Zeit ist Gold

Vom Glanz der Ewigkeit in den Fugen der Gegenwart

Liebe Freunde!

Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, der kann etwas vom Goldgrund der Ewigkeit in seinem Leben durchschimmern sehen. Wer einmal sein Kind nach bangen und verzweifelten Minuten des erfolglosen Suchens im Gewühl eines Einkaufscenters endlich wieder in die Arme schließen konnte, der weiß, was gemeint ist. Und wer als Reisender schon einmal in einem fernen Land existentiell auf Hilfe angewiesen war und in einer hoffnungslosen Situation plötzlich einem hilfsbereiten und sprachverständigen Menschen begegnet ist, erinnert sich staunend an dieses Himmelsgeschenk, das im rechten Augenblick aus dem Nichts auftauchte.
Doch die goldenen Momente sind rar geworden. Wir haben keine Zeit mehr dafür. Wir tun uns schwer, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Stattdessen sind wir immer öfter an vielen Orten gleichzeitig. Die unglaubliche Beschleunigung unseres Lebens macht uns zu "Simultanten": wir tun mehrere Dinge zur selben Zeit. Paradox dabei ist, dass wir nicht selten die operative Hektik in unserem Leben damit begründen, dass wir effizient arbeiten müssen, um Zeit zu gewinnen. Wofür eigentlich? Wo ist sie geblieben, die gesparte Zeit?

Nehmen wir die Zeit genauer in den Blick, sehen wir ihre zwei Gesichter - den Chronos und den Kairos. In der Chronologie messen wir die dahinfliegende Zeit, die Fülle der vergangenen Ereignisse und Erfahrungen. Der Kairos hingegen erfasst den rechten Augenblick, die gegebene Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Zeit hat also eine quantitative und eine qualitative Seite. Wie gelingt es uns, im schnellen Strömen der Zeit festen Boden in der Gegenwart zu gewinnen?

Technisch fortschreiten

Im Berufsalltag ist Lebenszeit zur kostbaren, umkämpften Ressource geworden, auch weil das Tempo der elektronisch vernetzten Gesellschaft vor lauter Effizienz keine Zwischenräume mehr übrig lässt. Je mehr Vernetzung, desto mehr Koordination ist nötig, desto stärker der Termindruck, desto größer die Abhängigkeit, desto schwächer die kreativen und sozialen Kräfte. Wegen des daraus resultierenden Stresses werden wir öfter krank, die Planungen schwieriger und die gemeinsamen Begegnungsräume kleiner. Ein solches System forciert die Auflösung von Verbindlichkeit. Je mehr Kontakte angeboten werden, desto weniger verbindlich und dauerhaft sind sie.
Eine Kultur der Gemeinsamkeit schafft sich so selbst ab - wenn wir nicht "zwischentakten". Es war eine prophetische Zeitansage in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Kulturphilosoph Eugen Rosenstock-Huessy kantig behauptete: "Jeder technische Fortschritt erweitert die Räume, verkürzt die Zeiten, zerschlägt die soziale Gruppe."

Im Takt des Herzens

Die Hölle hetzt, der Himmel hat Zeit, lautet ein wahres Wort der alten Glaubensväter. Damit unsere Hetze immer wieder himmlischen Horizont bekommt, müssen wir ihr Einhalt gebieten - Zeit gewinnen. Wir können dem Speed unserer Tage kaum entfliehen, aber wir können der Zeit einen Rhythmus geben. Wir können dafür Sorge tragen, dass unser Leben nicht um den Speed, sondern der Speed um die Pfähle unseres Lebens wirbelt. Wo wir unserem Leben Rhythmus geben, da gewinnen wir Zeit. Im Rhythmus von Gebet und Feiern zu leben bedeutet, den Ewigkeitshorizont in den Alltag zu ziehen. Das Geheimnis des Sabbat (S. 30) und das Innehalten in unseren Gebetszeiten (S. 28) sind solche rettenden Pfähle im Strom der Zeit, die uns helfen, eine Kultur des Lebens und nicht nur des Funktionierens zu entwickeln.

Fröhlich auferstehen

An unseren Rhythmuskräften hängt viel. Wo sie sich bewähren und wir uns mit anderen verbünden, da können wir den Dringlichkeiten unseres Alltags Einhalt gebieten und selbst den Takt bestimmen.
Dieses Lenken durch die Zeit geschieht mitunter wohl bedacht. "Wir entwerfen unser Leben vom Tode her", beobachtete Martin Heidegger, der einsame Weise vom Todtnauberg. Als Kinder Gottes und Freunde Jesu dürfen wir allerdings freudiger und erlöster an unsere Lebensplanung herangehen, denn wir entwerfen unser Leben von der Auferstehung her. Diese Botschaft auf der Herzhaut lebendig halten, heißt im Heute, in jedem Moment immer auch die Anwesenheit des wiederkommenden Christus mitzufeiern, von ihm her und auf ihn hin zu leben, und wissen, dass meine Zeit in seinen Händen steht.

Bonhoeffer weiterdenken

Von jeher haben die richtigen Zeitansagen über Frucht oder Verwüstung in den Reihen der Kirche entschieden. Weil Prophetie verpönt ist und Kurzlebigkeit ein Zeichen unserer Tage, wird es immer schwerer, den richtigen Ton des Zeitzeichens zu vernehmen und jenen Glauben zu schenken, die ihn ansagen. Dietrich Bonhoeffer hat eine seiner bis heute gültigen Predigten als 21jähriger in Spanien gehalten (S. 8). Immer noch - oder vielleicht heute erst recht - eine Zeitansage für unsere Kirche. Wir haben den wichtigen Impuls von Bonhoeffer aufgenommen und 80 Jahre weitergedacht und festgestellt, dass Umkehr und Erneuerung auch heute herausfordernde Zeit-Worte für die Kirche und ihre Glieder sind. (S. 12)

Kindern Zeit opfern

Umstritten war in den vergangenen Monaten die Diskussion in den Medien über die Frage der Krippenbetreuung und deren Folgen. Wir haben inzwischen ein Klima, das die Krippen-Pädagogik glorifiziert. Einigen kann es gar nicht schnell genug gehen, die kleinen Zwerge zur "Eigenständigkeit" herauszufordern, damit beide Eltern möglichst schnell wieder in den Produktionsprozess einsteigen können. Gerade hier stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt: Wann ist die Zeit, in der Kinder gute und tragende Identitätsgrundlagen und Urvertrauen für das Leben bekommen? Die "Deutsche Psychoanalytische Vereinigung" (DPV) hat in den ersten Tagen des neuen Jahres in einem gemeinsamen Memorandum nachdrücklich festgestellt: Insbesondere in den ersten drei Lebensjahren sind Kinder auf eine schützende und stabile Umgebung, idealerweise durch ihre Eltern, angewiesen. Kinder, die zu früh in Krippen abgegeben werden, stehen in Gefahr, die ersten Trennungserfahrungen als diffuse Ängste im Körper zu speichern. Kinder, die Zeit haben, verlässliche und vertrauensvolle Bindungen zu ihren Eltern einzugehen, haben die besten Voraussetzungen, ihr Leben zu meistern (www.dpv-psa.de).
Es sind die liebevollen und verlässlichen Zeitopfer der Eltern, die aus bloßen "Nesthockern" eine lebensfrohe nächste Generation hervorrufen.

Wir staunen...

Zeitweise mit Sorge haben wir zum Ende des Jahres unser Spendenbarometer beobachtet. Fast 200. 000 Euro waren wir im November im Soll. Zum Jahresende hin hat sich abermals ein Zeitwunder vor unseren Augen ereignet: Die Spendensumme von üblicherweise vier Monaten ist in den vier Dezember-Wochen eingegangen. Und zum 31.12.2007 waren fast 99 Prozent der laufenden OJC-Ausgaben des vergangenen Jahres durch Spenden gedeckt. Halleluja! Nur etwas über ein Prozent der Ausgaben ist ohne Deckung geblieben. Damit können wir dankbaren Herzens auch das neue Jahr in Angriff nehmen. (S. 42/43)

Zusätzlich sind im Dezember fast 150 000 Euro für die Hilfsprojekte der OJC-Weihnachtsaktion zusammengekommen. Das ist alles andere als selbstverständlich für uns und ein riesiges Zeichen der Ermutigung, auch für unsere Freunde weltweit, die auf Hilfe warten.

... und feiern

Nicht am Himmelfahrtstag, sondern diesmal am Samstag, den 24. Mai, feiern wir den 40. Geburtstag der OJC und freuen uns, wenn Sie mit dabei sein können und sich zum OJC-Festival anmelden. Unter dem Motto "Hoffnung in die Herzen - Kultur in die Knochen" wollen wir mit unseren Freunden von nah und fern dankbar staunen über alles, was in den vergangenen vier Jahrzehnten an Segensreichem in Menschenleben, in Kirche und Gesellschaft werden durfte. Vielleicht haben Sie ja auch selbst eine Geschichte zu erzählen? Wir freuen uns, wenn Sie ein Goldkorn oder ein Ereignis mit uns teilen, das Sie mit der OJC aus der Nähe oder von Ferne erlebt haben. Es geht uns nicht um professionelle Artikel, sondern um lebendige, große und kleine Geschichten, die einfach erzählt werden müssen - zur Ehre Gottes. Greifen Sie zum Griffel! (S.48)

So grüße ich Sie mit dem wunderbaren Zuspruch Jesu, der mit uns und mit Ihnen auch durch das neue Jahr geht: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben" (Joh. 14,19).
Herzlich, Ihr Dominik Klenk

Reichelsheim, den 25.1.08

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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