Im Wagnis wird die Kirche wieder jung

Im Wagnis wird die Kirche wieder jung
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Eine Zeitansage für Kommunität und Kirche


von Dominik Klenk

Nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens haben wir im April dieses Jahres die Kommunität der Offensive Junger Christen (OJC) gegründet. Aus einer Lebensgemeinschaft auf Zeit wurde eine Gemeinschaft auf Lebenszeit.

I. Die Notwendigkeiten

Werdet ihr jetzt ein Kloster? Ist das der goldene Abschluss einer glorreichen Ära? Seid ihr jetzt auf dem Weg ins gelobte Land der Kommunitäten? Seid ihr nicht längst eine Kommunität? Solche und ähnliche Fragen wurden uns in den letzten Wochen gestellt. Die Antwort ist vielschichtig und ich möchte sie in vier Punkten entfalten.

Von Anfang an haben die Mitglieder der OJC ein verbindliches Gemeinschaftsleben gelebt, das viele kommunitäre Elemente enthielt. Aber eine Kommunität im Sinne eines Bundes von Menschen, die sich zu Christus halten und sich für ein gemeinsames Leben auf Dauer entschieden und das öffentlich ausgesprochen haben - das waren wir nicht. Man kam zur Offensive, arbeitete mit und wenn man eine Überzeugung für dieses gemeinsame Leben hatte, blieb man. Man erlebte gute und schwere Zeiten und wuchs in die Arbeit Stück um Stück hinein. Die OJC verstand sich als Lebensgemeinschaft auf Zeit - und ich denke, das war richtig für die erste Generation.  
Aber die Frage nach der Lebensgemeinschaft auf Zeit stellt sich noch einmal anders, wenn die ersten Mitarbeiter auf die Pensionierung zugehen, und erst recht, wenn sie in der Gemeinschaft ihren letzten Lebensabschnitt vollenden. Uns wurde deutlich, dass die erste Phase der OJC vorbei ist und etwas Neues entsteht und wir uns - um den Auftrag weitertragen zu können - von einer Lebensgemeinschaft auf Zeit zu einer Gemeinschaft auf Lebenszeit wandeln müssen.
Eine Kommunität ist eine neue Wirklichkeit vor der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Eine unserer langjährigen Mitarbeiterinnen beschrieb das so: "Ich komme mir vor, als hätten wir nach vielen Jahren wilder Ehe endlich das Ja öffentlich zueinander gesprochen." Jemand anderes sagte: "Nichts hat sich geändert, aber alles ist anders."
Dabei geht es nicht darum, der OJC nach vier Jahrzehnten endlich einen glanzvolleren Rahmen zu geben. Nein, es war für uns der notwendige Schritt, um weiterzuwachsen.

Kairos

Zum ersten war es eine Frage des Kairos.
Kairos - das ist der richtige, der von Gott geschenkte Zeitpunkt, den es zu ergreifen gilt. Ein Fenster in der Zeit, das Neues ermöglicht, das sich aber auch wieder schließt.
Vierzig Jahre sind eine besondere Zeit. Die Schwaben sagen: Mit 40 wird mer gscheid! In der Bibel hat die Zahl 40 viele Bedeutungen, denken wir nur an die Wüstenwanderung des Volkes Israel. Im Hebräischen ist die Zahl 40 dem Buchstaben mem zugeordnet, der wie eine Wellenlinie aussieht. Es ist tiefes jüdisches Verständnis, dass nach 40 etwas Neues auftaucht.
Für uns ist es der Abschluss der Gründerzeit  und der Übergang in die nächste Generation von Trägern. Wir hatten einige Hausaufgaben zu machen. Dazu gehörte es, das von der Person des Gründers unabhängige Charisma der Gemeinschaft - ihren Auftrag - in Worte zu fassen. Das haben wir getan: Die OJC ist dazu berufen, jungen Menschen in Jesus Christus Heimat, Freundschaft und Richtung zu geben. Heimat in Christus bedeutet, leben lernen aus der Quelle. Freundschaft in Christus: anstiften zum gemeinsamen Leben. Richtung in Christus: kämpfen für eine Kultur des Lebens. Welche Facetten dieser Auftrag hat, haben wir in unserem Leitbild entfaltet.

Unsere nächste Aufgabe war es, nach vier Jahrzehnten die Lebensordnung aufzuschreiben. Es gab wie in jedem Gemeinschaftsleben und auch in jeder Familie viele ungeschriebene Gesetze. Doch in einer Gemeinschaft, die aus hundert Menschen besteht, kann man die anfallenden Dinge nicht mehr täglich am Küchentisch besprechen und aushandeln. Wir brauchten die Vergewisserung durch eine gemeinsame Lebensordnung, auf die sich alle diejenigen verpflichten, die unseren Auftrag im Rahmen der Gemeinschaft mittragen möchten. Man kann dies eine Regel nennen, wir nennen es die Grammatik der Gemeinschaft. Sie ist der Boden, auf dem wir im April die Kommunität gründeten.

Kontinuität

Eines der Geheimnisse biblischen Denkens ist das Denken in Generationen.
Die Kirche nahm ihren Ausgang im Leben des Juden Jesus von Nazareth. Seither wird sie von Gottes Geist immer neu inspiriert. Jede Generation muss sich ihrer Berufung neu vergewissern, ihre Herausforderungen neu erkennen und den Auftrag mit ihrer ureigenen Begabung neu in die Welt tragen. So wächst der Leib Christi.  
Die Begabung der OJC ist es, Heimat, Freundschaft und Richtung in Jesus an die nächste Generation weiterzugeben. Als Dienst hat das eine seelsorgerliche Innenseite und eine kämpferisch-offensive Außenseite.
Für uns war die Frage: Wer bürgt mit seinem Leben dafür, dass dieser Auftrag weiterhin ausgeführt wird? Denn es braucht konkrete Menschen, die den Auftrag verkörpern und weitertragen. Wer sind diese Menschen? Wer sagt öffentlich und verbindlich: Ja, ich gehöre zu dieser Kommunität und werde mit meinem Leben dafür einstehen, dass der Auftrag auch über die Gründergeneration hinaus weitergeht?
Erst die Kontinuität der Treuen ermöglicht das Wachsen, die Wandlung und das Reifwerden dessen, was mit der Gründergeneration begonnen hat.

Konzentration

Der dritte Grund, den Schritt der Kommunitätsgründung zu tun, war die Notwendigkeit der Konzentration. Schlicht gesagt: es ging darum, dem Heiligen Geist eine bessere Landefläche bei uns zu bieten. Denn wenige, die "geschirren" wollen und entschieden miteinander in eine Richtung gehen, bewirken mehr als viele, die sich in verschiedene Richtungen treiben lassen.

Wir leben in einer Zeit der ungeheuren Beschleunigung. Die Zentrifugalkräfte, die an unserem Leben zerren, haben sich vervielfacht, alles strebt auseinander, die Grundbewegung unserer Zeit ist Zerstreuung. Die psycho-soziale Geschwindigkeit eines Lebens in einer globalen Medienwelt ist enorm. Deshalb ist es für das Leben jedes Einzelnen und das einer Gemeinschaft überlebensnotwendig, dass es eine Schwerkraft, eine Mitte hat, die es zusammenhält.
Jeder Christ braucht diese Schwerkraft in Christus. Als Gemeinschaft mit einem umfochtenen und kämpferischen Auftrag brauchen wir erst recht die Zentrierung auf das Wesentliche. Darum haben wir uns für ein konzentriertes Leben in der Kommunität entschieden, das von einer Liturgie des Alltags getragen und immer wieder auf Christus hin zusammengeführt wird.

Kraft

Viertens geht es um Kraft. Jungen Menschen in Christus Richtung zu geben, ist der nach außen hin sichtbarste und offensivste Teil unseres Auftrags. Richtung geben, das entfalten wir als kämpfen für eine Kultur des Lebens. Die Glaubensväter nannten das apologetische Mission, Verteidigung des Glaubens. Um für die Ordnungen unseres Glaubens einzustehen und eine Kultur des Lebens im Horizont christlicher Ethik zu fördern, mischen wir uns in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Wie jeder weiß, der es schon selbst gewagt hat: Es kostet sehr viel Kraft, in unserer Gesellschaft eindeutig für christliche Überzeugungen einzustehen.

Gott sei Dank ist der Glaube selbst eine Kraftquelle, die nie versiegt, über die wir auch nicht verfügen können.
Eine andere, damit verbundene Kraftquelle ist die Gemeinschaft selbst. Der Bund, den wir als Kommunität mit Gott und miteinander geschlossen haben, ist nicht nur ein Wagnis, sondern zugleich etwas Verlässliches, Tragendes, das Kraft gibt. Die Verheißung, die im treuen Einverständnis der Wenigen liegt, geht weit über unseren Horizont hinaus. Das ist vergleichbar mit dem Bundesschluss in der Ehe, die auch mehr ist als 1 plus 1. Mit ihr entsteht etwas ganz Neues, wenn Gott, der diesen Bund ernstnimmt, mit seinem Horizont hinzukommt. Solches haben wir mit dem Werden der Kommunität erhofft und erleben, dass Gott unseren Bund ernstnimmt und das Seine hinzubringt. Dadurch erhöht sich unsere Tragkraft, Widerstandskraft und seelische Spannkraft, aber auch die Kraft, Dinge zu ertragen, die wir nicht ändern können.

II. Die Herausforderungen 

Heimat in umfochtenen Räumen
Die Botschaft des Evangeliums ist dynamisch und raumgreifend. Wo Gott einen Bund eingeht oder einen Bund segnet, eröffnet er immer auch neue Räume des Lebens, der Heilung und des Wachstums. Solche Räume - ob das geographisch umrissene Gelobte Land oder die geistlichen Räume des Reiches Gottes - waren und sind umfochten. Die Kräfte der Gier und der Ausbeutung, des Krieges und der Zerstörung greifen getarnt oder unverhohlen um sich. Wir auf der nördlichen Hemisphäre mögen uns noch in Sicherheit wiegen, aber die gleichen Kräfte, die an vielen Orten der Welt Leid durch Krieg, Vertreibung und Ausbeutung über die Menschen bringen, zerren auch an unserer kulturellen Substanz. Die Gier nach Macht, Geltung und Profit ist erfinderisch. Was sich nicht durch rohe Waffengewalt gefügig machen lässt, wird in subtilere Zwänge verstrickt - und es scheint zunehmend schwerer zu sein, sich ihnen zu entziehen.

Wir wissen, dass dieser Kampf weit über die Fehden einzelner Cliquen, Kriegsfronten, Wirtschaftsblöcke und politischer Parteilichkeiten hinausreicht. Beim Ringen um eine Kultur des Lebens heißt es nicht, gegen Fleisch und Blut, Argumente oder Interessen ins Feld zu ziehen, sondern gegen den Geist der Verwirrung und der Verführung, der Vernebelung und der Lüge, der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet und sich des Denkens und Fühlens der Menschen bemächtigen will.
Es herrscht ein großes Durcheinander, zuallererst in den Köpfen und Herzen, aber es sitzt uns auch tief in den Knochen. Nicht selten kommt der Ungeist der Verwirrung im Gewand des Guten daher. Er bietet sich als das Neue, Leichte und scheinbar Befreiende an und scheint keinen Widerspruch zu dulden.
In der Wahrnehmung unseres Auftrags, der Gemeinschaft einig gewordener Christen eine sichtbare, profilierte und eindeutige Gestalt zu geben, werden wir zunehmend mit der Erosion zweier Grundpfeiler menschlichen Zusammenlebens konfrontiert: des Generationengefüges und der Geschlechterpolarität. Beide sind unveräußerliche Anteile der Schöpfungsordnung, in die wir hineingestellt sind. Sie machen als kreatürliche Prinzipien Wesenszüge Gottes, seiner Wirklichkeit und Gegenwart in dieser Welt in einer Weise sichtbar, die uns selbst zugleich an unsere Menschlichkeit und an unsere Gottesebenbildlichkeit erinnert.

Eingebunden in Freundschaften

Dagegen richten sich die Mächte der Zerstörung. Beide, das Generationengefüge und die Geschlechterfrage in ihrem Zusammenspiel in Ehe und Familie, stehen der ausbeutbaren Verfügung über das Individuum im Wege,  denn sie binden seine emotionalen, ökonomischen und geistigen Ressourcen in einem übersichtlichen und wachstümlichen Beziehungsgefüge. Eine solche Einbindung steht dem Intensivkapitalismus im Wege. Wer in gesunden Bindungen im Gefüge spannungsvoller Verschiedenheit der Geschlechter und Lebensalter lebt, ist konsumtechnisch längst nicht so ausbeutbar wie jemand, dem diese Bindungen fehlen. Der für den Markt ideale Mensch hingegen lebt kontaktreich, beziehungsarm und konsumbedürftig.
Es ist eine infame Strategie dieser Geistigkeit, die Unterschiede, die es zwischen den Generationen und Geschlechtern gibt - und diese Unterschiede sind tatsächlich spannungsreich - zu "versöhnen", indem sie sie nivelliert.
Die Polaritäten von Mann und Frau, von Alt und Jung, die unsere menschliche Existenz definieren und die notwendig sind, um schöpferisches Leben zu ermöglichen, sollen aufgelöst werden. Das Resultat sind infantile Erwachsene mit den Bedürfnissen von Kindern und frühreife Kinder mit den Ansprüchen von Erwachsenen - beides ideale Konsumenten. Auch für den Produktionsprozess ist es einfacher, nicht mehr Männer und Frauen mit spezifischen Gaben und Grenzen integrieren zu müssen, sondern ein produzierendes und konsumierendes Neutrum zu haben. Je weniger die geschlechtlichen Unterschiede zu Tage treten, desto austauschbarer sind die Arbeitskräfte.

Um für ein heiles Generationengefüge und für die fruchtbare Geschlechterpolarität von Mann und Frau einzustehen, wird es Menschen brauchen, die ihre Stimme erheben und sich für die Achtung der Schöpfungsordnung und gegen einen mutwilligen Kulturbruch aussprechen. Und es wird Menschen in der Kirche Jesu Christi brauchen, die bereit sind, sich entschieden und beherzt für ein versöhntes Miteinander der Generationen und der Geschlechter zu investieren, die Spannungen auszuhalten und zu gestalten und attraktive Lebensformen zu bilden, in denen das Antlitz des Schöpfers erkennbar wird.

Richtung auf ungebahnten Wegen

Deshalb ist für uns die Gründung der Kommunität nicht der Abschluss einer glorreichen und arbeitsreichen Ära mit glänzenden Ringen an den Fingern und dunklen Ringen unter den Augen, sondern ein erdiger Aufbruch in die nächsten 40 Jahre offensiven Christseins. Die OJC ist nicht das Eldorado der Gut-davon-Gekommenen, sondern ein Ort, der junge Menschen zu einem Aufbruch, zu einem offensiven Christsein ermutigt und befähigt, sich an ihrem Platz für ihre Überzeugung einzusetzen.

Kommunität werden heißt für uns als OJC auch, fähig werden zum Wagnis - es soll Auspflanzungen unserer Gemeinschaft an anderen Orten ermöglichen, an die man uns ruft. Wir haben vier Jahrzehnte lang Erfahrungen machen und reflektieren dürfen und dabei Kompetenzen erworben, die wir gern weitergeben. Wir haben es gelernt, ein Stück Hoffnung in die Herzen zu bringen und Kultur in den Knochen wachsen zu lassen. Damit wollen wir der Kirche und dem Leib Christi auch in den nächsten 40 Jahren dienen.

Für eine Kultur des Lebens zu kämpfen, ist ein Wagnis. Doch nur im Wagnis werden wir die nächste Generation erreichen und erst im Wagnis werden wir wirklich Gottes Eingreifen bedürftig: Im Wagnis wird die Kirche wieder jung. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat in den vergangenen Jahren damit begonnen, die Kommunitäten als Orte des Glaubens wahrzunehmen.* Ordensgründungen waren stets Reformbewegungen in der Kirche und wir brauchen heute dringend Experimentier- und Innovationsfelder auf dem Weg zu einer neuen Schwerkraft gemeinschaftlich verankerter, christuszentrierter Spiritualität.

Kirche der Freiheit

Kirche der Freiheit möchte die Evangelische Kirche sein. Das bedeutet auch, die Freiheit zu haben, destruktiven Trends und Auflösungserscheinungen mutig zu widersprechen und gegen kulturelle Zersetzungsbewegungen aufzustehen. Aber es braucht noch mehr: Es braucht die konstruktiven Lebensentwürfe, die erahnt und ausprobiert werden müssen. Das bedeutet, weniger zu verwalten, mehr zu wagen und ohne Maß zu hoffen. Und dazu haben wir allen Grund, denn wir dürfen heute schon mit Christus verbunden leben, mit ihm, der uns auf unseren Wegen vorangeht, der mit uns geht und uns mit offenen Armen vom Ende der Zeiten entgegenkommt.

Dieser Beitrag ist die überarbeitete Ansprache am OJC-Festival.


*Vgl.: Verbindlich leben. Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche in Deutschland. EKD-Texte 88, Hannover 2007

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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