In- oder auswendig?

Das Gedächtnis als Kompass der Kirche.

Gedanken zu Bonhoeffers Predigt „Dienet der Zeit!“

von Írisz Sipos

Was hat uns eine Predigt über „Gegenwart“, die vor achtzig Jahren gehalten wurde, noch zu sagen? - Sehr viel, meinte unser Redaktionsteam einhellig, als es Bonhoeffers Auslegung von Römer 12,11 in die engere Textauswahl für das aktuelle Salzkorn nahm.
Írisz Sipos führt im folgenden aus, was uns als Christen des 21. Jahrhunderts am Text begeistert hat und zum Weiterdenken herausfordert.

„Hinein in die Not der Gegenwart!“ - das klingt wie ein Slogan aus der OJC-Gründerzeit. Dabei war der Aufruf im heißen Sommer 1968 schon vierzig Jahre alt, und zwischen der Gegenwart des jungen Pfarrvikars Dietrich Bonhoeffer und der Gegenwart der jungen Christen, die in die Offensive gingen, klaffte unüberbrückbar der Abgrund der Geschichte, den man mit Begriffen wie „Weltkrieg“ und „Völkermord“ nicht ausloten kann.

Für die frommen Wilden von 1968 hatte die 1928 in Barcelona gehaltene Predigt nichts an Brisanz verloren. Auch ihnen ging es darum, die Botschaft des Evangeliums glaubhaft und glaubwürdig ins Hier und Jetzt zu ziehen. Ein „trotziges“ Unterfangen, denn die Reputation des Christentums hatte in den 40 Jahren massiven Schaden erlitten. Es war - so die berechtigte Kritik der Nachkriegsgeneration - selbst vom Ungeist der Zeit infiziert und konnte seinem Toben kaum etwas entgegensetzen. Entkräftet hatten die Kirchen das Feld den Ideologien des Rassen- und Klassenkampfes überlassen und sich seither nicht von der Niederlage erholt. Ewiggestrig waren sie, nicht „von der Ewigkeit durchdrungen.“ Konnte man den materiellen und geistigen Nöten der neuen Zeit noch mit dem Evangelium begegnen? Nun, diesen Versuch haben 1968 einige gewagt.

Nach zweimal vierzig Jahren

Vier weitere Jahrzehnte sind seitdem ins Land gegangen, und dem Denken, Handeln und Leben der heute Vierzigjährigen sollte abzuspüren sein, ob etwas vom „Goldgrund der Ewigkeit“ durch ihre immer flüchtiger werdende Gegenwart schimmert. Von welchem Geist sind sie geprägt? Nach welchen Kriterien entscheiden sie, wenn sie heute Leitungspositionen in Politik und Wirtschaft besetzen, in Forschung und Technik Neuland auftun und in den Medien die öffentliche Wertediskussion kanalisieren?

Die Reputation der Religion hat sich gebessert, man schätzt ihr humanistisches Erbe, ihre karitative Arbeit und ihr spirituelles Angebot. Dennoch befindet sich „die Kirche“ im Nach-Nachkriegsdeutschland mehr denn je in der Defensive. Kaum jemand traut ihr zu, Zukunftsweisendes zu bieten. Dabei ist es genau das, was der spätere, bereits inhaftierte Bonhoeffer als ihr Kerngeschäft formuliert hatte: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“(1)

Gebot der Stunde: Umkehr

Mit großem Nachdruck ruft Bonhoeffer die „Erdenkinder“ in die Pflicht, der Zeit zu dienen. Die tatsächliche Dringlichkeit der Predigt wurde erst im Nachhinein offenbar: Jene, die sich Kirche nannten, hatte das Schicksal des Antäus (2) ereilt: sie waren nicht gefasst auf die Wucht der Zeit, die ihnen den Boden unter den Füßen weggerissen, sie an den Rand gedrängt und handlungsunfähig gemacht hatte. Auch der enthusiastische Pfarrvikar ahnte nicht, dass der historisch verbürgte Boden seiner Kirche so jäh einbrechen würde. Der Mythos weiß nur von Schicksal, nicht von Schuld; die Kirchen jedoch waren in Schuld verstrickt. Hier also kommt die Metapher Bonhoeffers an ihre Grenze. Aber wo der Mythos mit dem Sieg des Herkules über Antäus abbricht, beginnt für die Gemeinde Jesu Christi nach dem Zusammenbruch eine neue Epoche. Deren Ausgang ist offen, an ihrem Anfang konnte aber nur eines stehen: die Umkehr.

Wenn also die Predigt nach zweimal vierzig Jahren noch brisant ist, und das ist sie gewiss, dann vor allem durch das, was sie nicht in Worte fasst, was aber der Prediger von Barcelona mit seinem eigenen Leben fortschreiben sollte: das Ergreifen der Zeit durch radikale Umkehr und Öffnung für eine Erneuerung des Fundaments durch den, der die Kirche trägt: Christus. „Umkehr“ sollte ein zentraler Begriff im Glauben Bonhoeffers werden. Durch wichtige Begegnungen und intensive Bibellektüre veränderte sich sein Selbstverständnis als Pfarrer und Theologe, während sich seine ethische Position durch den eskalierenden Kirchenkampf radikalisierte. Er selbst nannte den Wandel 1944 in einem Brief an den Freund Eberhard Bethge die „Abkehr vom Phraseologischen zum Wirklichen“.

Wenn wir die Zeit, in die wir gestellt sind, nicht nur überleben, sondern beleben und wirksam gestalten wollen, ist es hilfreich, wie Bonhoeffer mit frischem Blick „zur Bibel zu kommen“ und zu erkennen, was der Kirche damals den Zugang zur „Fülle der Zeit“ verstellte und noch verstellt und die Christen oft wie „Gespenster“ aussehen lässt. Vielleicht bekommen wir eine Idee davon, wie Gott in unserer zerrütteten Zeit seine Kirche gegenwartstauglich machen will.

„Einschlagstrichter der Ewigkeit“

Die vom Existentialismus der Jahrhundertwende geprägte Theologie hatte die "Gegenwart" wiederentdeckt und betonte: Der Sinn und die Essenz des "ewigen Lebens" liegt nicht im Sinnieren über das Paradies, das der Mensch verloren hatte, und auch nicht in der Fixierung auf die ewige Seligkeit, die er erlangen wollte, sondern im Hier und Jetzt. Das gilt es zu ergreifen, denn nur darin ist der ewige Gott anzutreffen. Ein der Gegenwart vital zugewandter Glaube kann zum "Einschlagstrichter" (3) der Ewigkeit in der vergänglichen Welt werden.
Mit dieser unmittelbaren Rückkopplung des Jetzt an eine (eher) abstrakte Ewigkeit umkreisten die Modernen ein altes philosophisches Problem: jenes der Kluft zwischen dem sich wandelnden Bewusstsein und dem Sein in Reinform. Bereits Platon hatte unterschieden zwischen den veränderlichen Dingen und den ewigen Ideen. Das machte die Unterscheidung zweier Arten von Erinnerung notwendig: mneme als Erinnerung an sinnlich wahrnehmbare Dinge der Welt in ihrer Vielfalt und anamnesis als Wiedererinnerung der Seele an ewige Wahrheiten. Während erstere auf die Ausdrucksformen des Mythos angewiesen war, vermochte letztere über die Konkretion hinaus das angebliche Wesen der Dinge zu schauen. (4)

Zwei Welten oder eine Wahrheit?

Das Christentum hatte die platonische Zweiweltenlehre früh adaptiert und für das Verständnis der Bibel fruchtbar gemacht. Die himmlische Sphäre Gottes entsprach der platonischen Geisteswelt, die (gefallene) Schöpfung dem Schattenreich der Wirklichkeit. Das barg allerdings auch Gefahren für die Theologie:
Zum einen beschleunigte es die Entfremdung vom jüdisch-israelischen Ursprung der Religion, was das Verständnis nicht nur des Alten, sondern auch des Neuen Testamentes auf fatale Weise verdunkelte. Die Folgen dieser Entfremdung reichten bis in die aufreibenden inneren und äußeren Kämpfe der Bekennenden Kirche hinein.
Die andere Gefahr war subtiler: die biblischen Schriften ließen sich nicht ohne weiteres nach den ihnen fremden Kategorien auslegen, was nicht nur Theologen und Philosophen, sondern auch fromme Bibelleser in manchen denkerischen Zwiespalt versetzte. Solche Spannung - zum Beispiel im ungeklärten Verhältnis zwischen der platonischen Idee der ewigen Zeit und dem Konzept von Heilsgeschichte in der Schrift - bedurfte stets einer Auflösung. Künder der theologischen Avantgarde wie Barth und Bonhoeffer behoben sie, indem sie den neutestamentlichen Begriff des kairos (= der rechte Zeitpunkt) mit dem platonischen Ewigkeitsbegriff und dem Konzept der anamnesis verknüpften: der Glaube und das aus ihm erfolgende Handeln reißt den Vorhang der Zeit auseinander - und sichtbar wird die Ewigkeit. Diese kraftvolle Pointierung von kairos verkürzt aber das biblische Zeitverständnis, weil es die Kontinuität und damit die für die Lehre vom Reich Gottes zentrale Dimension des Werdens und Reifens ausblendet.

Den Kairos beim Schopfe packen

Im hellenistischen Umfeld klang in dem Wort noch der Mythos mit: Kairos, jüngster Sohn des Zeus, war zuständig für günstige Gelegenheiten aller Art. Der wendige Jüngling trug geflügelte Schuhe und eine absonderliche Frisur mit langem Pony und kahlem Hinterkopf - er ließ sich folglich nur im Anflug beim Schopfe packen. Für den Griechen ist kairos der "rechte Augenblick", den es abzupassen und zu ergreifen gilt. Für den Israeliten ist jene Gelegenheit in der Zeit (hebr. eth), "gut", in der Gott in ein unheilvolles Geschehen eingreift und eine Wende zum Guten herbeiführt. Es ist keine Haarspalterei, wenn wir den Schopf des Kairos vom kairos-Begriff der Evangelisten und Apostel unterscheiden und uns fragen: Wer greift denn eigentlich: wir nach der Zeit oder Gott in die Zeit hinein?

Die Bücher der Bibel dokumentieren ein Verständnis von Zeit, das sich grundlegend von den Vorstellungen der Israel umgebenden Kulturen unterscheidet. (5) Die Israeliten sahen in der Zeit weder die ständige Wiederkehr des Immergleichen noch eine vorbestimmte unausweichliche Folge des Schicksals. Sie glaubten, dass Gott die Zeit erschaffen hatte, indem er begann, die Welt zu erschaffen. Zeit ist das Maß seines Wirkens. Und weil Gottes Handeln in vollkommener Freiheit geschieht, ist die Gegenwart kontingent, d.h. offen, voller Möglichkeiten. Dem Menschen war es freigestellt, aus der Fülle der Möglichkeiten das ganz eigene zu realisieren, es in der Zeit zu leben, zu reifen und sich in ihr zu verantworten.
Durch die Anmaßung, sich Gott gleich zu machen - wozu auch der Ausbruch aus der Zeit gehört - wurde die Zeit zum Feind des der Vergänglichkeit anheimfallenden Menschen. Ihre "Fülle" ist nun sein Verderben, denn sie ist äußerst nachtragend: alle Verfehlung und alles Übel bleibt in ihr wirksam und fordert seinen Tribut. Insofern ist jede Zukunft durch ihre Vergangenheit determiniert. Gott aber, der "Herr ist über die Zeit", vermag die Festlegung aufzubrechen und die Zukunft wieder zu öffnen.

Zahor - erinnere dich!

Dem Glaubenden eröffnet sich die hoffnungsvolle und also zukunftsvolle Zeit durch die Erinnerung an Gott. Nicht in einer Wesensschau Gottes, sondern im Gedenken an sein konkretes Handeln an seinem Volk. Den Israeliten wurde das Erinnern zum Raum der Erneuerung und Freiheit, ja in der Verbannung sogar zur Heimat und zum Garanten der Identität. Die Aufforderung "Zahor - erinnere dich!" ist der Code für die Erkenntnis von Gottes alles verändernden Gegenwart (2. Mose 13, 1-16). Mit diesem Gebot schärfte Mose seinen Brüdern bereits vor dem Auszug aus Ägypten ein, den Tag nicht zu vergessen und im Gedenken an das in der Eile der Flucht gebackene Brot alljährlich sieben Tage ungesäuertes Brot zu essen. Das Gebot des gemeinschaftlichen Erinnerns begründet ein neues Subjekt: das Volk. Zuvor verband die Hebräer außer ihrem Dialekt und den verblassenden Stammeslegenden vor allem ihr Sklavenstatus. Nun aber definierte sich ihre Identität durch den, der sie rief: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wird im Bund ihr Gott - und sie werden sein Volk.

Überleben der nächsten Generation

Die Stiftung des Passahfestes erfolgte mitten in der Not und ging dem Auszug aus der Sklaverei und der Überquerung des Schilfmeeres voraus. Noch war die Gefahr von Seiten der Ägypter nicht gebannt, wohl aber die eine: der Tod der Erstgeborenen. Der Abbruch des Lebens durch die Auslöschung der Träger der Zukunft ist von Gott machtvoll abgewendet worden. In jener bangen Nacht ging es den Israeliten um die dringlichste Frage seit Menschengedenken: um die Frage, wie die kommende Generation weiterleben soll. Die einzig lebbare Antwort hieß: in Freiheit und Würde - und die gab es nur aus Gottes Hand. Dass sie daran glaubten und ihre Söhne in seine Hände befahlen, unterstrichen sie mit dem Blut des Lammes am Türpfosten - und Gott nahm ihren Glauben ernst. Daher erlebt das Volk Israel im alljährlichen Passah, wenn es sich diese Nacht vergegenwärtigt, die Öffnung der Gegenwart zu der Hoffnung hin, dass das Leben siegt.
Das zahor aus Exodus 3 haben die Schriftgelehrten des antiken Alexandria wohlweislich mit einer Ableitung von mneme übersetzt: als Erinnerung an real Erlebtes und mit allen Sinnen wiederzuerlebendes Gedenken. In der Vergegenwärtigung der alles verändernden Stunde wandelt sich die eigene Gegenwart: der eben verzehrte Mazzen ist genau jenes Brot des Aufbruchs in die Freiheit, und im Rezitieren der Verse über die Errettung der Erstgeborenen werden die erstgeborenen Kinder unter die den Todesengel bannende Macht des Blutes gestellt. Das hat ihnen Gott in der Verheißung, die an das Gebot anschließt, zugesichert.

"... zu meinem Gedächtnis"

Beim letzten gemeinsamen Sederabend gedenken auch Jesus und die Jünger "jener Nacht". Das Mahl nimmt jedoch eine für die Jünger unerwartete Wendung, als der Meister das zahor-Gebot nun auf sich bezieht: "Tut dieses zu meinem Gedächtnis". Die Jünger sollen erkennen: Brot und Wein deuten auf ihn. Das erste Passah und das letzte Abendmahl sind in Christus zu einer großartigen Gegenwart verbunden: die in jener Nacht wirkende Kraft wird nun ihr gesamtes Potential entfalten und die Erlösung der gesamten Welt von Schuld und Tod wirken. Und wie der Herr beim ersten Passah Israel als Volk berief und einen Bund mit ihm schloss, ruft Christus die zu ihm Gehörenden in den Verbund der Gemeinschaft seines Leibes, an dem das neue "unvergängliche Wesen" (2. Tim 1,10) in der Welt sichtbar werden soll.
Wir wissen nicht, ob die Einsetzungsworte des Abendmahls auf Aramäisch oder im liturgischen Hebräisch gesprochen wurden, denn Lukas und Paulus, die sie wiederholen, haben uns dieses Zeugnis auf Griechisch hinterlassen und das Gebot Jesu, im Mahl seiner zu gedenken, mit anamnesis wiedergegeben, also mit dem Begriff, der den transzendenten Bezug des Erinnerns betont (Lk 22,19 u. 1. Kor 11,23-25). Damit wollten sie den nichtjüdischen Christen, an die sich ihre Schriften richteten, zu verstehen geben, dass es um mehr ging als nicht-Vergessen oder gar um Nostalgie: im Gedenken an die Worte Jesu werden die Freiheit und die Würde, die er für uns errungen hat, im Heute lebendige Realität.

Wandlung meint uns!

Die Jünger wussten um die Kraft, die diesem Gedenken innewohnt. Sie verstanden, dass Christus in Brot und Wein so konkret und wirkmächtig gegenwärtig ist wie das ungesäuerte Brot der Flüchtlinge im Sedermazzen und der mit Lammesblut bestrichene Türpfosten in der Rezitation der Sedergemeinschaft. Erst die von der platonischen Zweiweltenlehre geprägte Christenheit konnte sich nicht darüber einigen, welches "Organ" nun für das richtige Gedächtnis zuständig ist: die mneme oder die anamnesis? Geschieht die Wandlung im Konkreten der Materie oder ist sie im Abstrakten der immateriellen Wahrheit bereits geschehen? Entfaltet sich ihre Wirkkraft durch den ordnungsgemäßen Vollzug des Hochgebets oder durch den ordentlichen Heilsglauben derer, die Brot und Wein zu sich nehmen?
Der Gemeinde, die die Erinnerung an ihren Ursprung im Judentum verdrängt hat, ist die Bedeutung von Zahor - erinnere Dich! entglitten. Das Kappen der Verbindung - vor der Paulus die Gemeinde in Rom bereits gewarnt hatte - zog weitere Spaltungen nach sich. Alle Kontroversen um das Abendmahl, wie berechtigt und theologisch notwendig sie sein mögen, zielen am eigentlichen Wunder vorbei. Die umwälzende,  Zeit und Not wendende Wandlung ist nicht die von Brot und Wein - ob substantiell oder im Glauben - in den Leib und Blut Christi. Das Wunder der Wandlung ist erfolgt, wenn Menschen, die aus eigener Kraft unfähig wären, mit Gott und miteinander in eine befriedete, liebende und dauerhafte Beziehung zu treten, durch das Blut des Lammes selbst "gewandelt" werden, aus der Verlassenheit und Isolation hineingebunden in den lebendigen Leib der Gemeinde, mit Christus als Haupt.

Hier ist mehr als Antäus

"Hinein in die Not der Gegenwart!" - Dem ist schwer nachzukommen, wenn die Not der Gegenwart auch die eigene Not ist. Mit der Kraftlosigkeit der uneinigen Kirche kann man sich in ruhigen Zeiten arrangieren - was aber, wenn der lebensfeindliche Ungeist ungehemmt wütet? In der Zeit Bonhoeffers hatte das fatale Folgen für die Welt und für die Kirche gleichermaßen. Fünf Jahre nach seiner Predigt über den "rechten Zeitgeist", kurz nach der Unterzeichnung des "Barmener Bekenntnisses" richtete er in Fanø (Dänemark) den Appell an den Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen, im vom Krieg bedrohten Europa zusammenzustehen. Wenn der Einzelne und die Einzelgemeinde auch von der Gewalt des Hasses erdrückt werden können, kann doch "das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Christi aus aller Welt (das Wort vom Frieden) so sagen, dass die Welt es zähneknirschend vernehmen muss und dass die Völker froh werden".
Der Appell erhielt Applaus, aber die Völker wurden nicht froh, weil die "Heiligen Christi", die nicht zu einem Tisch fanden, auch nicht zu dem einen, in Einigkeit gesprochenen Wort des Schalom gefunden haben. Allzu spät, auf den Trümmern der eigenen Geschichte, sollten sie in Bestürzung und Scham zur Buße finden, zur Einigkeit aber ist es noch immer ein langer Weg.

Das Gebot der Einigkeit

Bonhoeffer erkannte, dass die Einigkeit auf Konferenzen und Konzilien zwar proklamiert, aber nicht begründet werden kann. Sie muss im verbindlichen Miteinander jener gründen, die bereit sind, einander zu kennen und zu tragen, den "neuen Menschen anzuziehen", wie es der Epheserbrief formuliert, um der immer feindseliger werdenden Zeit mündig und vollmächtig dienen zu können. Er kam zu dem Schluss, dass dieser neue Mensch "zugleich Christus und die Kirche"(6) ist, die im Leib Christi verbundene Gemeinde.  "Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten."
Seit der Predigt in Barcelona war Dietrich Bonhoeffer einen mühevollen Weg gegangen. Den 21jährigen, der "der Zeit dienen" wollte, hatte Gott beim Wort genommen und ihn mitten "hinein in die Not der Gegenwart" geführt. Die Titanengestalt des Antäus verblasste in seinem Leben und Denken, und immer deutlicher erkennbar wurden die Züge eines Adam, der nicht beim Alten bleiben wollte.

Erinnerung ist lernbar

Der Zeit dienen heißt, in der Gegenwart ankommen. Ankommen kann jedoch nur, wer um seine Herkunft und Zukunft weiß, wer sich an die Taten und Verheißungen Gottes erinnert. Die Christenheit wird dann anfällig für den Zeitgeist, wenn ihr die frische Erinnerung an den in der Geschichte erschienenen Christus verblasst und sie in der Erwartung des kommenden ermattet. Lehre und Liturgie allein können die Erosion des Gedächtnisses nicht aufhalten - sie kompensieren nur die Amnesie. Jesus hatte diese Gefahr gesehen und vorgesorgt: Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Joh 14,26) Das griechische Wort für Erinnern hier ist hypomimnesko und bedeutet in etwa "mit Nachdruck aus der Versenkung ins Gedächtnis heben". Es ist der Heilige Geist, der die Gemeinde gegenwartstauglich macht, weil er in ihr die wirkmächtige Erinnerung an Jesu Werk und die Sehnsucht nach seiner Ankunft lebendig erhält.

Das kostbare Vermächtnis Bonhoeffers ist der Beweis, dass nichts beim Alten bleiben muss. Daraus kann jede "kommende Generation" neue Kraft und Zuversicht schöpfen. Erhalten kann sie sich nur, wer den neuen Menschen anzieht. Der neue Mensch, der fähig ist, der Not der Gegenwart zu begegnen, gewinnt seine Gestalt aus dem Zusammenhalt der Glieder, seine Kraft aber vom Haupt her. Ohne den Geist, der ihn belebt und befähigt, ist er machtlos. Nichts von dem, was er als sein ererbtes, verbürgtes Eigentum betrachtet, was ihn vor den Augen der Welt als "Kirche" auszeichnet und gar von "anderen Kirchen" unterscheidet, kann seine Füße auf festen Grund stellen - das macht ihn demütig. Die im neuen Menschen erstandene Gemeinschaft vertraut nicht dem Boden der Tradition, dem sie erwachsen ist, sie vertraut auf den Atem des Geistes, der ihr in Christus neu zuströmt.

Anmerkungen

  1. Aus dem Essay Nach zehn Jahren von 1943, der erst nach dem Tod Bonhoeffers in Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft erschienen ist.

  2. Siehe Bonhoeffers Bezug auf den Mythos vom Titan Antäus in diesem Heft, Seite 10.

  3. Die kraftvolle Metapher stammt aus der Römerbriefauslegung Karl Barths von 1917, die auch Bonhoeffer schätzte.

  4. Plato erörtert das ausführlich in seinem Werk Menon.

  5. Eindrücklich beschreibt dies das Autorentrio W. Achtner, S. Kunz und Th. Walter im ersten Teil ihres Buches: Dimensionen der Zeit. Die Zeitstrukturen Gottes, der Welt und des Menschen. Darmstadt 1998.

  6. D. B.: Nachfolge, München 1985, S. 214

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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