Der große Plauschangriff

Wenn Wahres zur Ware wird: Rundgang durch Heliopolis

von Ralf Fischer

Ein ganz gewöhnlicher Tag in Heliopolis. Auf einer Litfasssäule in der Innenstadt hat Conny ein Plakat aufgehängt. Darauf steht, dass sie heute mit ihrem Schatz Eheringe gekauft hat. Zwar nicht ihre Lieblingsmodelle, aber dafür hat sie mit ihrem Schatz ausgehandelt, dass ihr Kind einen zweiten Vornamen bekommt, wenn es denn geboren wird. Ein paar Fußminuten weiter sitzt eine Gruppe Menschen in einem Schaufenster. Wer von den Vorbeihetzenden sich einen Moment Muße gönnt, kann hören, wie eine junge Frau im rosa Pulli dem Gastgeber Oliver Geissen gesteht, dass sie diesen dumm guckenden Mädchen einfach eine auf die Fresse hauen müsse. Im Schaufenster gegenüber hockt eine pausbäckige Blondine in Ringelsocken auf einem braunen Sessel und fragt via Video-Blog, was für ihre 30 Millionen Zuschauer der perfekte Liebesakt sei. "Schreibt mir Kommentare, schickt mir Nachrichten", sagt sie und fügt mit erhobenem Zeigefinger an, "aber nicht solche, die ich nicht vorlesen soll, weil ich werde sie in der nächsten Episode vorlesen!" 

Der öffentliche Mensch

Willkommen in Heliopolis, der Sonnenstadt, in der auch der letzte Winkel ausgeleuchtet ist. Heliopolis - ehemals Zentrum des ägyptischen Atonkultes und ihm, dem Sonnengott, geweiht - ist heute eine boomende Megacity, nicht aus Stein, sondern unzähligen Milliarden Pixeln im Internet. Allein ihre bekanntesten Viertel, die Onlinepoesiealben Facebook und Myspace, sollen über 400 Millionen Bewohner haben, mehr als die Offline-Bewohner der USA und unserer Republik zusammen. Die Bewohner leben Bereiche ihres Lebens hinter gläsernen Fassaden, zeigen mal mehr, mal weniger. Wer sich in Heliopolis eingebürgert hat, wird ein ständiger Bekenner, ein Zurschausteller seiner Selbst, ein öffentlicher Mensch. 

Das Private zerbröckelt zunehmend als Relikt der analogen, wirklichen Welt. Sein Ende wäre ein totalitärer Alptraum. Nicht umsonst setzt das Grundgesetz die Würde des Menschen über alle anderen Grundrechte. Sie unterscheidet ihn von einem bloßen Herrschaftsobjekt. Genau seine Würde wäre in Gefahr, hätte der Mensch keinen Einfluss mehr darauf, wer was über ihn weiß. Das Bundesverfassungsgericht begründete deshalb 1983 das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. "Das Grundrecht gewährleistet die Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen", heißt es in dem Urteil. Das haben wir noch nicht vergessen - und niemand muss auf StudiVz bekennen, dass er Liberaler ist, Marx liest, auf Partys gern ein Glas zu viel trinkt, bei Siemens ein Praktikum macht und auf der Suche nach einer Beziehung ist. 

Warum aber offenbaren das dennoch so viele? Und immer mehr. Gehört es zum Chic des selbstbestimmten Individuums, seine Selbstbestimmtheit dem Exhibitionismus zu opfern? 
Niemand mag von Exhibitionismus reden. Stattdessen heißt es schönfärberisch "Eigen-PR" oder "Impression-Management". Soll heißen: Jeder stellt sich so vorteilhaft dar, wie er eben kann. So sammeln immer mehr Menschen im Selbstschlussverkauf "Freunde" auf Foren wie Facebook oder StudiVz, die ihre Freundschaft mit einer virtuellen Umarmung demonstrieren.

Der veröffentlichte Mensch 

Bei Eigen-PR und Impression-Management denken wir an eine sichere und überlegte Datenpreisgabe - wie auf einem Schulhof, auf dem jeder in der Ecke stehen, sich zu einer Gruppe gesellen und dabei einigermaßen anonym bleiben kann. Doch wir rechnen nicht mit dem Sog der Selbstdarstellung: die Strukturen von Heliopolis verleiten die Bewohner dazu, sich auf dem Pausenhof auf eine Orangen-Kiste zu stellen und allen Anwesenden von gestern Nacht zu erzählen. Die Stadt ist gierig auf Intimes. Sie wurde darauf abgerichtet, schon lange bevor sich das World-Wide-Web 1993 über die Erde spannte. Bereits in den 60er Jahren startete ein Mann namens Phil Donahue in den USA ein neues Fernsehkonzept: die Daily Talkshow. Auch in Deutschland plaudern seit den Neunzigern Max Mustermann und Lieschen Müller vor der Kamera über Familienzwist, Schicksalsschläge und Sex. Das Private und Intime ist die attraktivste Ware auf dem Marktplatz der Aufmerksamkeit. 

Was noch vor wenigen Jahren Politiker und Zuschauer empörte, ist mittlerweile akzeptiert. Selbst das Voyeur-Eldorado Big Brother hat den Charme des Skandalträchtigen eingebüßt und fristet inzwischen ein Mauerblümchen-Dasein in der Medienlandschaft. Container-Bewohner lassen sich beim Duschen filmen - wen interessiert das? Haben wir doch alles schon mal irgendwo gesehen. Ja: der Fluch von Heliopolis ist das Abstumpfen, die schnelle Gewöhnung an das Ungewöhnliche. Ein Teufelskreis: öffentlich gemacht brisant Privates ist im nächsten Augenblick bereits langweilig. Also wird weitergegraben, immer tiefer, immer hungriger. Heliopolis frisst sich selbst auf. "Es ist zu hoffen, dass irgendwann, wenn alle Abtreibungen und Seitensprünge gestanden wurden, im Netz endlich wieder erholsame Stille einkehrt", spottete jüngst DIE ZEIT. Das wird aber noch dauern, denn die willigen Plauderer stehen Schlange, um sich ausquetschen und ausnutzen zu lassen.

Der entäußerte Mensch

Und warum? Weil der Mensch muss. Das Bedürfnis sich mitzuteilen liegt tiefer als der Wunsch, einen guten Eindruck zu machen. Über Kommunikation definiert der Mensch seinen Wert. Das Bild, das man von sich hat, ist wertlos, wenn es isoliert bleibt; es muss in Beziehungen getestet werden. Der eine erkennt sich durch einen anderen - nicht anders als die Frau im Abendkleid vor dem Spiegel, die ihrem Partner die unvermeidliche Frage stellt: "Seh ich gut aus?" Natürlich sieht sie, dass sie gut aussieht, aber erst mit der Zustimmung von außen wird es für sie zu einer akzeptierbaren Wahrheit. 
Nun haben aber die Abrissbirnen der gesellschaftlichen Umwälzungen unserer Epoche gerade die geschützten Räume für solche Selbstvergewisserung eingeebnet oder zugeschüttet. Der radikal individualisierte Mensch der Postmoderne hat sich seiner alten Bindungen entledigt. Er entwirft sein Selbstkonzept und gestaltet seinen Lebensentwurf autonom. Seine Freiheit ist grenzenlos - aber auch haltlos. 

Die Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem ist tief in unserem kulturellen Bewusstsein verankert. Im antiken Griechenland unterschied man sehr genau zwischen dem Haus: Oikos und der Stadt: Polis. Der Oikos ist der Raum der individuellen Freiheit, in dem sich das Ich als Person an und durch seine Nächsten entfaltet und formt, der Raum für Beziehung und Muße. Als Geformter tritt er dann in die Polis, den Raum des Handelns hinaus. Wenn aber der Oikos entwertet und verödet ist, bleibt dem Menschen nur noch die Polis als Ort der Ichfindung. Die Konsequenz: Der sich selbst unbekannte Mensch preist seine Person als Ware auf dem Marktplatz an und erhält als Tauschwert eine imaginäre,  medienvermittelte Anerkennung. "Präsenzgesellschaft", nannte dies der Medienphilosoph Klaus Wiegerling: "Nicht das Reifen eines Gedankens ist die Sache unserer Tage, sondern sich schnell zu artikulieren, spontan und laut zu sein, wo immer wir uns gerade aufhalten." Folglich können wir als selbstwertlose Individuen auch nur Wertloses in die Polis tragen. Wir haben einander zwar nichts mehr zu sagen, reden aber trotzdem ständig und pausenlos.

Der veräußerte Mensch

Es ist eine Illusion und ein gefährlicher Trugschluss zu glauben, das Private wäre auf dem öffentlichen Forum gut aufgehoben. Denn auch in Heliopolis gibt es Mächtige, und die wollen kein Podium bieten, sondern quotenträchtige Storys haben. In den Talkshows wurden und werden wildfremde Kandidaten aufeinandergehetzt. Fliegen nicht genügend Fetzen, werden sie einem Tribunal von gnadenlosen Zuschauern vorgeführt. "Schutz wird nicht geboten, noch nicht einmal da, wo der 40 Jahre ältere Ehemann einer 19jährigen Frau von einem extra aufgepeitschten Publikum als  'Kinderficker' beschimpft wird", klagte der Psychologe Colin Goldner schon vor zwölf Jahren. Den ausgepressten und ausgeschlachteten Kandidaten dämmere es nach der Show, dass sie "viel zu viel oder viel zu Intimes preisgegeben, sich und andere auf's Beschämendste entblößt oder zum Narren gemacht haben". 

Heliopolis hat sich seitdem verändert. Im Web gibt es keine Headhunter, die Schicksale casten. Es gibt keine Moderatoren, die vorführen, ausquetschen und bloßstellen. Heliopolis organisiert sich demokratischer. Gleich und brüderlich sind die Bewohner deshalb aber noch lange nicht. Die offenbarte Person bleibt auch hier Ware. Kühl kalkuliert hat ein Facebook-Account einen Wert von 14 Euro. Ein Mensch, seine Daten, seine Beziehungen - alles wird in Nutzungsmuster und Vorlieben verrechnet und später mit Direkt-Werbung bombardiert. 
Auch im Internet ist die Öffentlichkeit kein diskret-rücksichtsvoller Ort für intime Informationen. Wer sich dort präsentiert, verliert schnell die Kontrolle über seine Daten, denn das Netz vergisst nicht - und jeder hat Zugang. So hatte sich spontan eine Art Stasi von Facebook-Nutzern formiert, die Jagd auf Jérôme Kerviel machte, nachdem dieser zuvor mutmaßlich 4,5 Milliarden Euro der Bank Société Générale verspekuliert hatte. Die selbsternannten Ermittler pflügten durch seine Xing- und Facebook-Accounts, zerrten alles, was sie fanden, ans Licht und stellten den so Umzingelten an den virtuellen Pranger. Der eine oder andere wird, so der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar in einem Interview, seine Freizügigkeit später verfluchen. Beseitigen lassen sich unliebsame Datenspuren inzwischen übrigens gegen Entgelt von Reputations-Agenten mit Zahnpastalächeln. Die Information bleibt eine Ware: diskreter Datenschutz für diskreter gewordene Heliopolisbewohner kostet 150 Euro im Jahr.

Der eingebundene Mensch

Dabei könnte die Stadt so schön sein. 
1793 veröffentlichte Johann Gottlieb Fichte seine philosophische Rede über die "Zurückforderung der Denkfreiheit". Aus Angst vor Verfolgung publizierte er sie in einem fiktiven Verlagsort und nannte ihn "Heliopolis, im letzten Jahre der alten Finsternis." Seine Sonnenstadt ist ein politischer Traum. Helligkeit erleuchtet das Dunkel am fürstlichen Hof - der Mensch wird zum Bürger, der am Staatswesen partizipiert. In diesem Heliopolis gibt es große Foren, auf denen politische Themen ausgehandelt werden und eine echte öffentliche Meinung entstehen kann. Der Traum Fichtes ist sicher kein utopisches Hirngespinst. Auch das Internet hätte die Mittel, Heliopolis zum demokratischsten aller Orte auf der Welt zu machen. Zu einem Ort, an dem jeder am Diskurs teilhat, aus seinem Oikos tritt und in der Polis handelt. 
Berthold Brecht träumte davon in seiner Radiotheorie: Jeder Radioempfänger ist auch ein Sender. Eine solch ausgewogene politische Öffentlichkeit bedarf aber geistiger Substanz. Ein Mensch, der seinen Selbstwert nur über die Präsenz in Heliopolis definiert, wird kaum mehr als banale Selbstzentriertheit beizutragen haben. Davon kann die Gesellschaft nicht leben. "Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen", schrieb Brecht. "Ein Mann, der etwas zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat." 

Die Identität - nicht der Warenmehrwert, sondern der wahre Mehr-Wert - des Menschen ist für die Öffentlichkeit der Polis ein Nährwert. Was nähren soll, braucht Zeit, Pflege und Schutz. Solche Leben formende Substanz wird nicht in der Öffentlichkeit geschaffen; sie wächst und gedeiht in den Beziehungen und in der Stille des Oikos.

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