Der Herzöffner

Begegnung als Weg personhafter Erkenntnis

von Friso Melzer

Das Wort "Begegnung" ist nicht glücklich gebildet, denn es enthält das Wort "gegen". Im Englischen würde man sagen: coming face to face with the 'gestalt'. Von Angesicht zu Angesicht mit der Gestalt - das wäre ein erheblich besseres Bild für das, was wir hier meinen. Treffender wäre ein Ausdruck mit dem Wort "Herz", etwa: dem anderen sein Herz auftun. Das offene Herz - ist das aber nicht ein Bild für Liebe? Also ginge es um Erkenntnis aus Liebe? Damit stünden wir bei Paulus, der in 1. Korinther 13 bezeugt: Erkenntnis ohne Liebe ist nichts!
Echte Begegnung geschieht so: Ich trete vor mein Gegenüber, tue mich ihm auf, gebe mich ihm preis, ungeschützt. Damit es dazu kommt, bedarf es eines Aktes der Selbst-Entäußerung. Wer sich seiner selbst entäußert, wird damit nicht personlos (wie im Hinduismus und Buddhismus gefordert wird). Selbst-Entäußerung meint: ich drehe mich nicht länger um mich selbst, um meine Ehre und Geltung, bleibe nicht länger in mir selbst, sondern mein Herz steht dem anderen offen.

Begegnung birgt Gefahren 

Wie wird es möglich, dass ich dem andern offenen Herzens begegne, entgegentrete, mich ihm auftue? Bei jeder Begegnung drohen zwei Gefahren:
1. Ich überschätze mein Gegenüber und erhebe es zum Maß aller Dinge, zur alles bestimmenden Norm. Dann wird es zum Tyrannen und ich zu seinem Diener oder Sklaven. Was ich von ihm sage, wird verzückte Werberede.
2. Ich unterschätze mein Gegenüber und unterwerfe es meinem vorausgesetzten und starr gehandhabten Denkschema. Dann sitze ich über ihn zu Gericht und weiß eigentlich schon im Voraus, dass und wie ich ablehnen und abwerten muss. So urteilt der "Rechtgläubige" über den "Ketzer".

Begegnung braucht Sammlung

Wer den Weg aus der Ich-Gefangenschaft heraus betreten hat, vermag sich zu sammeln: er wird ganz Auge, ganz Ohr. Mit einem Wort: er wird gegenwärtig. Er sieht sein Gegenüber, als sähe er es zum ersten Mal. Er wird in einen Zustand versetzt, den wir als "Staunen" bezeichnen dürfen. Aus dem Staunen erwachsen ihm dann die Fragen an sein Gegenüber. Mit dem Staunen und staunenden Fragen setzt die Begegnung ein. Wo es fehlt, da kommt es überhaupt zu keiner Begegnung. Da gibt es vielleicht einen Wortwechsel, eine Diskussion, aber nicht jenes Zwiegespräch, das für die Begegnung - wie für alle Kultur! - so bezeichnend ist.

Begegnung trifft uns

Wie Begegnung sich vollziehen kann, hat Ernst Wiechert (1887-1950) in seinem Roman "Das einfache Leben" (1939) einmal, wenn auch in anderem Zusammenhang, so gezeichnet: Da kommt Thomas, ein Mann, zum Pfarrer und bekennt, er habe seit langer Zeit wieder einmal in der Bibel gelesen, in den Psalmen, und da habe ihn ein Wort aus Psalm 90 getroffen: Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Dieses Wort habe ihn getroffen, so sagt er, es war wie ein Mast, der über einen stürzt, und man kann nicht aufstehen unter ihm. Der Pfarrer antwortete "Es ist nicht so, dass ein Mensch für sich lebt und ein Vers wieder für sich, und vielleicht kreuzen ihre Wege sich einmal. Sondern es ist so, dass der Vers auf seinen Menschen wartet und der Mensch auf seinen Vers. Es kommt die Stunde der Begegnung, der Mensch geht auf den Vers zu und der Vers auf den Menschen. Und dann schlägt der Vers zu - er hat uns. Damit hat der Vers das Seine getan. Es bleibt die Frage an uns, ob wir hernach auch das Unsere tun, ob wir ihn wieder begraben wollen, ihn erwürgen und zuschütten."Was hier von der Begegnung mit einem Psalmwort gesagt wird, das gilt von jeder Begegnung: ein Anruf trifft einen Menschen - der hört ihn, tut sich ihm auf - er wird getroffen - er antwortet als Getroffener. So enthält seine Antwort sein persönliches Bekenntnis.    

Quelle: F. Melzer: Durch Christus erleuchtet. Moers, 1983.

Von

  • Friso Melzer

    Dr. Dr., studierte Philologie und Theologie in Breslau und Tübingen. Er war im Missionsdienst in Indien, Pfarrer und Lehrer in Württemberg und Unterweissach, Dozent an der Freien Ev.-Theol. Akademie in Basel und Autor von zahlreichen Büchern. Geboren 1907 in Schlesien, gestorben 1998 in Reichelsheim.

    Alle Artikel von Friso Melzer

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal