"Hier bin ich wieder jung"

Verwaiste Eltern aus Israel zu Gast in Deutschland

von Judith Schug  (mit Daniela Mascher)

Ilan Brunner und seine Frau Ester aus Tel Aviv organisieren für junge Israelis, die durch Attentate oder bei militärischen Auseinandersetzungen verwundet worden sind, "Auszeiten vom Terror". Ihr Projekt "Disraelis" ("Disabled Israelis") umfasst aber auch die Begleitung von Eltern, die ein Kind verloren haben. Zusammen mit Wolfgang und Elke Breithaupt vom "Haus der Stille" in Weitenhagen haben OJC-Mitarbeiter im Sommer 2007 zum zweiten Mal israelische Ehepaare eingeladen.

In Israel war es mir oft unangenehm zu sagen, dass ich Deutsche bin und nicht Jüdin, weil man mir das nicht gleich ansieht. Dieses Mal war meine Position klar: ich war in Greifswald und sollte für israelische Besucher übersetzen. Ihnen als Christ und Deutsche in Deutschland zu begegnen, war eine neue und eindrückliche Erfahrung für mich. Die Klarheit der Situation war zwar nicht leicht, aber sie hat die Begegnung und die gegenseitige Wertschätzung tiefer und echter gemacht und mir geholfen, zu meiner Identität zu finden und dazu zu stehen.

Als Deutsche ...

Ich hatte spontan entschieden zu übersetzen - ich würde es jederzeit wieder tun! Die Brücke, die durch diesen Besuch zwischen Deutschen und Israelis entstand, ist mir sehr kostbar geworden. Es war ein außergewöhnlicher Besuch von einigen Ehepaaren - "verwaisten Eltern", die ihre Kinder durch Attentate verloren hatten. Sie waren der Einladung des Weitenhagener Pfarrerehepaars Wolfgang und Elke Breithaupt gefolgt, die ihnen zusammen mit OJC-Mitarbeitern im "Haus der Stille" einige Tage "Auszeit" von Terror und Trauer ermöglichen wollten. Bei Ausflügen in die Umgebung, gemeinsam gestalteten Abenden, einer Gedenkveranstaltung im KZ Sachsenhausen und im geschützten Rahmen kleiner Gesprächsrunden erzählten sie uns über ihre leidvollen Erfahrungen und ihren Schmerz. Da galt es, nicht nur Worte aus einer Sprache in die andere zu übertragen, sondern über die Kluft der unterschiedlichen Lebenswelten und der tragischen jüdisch-deutschen Geschichte hinweg eine gemeinsame Sprache zu finden.

Die Bereitschaft der Israelis, sich auf uns einzulassen, war beeindruckend. Sie waren sogar fest entschlossen, an unserem Sonntagsgottesdienst in Weitenhagen teilzunehmen: "Wenn das Wolfgangs Gottesdienst in Wolfgangs Kirche ist, dann gehen wir da jetzt auch hin!" Sie waren tatsächlich alle gekommen. Es begann wie eine klassische protestantische Morgenfeier, allerdings mit vielen israelischen Liedern. Immer mehr Teilnehmer meldeten sich zu Wort und beteiligten sich am Gottesdienst. Aviva, eine israelische Bibellehrerin, deren Tochter Keren vor fünf Jahren ermordet wurde, übernahm die alttestamentliche Lesung. Sie rezitierte Psalm 23 auswendig auf Hebräisch. Es war für sie und für uns gleichermaßen bewegend. Ihre jüngste Tochter Chen war 2006 selbst bei einer solchen "Disraeli"-Begegnung in Reichelsheim dabeigewesen und hatte nach ihrer Rückkehr gesagt: "Mama, in Deutschland lieben sie uns noch mehr als in Israel." Davon wollte sich Aviva nun selbst überzeugen.

... unter Israelis

Auch Moshe erzählte spontan im Gottesdienst von sich. Er war mit seiner Frau Matti kurzfristig für ein anderes Ehepaar eingesprungen, das die Reise abgesagt hatte. Im Flugzeug kamen ihm dann Zweifel und er fragte sich, was er da überhaupt mache. Er war als Kind ostjüdischer Flüchtlinge in Berlin geboren. Seine Eltern hatten die Shoah zwar überlebt, ihre gesamte übrige Familie jedoch verloren. Als sie mit ihm nach Israel auswanderten, war Moshe zwei Jahre alt. Dort sprachen sie kein Deutsch mehr und nie sollte ein Mitglied der Familie jemals wieder nach Deutschland reisen. Er hätte nie gedacht, dass es Deutsche gibt, die dem jüdischen Volk freundschaftlich gesonnen sind und an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Für ihn, sagte Moshe, habe sich nun ein Kreis geschlossen und er hätte sich etwas mit seiner Vergangenheit versöhnt. Auch Wunder habe er hier erlebt - Wunder der Begegnung und Fügung. Er fand im Gespräch mit Jossi, einem anderen Teilnehmer, heraus, dass sie im Oktober 1948 auf demselben Schiff nach Israel gekommen waren! Unfassbar schön. Dann traf er in Weitenhagen ein Berliner Ehepaar, dessen Sohn in genau der Straße wohnt, in der er geboren wurde und seine ersten beiden Lebensjahre verbracht hatte. Er machte sich während des Berlinausflugs auf die Suche nach diesem Haus - und fand es auch! Es stellte sich heraus, dass dort eine israelische Frau wohnt. Sie traf er zwar nicht an, dafür lief ihm aber ein israelischer Journalist über den Weg, der ihm versprach, für ihn zu recherchieren. Nun möchte er gerne wiederkommen und weiter seiner Vergangenheit nachgehen. Später schrieb er uns, dass er in diesen Begegnungen mehr als nur "die Hand des Schicksals" sah: "Jemand hatte sie von oben vorbereitet." Für Moshe waren das Gotteserfahrungen. Er begann, mit Gott zu rechnen.

Zu Gast bei den Gästen

Moshe war es auch, der mit seiner Frau die gemeinsame Sabbatbegrüßung leitete. Sie erklärten uns, wie der Sabbatabend mit wenigen rituellen Elementen die jüdischen Familien und Gemeinden ganz unterschiedlicher Prägung und Religiosität verbindet: das Anzünden der Kerzen, der Segen über Wein und Brot, Gemeinschaft mit der Familie, Gespräch und Gesang. Jede Familie oder Gruppe findet da ihren Rhythmus und ihre eigene Art der Feier, ob man nun koscher isst oder nicht, ob man die Kerzen zur vorgegebenen Zeit oder erst zwei Stunden später anzündet. Bei uns trug Moshes Frau das charakteristische Tuch über dem Kopf - das sie zu Hause sonst nicht trägt - entzündete die Kerzen und sprach den Sabbatsegen. An diesem Abend durften wir die Gäste unserer Israelischen Besucher sein. Stundenlang hatten sie für uns gekocht und selbst das Brot gebacken, dessen Teig jemand schon um sechs Uhr in der Frühe angerührt hatte. Sie servierten uns ein köstliches israelisches Festmenu.

Nach dem liturgischen Teil wurde gesungen und getanzt, gelacht und gefeiert. Jossi, mit siebzig Jahren der Älteste, blühte richtig auf! Er hatte früher gern und regelmäßig getanzt, aber seit er seinen Sohn verloren hatte, konnte er das nicht mehr. An diesem Abend tanzte er fast bis zum Umfallen. Als ihn seine Frau mit den Worten "Jossi, jetzt mach langsam, dein Herz" bremsen wollte, entgegnete er: "So war ich, als ich jung war - und hier bin ich wieder jung."

Zeichen des Vertrauens

Einige Monate später hatte ich die Gelegenheit, unsere Gäste in ihrer Heimat zu besuchen. Viele führten mich in die ehemaligen Jugendzimmer - ich durfte dort übernachten, umgeben von Fotogalerien der Kinder, die nicht mehr leben. Die Eltern erzählten mir von ihrem Sohn, ihrer Tochter: "Das war das Zimmer, das wir damals für ihn gebaut haben. Als er krank war und im Rollstuhl saß, haben wir dieses Bad noch angebaut. Das ist jetzt für dich, da darfst du dich ganz frei bewegen, da darfst du schlafen." Ich spürte, dass das ein besonders kostbares Zeichen ihres Vertrauens war. Mir wurde bewusst, dass ich im Alter dieser Söhne und Töchter bin, die so früh aus dem Leben gerissen wurden und diese furchtbare Lücke hinterlassen haben. In den Gedanken, Worten und Gesten der Eltern aber waren sie noch so gegenwärtig, dass ich mich ihnen sehr nahe fühlte.

Ich wurde förmlich von Familie zu Familie gereicht. Wann immer sie mich ihren Verwandten vorstellten, kamen die Ehepaare ins Schwärmen: "Das ist Judith aus Deutschland. Ihr wisst doch, wir waren dort zu Gast. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das ist, weit weg vom täglichen Schrecken. Im Gästehaus gab es weder einen Spiegel im Zimmer noch einen Fernseher. Das hat uns so gut getan, vierzehn Tage ohne Schreckensmeldungen, so eine wohltuende Stille!" In Israel läuft der Fernseher immer, oft mehrere Geräte in einer Wohnung. Ständig hört man Nachrichten und spricht über fast nichts anderes.

In den Tagen in Deutschland war, so versicherten mir alle, eine unglaubliche Anspannung von ihnen abgefallen. Sie konnten einfach leben, lachen und weinen, trauern, feiern und genießen. Eine hatte in der Schlussrunde gesagt, sie sei sauer auf Ilan Brunner, den Organisator, weil er nicht gesagt habe, was es in Deutschland alles Gutes zu essen gäbe: dann hätten sie vorher eine Diät gemacht. Sie habe sogar Würstchen nach Hause mitgenommen: "Hier, Judith, hier haben wir die Würstchen aus Deutschland gegessen."

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