Die Perle im Gemurmel

Vom Gewinn der Aufrichtigkeit. Austausch - eine geistliche Übung

Von Friederike Klenk

Ein jüdischer Gelehrter antwortete einst auf die Frage, wann die Nacht aufhöre und der Tag beginne: "Die Nacht hört auf, wenn du in ein menschliches Gesicht schaust, und es wird heller Tag, wenn du in diesem Gesicht deinen Bruder erkennst."
Darum geht es im Austausch: im andern den Bruder und die Schwester erkennen. Es geht um ein Sprechen von Herz zu Herz. In Herzensdingen sind wir alle erst einmal scheu! Wir sind uns nicht sicher, ob irgendjemand wirklich hören will, was wir zu sagen haben, ob es überhaupt wichtig genug oder womöglich zu persönlich ist, und wir sind nichtsicher, was andere mit dem tun, was wir von uns zeigen.

Mein Mann und ich hatten uns in den ersten Jahren unserer Ehe vor allem von der Schokoladenseite gezeigt und alles andere, vor allem das Unangenehme, unter den Teppich gekehrt. Daran war das Vertrauen zerbrochen. Nun wollten wir einen Neuanfang wagen und verabredeten uns regelmäßig zu einer Zeit des Austauschens, um mehr von dem mitzuteilen, was jeden wirklich beschäftigt. Eineinhalb Jahre später spürte ich, dass mein Mann zwar viel mehr sagte als früher, aber immer noch wenig von sich. Als ich ihn danach fragte, meinte er zögernd: "Das stimmt schon - ich weiß einfach nicht, was du anschließend damit machst."

Austausch war und ist in der OJC-Geschichte von Anfang an der besondere Raum und die besondere Zeit, in der wir uns voreinander zeigen, indem wir aus dem Versteck der vielen Absicherungen, die wir alle um uns aufgebaut haben, heraustreten und einander zu erkennen geben - als Bedürftige und Sünder, als Inspirierte und Träumer. 

30 Jahre fand dieser Rundaustausch von Mitarbeitern und Mitlebenden fast täglich statt, im Anschluss an unsere persönliche Stille am Morgen. Wir nahmen uns dafür eine halbe Stunde Zeit - Männer und Frauen getrennt. Für viele war die wachsende Offenheit und die Erfahrung von Aussöhnung mit sich und mit anderen das Ausstrahlendste an der OJC überhaupt. Aber es gab auch andere, für die der tägliche Austausch Druck war, etwas sagen oder vorweisen zu müssen.

Austausch haben wir immer noch, aber er ist vielgestaltiger geworden. Einige von uns tauschen einmal wöchentlich in ihrer Lebensgruppe (6-8 Personen) aus, manche zu dritt oder viert, andere in einer Zweierschaft. Und einige haben auf ihre Bitte hin im Augenblick "Austauschpause".

Die Wurzeln des Austausches

Unsere Form des Austausches stammt aus der "Gruppenbewegung"*. Die Gründer unserer Gemeinschaft Horst-Klaus und Irmela Hofmann erlebten dort Menschen, denen es nicht um fromme oder theologisch richtige Wiedergabe dessen ging, was man am Morgen in der Bibel gelesen hatte. Menschen sprachen offen aus, was sie beim Beten, Lesen und Nachdenken in Gottes Gegenwart berührt und gestärkt, korrigiert und herausgefordert hatte. Es ging ihnen nicht um Richtigsein, sondern um Aufrichtigsein. 

Jeder von uns, der diese Ehrlichkeit miterlebt hat, war bewegt, mitunter erschrocken oder entsetzt. Die Mitarbeiter sprachen über ihre Freuden und ihren Dank, aber sie zeigten auch Seiten, die man im alltäglichen Miteinander des bürgerlichen Lebens eher verbarg. Sie sprachen über ihre Ängste und ihr Scheitern, über konkrete Versuchungen, verborgene Gedanken, offene Fragen und über das, was Gottes Wort und der Heilige Geist ihnen dazu offenbarte. Ich habe dort zum ersten Mal erwachsene Männer erlebt, die offen Fehler zugaben. Ihre Ehrlichkeit hat mich ermutigt und angesteckt und ich spürte, dass sie im Grunde nicht anders waren als ich. 
Der Schweizer Romanistikprofessor Theophil Spoerri schreibt in seinem Büchlein Praxis des Glaubens: "Wenn unser Leben durchsichtig und durchlässig geworden ist, dann zeugt es auch neues Leben. Es gibt keine andere Hilfe, die wir dem andern bringen können, als dass wir ihm zeigen, wie uns geholfen wurde." Er schreibt weiter, dass es dabei nicht um hohe Ideen und schöne Gefühle geht, sondern um so alltägliche und handgreifliche Dinge wie Wahrheit, Transparenz, Uneigennützigkeit und Liebe im Sinne von 1. Joh 1,7: Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Dahinter steht die Überzeugung, dass alles, was sich blockierend zwischen mich und den anderen schiebt, bereinigt werden muss, denn es hindert das Wirken des Heiligen Geistes und das Entstehen von echter Gemeinschaft.

Austausch - ein biblisches Prinzip?

Austausch kommt als Begriff in der Bibel nicht vor, die Sache aber sehr wohl. Ein zentrales Bild des Neuen Testamentes ist das Bild vom Leib und den in Christus miteinander verbundenen Gliedern. Jesus spricht seinen tiefsten Wunsch im Abschiedsgebet Joh 17 offen aus: Heiliger Vater, erhalte sie in der Gemeinschaft mit dir, damit sie untereinander eins werden, so wie wir eins sind. Ich bitte aber nicht nur für sie, sondern auch für die, die durch das Zeugnis meiner Jünger von mir hören werden und an mich glauben. Sie alle sollen eins sein, genauso wie du, Vater, mit mir eins bist, ... sollen auch sie in uns fest miteinander verbunden sein.

Um diese wachsende Einheit im Geist geht es. Nicht nur zwischen dem Vater und dem Sohn, sondern auch zwischen uns soll die umfassende Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit wachsen. Der Wachstumsprozess in ein versöhntes Miteinander wird an anderer Stelle mit ganz konkreten Anweisungen beschrieben: Liebt einander, ermutigt und ermahnt einander, vergebt einander, tragt einander, betet füreinander und prüft miteinander, was der Wille Gottes ist. Dazu ist Austausch ein Weg, nicht das Ziel selbst. Wenn dieses Wachsen in Liebe und Aufrichtigkeit zueinander kein gemeinsames Ziel ist, verliert der Austausch auf Dauer seine Bedeutung. 

Der König der Wahrheit

Jeder Austausch lebt vom "Christus mitten unter uns". Das ist der entscheidende Faktor. Um uns dessen bewusst zu bleiben, zünden wir eine Kerze an, ehe wir beginnen. Das Licht ist das Zeichen, dass Er die Mitte ist und wir uns in seiner Gegenwart voreinander öffnen. Das ist Schutz und Ermutigung zugleich. Schutz, weil dieses Licht ein warmherziges Licht ist, kein gleißender Scheinwerfer, der gnadenlos entlarvt. Aber eben Licht, das uns offenbart, was wir so vorher nicht gesehen haben oder sehen wollten. Licht, in dem wir uns gleichermaßen als Werdende, Scheiternde und Bedürftige erkennen. Dietrich Bonhoeffer schreibt, dass es durchaus sein kann, dass "trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebets, trotz aller Gemeinschaft im Dienst der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als Sünder. Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine ¬Sünde vor sich selbst und der Gemeinschaft verbergen".

Wir sehen einander von außen nur fragmentarisch: wie einer auftreten oder reden kann, wie er aussieht etc. Aber wir können nicht in sein Herz sehen. Nicht, was ihn bewegt, kränkt oder freut und was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Auf das Fremde und Unverständliche im andern reagieren wir zuerst einmal ablehnend. Im Austausch fangen wir an, einander mehr von innen her zu erkennen. Wenn wir hören, was unser Gegenüber erlebt und erlitten hat, verändert sich unsere Sicht von ihm. 
Austausch hilft, einander zu erkennen im biblischen Sinn: Erkennen, wer der andere von Gott her ist - in seinen Gaben und Grenzen und in seinem Gewordensein.

Austausch - ein Augenöffner

So ging es mir, als Peter und Susanne ins Team kamen. Zwei Menschen, die mir in ihrer äußeren und auch in ihrer Glaubensprägung ganz fremd waren. Ich wollte sie nicht. Mein Herz war ihnen gegenüber zu. Monate später tauschte Susanne einmal aus, wie unwillkommen sie sich erlebte, wie einsam sie war, so dass sie sogar überlegt hatte, ob sie nicht besser wieder gehen sollte. Nur ein Zuspruch Gottes hatte sie immer wieder darauf vertrauen lassen, dass Gott sie hier haben wollte. Dieses ehrliche Aussprechen ihres Schmerzes hat mir die Augen geöffnet. Zum ersten Mal sah ich ihr Leiden und fühlte mit ihr. Und dann sah ich mein hartes Herz und meine Lieblosigkeit und es begann mir unglaublich leid zu tun. Ihr das aufrichtig zu sagen, hat uns Gemeinschaft miteinander ermöglicht, die vorher nicht denkbar gewesen wäre. 
In jedem von uns ist Unfertiges, Unerlöstes und Unreifes. Im Zusammensein wird das unweigerlich wirksam und gefährdet das Miteinander. Es braucht Mut, einander auch die Seiten sehen zu lassen, wo wir noch auf dem Weg sind. Ich liebe einen kleinen Text von Martin Luther, in dem er beschreibt: "Unser Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden. Überhaupt nicht ein Wesen, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht - wir werden es aber. Wir sind noch nicht daheim, wir sind aber wohl auf dem Weg." 

Wer länger in Gemeinschaft lebt, der wird seiner Lieblosigkeit, seiner Überheblichkeit und anderen Haltungen begegnen, die Gemeinschaft verhindern. Wir werden schuldig aneinander. Natürlicherweise verstecken wir uns voreinander mit unserer Schuld und brechen innerlich die Beziehung ab. Wir arbeiten dann zwar äußerlich noch zusammen, aber unser Herz ist zu. Übrig bleibt distanzierte Freundlichkeit. Vor allem, wenn wir verletzt wurden oder andere verletzt haben. Darum ist es wichtig, dass wir uns immer wieder auf der Herzensebene finden. Der Raum des Austausches ist eine "institutionalisierte Chance", sich neu füreinander zu öffnen, zu unserem Scheitern zu stehen und einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Wer es wagt, eigenes Unrecht oder Unrecht, das ihm angetan wurde, auszusprechen, der erfährt, dass verschlossene Türen sich wieder öffnen und ein Neuanfang möglich wird.

Austausch schafft Wirklichkeit 

Etwas auszusprechen, hat eine andere Qualität, als es nur zu wissen, zu denken oder zu notieren. Im Sprechen geschieht "Verleiblichung". Häufig hat man vorher das Gefühl: Heute habe ich nichts Besonderes zu sagen und merkt erst im Aussprechen, ob etwas wichtig bzw. wie wichtig es ist.
Während einer Retraite mit unseren Frauen aus dem Jahresteam hatte ich in der Nacht einen Traum, der mich an ein einschneidendes Erlebnis meiner Kindheit erinnerte. In der Stille notierte ich mir: "Jetzt bist du 50 Jahre alt. Wäre es nicht an der Zeit, deinem Vater zu vergeben, dass er dich damals so gar nicht verstehen konnte?" Ich war bereit dazu. Aber als ich es im Austausch offen aussprach, fing ich vor den jungen Frauen an, heftig zu weinen und merkte erst jetzt, welch große Bedeutung diese Geschichte für mich hatte. Erst im Aussprechen hatte sie mich im Herzen erwischt.

Gottes Willen vernehmen 

Gottes Vorhaben mit uns zu verstehen, ist wichtig, aber der Wille Gottes fällt nicht als Zettel oder Handlungsanweisung vom Himmel. Wir haben vielleicht Impulse, Ahnungen, Wünsche, innere Bilder oder spüren eine Richtung. Wir entdecken in seinem Wort Spuren, die wir bis dahin so noch nicht gesehen haben. Das alles ist Teil unseres Austausches. So kann sich ein Eindruck bestätigen und allmählich klarer werden. 
Nach Luther ist der Austausch der Geschwister das wichtigste Kriterium neben der Heiligen Schrift und den Geboten, um Gottes Willen erkennen zu können.

Vertrauensbildende Maßnahmen

Damit Vertrauen wachsen kann, braucht es eine Atmosphäre des Respekts und gegenseitiger Wertschätzung. Dazu gehört, ganz präsent zu sein und das klare Signal: Ich höre zu, hier ist Platz und Zeit für dich bzw. uns. Mit meinen Austauschpartnern habe ich dazu einschlägige Erfahrungen gesammelt. Für meine erste Austauschpartnerin war es ein absoluter Austausch-Killer, wenn ich zwischendurch ans Telefon ging und sie hasste es sogar, wenn die Wohnzimmertüre offen stand. Dann konnte sie nichts mehr sagen.

Kein Kommentar

Im Austausch soll jeder Raum haben, sich so auszudrücken, wie es ihm entspricht. Gerade wenn es um Persönliches geht, sind wir alle nicht so redegewandt. Da bremst die Furcht, wir könnten verlacht oder missverstanden werden. 
Wichtige Grundlagen sind das geduldige und aufmerksame Zuhören sowie die Freiwilligkeit. Jakobus spricht als erfahrener Gemeindeleiter davon, dass wir schnell zum Hören sein sollen und langsam zum Reden (Jak 1,19). Natürlicherweise ist es umgekehrt: Wir reagieren sofort auf das Gesagte, haben gleich eine Antwort parat und sind sehr schnell mit Ratschlägen und Lösungen zur Stelle. Aber unzeit¬gemäße Ratschläge sind wie Schläge. Austauschen heißt, einander ausreden lassen und aufmerksam zuhören, ohne zu kommentieren. Das scheint eigentlich selbstverständlich, ist es aber nicht.

Nur von mir sprechen

Es ist schwer, bei mir zu bleiben und nur von mir zu sprechen. Wir neigen dazu, über andere zu sprechen und uns mit ihnen zu beschäftigen. Natürlich gibt es Konflikte, die mit anderen zu tun haben. Aber auch da gilt: Sprich von dir und deinem Part: was dir daran schwer ist, was es mit dir macht, und nicht davon, was ein anderer tut oder tun müsste. Sonst wird der Austausch ein unkeusches Reden über andere, das Stimmung macht, Bilder baut und echte Gemeinschaft verhindert. Verändern können wir immer nur uns selbst, niemals den anderen.

Regelmäßigkeit entlastet

Im "Kleinen Prinzen" antwortet der Fuchs auf die Frage, wie Freundschaft entsteht: "Du musst sehr geduldig sein... Wenn du z.B. immer um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein." Treue und Verbindlichkeit spielen eine wichtige Rolle bei der Frage, ob ich mich wirklich einlassen kann und mich traue, Persönliches und möglicherweise auch Unangenehmes an- und auszusprechen. Vertrauen und Vertrautheit können leichter wachsen, wenn ich weiß, dass wir uns immer wieder treffen. Regelmäßigkeit entlastet. Wir müssen dann nicht immer unsere Neigung befragen, ob wir gerade dazu in der Stimmung sind.

Behutsamkeit mit dem Gehörten 

Am Ende jeden Austausches ist es hilfreich, wenn einer alles Gesagte im Gebet Gott zurückgibt und es seiner Fürsorge anvertraut. So entlasten wir uns von falscher Verantwortung, etwas für andere lösen zu müssen. Es gibt aber auch Augenblicke, in denen ein Schmerz oder eine Wahrheit so aufbrechen, dass wir den anderen damit nicht allein lassen dürfen. In dieser Situation können wir fragen, ob wir für ihn bzw. sie beten dürfen. Dabei bleibt wichtig, dass wir die Person und ihre Not vor Gott bringen und keine Lösung nach unserer Überzeugung herbeibeten. 

Wir haben verabredet, über das, was im Austausch gesagt wird, Vertraulichkeit zu wahren und darüber nicht mit Dritten zu reden. In der inneren Ordnung unserer Gemeinschaft heißt es: "Das Austauschen und Mitteilen von Herzensdingen stärkt die Gemeinschaft. Neugier, Kontrolle und unzeitgemäßes Reden zerstören den Vertrauensraum unter uns. Wahrheit und Keuschheit schaffen einen Vertrauensraum. Niemand sollte dauerhaft ohne Austausch leben."

Von

  • Friederike Klenk

    gehört mit ihrem Mann Hermann seit 1972 zur OJC-Gemeinschaft. Im Priorat der Kommunität. Sie ist Seelsorgerin, Mentorin für Assoziierte und gefragte Referentin

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