Auch der Hirte ist ein Schaf

Was hilft einem Pastor, sich selbst im Getriebe des Pfarreralltags nicht zu verlieren? Andreas Geister gibt Impulse aus dem umtriebigen Leben eines Pfarrers.

Vom geistlichen Überleben in stressigen Zeiten

von Andreas Geister


Jedes Jahr, wenn die anstrengenden Weihnachts- und Silvestertage mit all den Diensten in der Gemeinde vorüber sind, wünsche ich mir, dass jetzt ruhigere Zeiten anbrechen mögen. Doch auch diesmal habe ich wieder vergeblich gehofft - das neue Jahr begann im D-Zug-Tempo: Beerdigungen, Sitzungen, Besuche, Jahresplanung, Abrechnungen, Dekanatsaufgaben, Gottesdienste, Unterricht und viele Menschen mit ihren Bedürfnissen warteten auf mich. Wieder einmal zuviel des Guten.

Die Menschen belasten dich?
Trag sie nicht auf den Schultern,
schließ sie ins Herz.
Dom Helder Camara

Manchmal finde ich den Pfarrberuf schwer und hätte große Lust, ihn an den Nagel zu hängen. Man soll immer ein offenes Ohr und Herz für Menschen und zugleich auch für Gott haben, geduldig sein, freundlich, wortgewandt, fromm. Aber das bin ich nicht immer. Es gibt Tage, an ¬denen ich erschöpft bin oder von etwas sehr belastet oder verwundet. Dann schaue ich oft lange auf das Kruzifix, das in meiner Studierstube hängt. Jesus weiß, was leiden heißt, darum weiß er auch zu trösten. Es entlastet mich zu wissen, dass nicht ich die Menschheit retten muss, weil ¬Jesus das bereits vollbracht hat.

Dennoch gibt es in der Gemeinde viel zu tun. Ohne den Heiligen Geist wäre das nicht zu schaffen. Darum freue ich mich jeden Morgen auf das Losungswort, das für mich wie ein Fenster zum Himmel ist. "Der Gott aller Gnade, der euch berufen hat zu seiner Herrlichkeit in Jesus Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen." (1. Petrus 5,10). So ein Wort ist Traubenzucker für meine Seele und lässt mich gestärkt in den Tag starten.
Um bei aller Arbeit die Mitte nicht zu verlieren, habe ich mir angewöhnt, öfter am Tag kurz die Arbeit zu unterbrechen, die Augen zu schließen und mich innerlich Gott zuzuwenden. Manchmal bete ich dann, manchmal schweige ich einfach und stelle mir vor, ich lehne meinen Kopf an Jesu Schulter. Bei ihm sein ist für mich mindestens so wichtig wie etwas für ihn tun. Ich habe erst vor wenigen Jahren bei Exerzitien in einem Kloster neu für mich entdeckt, dass ich nicht nur zum Hirten berufen bin, sondern auch Schäfchen des guten Hirten sein darf.

Beim nächsten Ton des Zeitzeichens
werfe ich meine Uhr in den Fluss
und nehme mir Zeit.
Jochen Maris

Gestern habe ich mit einem Pfarrkollegen "Exerzitien im Alltag" gemacht, einen langen Spaziergang am Seeufer entlang. Die Bewegung, die ¬frische Luft und der ehrliche Austausch haben uns beiden gut getan. Das Schöne ist, dass man zusammen auch lachen kann und dadurch manches Problem auf Normalgröße schrumpft. Seit vielen Jahren haben wir einen kleinen Gebetskreis unter Pfarrkollegen. Alle zwei Wochen treffen wir uns reihum. Wir singen miteinander und hören auf einen geistlichen Impuls. Jeder darf ganz offen erzählen, was er auf dem Herzen hat. Die anderen beten dann für diese Anliegen. Ich finde es befreiend und heilsam, dass ich vor anderen nicht ¬immer nur der Starke sein muss, sondern auch meine bedürftige und schwache Seite zeigen darf. Dank diesen "Betbrüdern" habe ich trotz mancher Krise den Glauben und die Hoffnung nicht an den Nagel gehängt.

Heute habe ich bereits die Musiker für den Weihnachtsgottesdienst 2008 telefonisch gebucht. In meinem Beruf muss ich vieles lange im voraus planen und trotzdem bei jeder Begegnung ganz präsent sein. Das ist oft ein Spagat. Vor Jahren hat mich Roger Schutz, der Gründer von Taizé, inspiriert "im Heute Gottes" leben zu lernen. Ich versuche ganz bewusst, dort, wo ich gerade bin, ganz mit dem Herzen dabei zu sein.

Vor 40 Jahren habe ich auf einer der ersten OJC-Konferenzen mein Herz für Jesus geöffnet. Ich vermute, Er selbst hat damals den Schlüssel von innen umgedreht. Er hatte mich gesucht und gefunden. Dadurch hat mein Leben eine Öffnung zum Himmel erfahren. Dafür bin ich jeden Tag neu dankbar und ich bin gewiss, dass meine sonnigen oder bisweilen auch stürmischen Zeiten in Gottes Hand stehen.    

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.
Jochen Klepper

Von

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