Reden über das Unaussprechliche. Das Erfolgskonzept der Anonymen Alkoholiker

Rebekka Havemann befragt eine AA-Freundin

Wie bist du bei den Anonymen Alkoholikern (AA) gelandet? 

Das war vor fast 20 Jahren. Wieder einmal hatte ich mir schon früh am Morgen etwas Hochprozentiges einverleibt, um überhaupt aufstehen zu können. Irgendwie schaffte ich es dennoch, jemanden anzurufen, der auch sofort kam und mich zum Arzt schleppte. Von dort wurde ich wieder weggeschickt. Während mein Begleiter auf mich wartete, entdeckte er am Schwarzen Brett die Meetingliste der Anonymen Alkoholiker - und noch am selben Abend saß ich in dieser Runde.

Was ist dir davon in Erinnerung geblieben?

Dass da 15 Leute waren, die mich in ihre Mitte nahmen, ohne dass ich mich bedrängt fühlte. Was ich damals über Alkoholismus erfuhr, hatte ich vorher noch nie gehört. Das wichtigste war: "Alkohol ist eine Krankheit. Hinfallen, das kann jedem passieren - Aufstehen, das kannst du hier mit uns lernen." Wie frei und offen sie von sich und ihren Problemen reden konnten, hat mich sehr beeindruckt. Da war zum Beispiel eine junge, gutgekleidete Frau, die mit leiser Stimme von der Zeit erzählte, als es ihre größte Sorge gewesen war, heimlich die vielen leeren Flaschen verschwinden zu lassen. Und nun war sie schon ein Jahr ohne Alkohol - das wollte ich auch schaffen!

Wie läuft so ein typisches AA-Treffen ab?

Der Gruppensprecher eröffnet das Treffen, oder Meeting, wie wir das nennen, indem er sich selbst mit Vornamen und dem Zusatz "ich bin Alkoholiker/in" vorstellt und dann die Präambel der AA verliest. Nach einer kurzen Besinnungszeit wird die Rednerliste eröffnet. 
Manchmal ist ein Thema vorgegeben, über das geredet wird, z.B. Demut oder Ehrlichkeit oder auch pragmatische Fragen: Wie gehe ich mit den Weihnachtstagen um? Was mach ich, wenn ich zu einer Party eingeladen bin? Jeder hat die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen. Immer geht es dabei um persönliche Erfahrungen, niemals darum, gute Ratschläge zu verteilen oder einen Vorredner zu kommentieren. Dabei werden auch ganz persönliche Sorgen, Nöte oder Ängste ausgesprochen. Sinn ist es, unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen.
Wenn ein Neuer da ist, bekommt das Meeting allerdings einen anderen Schwerpunkt. Dann erzählt jemand, der schon lange dabei ist, seine Lebensgeschichte. Damit wird dem Neuen die Möglichkeit gegeben, sich einzulassen und sich zu identifizieren.

Wie ist es für dich weitergegangen?

Ich ging jeden Tag in ein Meeting. Die Faustregel lautet: in den ersten 90 Tagen 90 Meetings. Zum Glück lebte ich in einer Stadt, in der es an jedem Abend ein Meeting gab. Dort traf ich einen Arbeitskollegen, der mein Sponsor wurde und mir über die schwierigen Klippen der ersten Monate hinweghalf.

Wer oder was ist ein Sponsor?

Eine Person meines Vertrauens, die schon eine längere Strecke ihres Genesungsweges zurückgelegt hat und mit der ich alles besprechen kann, was mich beschäftigt. Einem Neuen versucht der Sponsor, die 12 Schritte nahezubringen und ist auch derjenige, der korrigiert oder Fehlverhalten anspricht. Jeder von uns - auch wer schon lange dabei ist - sollte einen Sponsor haben.

Welche Rolle hat der Austausch in den Meetings auf deinem Weg gespielt?

Die Alkoholsucht dreht sich im Kern ständig darum, die Fassade aufrechtzuerhalten. Auch ich habe als Süchtige so ein Doppelleben geführt, damit auf Arbeit bloß keiner mitkriegt, wie es mir wirklich geht. Das hat mich einsam gemacht. Als ich im Meeting den anderen zuhörte, war mir, als würde ich in einen Spiegel gucken - die hatten die gleichen Probleme wie ich! Und sie redeten sogar darüber! Irgendwann habe auch ich gelernt, meine Probleme beim Namen zu nennen. Ich spürte, dass ich geschützt war und mich keiner verurteilt.
Und außerdem machte ich die erstaunliche Erfahrung, dass der akute Trinkzwang, der sich am Anfang besonders dann einstellte, wenn ich Probleme und inneren Druck hatte, sofort aufhörte, wenn ich mit jemandem offen darüber reden konnte. Und zwar mit jemandem, der auch suchtkrank ist und mein Erleben von innen her versteht. Deshalb hat jeder von uns auch eine Liste mit allen Telefonnummern der anderen AAler und weiß, dass wir uns gegenseitig Tag und Nacht anrufen können, wenn so eine Situation entsteht. "Bevor du das erste Glas hebst, hebe den Hörer" ist einer unserer Leitsätze. Das habe ich nach anfänglicher Scheu auch genutzt.

Wie entsteht dieser Schutzraum, den du gespürt hast? 

Zum einen dadurch, dass alle wissen: Wir sitzen im gleichen Boot. Wir alle haben Genesung nötig. Zum anderen gibt es Regeln: 1. Wir fallen einander nicht ins Wort und 2. Wir sprechen nur von uns selbst. Jedes Meeting wird mit dem Hinweis auf die Anonymitätsregel geschlossen: Wen du hier siehst und was du hörst, lass es hier!

Wie lernt man es denn, sich zu öffnen? 

Auf jeden Fall in ganz, ganz kleinen Schritten. 
Die alten AAler sagen: Komm erstmal mit deinem Hintern ins Meeting, Kopf und Herz kommen dann schon nach. Das heißt, erstmal körperlich anwesend sein und zuhören, um dann irgendwann fähig werden, selbst zu reden. Das, was die anderen dir vorleben, ist die beste Schule. Ich habe mich nie getraut, vor anderen über mich selbst zu reden, obwohl ich viele Gedanken im Kopf hatte. Mein Sponsor hat mich dann ermutigt: Probiere es! Tu einfach mal so, als ob du schon reden könntest. Und dann konnte ich es tatsächlich.

Die typische Eingangsformel bei AA lautet: Ich bin XY, ich bin Alkoholikerin. Ist es dir nicht schwergefallen, das so unverblümt auszusprechen?

Das ist mir sogar sehr schwer gefallen. Am Anfang bin ich oft nur mit dem Vorhaben ins Meeting gegangen, wenigstens einmal zu sagen "Ich bin Alkoholikerin." Das hat über ein Jahr gedauert. Aber ich wusste, das ist das "Zauberwort". Wann immer ich es geschafft habe, mich vor anderen zu meiner Wirklichkeit zu stellen, war das ein kleiner Sieg. 

Besteht bei so viel Offenheit nicht die Gefahr von Abhängigkeit oder emotionalem Missbrauch?

Doch, natürlich. Ich habe es auch schon mehrmals erlebt, dass sich Beziehungen unter AAlern ungut entwickelten. Verhindern kann man das nicht, aber wenigstens immer wieder thematisieren. Es gibt deshalb auch die Empfehlung, dass Frauen wenn möglich Frauen als Sponsoren haben und Männer eben Männer. Der Sponsor muss sehr umsichtig sein und wiederum im ehrlichen Gespräch mit seinem Sponsor die eigenen Verhaltensmuster durchleuchten, um zu erkennen, ob es zu einer abhängigen Beziehung zwischen ihm und der ihm anvertrauten Person gekommen ist. 
Für mich war es hilfreich, dass mein Sponsor immer wieder betont hat: Prinzipien gehen über Personen. Das heißt, ich musste lernen, vom beliebten oder rhetorisch sehr begabten Redner wegzusehen auf die Prinzipien, die der Genesung zugrundeliegen.

Ist es nicht sehr belastend, so viel über die Probleme anderer zu hören? 

Wenn ich Dinge höre, die mich sehr belasten oder auch positiv sehr aufregen, lege ich sie am Morgen in meiner Stillen Zeit Gott vor. Wenn das nicht reicht, um mich wieder zu beruhigen, ist eine innere Inventur fällig, denn dann hat das meistens mit mir selbst, mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Es ist wichtig, dass ich dabei versuche, alte und neue Geschichten zu trennen und richtig einzuordnen, damit mich Emotionen wie Groll und Ärger nicht unter Druck bringen. Wenn auch dies nicht genügt, spreche ich mit einem Menschen darüber, zu dem ich Vertrauen habe.

Wie kannst du sicher sein, dass die anderen das, was du ihnen erzählst, schützen?

Letztendlich gibt es keine Garantien; Vertrauen muss man wagen. Ich habe keine Kontrolle über andere Menschen. Wenn ich mich aber über Gebühr mit diesem Gedanken beschäftige, bin ich nicht mehr bei mir selbst und gebe dem anderen Macht über mich. Inzwischen ist in mir eine große Gelassenheit gewachsen, dass mir niemand wirklich schaden kann, selbst wenn er die Anonymitätsregel verletzt.

Schlägt sich deine "Meeting-Erfahrung" im Alltag nieder? 

Ich habe zuhören gelernt. Meine Menschenkenntnis hat sich vertieft; ich spüre, ob jemand echt ist oder nicht und kann bei Auseinandersetzungen besser zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Person und Sache unterscheiden. Dadurch bin ich nicht mehr so leicht zu verletzen oder durch Stimmungsmache zu manipulieren. Jetzt fällt es mir auch leichter, meine eigenen Schwächen humorvoll einzugestehen.
Letztlich würde ich sagen, dass ich mich durch das intensive Hören und Reden im Meeting selbst kennengelernt habe und das ist ein guter Schlüssel im Umgang mit anderen Menschen.   

Die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker (AA), zu der weltweit mehr als ¬1 Million Menschen gehören, wurde 1935 in den USA gegründet. Inspiriert wurde sie von der christlichen Oxford-Bewegung
Die 12 Schritte der AA (das Blaue Buch) sind die geistigen Grundsätze und dienen zur Veränderung der Persönlichkeit. Die 12 Traditionen beschreiben und regeln das Leben innerhalb der AA-Gruppen. Weitere Infos unter www.anonyme-alkoholiker.de

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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