Fremde auf meiner Couch

Annäherung beim Geburtstagserzählen

zur Nachahmung empfohlen
von Hanne Dangmann

Im Oktober, wenn die neue Jahresmannschaft mit ihrem FSJ in Reichelsheim begann und sich in unserem Wohnzimmer versammelte, dachte ich so manches Mal: "Was machen nur all diese fremden Menschen auf meiner Couch?" Der Abschied vom vorherigen Jahrgang steckte mir noch in den Knochen. Und doch wusste ich, bald werden diese jungen, prächtigen Menschen mir vertraut und nahe sein. Nicht nur das gemeinsame Arbeiten und Wohnen tragen dazu bei, sondern auch eine gute Tradition, die wir pflegen: das Geburtstagserzählen.

An seinem Ehrentag wird zunächst das Geburtstagskind beim Frühstück ausführlich gefeiert und mit seinen Lieblingsspeisen und -blumen beschenkt. Am Abend treffen wir uns im Wohnzimmer und werden vom Geburtstagskind beschenkt - mit seiner Lebensgeschichte.

Was in keinem Lebenslauf steht

Wir ermutigen die jungen Leute, uns zu erzählen, woher sie kommen, wer zu ihrer Familie gehört, wer sie besonders geprägt hat, und uns ihre Freunde und Erlebnisse auf Fotos zu zeigen, damit sie vor unseren Augen lebendig werden. Das führt jeden Erzählenden in die Begegnung mit der eigenen Geschichte - schon bei der Vorbereitung:
Wie bin ich aufgewachsen? Wer sind meine Großeltern, wie sind meine Eltern? Bin ich erstes, zweites, letztes Kind? Einzelnes Kind? Einsames Kind? Möchte ich wirklich erzählen, dass ich noch während der Grundschule am Daumen lutschte und vom Lehrer vor der ganzen Klasse ermahnt wurde? Möchte ich erzählen, dass mein geliebter Papa bis zu seinem Tod ein Nazi war und auch die entsprechende Partei wählte? Das sind alles Dinge, die man in keinen Lebenslauf schreibt.

Aber hier sitzen wir beieinander und kennen vom Leben des anderen nur den Ausschnitt der Gegenwart: den schüchternen Max, die laute Kyra, den verträumten Carl. Würden sie es wagen, mehr von sich zu erzählen, den Hintereingang zur Lebensgeschichte zu nehmen?

Was uns empfindsam macht

Wann immer das gelingt, sind die Geburtstags-Abende richtige Sternstunden!
Alle lauschen gespannt einer einzigartigen, originellen Geschichte. Erzählt wird vom Erleben von Großeltern, Vater und Mutter, Geschwistern, Lehrern. Von der Prägung durch Vorbilder wie Trainer, Jungscharleiter, Fußballstars; von Lehrern, die einem das Leben schwer machten, Mathestunden, die einem die Lebensfreude genommen oder geweckt haben. Vom Vater, der seinen Sohn in die Arbeiten seiner Holzwerkstatt einführte, oder der ihn für zu zart hielt, so dass dieser sich ganz dem Klavierspiel verschrieb. Von einem geduldigen Jugendpfarrer, der mit einem den Studienführer zum dritten Mal durchforstete oder vom Gemeindepfarrer, der im Gottesdienst über den strafenden Gott predigte.

Das Erzählen ist wie ein Museumsrundgang. Die Zuhörer werden mitgenommen auf einen Weg, den sie allein nicht hätten gehen können. Das schätzen alle sehr, erleben sich beschenkt durch die entfaltete Geschichte; oft auch berührt an eigenen empfindsamen Stellen.

Der Erzählende erlebt zweierlei: Eine Art Befreiung durch das Wahrseinlassen der schwierigen Lebensabschnitte - hat er doch die Namen seiner inneren Feinde an die Zuhörer verraten. Schwierige Erfahrungen können dadurch ihre heimliche Macht verlieren. 
Und eine neue Dankbarkeit über selbstverständlich Gewordenes stellt sich ein: über die vielen heiteren Familienurlaube, die gütige Großmutter mit der immer gefüllten Keksdose, den Vater, der einen eigene Fehler machen ließ und beim Lernen daraus zur Seite stand.

Nichts ist wie gestern

Es braucht natürlich eine vertrauensvolle Atmosphäre, einen keuschen Umgang mit dem Gehörten. Wir erwähnen ausdrücklich vorher: das Erzählte bleibt in diesem Raum und in unseren Herzen. Das ist nicht zum Weitererzählen.Manches Mal nach einem solchen Abend schaue ich am nächsten Morgen in die Runde und denke freudig: "Nichts ist mehr wie gestern". Mit anderen Augen sehe ich das Geburtstagskind, es ist zu einem anderen, vertrauteren Menschen geworden.

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Tips für ein Geburtstagserzählen

- vorher Fotos raussuchen
- nach Lebensabschnitten sortieren 
- nicht bei den Ur-Urgroßelten beginnen
- Zeitrahmen von 60-90 Min. setzen

Von

  • Hanne Dangmann

    leitete von 1994 bis 2001 mit ihrem Mann die Jahresmannschaft im Quellhaus und seit 2013 die in der Scheffelstraße. Außerdem ist sie Mitglied im OJC-Priorat.

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