
Auch ihr gründet eure Kommunität auf diesem Grund, auch ihr seid Gerufene. Durch die Heilige Taufe ist euer Leben auf das Fundament der ewigen Liebe und Treue Gottes gestellt worden. Durch die persönliche Berufung in die Nachfolge Christi im Rahmen der OJC habt ihr eine gemeinsame Basis, auf die ihr immer wieder zurückkommen könnt. Spürt, wie verlässlich diese Grundlage für euch alle ist: Ihr seid getauft, ihr seid berufen, ihr seid erwählt!

Sie sitzen um einen runden Tisch.
Zweitens kann man leicht erkennen: Die Jünger sitzen zusammen mit der Mutter Jesu an einem runden Tisch, einem Abendmahlstisch. Nicht nur die Taufe im Heiligen Geist ist für sie wichtig, sondern auch das Abendmahl, die verheißene und erfahrene Gegenwart Christi in Brot und Wein. Die hält ihre Gemeinschaft zusammen. Durch die communio, die heilige Kommunion, werden sie zu einer Kommunität, zur Gemeinschaft begnadigter Sünder.

Sie sitzen vor goldenem Hintergrund.
Unübersehbar ist drittens: Alle sitzen vor einem goldenen Hintergund, von alters her ein Symbol für die Ewigkeit Gottes. Alles
geschieht, mit einem alten Wort gesagt, sub specie aeternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit. Modern gesprochen könnte man sagen: Maria und die Apostel haben einen "Migrationshintergrund". Sie sind nicht nur zugewandert aus dem fernen Galiläa, sie kommen aus einem noch viel ferneren Land: ihr Leben kommt aus der ewigen Liebe Gottes. Eine Weile sind sie als Fremdlinge, als Gäste hier auf dieser Erde mit einem großen wichtigen Auftrag. Aber ihr Dasein zielt letzten Endes wieder hin auf die Heimkehr in Gottes ewige Liebe. Maria und die Apostel sind Migranten, sie machen hier eine kurze Rast auf ihrer Wanderung von einer Kraft zur andern, hin zum himmlischen, goldenen Jerusalem.

Das ist also die Sitzordnung dieser kleinen Gemeinde kurz vor Pfingsten: Alle sitzen gleichermaßen auf einem guten Grund, um einen runden Tisch und vor einem goldenen Hintergrund. Euch geht’s heute genauso!

Die Ausrichtung

Jetzt aber stellt sich die letzte und entscheidende Frage im Blick auf Maria und die 12 Jünger: Was wird mit ihnen geschehen?

Das Bild sagt es uns auf eine wunderbare Weise: Der Heilige Geist wird kommen mit Macht. Aus der Richtung, die keiner im Blick hat, kommt die Taube - man könnte sagen: im Sturzflug! Sie hat es eilig! Offenbar hat sie sich auf nichts so sehr gefreut und nichts mehr ersehnt, als dass die Mitte leer wird und sie etwas in diese Mitte hineinlegen kann.
Sie bringt eine große Hostie, ein großes Stück Brot: das Brot des Lebens. Dieses Brot wird alle sättigen: von der Mitte führen Strahlen direkt zum Mund eines jeden. Das Brot wird nicht nur alle satt machen, sondern auch ausreichen, um viele andere zu sättigen, Tausende! Und sicher werden 12 Körbe mit Brocken übrigbleiben. Die 13 Menschen um den Tisch werden gestärkt aufstehen, werden sich umwenden, werden losgehen in alle Welt, getrieben, erfüllt, erleuchtet, erwärmt und angefeuert durch den Heiligen Geist. Aus einer kleinen defensiven Gruppe, die ausharrte in einer fremden, feindlichen Stadt, wird eine offensive junge Christengemeinde, die die Welt verändern wird wie kaum jemand sonst.

Es gibt ein Gedicht von Ernst Ginsberg, ein Pfingstgedicht, das treffend ausdrückt, was die Pfingstkraft des Heiligen Geistes in uns bewirken und verändern kann:

Veni Creator Spiritus

In meinem Herzen
werden Felsen gesprengt
schwarze Felsen des Hasses,
zürnender Schwermut.

In meinem Herzen
werden Straßen gezogen,
weiße Straßen des Friedens.

In meinem Herzen flattern Fahnen.
Mein Herz wartet und zittert -

Möge Gott heute euer Warten und Zittern, eure tiefste Sehnsucht nach dem Brot des Lebens, nach dem Kelch des Heils, nach der Quelle des Lebens, nach dem Geist Jesu Christi segnen. Möge euch heute sein Heiliger Geist als offensive junge christliche Kommunität sammeln, erleuchten und stärken und begnadigen für euren gemeinsamen Weg.

Ein Unterschied besteht freilich zwischen euch und der Gruppe auf dem Bild: die Apostel und Maria haben einen Heiligenschein. Das will sagen: Sie sind schon tot, schon im Himmel.
Ihr aber lebt noch hier auf dieser Erde, kein Heiligenschein drückt euch am Kopf. Ihr müsst nicht als gestresste Heilige, sondern dürft als begnadigte Sünder leben, die bei Gott ein- und ausgehen.
Als solche seid ihr gerufen zu einem freudigen gemeinsamen Leben, das durchhaucht ist von Seinem Heiligen Geist. Amen.

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Bundesversprechen (Auszug)

Heiliger Dreieiniger Gott,

Du selbst bist Gemeinschaft und hast jeden von uns in die Gemeinschaft mit Dir und miteinander gerufen.

Dafür danken wir Dir von Herzen.

Du bist Anfang und Ziel unseres

Lebens und die Mitte

unserer Gemeinschaft.

Du bist das Band, das uns mit Dir

und untereinander verbindet.

Miteinander hast Du uns begabt

und beauftragt,

der kommenden Generation zu dienen.

Wir glauben, dass diese Gemeinschaft für uns der Ort ist, an dem wir Dir,

den Menschen, Deiner Kirche und

der Welt am besten dienen können.

Wir antworten auf Deinen Ruf.

Wir geben uns Dir hin

mit allem, was wir sind und haben.

Wir wollen gehen,

wohin Du uns sendest.

Im Vertrauen auf Dich nehmen wir

einander an aus Deiner Hand.

Lass unser gemeinsames Leben

etwas sein zum Lob Deiner Herrlichkeit.

Amen.


Aus dem Bundesgebet zur Kommunitätsgründung

Von

  • Stefan Kunz

    Dr., ist Pfarrer der Michaelsgemeinde in Bensheim. Er engagiert sich u.a. im Vorstand des Vereins Evangelisches Exerzitium (Zentrum für geistl. Theologie und christl. Lebensgestaltung, Volkenroda). Mit seiner Frau Janny ist er seit vielen Jahren Wegbegleiter unserer Gemeinschaft.

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