Es hat schon Hand und Fuß!

Impressionen von den „Wegen zum Leben“

Schritt für Schritt entsteht auf dem mittelalterlichen Burgareal von Schloss Reichenberg das erlebnispädagogische Gelände „Wege zum Leben“. Es will Fragen und Nöte der Zeit mit der Botschaft und den heilsamen Bildern der Bibel in Verbindung bringen. Besucher des OJC-Festivals am 24. Mai konnten die ersten begehbaren Stationen erkunden.

von Ute Paul und Stephanie Ulrich

Reges Treiben herrscht auf dem Burggelände. Einzeln oder in kleinen Gruppen suchen die Besucher die Stationen auf, die durch rote, am blauen Himmel tänzelnde Luftballons markiert sind. Am historischen Ziehbrunnen, an den alten Gemäuern, im mittelalterlichen Gebäude und weiten Gelände bekommt man einen ersten Eindruck vom entstehenden Erfahrungsfeld „Wege zum Leben“.  

Mit den Fingern denken

Über eine Holztreppe gelangt man in den großen Raum über dem Rittersaal, in dem eine Art Zeltkabine aufgebaut ist. Sie beherbergt eine von sieben Stationen des „Jesus-Weges“, der im Mai während des Christivals im Bremer Dom von sieben evangelischen Kommunitäten gestaltet und betreut worden war. Fast 3000 Besuchern wurden so Ereignisse aus dem Leben Jesu nahegebracht. Eine Etappe dieser besonderen Form der Verkündigung hatte die OJC vorbereitet. „Was denke ich eigentlich über Gott?“ - mit bunten Schokoladensmarties darf man seine Stimme abgeben: Ist Gott  eher richtend, streng oder gutmütig, lieb, tolerant? Wer ist Gott für mich?

Mit den Füßen tasten

„Hier können Sie Ihre Schuhe ausziehen“ - heißt es auf einer Tafel. Wer sich traut, tritt hinter dem Vorhang in eine Holzumrandung - die Füße fühlen watteweich. Darüber zu lesen: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Vorsichtig ertasten die Füße den nächsten Kasten, denn der hat einen steinigen, scharfen Untergrund. „Pass auf, kleine Hand, was du tust!“ steht warnend darüber. Weiter geht man von Kasten zu Kasten bis zu einer gebrochenen Spiegelwand, bei der es heißt: „Kann es sein, dass wir Gott gar nicht richtig erkennen können?“

Mit dem Herzen sehen

Der Weg, der mit geschärften Augen, aufmerksamen Händen, Füßen und Gedanken zurückgelegt wird, mündet in die biblische Szene der Samariterin am Jakobsbrunnen, mit der Jesus ins Gespräch kam. Über Kopfhörer hört man, wie die Geschichte im Neuen Testament überliefert wurde. „Wer dieses Wasser trinkt, wird wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben. Ich gebe ihm Wasser, das in ihm zu einer Quelle wird, die ewiges Leben schenkt“, sagt Jesus zu der Frau. Sie erkennt ihr eigenes Leben, erkennt ihn, den Messias, und läuft zurück ins Dorf, um von der Begegnung zu berichten.

Die Besucher sind eingeladen, die Episode mit sich in Verbindung zu bringen: „Jesus weiß um die Geschichte der Frau. Er kennt jeden einzelnen Fehler, den sie gemacht hat. Er kennt ihr Gefühl des Alleingelassenseins und ihre tiefe Sehnsucht nach prickelndem Leben. Jesus weiß und liebt. Er kennt und liebt auch dich“, steht auf der Tafel, die man am Ende der Station aus einem Brunnen ziehen darf.

Mit den Knochen hören

Eindrücklich platziert hinter den Zinnen der Burgmauer erwarten den Besucher vier große aufeinandergetürmte Sandsteinquader: der Summstein. Der oberste steht auf der Kante und ist innen ausgehöhlt. Ein riesiges Ohr, aus dem Stein herausgehauen, scheint gen Himmel zu lauschen. Neugierige stecken den Kopf ins Loch und tun es dem Ohr nach. Innen rauscht es. Wenn man summt, beginnt mit dem Hohlraum auch der eigene Körper zu vibrieren.

Verteilt über die vier Steine ist eine Inschrift zu lesen: KEINER IST WIE DU. Zwei Musikinstrumente und ein Fingerabdruck als Riesenrelief führen näher an die verborgene Botschaft, die hier mit den Sinnen zu erleben ist: Ich, unverwechselbares Geschöpf Gottes, kann im Summen und im Lauschen meine eigene Stimme finden. Dann bin ich ganz ich selbst. KEINER IST WIE DU, GOTT. Was wir am eigenen Leib erleben, spricht uns ganz persönlich an. An der Station kann jeder, der möchte, über seine Erfahrung sprechen oder über das Phänomen fachsimpeln.

Mit den Ohren Gott fragen

Beim Eintreten in den überdachten Verliesturm über dem gewölbten Kerkerschacht verstummt das laute Reden: die alten Mauern rund um das Angstloch, die Gitter, die den Blick in acht Meter Tiefe freigeben, machen Eindruck. Bedrückend ist die Vorstellung, dass bis ins 19. Jahrhundert wirklich Gefangene hier unten der Kälte und Feuchtigkeit ausgesetzt waren. Kinder schauen in die Luke und flüstern ihren Eltern zu, dass da unten einer drin sei. „Es ist nur eine Puppe“, lautet die beruhigende Antwort. An der Station werden sie eingeladen, sich zu setzen - dann wird es still und man hört von unten aus dem Verlies die Stimme eines Mannes. Nach kurzem Lauschen ist klar: es ist Josef im ägyptischen Gefängnis. Die meisten kennen die Geschichte, aber die düstere Kerkeratmosphäre macht die Lage Josefs viel eindrücklicher. „Kann ich dir vertrauen, Gott, dass du mir aus diesem Loch wieder heraushilfst“, fragt die Stimme aus der Tiefe.

Können wir Gott vertrauen, wenn unter unseren Füßen der Boden wankt? Die Frage darf in uns nachklingen. An dieser Station der „Wege zum Leben“ wird man sicher keine leichten Antworten suchen - aber dafür eine echte Antwort darauf, wie wir Menschen am Vertrauen auf Gott in schwierigen Lagen festhalten können. Schweigend verlassen die Besucher den Ort.

Am Ausgangstor werden sie von zwei freundlichen Frauen erwartet, die jedem ein Segenswort an gelbem Band umhängen: ein persönlicher Zuspruch Gottes, eine Ermutigung, weiter „dem König auf der Spur“ zu bleiben.

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