Bruder Mate hütet Geheimnisse

Austausch auf Argentinisch

von Ute Paul

Ich brauche dich, Freund

Ich brauche dich, Freund, ich brauche dich.
Lange werden wir reden 
und ich werde wissen, dass ich bin.

Der Schatten deiner Arme ist mir Zuflucht,
im Licht deiner Augen sehe ich anders.
Deine gelassenen Worte zerstreuen
meine Zweifel, wie sanfter Regen, 
der mich benetzt.
Mein Lärmen und Eifern 
kommt bei dir zur Ruhe
und meine noch tastenden Schritte
hinterlassen feste Spuren.

Ich brauche dich, Freund, ich brauche dich.
Lange werden wir reden 
und ich werde wissen, dass ich bin.
Bruder Mate hütet unsere Geheimnisse,
Hände reichen und nehmen ihn
auf seinem warmen Pfad.

Ich brauche dich, Freund, 
um in langen Nächten die Stille zu teilen,
das Morgenrot zu erwarten.

Ich brauche dich, Freund, wenn die Freude 
von innen hervorquillt, heiter und tief. 
Ich brauche dich immer, 
weil sich das Leben mit Freude füllt, 
wenn man es teilt.
                                   Mabel Quinteros

Der Maulbeerbaum wirft dichten Schatten. Wohltuend, bei der heißen Sonne. Zwei Stühle, ein Wasserkessel, ein Mategefäß, zwei Frauen. Mabel hat eine weite Reise hinter sich. Jetzt sitzt sie mit mir in unserem Garten und wir tauschen uns aus. 
Zunächst ohne Worte. Der Mate macht´s möglich. 
Wer nach Argentinien oder in eines der anderen südlichen Länder des Kontinents kommt, wird nicht lange darauf warten müssen, in eine Mate-Runde eingeladen zu werden. Bitter und rauchig wird es am Anfang schmecken. Das Ritual noch fremd. Alle trinken aus einem Gefäß mit einem Saugrohr, ohne viel Aufhebens. Der Cebador teilt aus und behält alles im Blick: dass das Wasser nicht zu heiß und nicht zu kalt ist, dass jeweils wieder nachgefüllt wird und dass der Aufguss schäumt. Niemand darf übersehen werden. Wer den Mate gereicht bekommt, macht eine Redepause. Das Geschehen läuft ruhig und gesammelt, immer reihum, fast wie ein Kreistanz. Wer später hinzukommt, darf mittanzen. 

Eine Lebensspur, die berührt

Mabel und ich sind nur zu zweit, aber auch zu zweit greift die Entschleunigung, die zum Matetrinken notwendig ist. Langsame Bewegungen, langsame Worte. Schmecken und die Kehle hinunterlaufen lassen. Reichen und gereicht bekommen. Hin und her. 
Mabel ist zwanzig Jahre älter als ich und fast ebenso viele Zentimeter kleiner. Ihr Haar ist schlohweiß, aber unverbraucht funkeln ihre Augen. Vom Kämpfen weiß sie viel, "geht nicht" kennt sie nicht. Sie ist eine von fünf Geschwistern, der Vater verschwand, die Mutter kämpfte sich durch, Mabel ebenfalls. Gegen Wind und Wetter. Sie kämpft seit 50 Jahren. In ihrer Jugend in der katholischen Jugendbewegung, dann als Lehrerin, später im Instituto de Cultura Popular, das an der Grasnarbe unter der argentinischen Landbevölkerung für Gerechtigkeit, Selbstversorgung und für das Wiedererstarken traditionellen Wissens arbeitet. Als Rentnerin übernahm sie den Aufbau eines Zentrums für Landrechte. Sie fährt auch heute noch täglich mit dem Fahrrad acht Kilometer aus der Stadt zu einer indianischen Kolonie. In ihrer Schwesternschaft ist sie für ihre Liebe zur Bibel bekannt. Mit Jugendlichen liest sie darin und steckt sie an mit ihrer Sicht vom Reich Gottes. Wenn sie nicht redet, singt sie eigene Verse zu Folklore-Liedern. Mabel ist eine Frau, deren Lebensspur mich berührt und ermutigt, es ihr nachzutun. 

Der Mate kommt und geht. Wir schweigen. Sie war auf unzähligen Reisen, hat sich ereifert, gelitten an der Trägheit der Entwicklungen, an der Korruption der Behörden. Hier bei mir im Garten will sie einfach nur sein. Ich warte. Es wird still zwischen uns. Im Schweigen hat das Leben Platz und nichts Menschliches muss verborgen werden. Atem und Herzschlag, Mut und Wut, Freude und Erwartung, Gestern und Morgen, Leben und Tod. Der Mate kommt und geht.

Ein Fest für Mabel

Mabel beginnt zu reden. Sie habe ihren Verwandten in einem Brief geschrieben, wie sie sich den Tag ihrer Beerdigung vorstellt. Man solle ein Tanzfest veranstalten. Alle sollen in bunten Kleidern kommen. Wer von dem Fest nach Hause ginge, solle fühlen, dass sich das Leben lohnt und sich ihres gelohnt habe. Daraufhin haben sie entsetzt zurückgeschrieben und gefragt, ob sie ihnen eine schwere Krankheit verheimlicht hätte. Selbst ihre Beteuerung, es gehe ihr hervorragend, hätten sie nicht geglaubt. Gar nichts haben sie verstanden. "Und du?" fragt sie mich, "Verstehst du, was ich meine?" 

Ich reiche ihr den Mate. Grün und schaumig, warm und wohltuend. Beim Zuhören habe ich mir das Fest für Mabel vorgestellt. "Wunderbar, so ein Fest! Ich wäre gerne dabei!" Sie lächelt und schweigt. Der Mate füllt die Pause aus. Nach zwei Stunden reist sie weiter. 
Ich brauche dich, Freundin. Lange werden wir reden und schweigen. Ich werde wissen, dass ich bin.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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