Nimm deine Stimme ernst!

Was darf es kosten, als mündiger Bürger aufzustehen?

Rebekka Havemann befragt Elke Pechmann

Die Auseinandersetzungen um das Christival zeigen, wie kontrovers die Diskussionen um Fragen der Sexualethik in unserem Land geführt werden. Gegen eines von ca. 230 Seminaren gab es massive Proteste von politischer Seite: gegen das vom Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) angebotene Seminar „Homosexualität verstehen - Chancen zur Veränderung“. Elke Pechmann, Mitarbeiterin des DIJG, erlebt die gegenwärtigen Turbulenzen hautnah.

Elke, warum findet man das Seminar jetzt nicht mehr im Programm? 

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, selbst in schwuler Lebensgemeinschaft lebend, hatte die Familienministerin Ursula von der Leyen aufgefordert, ihre Schirmherrschaft für das Christival zurückzuziehen. Seiner Meinung nach kommen dort „gefährliche Psychokurse und minderheitenfeindliche Angebote“ vor. Diese unwahre Äußerung bezog sich auf unser Seminar. Wir weisen sie als Unterstellung zurück. Wir setzen uns für eine heute vielfach vergessene Minderheit und deren Selbstbestimmung auf Veränderung ein. Unsere Position beruht auf wissenschaftlichen Grundlagen und praktischen Erfahrungen. Dennoch haben wir in Absprache mit der Leitung des Christival e.V. das Seminar aus dem Programm genommen.

Warum habt ihr das Seminar zurückgezogen? 

Wir wollten verhindern, dass das Christival wegen des einen Seminars mit Kritik und Angriffen überhäuft wird, bevor es überhaupt startet. Mit dem Angriff auf unser Seminar wollte man das Christival insgesamt in Verruf bringen. Das Thema Homosexualität ist nur eines unter vielen Themen auf dem Kongress. Wir wollten nicht, dass der Medienrummel von anderen Themen ablenkt.
Zudem war der geschützte Raum, den so eine Fragestellung braucht, nicht mehr gegeben. Wie verstörend das Medieninteresse in dieser Frage wirken kann, haben wir ja schon beim Christival 2002 erlebt. In solch einer aufgeheizten Stimmung ist sachliches Argumentieren nicht mehr möglich. Uns geht es um die jungen Erwachsenen, die auf dem Christival Orientierung und Stärkung für ihren Glauben finden wollen.

Wie ist euer schneller Rückzug zu erklären?

Wir haben sehr um die richtige Entscheidung gerungen. Es brauchte einen schnellen Entschluss, ob es - um der Sache willen - dran ist, um die unterschiedlichen Standpunkte zu kämpfen oder nicht. Sich zur Unzeit in Gefechte verwickeln zu lassen, bindet unnötig Energie und lenkt vom eigentlichen Ziel ab. Viele Christen, die die Situation anders einschätzten, haben das nicht verstanden und teilweise heftig reagiert. Sie warfen uns vor, uns in die Defensive drängen zu lassen.

Ist es Volker Beck damit gelungen, die Christen zu spalten?

Nein. Es wurde sichtbar, dass es bereits ein lebendiges Netzwerk unter Christen, Gemeinden und christlichen Werken gibt, die - bei aller Unterschiedlichkeit - dem gleichen Ziel verpflichtet sind. Sie stehen auch jetzt zueinander. Das bezeugen die Stellungnahmen, die  u.a. von der Evangelischen Allianz, dem CVJM, dem Gnadauer Verband und dem EC kamen und viele Rückmeldungen aus Gemeinden. Die Beziehungen, die wir in anderen gemeinsamen Projekten pflegen, tragen uns jetzt.

Gab es auch Einzelpersonen, die sich hinter euch gestellt haben?

Ja, viele haben in Briefen, E-Mails und Leserbriefen reagiert. Sie waren empört über die Art und Weise, wie MdB Beck versucht, mit Diffamierungen und unwahren Aussagen Stimmung zu machen. Unter den Rückmeldungen gab es etliche, die selbst den Weg der Veränderung gegangen sind, einige von ihnen sind heute verheiratet und haben Kinder. Ein Moslem schrieb, wie froh er sei, dass diese Möglichkeit offen gehalten wird. Wir werden von vielen Seiten ermutigt: „Wir beten für euch, wir stehen hinter euch.“

War der Streit damit erledigt?

Nein. Drei Wochen, nachdem wir das Seminar zurückgezogen hatten, legte Volker Beck mit weiteren Grünen-Abgeordneten und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen der Bundesregierung eine „Kleine Anfrage“ vor. 27 Fragen, nicht nur zu uns und unserem Seminar, sondern auch zu anderen Organisationen, die Menschen dabei begleiten, einen verstehenden Zugang zu ihren homosexuellen Gefühlen zu bekommen. Einige dieser Organisationen kannte ich nicht. Die „Kleine Anfrage“ ist sehr detailliert formuliert und mit nahezu inquisitorischer Schärfe recherchiert - ein von langer Hand vorbereitetes Papier. Sie wurde vom Staatssekretär des BMFSFJ Dr. Hermann Kues, CDU, schriftlich beantwortet.

Was hat die Leute wachgerüttelt?

Eigentlich Herr Beck selbst und seine unablässigen Angriffe. Mit unserem Rückzug war der „Gegner“ doch verschwunden, aber Volker Beck kämpfte unbeirrt weiter. Indem er in den Medien und durch die „Kleine Anfrage“ weiterhin einen Scheingegner aufbaute und attackierte, wurde deutlich, was für ein Spiel hier gespielt wird. Geht es ihm wirklich um das Seminar oder zieht er gegen eine bestimmte Überzeugung zu Felde?! Das hat vielen Christen und Nichtchristen die Augen geöffnet: Ich darf nicht mehr sagen, was ich denke und wovon ich im Tiefsten überzeugt bin! Wenn eine Einstellung an sich schon als anrüchig gilt, weil sie anders ist als der politisch korrekte Mainstream und sofort unter Diskriminierungsverdacht gerät, dann haben wir es mit totalitären Tendenzen zu.

Herrn Beck tritt doch für Toleranz ein?

Ich vermute, dass Herr Beck einen bestimmten Toleranzbegriff favorisiert. Herbert Marcuse schrieb in einem Aufsatz über die Repressive Gesellschaft, dass man in ihr nicht von echter Toleranz ausgehen könne. Zwischen Herrschenden und Beherrschten könne es nicht das gleiche Toleranzverständnis geben.
Herr Beck argumentiert in diesem Sinne machtpolitisch, in dem er bestimmen möchte, wie über den Umgang mit Homosexualität gedacht werden soll: Einmal schwul immer schwul. Er weist damit alle anderen Positionen zurück.
Der Wunsch nach sexueller Veränderung ist aber Ausdruck freier Selbstbestimmung und offener Toleranz, für die unsere Gesellschaft einsteht und für die wir uns einsetzen.
Menschen, die sich für andere Lebensentwürfe entscheiden, als Herr Beck es für richtig hält, und alle, die sie in diesem Anliegen unterstützen, begegnen dieser repressiven Toleranz. Ihnen kommt eine aggressive Intoleranz entgegen.

Ulrich Parzany warnte: Niemand sollte denken, dass sich diese Intoleranz nur auf das Gebiet der Homosexualität beschränken wird. Mit der gleichen Logik lässt sich die christliche Verkündigung als Diskriminierung des selbstbestimmten Menschen, der nicht an Gott glauben will, beurteilen. Wenn ihr Christen seid, steht auf!

Warum fällt es uns so schwer aufzustehen?

Ich denke, es gibt in vielen Menschen den tiefsitzenden Wunsch, geliebt, anerkannt und „richtig“ zu sein. Einen sicheren Platz in der Gesellschaft zu haben, ist da wichtiger, als die Stimme zu erheben. Wer von Zustimmung und Anerkennung abhängig wird, macht sich korrumpierbar. Ein Christ, der von Menschenfurcht frei werden möchte, braucht Ausdauer und geistliche Begleitung. Es ist die Verantwortung eines jeden, hier wachsam zu sein.

Und: Demokratie ist anstrengend. Nicht die Demokratie hat dafür zu sorgen, dass ich mich wohlfühle. Es ist genau umgekehrt: Demokratie lebt davon, dass Menschen sich auseinandersetzen, auch mit unbequemen Themen, sich eine Meinung bilden, diese in das Ganze einbringen und dazu stehen. Demokratie ist Vielstimmigkeit. Auch das kann man üben.

Wie kann man sich konkret engagieren?

Als erstes sollte man sich gründlich informieren. Niemand kann alles zu allen Themen wissen, deshalb ist es sinnvoll, sich ein Thema auszusuchen, an dem man dranbleibt. Für speziellere Schwerpunkte gibt es Organisationen, die im Internet Newsletter herausgeben, die kompakt und sehr gut recherchiert die wichtigsten Infos bieten. Das DIJG ist mit solchen Institutionen im Kontakt.
Briefe und E-Mails, z.B. an die Abgeordneten des eigenen Wahlkreises in Landtag oder Bundestag, haben große Wirkung. So wie im Verkaufsmanagement weiß man auch in der Politik: Jede Kritik muss bedacht und bedankt werden, denn sie zeigt Interesse an der Sache.
Das gleiche gilt für Leserbriefe oder telefonische Rückmeldungen an Zeitungen, Funk und Fernsehen. Sie werden von den Medien genau wahrgenommen. Die Sprache sollte dabei sachlich, kurz und präzise sein.

Gibt's auch Rückenwind von oben?

Selbstverständlich! Das Gebet von zweien oder dreien hat eine große Verheißung. Ich bin überzeugt, dass es eine Antwort auf die Gebete vieler Christen war, dass die Presse nicht so auf das Thema angesprungen ist, wie Volker Beck sich das gewünscht hatte.

Am sinnvollsten ist es, sich in Aktion und Gebet zu verbünden. Nachfragen, wenn die Argumentation der Verbündeten unverständlich ist. Wir sind sehr dankbar für alle, die von unserem Rückzug irritiert waren und direkt bei uns nachgefragt haben. Wir müssen lernen, geschwisterlich rückzufragen, statt beim anderen gleich Schwäche oder Feigheit zu vermuten.

Und was sollte man vermeiden?

Sich in einen persönlichen Machtkampf hineinziehen zu lassen. Die Versuchung ist, eigenen Frust und Aggressionen auf dieser Schiene auszuagieren. Wozu das führt, sagt Heinrich Spaemann so treffend: Wenn wir als Wölfe die Wölfe besiegen, haben sie uns besiegt.

Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, mit unreifen und unlauteren Methoden zu kämpfen. Das heißt konkret: nicht pauschalieren, nicht hassen, nicht das Gespräch emotionalisieren, wenn es eigentlich um Inhalte geht. Das Ziel ist nicht, den anderen zu vernichten, sondern ihn womöglich zu gewinnen. Wenn das nicht möglich ist, klare Grenzen ziehen!

Wichtig ist es, dabei auf die Wortwahl zu achten. Herr Beck zum Beispiel spricht vornehmlich in Schlagworten. „Homophobie“, „antihomosexuell“, „in den Suizid treiben“, „Diskriminierung“, „gefährliche Scharlatanerie“. Das sind Totschlagargumente, die emotionalisieren und jede differenzierte Auseinandersetzung unmöglich machen.

Kann gesellschafts-politisches Engagement auch gefährlich werden?

Wir sollten nicht naiv sein. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt: wenn ein kritischer Leserbrief veröffentlicht wurde, kam es vor, dass Aktivisten den Schreiber ausfindig machten und versuchten, ihn einzuschüchtern. Ich weiß von Ärzten, denen aufgrund ihrer Stellungnahme gedroht wurde, ihnen die Approbation entziehen zu lassen. Einschüchterungsversuche und öffentliche Bloßstellung gehören von jeher zur Strategie, um Kritiker mundtot zu machen. Der Rechtswissenschaftler Johann Braun beschreibt das ausführlich in seinem Buch.* Auch deshalb sind Einzelkämpfer auf solchen ideologischen Kampffeldern schlecht beraten.

Das macht ja Angst...

Ja natürlich, das soll es auch. Doch Angst - auch um die eigene Ehre, Karriere oder Bequemlichkeit - ist ein schlechter Ratgeber. Es gibt keinen Grund, nicht selbstbewusst und aufrecht hinzustehen. Unsere Haltung, zum Beispiel zur Homosexualität, ist ja keine marginale, absonderliche Splittermeinung, wie die Schwulenlobby es der Öffentlichkeit weismachen will. Im Gegenteil, es gibt international anerkannte wissenschaftliche Studien, die sie bestätigen. Auch entspricht sie ganz der theologisch fundierten Haltung der Römisch-Katholischen Kirche, der Anglikanischen Weltkirche und der Orthodoxen Kirche. Die EKD hat sich in ihrer Schrift Mit Spannungen leben von 1996 immerhin nicht einseitig positioniert.

Was kann man tun, um sich nicht einschüchtern zu lassen?

Klarheit über die inneren Motive für das Engagement ist wichtig: Kämpfst du aus Liebe für Menschen oder aus Hass gegen etwas oder jemanden? Uns wird ständig unterstellt, wir würden Homosexuelle diskriminieren. Dabei bin ich mit einigen Frauen und Männern befreundet, die homosexuell leben und sich bewusst dafür entschieden haben. Ich schätze und liebe sie als Menschen und Freunde. Vielleicht kann Volker Beck sich nicht vorstellen, dass ich ein Ja zu einer Person habe und gleichzeitig ganz klar sage: Ich trete dafür ein, dass dieser Lebensstil respektiert, aber nicht dem gleichgesetzt wird, was wir für die Zukunft unserer Gesellschaft brauchen - nämlich Ehe und Familie. Es geht um die nächste Generation, um die Zukunft unserer Kirche und Gesellschaft.

Meinst du, die junge Generation nimmt Schaden im aktuellen Streit?

Der Schaden für die jungen Leute ist enorm, sie verstehen ja zum Teil gar nicht, was hier passiert. Ängste werden laut: „Man darf ja in Deutschland gewisse Dinge gar nicht mehr sagen.“ Es gab sogar das Phänomen, dass junge Leute Volker Beck in Kettenmails gebeten haben, dieses Seminar doch bitte, bitte wieder zu erlauben - als wäre er eine moralische Instanz, die etwas erlauben oder verbieten könne. In ihrer Verwirrung haben sie ihm eine Deutungshoheit zugeschrieben, die Herrn Beck nicht zusteht.

Das Demokratieverständnis der Jungen muss in rechter Weise gefördert werden, damit sie zu mündigen, nicht manipulierbaren Bürgern heranwachsen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Erziehenden, Eltern, Lehrer, Jugendarbeiter. Öffentliche Verantwortungsträger sollten die Jugend dabei unterstützen, nicht verunsichern. Ich finde es bedenklich, wenn sie in Kauf nehmen, dass eine Kultur entsteht, die Ängste und Unsicherheit fördert. Das mindert das Urteilsvermögen in gesellschaftlichen Fragen. Das Vertrauen der jungen Erwachsenen in die Macht der eigenen Stimme geht verloren. Damit wird verhindert, dass Zivilcourage wächst.

Elke, könntest du diese politische Arbeit auch tun, wenn du nicht in einer Kommunität leben würdest?

Nein, definitiv nicht. Dass das Thema Homosexualität überhaupt angefasst wird, ist ja schon ungewöhnlich. Wir sind eine der wenigen Gruppierungen in Deutschland, die diesen Raum der Veränderung gesellschaftlich offenhalten. Wir haben ja nicht nur Anfragen von Christen, sondern auch von Muslimen, Juden und vielen Konfessionslosen, die nach Alternativen zum homosexuellen Lebensstil suchen. Diesen Raum offen zu halten, ist unser Auftrag als Institut und als OJC. Allein könnte das keiner leisten, eben weil es als politisch völlig inkorrekt gilt und weil man angegriffen wird.

Ich habe einmal einen kritischen Leserbrief an die TAZ geschrieben. Nachdem er veröffentlicht war, wurde ich in den nächsten drei Tagen in Leserbriefen beschimpft als Faschistin, Antisemitin, wenn ich Kinder hätte, wären die zu bedauern usw. Das macht man einmal und dann nicht wieder - wenn man allein ist. In der persönlichen und geistlichen Verbindung mit den Geschwistern und im Wissen um die vielen Freunde, die mitbeten, kann man so etwas eher aushalten.

Das heißt, das DIJG lebt auch vom Reichtum der Gesamtgemeinschaft?

Unbedingt. Der weite Horizont, die Stimmenvielfalt und die verschiedenen zukunftsträchtigen Projekte bereichern unsere Arbeit sehr. Meine persönlichen Favoriten sind die Projekte, in denen es um Versöhnung und Horizonterweiterung geht wie bei der Disraeli-Begegnung und den Internationalen Baucamps. Dass Heilung und Versöhnung möglich sind, persönlich und im gesellschaftlichen Rahmen, ist die Kern-Botschaft der OJC.

*Johann Braun: Eingetragene Lebenspartnerschaft und Ehe, S. Roderer Verlag Regensburg, 2002

Von

  • Elke Pechmann

    Pädagogin, Öffentlichkeitsreferentin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft und Mitinitiatorin des „Aktionsbündnis Familie“. Arbeitsschwerpunkte: Ehe und Familie.

    Alle Artikel von Elke Pechmann

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