Der Gott der Müllberge

Der Gott der Müllberge
Melanie mit einer philippinischen Freundin

Glaubensschule in den Slums von Manila

von Melanie Böhm

Melanie Böhm suchte eine Antwort auf die Frage, wie sie angesichts von Armut und Ausbeutung in der Welt angemessen leben kann. Sie hatte von unserem Partnerprojekt "Onesimo" in den Elendsvierteln Manilas gehört und machte ernst: ein lebensveränderndes Abenteuer begann.

Ob ich es hier zehn Wochen aushalte? Benommen vom ersten Klimaschock sitze ich neben Christian und Christine Schneider im Auto. Im Schrittempo bewegen wir uns durch das Verkehrschaos von Manila, Hauptstadt der Philippinen und Lebensraum für 14 Millionen Menschen. Drückende Hitze quillt durch das offene Autofenster, vermischt mit dem Lärm der Hupen und Motoren und dem Gestank der Müllsäcke, die schon seit Tagen auf der Straße liegen, weil die Müllabfuhr nicht nachkommt. Die stickige Luft und das klebrige Gefühl auf der Haut hatten die Dias nicht vermittelt, die Christian zwei Jahre zuvor gezeigt hatte. Christian gab uns einen Einblick in sein Leben unter den Armen und seine Arbeit in einigen der über 800 Slums von Manila. Mir schien das damals eine konsequent gelebte Antwort auf meine Frage: "Wie kann ich angemessen leben angesichts von Armut und Unterdrückung?" Die Frage ließ mich nicht mehr los. Jetzt bin ich hier.

Während in den ersten Tagen viele neue und auch befremdende Eindrücke auf mich einprasseln, versuche ich mich zu erinnern, warum ich hierher gekommen bin. In mein Tagebuch trage ich ein: "Ich will selbst ausprobieren, mit den Armen zu leben; mein gewohntes Umfeld verlassen, um existentieller auf Gott angewiesen zu sein; herausfinden, was es bedeutet, arm zu sein, und von den Armen lernen, wie man unter solchen Bedingungen überleben und leben kann." Kein missionarischer Einsatz also, eher eine "Slum-Retraite."

Ich sehe Jesus in den Slums

Emy und Tony haben mir trotz ihrer bereits siebenköpfigen Familie ihre 15-Quadratmeter-Hütte geöffnet. Mit den beiden Teenager-Mädchen schlafe ich in einem Kämmerchen, das der Familie als Durchgang zum "Badezimmer" dient; meine Schlafbank ist zwar etwas kurz, dafür aber einigermaßen kakerlakensicher und außerdem Luxus: normalerweise schlafen die Armen auf dem Boden. Essen, Fernsehen, Herumsitzen, Kleider waschen, Kochen - so sieht der Alltag der Armen aus. Die meisten von ihnen sind arbeitslos. Für mich ist alles neu. Weil ich ihre Sprache lernen will, habe ich wenigstens etwas zu tun - dennoch fühle ich mich zur Passivität verurteilt und frage mich schon nach der ersten Woche: "Woher nehmen die Armen ihre Lebensenergie und ihre Zufriedenheit?" Mir fehlt alles, was meinen deutschen Alltag ausmacht: Menschen, mit denen ich mich in meiner Sprache unterhalten kann, mit denen ich vertraut bin; abwechslungsreiche Tätigkeiten, Lesen und Schreiben, Stille und Schönheit von Wohnräumen und Umgebung, Privatsphäre.

Ohnmächtig erlebe ich, dass Menschen unter Bedingungen leben müssen, die andere sich kaum vorstellen können; dass sie durch Zwangsräumungen oder Feuer von einer Stunde auf die nächste alles verlieren, was sie haben; dass viele Kinder nicht zur Schule gehen können, nicht spielen oder basteln, gar nicht richtig Kind sein können. Das dauernde Zusammensein mit den Armen bringt mich schon nach wenigen Tagen an meine Grenzen. Statt Antworten auf Nöte habe ich zunehmend weniger Boden unter den Füßen: mein Leben, meine Gottesbeziehung sind in Frage gestellt. Noch dazu läuft ständig der Fernseher, den ganzen Tag Menschen um mich herum, keine Rückzugsmöglichkeit. Nach nur einer Woche bin ich emotional ausgelaugt, fiebrig und kämpfe mit Selbstverachtung, weil ich, wie ich finde, zu schnell schlapp mache.

Doch das bleibt nicht die einzige Erfahrung: Ich spüre in all dieser Armut etwas von der Gegenwart Jesu, ja ich kann ihn fast sehen, wie er durch die verdreckten Gässchen meiner Nachbarschaft läuft, in die dunklen Hütten tritt und nach den Menschen sieht - ohne dass Elend und Armut sich dadurch zum Paradies wandelten.

Wie ein Kind in der Fremde

In meiner Hilflosigkeit fühle ich mich oft wie ein Kind: im Gegensatz zu meinem Leben in Deutschland habe ich in meinem Slum-Alltag kaum etwas unter Kontrolle. Was ich tue und lasse, ist meist durch meine Umgebung vorgegeben, selten meine Entscheidung.

Mein Bedürfnis nach Ruhe, Vertrautheit bleibt ungestillt - und mein Wortschatz reicht nicht, um nach dem zu fragen, was ich brauche. Geschweige denn, um meine Empfindungen mitzuteilen. Ich fühle mich ausgeliefert. Der Lärm, die Ratten, die Kakerlaken um mich herum - und die Menschen, die mir fremd sind, mit denen ich mich nicht einmal verständigen kann. Wie ein Baby bin ich darauf angewiesen, dass jemand für mich sorgt. Dagegen sträube ich mich anfangs sehr, bin ich doch in Deutschland stolz auf alles, was ich selbständig auf die Reihe bekomme.

Aber gerade dieses kindliche Angewiesensein lässt langsam wachsen, was ich ersehnt habe: Beziehung zu meiner Gastfamilie, meinen Nachbarn, den Kindern. Meine offensichtliche Bedürftigkeit verändert vieles, denn plötzlich ist das Verhältnis der Weißen zu den Filipinos umgekehrt: ich brauche sie, sie haben mir etwas zu geben, lehren mich, in ihrem Alltag zurechtzukommen, Wäsche von Hand zu waschen oder ihre Sprache Tagalog zu lernen. Auch ohne Worte - durch ein Lächeln oder Unterschlupf beim Regenguss - geben sie mir das Gefühl, willkommen und Teil ihrer Gemeinschaft zu sein.

Selbst wieder abhängig wie ein Kind, kann ich zum ersten Mal darüber staunen, dass Gott Mensch wurde und wie er es wurde: als hilfloses Baby kam er auf die Welt. Und noch dazu an einem Ort, der der Lebenswelt hier geähnelt haben muss. Die Evangelien lese ich hier mit anderen Augen.

Vertrauen ist der Weg

Auf Gottes Fürsorge zu vertrauen, wird für mich zum Ausweg aus meiner Selbstumkreisung. Diese Veränderung ist auch den Mädchen im Girls-Center von Onesimo abzuspüren. Die neue "Mannschaft" hat gerade begonnen: Vier Mädchen von der Straße oder aus verwahrlosten Elternhäusern im Alter von dreizehn bis siebzehn sind entschlossen, an dem sechsmonatigen Programm teilzunehmen und sich auf eine verbindliche Gemeinschaft einzulassen. Zusammen mit drei etwas älteren Mitarbeiterinnen bewohnen sie ein Slumhäuschen.

Die größte Herausforderung für sie ist, sich an einen geregelten Alltag zu gewöhnen. Auf der Straße zu leben bedeutet, jeden Tag um das Überleben zu kämpfen, um jeden Preis. Um den Gefahren der Straße nicht ausgeliefert zu sein, leben die meisten Mädchen in Gangs. Für den Schutz durch die Jungs bezahlen sie mit Sex. Viele sind drogenabhängig, schnüffeln Leim oder konsumieren Shabu, eine Art Kokain.

Dieser "Kick" durch Drogen, Sex und Bandenkriege fällt jetzt weg. Onesimo bietet ihnen Schutz, um ihr Überleben brauchen sie hier nicht zu kämpfen. Die Mädchen müssen nun lernen, Dinge aus Freude oder aus Ehrgeiz zu tun und nicht nur um des nackten Überlebens willen. Jeden Morgen um sechs gehen wir joggen und Volleyball spielen in einem angrenzenden Park. Den Mädchen geht nach zwei Runden die Puste aus und es fehlt ihnen jede Motivation, nach einem Ball zu rennen. Das ist anstrengender als eine Droge reinzuschmeißen und das Wohlgefühl lässt zunächst auf sich warten. Aber genau darin besteht die Therapie. Mit der Zeit finden sie mehr und mehr Freude am Volleyballspiel, feiern einen guten Ball wie den Gewinn einer Goldmedaille und packen schon bald aus eigener Initiative Ball und Wasserflaschen zusammen, um sich im Park auszutoben.

Jeder kann etwas geben

Das ist vielleicht die größte Veränderung, die ich im Zusammenleben mit ihnen bemerke: sie beginnen, füreinander zu sorgen, anstatt nur sich selbst im Blick zu haben. Anfangs haben vor allem die Betreuerinnen die Mädchen getröstet. Jetzt sehe ich, wie Edna, früher eine drogensüchtige Müllsammlerin, liebevoll mit der weinenden Analica spricht und sie in den Arm nimmt.

Eines Abends kommt eine Neue, Karen, ins Girls-Center von Onesimo. Sie sitzt weinend und zitternd auf einer Holzbank, alleine. Die Betreuerinnen haben gerade keine Zeit. Da setzt sich ein Mädchen nach dem anderen zu ihr. Sie versuchen, Karen zu trösten und bringen eine Rolle Klopapier für die Tränen. Edna fragt mich: "Kannst du nicht für Karen beten, sie ist so traurig?" Ich spreche ein kurzes Gebet, danach springt Angie auf, holt für jede eine Bibel: "Lesen wir einen Psalm für Karen!" Sie tauschen sich über ihre Gedanken und Gefühle beim Lesen aus und zum Schluss beten sie miteinander.

Ich staune, wie Gott im Leben dieser Mädchen etwas Neues wachsen lässt. Wenn sie bruchstückhaft aus ihrem Leben erzählen, höre ich fassungslos zu: dass ein Menschenleben soviel Lieblosigkeit, Missbrauch, Heimatlosigkeit, Schläge erträgt - ich kann nur erahnen, wie viel Zuwendung, Liebe und Heilung sie brauchen. Das, was die Betreuerinnen geben können, scheint da verschwindend gering. Aber wie bei der Speisung der 5000 vermehrt Gott es auf wundersame Weise, damit Liebe, Zuwendung, Hoffnung und Ermutigung für alle reichen.

Auch Verwundete helfen heilen

Beschämt und herausgefordert bin ich, weil die Mädchen und Mitarbeiterinnen das, was sie haben, einbringen in die Gemeinschaft, statt erst selbst für sich Liebe und Heilung zu erwarten. Gerade deshalb werden sie heil! Statt sich wertlos zu fühlen wie der Müll, in dem sie lebten, erfahren sie nun, dass sie anderen etwas zu geben haben. Trotzdem gibt es immer wieder Tage, an denen sie ihre Kraft verlässt, sie versucht sind, sich aufzugeben und zurückzulaufen in ihr früheres Leben. Es hatte sie zwar zerstört, war ihnen aber auch vertraut.

Herzstück des gemeinsamen Lebens in den Onesimo-Gemeinschaften ist die Austausch- und Lobpreis-Zeit. Jeden Abend sitzen wir zusammen, und jede kann erzählen, was sie gerade beschäftigt. Die meisten Mädchen werden hier zum ersten Mal überhaupt nach ihrem Empfinden gefragt. Es fällt ihnen schwer herauszufinden, was in ihnen vorgeht, und es in Worte zu fassen. Gemeinsam lernen wir, einander zu sagen, was uns verletzt hat, Konflikte zu lösen, uns zu entschuldigen - und einander zuzuhören und wahrzunehmen. Auf das gemeinsame Singen freue ich mich besonders. Es wird viel gelacht; man freut sich an Gott, an einander und vor allem am Tanzen. Jede von uns ist mal "Vortänzerin" - und das ohne Scheu, eine schlechte Figur zu machen. Es tut einfach gut, sich zu freuen, miteinander Spaß zu haben.

Mit allen Gefühlen bei Gott sein

Es ist heilsam, mich mit Haut und Haaren und allen möglichen Gefühlen Gott nahe zu wissen. Die Gemeinschaft und die Herzlichkeit der anderen haben mich tiefer zu mir selbst gebracht. Ich fühle mich freier und kann zeigen, wie es mir gerade geht. Nun bin ich eben in Gemeinschaft müde und erschöpft oder weine in Gegenwart der anderen, wenn mir danach zumute ist. Ich erlebe, dass gerade dadurch Gemeinschaft entsteht - und es gar nicht nötig ist, mich immer gemeinschaftstauglich zu fühlen.

Was bringe ich mit zurück nach Deutschland? Nicht nur Souvenirs, Dias und vielleicht einige Läuse, sondern vor allem eine neue Alltagsperspektive: Ich will mich nicht länger nur um Studium, Gemeinde und Freunde drehen. Das geht für mich nicht mehr. Meine Manila-Erfahrungen kann ich nicht in eine Vitrine stellen, nett beleuchten und sie ab und zu anderen präsentieren. Ich wünsche mir eine Wohngemeinschaft mit anderen Christen, die bereit sind, in einen sozial schwachen Stadtteil zu ziehen und im Alltag ihren Glauben sichtbar werden zu lassen. Ich möchte herausfinden, wie "mein Überfluss ihren Mangel" ausgleichen kann und umgekehrt (2. Kor 8,14) - in Manila und vor meiner Haustüre.

Neue Ideen

Direkt nach meiner Rückkehr aus Manila besuchte ich jedes Wochenende eine Familie im Freiburger Asylantenheim, versuchte ebenso händeringend wie erfolglos, eine Wohngemeinschaft in einem sozialen Brennpunkt aufzubauen - und missachtete in all dem meine Grenzen. Da ich den inneren Ansprüchen, die ich an mein Leben in Deutschland gestellt hatte, nicht gewachsen war, steckte ich fürs erste auf. Ich hielt aber weiter Kontakt zu Lariza, einer jungen Frau aus einem Slum. Diese Freundschaft ist bis heute lebendig. Zu meinem letzten Geburtstag überraschte sie mich mit einem Glückwunsch: sie wünschte mir Reichtum!

Jetzt, nach dem Referendariat, regen sich wieder Wünsche: ich möchte Kontakt zu einer türkischen Familie in unserer Straße bekommen, mit anderen aus der Gemeinde Leben und Arbeit verbindlicher teilen oder als Servants-Mitarbeiter nach Asien gehen. Ich bin gespannt, wie mein Leben im Jahre Neun nach Manila aussehen wird.

Von

  • Melanie Böhm

    ist Ehemalige der OJC-Jahresmannschaft. Seit 2013 lebt sie mit ihrem Mann, Daniel, in Bangkok, im einem Slumviertel. Als Hoffnungsträger ist das Ehepaar Teil der OJC-Weihnachtsaktion.

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