Hoch angebunden

Wer im Himmel verankert ist, ist wirklich geerdet.

von Eduard Berger

Predigt zu Jesaja 6,10 und Lukas 10,20

Liebe Schwestern und Brüder, liebe OJC, liebe Freunde!

Vierzig Jahre Offensive Junger Christen - was ist da eigentlich jung? Keine Familie besteht nur aus jungen Leuten. Jung, das ist hier keine Altersangabe, sondern die Eigenschaft einer sich stets verjüngenden Gemeinschaft: verjüngend durch Innovation und durch inneres wie äußeres Wachstum. Wie geschieht das? Das passiert ja nicht von allein, denn die Menschen, die eine Zeitlang dem Alter nach jung sind, werden irgendwann alt - und das war’s. Was "sich verjüngen" bedeutet, möchte ich anhand von zwei Wochensprüchen verdeutlichen: des Spruches der Woche, die heute zu Ende geht, und des Spruches für die morgen beginnende Woche.

Ein Stumpf bleibt

Der Wochenspruch am Sonntag Trinitatis steht in der Geschichte von der Berufung Jesajas: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll." Herrlich ist im ersten Teil der gewaltige Ruf der Seraphim: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth! - Jesaja erschrickt über sich und über sein Volk. Dabei bleibt es zum Glück nicht, obwohl heilsamer Schrecken gar nicht hoch genug zu schätzen ist. Es folgt die Entsühnung und die Sendung in den Dienst. Gesagt wird Jesaja zweierlei: Das Volk wird verstockt sein für deine Botschaft, aber ein Baumstumpf bleibt.

Sind das nicht Erfahrungen, die wir auch selber machen? Verstockt - zeitweise, teilweise und manchmal völlig - aber ein Stumpf bleibt. Offensive Junger Christen sein heißt auch, Anteil haben am neu austreibenden Stumpf und damit bei Gott im Himmel, bei dem alles beginnt, seine erste Anbindung haben. Auch 1968, als die OJC begann, gegen alles Geschwätz, dass es besser sei, gottlos und ohne Autoritäten zu leben, und bei dem Empfinden mancher Christen: Jetzt sind wir von Gott verlassen!, stand zuerst der Doppelruf der Seraphim: Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.

Herrlich wie am ersten Tag?

So singen die Seraphim und das ist im Himmel und da mag es ja in Ordnung sein. Aber "alle Lande sind seiner Ehre voll" - wo ist das zu erleben? Heute Morgen stand ich am Fenster oben im Schloss. Ich habe die Hügel und Wälder gesehen und wurde an den Anfang von Goethes Faust erinnert. Die Dichtung beginnt mit dem Gesang der Engel und den Worten: "Die Sonne tönt nach alter Weise / in Brudersphären Wettgesang." Das ist ein Umsprechen dessen, was wir im Wochenspruch gehört haben. Der Gesang der Engel endet mit der Strophe: "Die unbegreiflich hohen Werke / Sind herrlich wie am ersten Tag."

Liebe Schwestern und Brüder: Alle Lande sind seiner Ehre voll? Manchmal sieht man das in der Natur, die nicht beschädigt ist. Im Blühen und Grünen, im Gesang der Vögel, an den Tauben und Falken. Und vielfach sieht man es nicht - wie bei dem Blick aus dem Fenster hinunter auf Reichelsheim, das sich immer weiter ausdehnt und wo die Umgebung gezeichnet ist von den Spuren menschlichen Machens und Nutzens. Wo ist da Gott und seine Ehre zu sehen und zu spüren? Bei einem Teil derer, die in Reichelsheim leben und arbeiten! Und die OJC gehört, Gott sei Dank, dazu. Nicht völlig, weil wir nicht vollendet sind, aber weitgehend.

Hoch angebunden im Himmel

Ihr habt euch vor kurzem erneuert im Übergang von der alten OJC als familiärer Gemeinschaft zur Kommunität. Um die Grammatik (Innere Ordnung) eurer Kommunität als den lebendigen Kern bildet sich das, was da geworden ist, nämlich ein Heim, verankert im Herrschafts- und Siegesruf der Seraphim. Von daher ist zu sagen: Ihr seid hoch angebunden! Von daher - und nur von daher - gilt auch der Wochenspruch der morgen beginnenden Woche aus dem Neuen Testament. Er steht im Lukasevangelium Kapitel 10, als Jesus 72 Jünger aussendet. Er sagt ihnen: "Wer euch hört, der hört mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich", beziehungsweise "den, der mich gesandt hat".

Da gehen sie zuversichtlich und kommen stolz zurück: Die Dämonen sind uns untertan, so sagen sie. Jesus entgegnet ihnen: "Darauf sollt ihr nicht sehen. Freut euch vielmehr, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind." Bei Gott beginnt alles und bei ihm endet alles, was in seinem Namen geborgen ist und geschieht.

Man kann sich das Ganze wie eine Parabel vorstellen: oben die zweifache Anbindung an den Himmel und unten in Raum und Zeit unser Leben, wie wir es führen- das gilt übrigens für alle Christen. Zwischen den beiden Polen des Hochangebundenseins, des bei Gott Verankertseins, ist Zuversicht und Vollmacht. Zuversicht, denn "alle Lande sind seiner Ehre voll". Das ist wahr, auch wo wir es nicht sehen. Ebenso wie die Zusage der Vollmacht: "Wer euch hört, der hört mich und wer euch verachtet, der verachtet mich."

Mit Zuversicht und Vollmacht

Zuversicht auf Gottes Heiligkeit und auf seine Anwesenheit hier bei den Menschen - darauf bauen Christen, darauf baut ihr als OJC. Darum singt, wie es hier im Gottesdienst bereits geschieht, und tanzt - wozu wir gestern aus Afrika so freundlich ermutigt worden sind. Wozu, mag man fragen, wenn doch Gott ohne unsere Zutaten auskommt? Damit euer Herz sich weitet und erhebt - im Gesang und im Tanz. Es ist schlimm, dass in unserer Gesellschaft so wenig gesungen und - außer von Professionellen - noch weniger getanzt wird.

Vollmacht, das ist Christi Wort an euch - vertraut ihm! Das sage ich allen, die getauft sind, denn was in der Taufe beginnt, ist ja dies, dass Sein Name unlösbar mit unserem Namen verknüpft wird. Uns dessen zu vergewissern, das ist Tauferneuerung. Wo sie geschieht, da ist das dritte Wort in Eurem Namen, liebe Offensive Junger Christen, recht am Platz!

Wirksam in Zeit und Raum

Die Kommunität ist euer Heim, haltet es rein und schmückt es. Dann werdet ihr dem Raum gewachsen sein. Und der Zeit? Wie mögt ihr vor ihrer Gewalt bestehen? Denn täuscht euch nicht, Raum und Zeit sind mächtig, manchmal scheinbar übermächtig. Und da gilt: Rituale sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist. Die Verachtung von Ritus und Liturgie als rein formal, äußerliches So-tun-als-ob, ist sehr gefährlich. All euer Wirken, eure Erfolge und Versagen, euer Fühlen und Denken sind geborgen und werden bewahrt in euren gemeinsamen Ritualen und in eurem geistlichen Heim. Gebe Gott, dass wir alle in unseren Familien, in der Gemeinschaft der Menschen, mit denen wir leben, wenigstens ein bisschen an Riten und an geistlichem Zuhause bewahren. Der Heilige Geist freilich weht, wann und wo er will. Aber ihr dürft wissen: in der gnädigen Strenge der Riten und im kommunitären Zuhause menschlicher Gemeinschaft im Namen Gottes, da weht er gewiss gern - lebendig und befruchtend, erneuernd und vertiefend.

Wacker in Klarheit und Stärke

Lasst mich noch etwas zur Offensive sagen. Jung hatten wir schon, Christen auch und jetzt die Offensive. Dieses Wort kann - bei üblem Gebrauch - nach Eigenmächtigkeit klingen, nach Gewalt fast, nach Engstirnigkeit und Zudringlichkeit, nach Selbstgerechtigkeit oder scharfem Richtgeist. So wird es zuweilen auch vorwurfsvoll gedeutet. So meint ihr es aber nicht in der OJC, und wer sich euch befreundet und nah weiß, wird es so auch nicht meinen. Klaus Sperr hat vorhin das wunderbare Adjektiv "wacker" gebraucht. Wacker sollen wir sein! Das heißt, es darf, wo ein O wie offensiv steht, kein Loch und keine Null sein. Dafür ist Stärke nötig und Klarheit, Vertrauen und Zuversicht - für jede christliche Offensive. Und eins ist klar: ohne eine Offensive, die ihren Kern in Christus selbst hat, bestünde unsere Welt und unser Leben nicht. Zu lernen haben wir die vier Tugenden Stärke und Klarheit, Vertrauen und Zuversicht im Dienst Christi - von Christus selbst. Da können wir einander nicht viel helfen, weil wir alle unsere faulen Stellen haben; diese Tugenden lernen wir von ihm.

Mut zum Fragment

Es kommt aber noch anderes dazu: Zweifeln und Leiden, Fragen nach dem richtigen Weg, sogar Schuld und Irrtum. Dies alles gehört bei uns Menschen eben auch zur christlichen Offensive. Ihr habt das erlebt in den 40 Jahren und dergleichen wird euch auch künftig begleiten. Aber solange ihr Christus bei euch habt, sind von ihm die nötigen Korrekturen und das wahre Worum-willen zu erwarten.  Ich erinnere an den Irrtum der 72 Jünger, die ihren zeitlichen Erfolg herausstreichen: "Die Dämonen selbst sind uns untertan in deinem Namen!" Und sie meinen, dies sei die Nachricht, auf die Christus wartet. Aber Er korrigiert sie: "Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind." Herrlich! Korrekturen sind dringend nötig, aber er behält sie in seinem Dienst. Wunderbar! Denn die Jünger sind wie wir, gar nicht besser. Umgekehrt: wir sind Jünger. Offensive Junger Christen kann auch Offensive Jünger Christen genannt werden. Strebt nicht nach angeblicher Vollkommenheit! Sie ist leer und gefährlich und sie geht am Menschen vorbei. Wir sind es nicht; wir sind Fragment.

Denn: Christus ist stärker!

Macht euch also als Kommunität vertrauensvoll und zuversichtlich auf den nächsten Wegabschnitt. Habt keine Scheu vor den zwielichtigen Gesellen, die mitlaufen am Rand, oder auch dagegen laufen. Christus ist stärker! Stärker auch als das, was in uns selbst fragwürdig ist. Und geht mit Inbrunst. Dieses seltene Wort ist ein innerstes Wort des Herzens, das den ganzen Menschen meint: unbekümmert um das, was sich da untermischt.

Christus ist stärker!

40 Jahre sind nicht viel, für Gott sowieso nicht. Aber viel kann noch werden, liebe OJC, mit Gott. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Von

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