Rot leuchteten die Sterne

Die andere 68er Revolution lebt

Angela Ludwig befragt Horst-Klaus Hofmann

Am 20. April feiert die OJC ihren 40. Geburtstag. Begonnen hat alles 1968 mit dem Konferenz-Flyer: "Alle reden von Revolution - wir auch!"     
Er erregte einiges Aufsehen. Initiator Horst-Klaus Hofmann erzählt.

Die OJC ist ein Kind der "Achtundsechziger" Was für eine Zeit war das damals?

Die Anfänge der OJC liegen 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Welt war geteilt in zwei große Machtblöcke. Die Mauer lief mitten durch Berlin, mitten durch Deutschland. Die Vätergeneration wollte mit Politik nichts mehr zu tun haben. Und da die Väter sich der Auseinandersetzung nicht stellten, wurde die Wut auf die Sozialstrukturen übertragen: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" hieß die Parole. Der Vietnamkrieg der Amerikaner wurde zum Inbegriff für Ungerechtigkeit und Unterdrückung. In Europa und in den USA gab es Demonstrationen dagegen. In Deutschland solidarisierten sich Hunderttausende gegen das Herrschaftssystem in Persien anlässlich des Schah-Besuchs in Berlin.

Was forderten die führenden Köpfe der Studentenbewegung?

Mehr Gerechtigkeit, mehr Menschlichkeit. Sie wollten die Abschaffung der Ordinarien, der Machthierarchien an den Universitäten, in den Kliniken, Schulen und Familien. An der Universität Hamburg haben zwei Studenten vom SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) ein Transparent entrollt, während die Ordinarien feierlich die Treppe zu einem Empfang herunterkamen: ,,Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren." Das Fernsehen übertrug alles. Dieser Aufbruch war viel mehr von dem bestimmt, was die Jungen nicht mehr wollten, als von dem, was sie wirklich wollten.

Wie seid ihr in diese Auseinandersetzung hineingezogen worden?

Der Berliner Studentenführer Rudi Dutschke kam aus der Jungen Gemeinde der DDR und war stark mit dem progressiven Flügel der Gesellschaftsveränderung verbunden. Ich traf ihn im März 1968 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Meine Freunde und ich waren von der Gültigkeit der Ansprüche der jungen Generation überzeugt, aber auch von der Gültigkeit der Reich-Gottes-Hoffnung. Deshalb bemühten wir uns um Dutschke als geistlichen Kampfgefährten. Dann passierte zweierlei. Zuerst wurde auf Rudi Dutschke ein Attentat verübt, und am 22. August 68 sind die Panzer - auch die aus der DDR - in der Tschechoslowakei eingerollt. Sie haben den "Prager Frühling" mit Gewalt beendet und damit die Hoffung von Intellektuellen in der ganzen Welt auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".

Die Einladung zu einer Schüler- und Studenten-Tagung hat damals Aufsehen erregt. Wie kam es dazu?

Eines Morgens wurde mir klar, dass wir ein Treffen von vielen jungen Leuten brauchen, die mit unserer Gesellschaft, unserer Kirche und mit dieser Welt unzufrieden sind. Wir luden ein unter dem Thema: "Alle reden von Revolution, wir auch." Wir hatten die Einladung dekoriert mit Zitaten von Klassikern der jungen Linken: Lenin, Mao, Bloch. Keines dieser Zitate war, wenn man den Autor wegstrich, unvereinbar mit der Perspektive des Evangeliums. Jedes wurde ein Springstein in biblische Denkzusammenhänge. Das haben einige der Jungen verstanden. Wir haben die Bibel und die sogenannte Mao-Bibel - das damals millionenfach verbreitete kleine rote Buch - miteinander ins Gespräch gebracht. Unsere Überzeugung: Alle wollen den Abbau der Herrschaft von Menschen über Menschen. Unsere Hoffnung: die Herrschaft Christi kann den notwendigen Herrschaftswechsel ermöglichen.

Wer war damals das Team?

Das war ein kleiner Kreis von fünf bis sechs Freunden, zu dem neben Mathematik- und Medizinprofessoren auch die beiden Gründerinnen der Ev. Marienschwesternschaft gehörten. Nach der Begegnung mit Rudi Dutschke sagte ich in diesem Kreis: "Wir werden verraten von dem, was in uns selbst falsch ist. Uns fehlt die Freude und Dynamik der Buße. Ich würde gern alle unter den Jungen, die auch unzufrieden sind, in den Osterferien einladen." Ich hatte schon herumtelefoniert und bekam natürlich so kurzfristig keine Tagungsstätte. Da sagte Mutter Martyria von den Ev. Marienschwestern: "Wenn Gott Ihnen das gesagt hat, dann setzen wir eine unserer Tagungen ab und Sie kommen mit den jungen Leuten in unser Gästehaus." Und Mutter Basilea meinte: "Wir haben 40 Betten, so viele werden aber wohl nicht kommen."

Wir erhielten dann zu dieser ersten Tagung 120 Anmeldungen - und einigten uns darauf, um Sonne zu beten, damit wir im Freien essen konnten (der Speisesaal fasste nur 40 Leute). Wir sagten 100 Teilnehmern zu.

Wie kam es zu dem Namen "Offensive"?

Damals gab es zwei Strömungen unter den Christen an den Universitäten. Die einen waren aggressiv und luden unter der roten Fahne zu Demonstrationen ein: "Jetzt ist Politik dran, die Gottesfrage ist auf Eis gelegt!" Und die anderen sagten: "Wir halten uns aus allem raus. Wir beten zwar, aber zu den politischen Fragen haben wir keine Meinung." Sie waren defensiv.

Wir waren davon überzeugt, dass wir zu den offensivsten unter denen gehörten, die Veränderung wollten. Und wir waren überzeugt, dass alles Erstarrte echte Veränderung braucht.

Was war die Schlüsselerfahrung auf der ersten Konferenz?

Die Nacht der Erweckung vom 20. April 68.

Die Tagung hatte am Freitagnachmittag begonnen. Es gab anspruchsvolle Referate über die Krisenpunkte der Gesellschaft, einen Filmabend, Lerntechniken, damit junge Christen in der Schule und an den Universitäten nicht das Schlusslicht bilden. Aber am Samstagabend stellten wir im Team fest: Wir haben unser ganzes "Pulver verschossen"; die jungen Marxisten sagten: "Endlich verstehen die Christen etwas von unseren Zielen" und die jungen Frommen sagten: "Endlich gibt es Christen, die auch mit Marxisten reden können" - alle waren zufrieden. Nur wir acht Leiter waren todunglücklich, weil wir die Tagung mit dem Ziel der Veränderung begonnen hatten und nun klopfte man uns auf die Schulter und sagte: "Prima, wie ihr es den anderen gegeben habt."

Und dann merkten wir, dass unter uns Spannungen, Verletzungen, Neid und Rivalität unbereinigt waren. Einer fing an, seine Schuld zu sehen und einzugestehen. Wir wurden ehrlich voreinander über das, was wir unausgeräumt gegeneinander im Herzen hatten. Es geschah Vergebung. Als wir aus der Tür kamen, standen draußen etwa 30 junge Leute, die jeder noch ein persönliches Gespräch wollten. Das ging bis nachts um drei Uhr.

Wie viele haben einen Kontakt zu Jesus Christus bekommen?

An diesem Abend etwa ein Drittel der Teilnehmer. Wir waren völlig überrascht, überfordert und überwältigt. Während wir am nächsten Morgen noch weiter Beichten hörten und Vergebung zusprachen, haben die anderen Gottesdienst miteinander gefeiert und für uns gebetet.

Ein Student sagte in der Schlussauswertung: "Ich habe hier einen Glauben gefunden, aber ich hatte mich zusammen mit meiner Freundin angemeldet. Meine Freundin bekam eine Absage. Bitte machen Sie noch so eine Konferenz." Wir fragten die Schwestern, ob wir dafür noch einmal ihr Gästehaus bekommen könnten. Wieder kamen über 100 Anmeldungen. Und dann haben wir 7 Tagungen hintereinander gehalten, eine sogar mit 160 jungen Leuten. Hoffnung steckt an.

Warum habt ihr trotz dieses Zuspruchs die Tagungen eingestellt?

Mutter Basilea sagte zu mir und meiner Frau Irmela am Vortag vor Heiligabend 1968: "Sie haben die ‚Offensive‘ begonnen, Sie müssen sie weiterführen. Aber nicht mehr auf unserem Gelände. Wir haben von Gott einen eigenen Auftrag bekommen."

Das war eine riesige Enttäuschung für mich, aber ein ganz wichtiger Wachstumsschritt für die OJC. Damals sagte ich noch: "OJC minus EMS = Null. Wir brauchen euch und die Nähe zu eurer Gemeinschaft."

Dann aber schrieb ich einen SOS-Rundbrief an unsere Freunde: "Wer weiß in der Nähe von Darmstadt-Eberstadt ein leerstehendes Gebäude?"

Wir bekamen einen Anruf von der Gemeinschaft der Christusträger, die uns von einem ehemaligen Schülerinnenheim in Bensheim berichteten. Es gab viel Wohnraum und Kellerräume - und schien uns sehr geeignet.

Welche neuen Herausforderungen brachte die Großfamilie mit sich?

Wir waren ja inzwischen ganz ungeplant eine Großfamilie geworden. Als Eltern von fünf eigenen Kindern wussten wir: Wenn wir uns der Auseinandersetzung mit den Jungen nicht stellen, dann hat die nächste Generation keinen Windschatten, um zu wachsen. Wir leiteten das Wort "Autorität" von augere, wachsen ab. Junge Menschen brauchen Eltern als Gegenüber, die ihnen Mut machen, Grenzen zeigen und der Auseinandersetzung standhalten. Wir haben also ganz bewusst die Elternrolle ausgeübt. Da alle freiwillig da waren, konnten wir notfalls zu einem sagen: "Jetzt quälen Sie sich doch nicht weiter rum mit uns. Sie müssen nicht hier bleiben..." Später sind dann Freunde gekommen und haben gesagt, wir wollen euch bei dieser Arbeit helfen. Was ihr tut, ist sinnvoll und geht über eure Kraft, ihr braucht Hilfe!

Vier, fünf Familien bildeten damals den Kern, lebten als "offene Familien". Männer und Frauen, die den jungen Erwachsenen zuhörten, bei denen sie landen konnten, und die ihnen auch halfen, Entscheidungen zu fällen und ihre Zukunft zu klären. Plötzlich kamen viele, die ein Berufsfindungsjahr machen wollten - wo wir doch eigentlich kämpferische junge Revolutionäre in die Gesellschaft hineinschicken wollten! Was wir lernen mussten, war Geduld und dass große Türen sich in kleinen Angeln drehen.

"Offensive junge Christen" auszubilden, war also viel langwieriger als gedacht?

Wir hatten bei "geistlicher Revolution" ganz schlicht "fortschrittlich" gedacht: wir werfen einen Schneeball und daraus wird eine Lawine und die Lawine putzt den Hang frei, so dass der Frühling kommen kann.

Diese Gedanken waren in gewisser Weise jugendliche Träumerei. Aber Gott hat unsere Träumereien ernst genommen; bloß hat er uns unsere Grenzen gezeigt und uns in das hineingeführt, was Jesus den Weg des Weizenkorns nennt, den Weg des Glaubens und nicht des Schauens, den Weg der Hingabe und des Opfers, den Weg der Frucht und nicht des Erfolgs.

Was ist geblieben von den "revolutionären Anfängen"?

Die Grunderfahrung, dass Gott und das Wort Jesu Christi zuverlässig und tragfähig sind. Damit kann man leben und sterben. Das ist eine Erfahrung, die wir weitergeben konnten und die Gott bestätigt hat. Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die ihr Leben weggeworfen hätten, wenn sie dieser Hoffnung nicht begegnet wären.

Und noch etwas ist geblieben: die Erfahrung, Teil einer weltweiten Familie zu sein. Ein ganz zartes, aber weltweites Netzwerk ist entstanden, das heute Menschen in Argentinien, in Kamerun und Südafrika, in den USA, Russland und Indien verbindet. Dazu gehörte die Begegnung mit Mutter Pia, der großen indischen Pädagogin, und mit Robert Mazibuko, dem schwarzen Landwirtschaftsexperten aus Zululand, den wir international eingeführt haben. Andererseits waren wir als Wohlstandsland in der Lage, mit den viel Ärmeren zu teilen und unsere Freunde ebenfalls dazu zu ermutigen. Die "Weihnachtsaktionen" zeugen bis heute davon.

Wie sieht die Weltverantwortung im Kleinen bzw. Großen heute aus?

Wir sind davon überzeugt, dass persönlicher Glaube und Weltverantwortung zusammengehören; dass das Intime der Jesusbeziehung und das Globale verbesserter Lebensmöglichkeiten kein Gegensatz sind. Dass die Wertediskussion ein Schlag ins Wasser bleibt ohne das Fundament der Gültigkeit der Gebote Gottes. Es gibt ein paar Themen, über die wir als Seelsorger der jungen Generation arbeiten mussten, weil es gebraucht wurde. Wir haben früher großmäulig gesagt: Lieben heißt hinzubringen, was fehlt. Aber es bleibt bei der Erfahrung des kleinen Jungen in der "Speisung der Fünftausend": Wenn wir unsere "zwei Fische" zur Verfügung stellen, macht Jesus etwas daraus.

Wie bleibt die "Offensive" offensiv?

Das Schwerste und Wichtigste scheint mir, alle eigenen Vorstellungen, alles Imponiergehabe loszulassen. Jesus ist der König der Wahrheit. Wir werden Ausstrahlung haben, solange wir aufrichtig vor uns und miteinander sind. Aus unseren Fehlern kann man viel mehr lernen als aus unseren "großen Erfolgen". Die entmutigen eher. Die OJC war bei ihrem Beginn und ist bis heute eine Bußbewegung - dass wir voreinander ehrlich werden und einander vergeben. Das ist die Basis, die zusammenhält. Obwohl wir so unterschiedlich sind und so verschiedene Zielvorstellungen und Stile haben.

Erweckungen sind ein Monopol des Heiligen Geistes; sie sind immer befristet. Nach einem Aufbruch kommt eine Institutionalisierungsphase. Dann muss man aufpassen, dass man sich nicht mit sich selbst beschäftigt, sondern wieder ein neuer Aufbruch geschieht wie z.B. mit unserer OJC-Zelle in Greifswald.

Jede Generation bekommt im Rahmen des Auftrags, den Gott ihr gegeben hat, die Herausforderung in ihrer Zeit neu - im Hören auf Gott und Hineingerufenwerden in konkrete Nöte und Situationen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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