Im Feuerofen

Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen geradestehen.

Predigt zu Daniel 2

von Klaus Sperr

Im Februargottesdienst der OJC spielte eine Gruppe von Kindern die Geschichte von Daniel und seinen Freunden nach: unerschrocken standen sie vor dem mächtigen babylonischen König Nebukadnezar - anders als dessen Berater, Diener und das übrige Volk. Das kostete sie beinahe das Leben.
Klaus Sperr lud die Erwachsenen ein, gut hinzuhören und hinzuschauen auf das, was uns standfest macht wie Daniel.

Heiße Zeiten waren das damals bei Daniel in Babylon, mitten in den politischen Wirren seiner Zeit. Zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, deren Ewigkeit noch nicht klar zu sehen ist. Sozusagen zwischen Ewigkeit und Ewigkeit. (Dan 2,20). Mitten in dieser Gegenwart steht Daniel, der Israelit. Und mittendrin auch all die höfischen Stiefellecker, die nur ihren eigenen Vorteil sehen. Die unverfroren nach dem Slogan handeln: "Der König lebe ewig!" Das hat natürlich kaum einer so gemeint. Man sagt das eben so, wenn man auf den eigenen Vorteil bedacht ist.
Unter all diesen ist einer wie Daniel. Er ist kein Bückling im Angesicht einer vermeintlichen Weltmacht. Er verbeugt sich allein vor der tatsächlichen Macht des Himmels und der Erde - vor dem Herrn aller Herren, dem König aller Könige!

Stolz auf Gott

Sein und seiner Freunde Motto lautet: Wir sind stolz auf Gott! Wir stehen im Dienst des wahren und ewigen Königs - egal welche irdischen Größen gerade angesagt sind. Daniel hat immerhin vier verschiedene Könige erlebt. ¬Gekniet hat er aber nur vor dem einen, dem lebendigen Gott!
Ich bin stolz auf Gott, denn "ihm gehören Weisheit und Stärke"! (Dan 2,20) Daniel weiß: ich muss nicht stolz auf mich sein. Weil alles von seinen Händen abhängt und nicht von meinen, kann ich jederzeit meinen Mann stehen. Von Gottes Weisheit und Stärke hängt alles ab! Einfach alles - für mich und für die Zeit und die Gesellschaft, in der ich gerade lebe. "Er setzt Könige ein und Könige ab. Er ändert Zeit und Stunde" - so heißt es in Daniel 2,21, dem diesjährigen Losungswort unserer Gemeinschaft.

Alles liegt in den Händen des ewigen und wahren Königs. Auch das Schwierige und Unbegreifliche. Auch unser Leben in der Fremde. Auch der verlorene Krieg und das verwüstete Land Israel, das einem Israeliten einfach alles bedeutete. Am Land hing die Verheißung. Im Tempel war die Gegenwart Gottes. Aber Daniel und seine Freunde wussten: auch in der Niederlage, in den Abbrüchen meines Lebens, auch dann, wenn ich die Dinge nicht verstehe, gehört unserem Gott alle Weisheit und Stärke. Auch wenn ich sie längst verloren habe. Selbst in aller Schuld, die immer auch eine Rolle spielt. Dieses Wissen lässt sie aufrecht leben, auch in den schwierigen Situationen.

Passen oder wagen?

Die Szene, in der das Wort von Daniel steht, erzählt uns von Nebukadnezars aberwitziger Idee, von seinen Beratern nicht nur die Deutung seines Traumes zu erfahren, sondern auch seinen Inhalt. Ganz schön clever, der alte König. Er wusste genau: Wenn ich ihnen meinen Traum erzähle, dann wissen sie eine Deutung - nur weiß ich nicht, ob die stimmt. Also sollen sie ihm Traum und Deutung sagen. Antwort seiner Berater: Was der König verlangt, kann kein Mensch. Unmöglich! Das können nur die Götter - doch die wohnen in der Fremde.
Dumm gelaufen. Sie müssen ihre ganze Ratlosigkeit und ihr Unvermögen eingestehen. Nur einer bewahrt einen kühlen Kopf: Daniel. Er ist bekannt als ein Mann des Rates und der Einsicht. Nicht weil er das alles hat, sondern weil er einen hat, der Weisheit und Stärke sein eigen nennt. Und darum weiß er auch, was jetzt zu tun ist.
Zunächst einmal hört er genau hin und fragt bei Hofe nach. Dann sucht er seine drei Freunde, seine Gefährten, auf und teilt das in Erfahrung Gebrachte mit ihnen. Schließlich suchen sie miteinander Gottes Angesicht. So geht‘s in stürmischen Zeiten! Hören und fragen, dann mit den Geschwistern gemeinsam Gottes Angesicht suchen.

Einer wie Daniel ...

Daniel weiß: ich bin stolz auf Gott, weil er Weisheit und Stärke hat. Daraus folgt der geistliche Lehrsatz: Wer vor Gott kniet, der kann vor Menschen geraderstehen. Menschen, die wissen, wer wirklich Weisheit und Stärke besitzt, müssen nicht auf den vermeintlichen Anspruch hereinfallen, der auch in unserer Gesellschaft erhoben wird: Du musst es doch bringen, du musst es doch wissen! Oder - falls man selber die eigenen Grenzen noch wahrnimmt: Die anderen müssen es doch bringen, die Kanzlerin, die Wirtschaftsbosse oder die Manager.
Auf diese verführerischen Stimmen muss man nicht hereinfallen, wenn man einer wie Daniel ist. Er hat die Verantwortung nicht abgeschoben. Er konnte seinen Mann stehen, weil er wusste: Ich gehöre zu einem, der Weisheit und Stärke hat. Wer vor Gott kniet und vor Menschen geradesteht, der weiß ein weiteres: Ich stehe im Dienst des wahren und ewigen Königs. Er braucht mich zwar nicht, aber er gebraucht mich!
Ohne größeren Qualitätsverlust könnte Gott seine Dinge auch ohne uns tun. Doch aus irgendeinem Grunde möchte er das nicht. Er will uns mit einbeziehen, uns an seinem Werk beteiligen, uns gebrauchen. So wie Daniel.

Daniel war ein Mann der Treue, der sich an Gott festhält und sein Leben auf ihn ausrichtet. Einer, der Hingabe riskiert. Diese Risikobereitschaft zieht sich durch das ganze Danielbuch: ob Feuerofen oder Löwengrube.

... legt sich politisch quer

Menschen wie Daniel sind immer auch politische Menschen. Sie wissen: Ich muss in dieser Welt meine Frau oder meinen Mann stehen, nicht im einsamen Kämmerlein. Nicht verborgen oder abgeschieden, so dass es nicht wehtun kann, sondern in dieser Welt und dieser Zeit. Zwischen Ewigkeit und Ewigkeit. Wer wagt, in diesem Augenblick, in dieser Gegenwart, in die Gott ihn hineingestellt hat, seinen Platz einzunehmen, der riskiert Hingabe! Inmitten der politischen Spannungen ist Daniel einer, der sich nicht raushält. Der nicht in den frommen Rückzug geht, nicht einfach in Deckung, sondern es wagt, den Kopf in den Wind zu halten. Einer, der mitmischt! Der sich nicht danach umschaut, wer die Sache jetzt retten könnte, sondern spürt: Es kommt auf mich an! Daniel wartet nicht darauf, dass einer kommt, der die Dinge in die Hand nimmt und für Ordnung sorgt. Er spürt: Ich könnte es sein. Ich bin der, den Gott in diese Situation hineingestellt hat!

Gott will uns zu Frauen und Männern wie Daniel und seine Freunde machen. Zu Menschen, die ihren Platz entdecken und tapfer einnehmen. Darauf wird es wohl ankommen: auf Leute mit einem Herzschlag wie Daniel! unsere Demokratie, unser Land und unsere Gesellschaft sind darauf angewiesen, dass es Christinnen und Christen gibt, die ihren Platz einnehmen. Die sich nicht fromm zurückhalten, sondern sich hineinwagen in die Spannungen des Lebens.

... und bekommt den Durchblick

Weil Daniel das tut, wird er zu einem Mann des Durchblicks, dem Gott Geheimnisse offenbaren kann. Die Berater sagen: Kein Mensch kann das, was du, König, verlangst. In diese Unmöglichkeit tritt Daniel und macht deutlich: König, ich kann das auch nicht, aber ich kenne einen, der es kann. Ich kann dich in Kontakt bringen mit jemandem, der weiß, wo es im Leben langgeht. Daniel sieht, was andere noch nicht oder gar nie sehen.

Es sind Menschen gefragt, die gemeinsam auf Gott hören und sich auf ihn ausrichten. Die alles von Gott erwarten und Offenbartes deuten können. Die geheimnisvolle Zusammenhänge erkennen und Lösungen aufzeigen können.

Jede Zeit braucht solche politischen Durchblicker. Jede Zeit ist auf solche Frauen und Männer Gottes angewiesen, die ihren Platz einnehmen, auch wenn sie das etwas kostet.

Ich weiß nicht, wie Sie das Frühjahr 1988 zugebracht haben. Rund 20 Jahre ist es her. Meine Frau Heidi und ich waren frisch verheiratet und auf der ersten Gemeindestelle. Wir waren jung und voller Ideen und warteten aufgeregt auf die Geburt unseres ersten Kindes. Das war das Thema, das uns am meisten beschäftigte. Nur eines wäre uns nie in den Sinn gekommen, mit einem Ereignis hätten wir nie gerechnet. Nicht einmal ein Jahr später habe ich geahnt, was geschehen würde. Und doch ist sie wenige Wochen später passiert: die "Revolution der Kerzen". Fast wie aus heiterem Himmel. Im nächsten Jahr jährt sich das Ende der gewaltsamen Teilung Europas bereits zum zwanzigsten Mal!

Revolutionäre gesucht

Ich habe zuhause einen kleinen Stein, der aus der Berliner Mauer stammt. Aus jener Mauer, die einst Deutschland getrennt hat, die als unüberwindbar und unzerstörbar galt. Viele Menschen haben solche kleinen Steine. Was einst eine schreckliche, undurchdringliche Mauer war, ist heute als Souvenir in Steinchen in der ganzen Welt verteilt.

Wer hätte sich das zuvor träumen lassen? Wirklich niemand! Außer ein paar verwegenen Frauen und Männer, die beharrlich gebetet haben und unbeirrbar für die Wahrheit eingestanden sind.

Nimm deinen Platz ein!

Es waren Christinnen und Christen, die wussten: Es gibt einen, der die Dinge in seinen Händen hält, der wirklich Weisheit und Stärke besitzt. Und wir gehören zu ihm!

Gott hat Weisheit und Stärke. Ihm gehört alles. In seinen Händen liegt alles. Am Tag, als die Mauer fiel, ist mir dieser Satz in den Sinn gekommen: Gott setzt Könige ein und setzt Könige ab - nicht wir. Aber wir können dabei sein, mittendrin sein im Geschehen. Wir können, wie Daniel, unseren Platz einnehmen, den Gott uns zugedacht hat in unserer Zeit!

Frauen und Männer, die wissen, wo ihr Platz ist, sind auch in unserer Zeit kostbar und unentbehrlich. Revolutionäre der Herzen sind gefragter denn je - Menschen, die den Herausforderungen der Zeit mutig begegnen, weil sie sich im Dienst des wahren und ewigen Königs wissen!   Amen!

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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