Übungsfeld Frauen-WG

von Carmen Mareike Naumann

Als ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der OJC entschied, dachte ich: "Dieses Jahr mache ich mit links - immerhin habe ich mich bei den Kennenlerntagen gut erholt und fand auch die Gemeinschaft echt super." Wenige Wochen nach meinem Einzug auf Schloss Reichenberg sah das schon ganz anders aus.

Die Realität

Der Platz in unserer Frauen-WG war sehr knapp, noch nicht einmal ein eigenes Zimmer hatte ich. Das stellte mich vor noch nie dagewesene Probleme. Zum Beispiel war das Schlafverhalten meiner Zimmernachbarin recht unterschiedlich zu meinem. Während ich eine Frühaufsteherin und zudem ziemlich laut bin, mochte es Katharina, vor allem an den Wochenenden, ein bisschen länger zu schlafen. Auch abends wurde es kritisch, wenn die eine schon schlafen wollte, die andere aber noch Licht oder Musik an hatte.

Die Explosion

Viel mehr störte mich allerdings das Chaos, das oft in unserer WG herrschte. Ich kann es nicht leiden, wenn Wäsche oder Geschirr ewig herumstehen und sich keiner dafür verantwortlich fühlt. Höchstens zwei bis drei Wochen hielt ich die Unordnung aus und schluckte meine Wut darüber hinunter, bis ich explodierte und in einen "Aufräumwahn" verfiel. Mit gewaltigem Ärger habe ich dann geputzt und geräumt und dabei den anderen gesagt, was sie meiner Meinung nach alles falsch machen. Bei einem daraus entstandenen Streit sagte eine Mitbewohnerin: "Du benimmst dich hier wie eine Mutter mit erhobenem Zeigefinger!" Das saß! Diese Aussage hat mich getroffen, rüttelte mich auch wach, denn so hatte ich mich selbst nie gesehen und so wollte ich auf keinen Fall sein. Ich dachte immer, dass ich ein sehr kommunikativer Mensch sei, der sich mitteilen und anderen auch die Meinung sagen kann. Aber dass meine Art, "kommunikativ" zu sein, nicht immer vorteilhaft ist und ich damit sogar echtes Gespräch und wirkliche Begegnung verhindern kann, hätte ich nicht gedacht. Ich habe, auch durch die Gespräche mit meiner Mentorin, nach Wegen gesucht, aus dieser "WG-Mutter-Position" wieder herauszukommen. Ich musste lernen, meinen Ärger nicht so lange mit mir herumzuschleppen und trotzdem die anderen selbst sehen zu lassen, was getan werden müsste. Und wenn ich sie an etwas erinnerte, galt es, das auf eine Art zu tun, die nicht verletzend ist.

Die Entdeckung

Das Aufräumen war nicht das einzige, was für Streitpotential sorgte. Auch die Art und Weise des Streitens stand uns des öfteren im Weg und hat uns richtig aneinandergeraten lassen. 

Einen Abend habe ich dabei noch gut in Erinnerung. Es war Mittwoch. Mittwoch war für uns alle immer ein anstrengender Tag: Ich hatte in der Schlossbackstube 3 kg Mürbteig verarbeitet, Johanna hatte die Kleinkinder in der Krabbelgruppe betreut, Katharina den ganzen Tag im Büro gesessen und Nelli plagte sich mit der Teenkreisvorbereitung. Außerdem hatten wir ausgerechnet den Mittwoch zu unserem Putztag auserkoren. Und am Abend fand unser wöchentlicher WG-Abend mit den Mitarbeitern statt - sehr oft schafften wir es, uns davor noch so richtig in die Haare zu kriegen.

An diesem besagten Mittwoch hatte ich mich mit Johanna über eine Kleinigkeit heftig gestritten. Während des WG-Abends sprachen wir zwar ein wenig darüber, aber trotzdem spürten wir alle vier, dass noch etwas unausgesprochen im Raum stand. Nach dem offiziellen Teil des Abends kamen wir ganz ungeplant in ein gutes Gespräch. Wir tauschten darüber aus, wie wir Streit von zu Hause gewohnt sind, was wir dabei übernommen und welche Erfahrungen wir beim Streiten mit unseren Eltern, Geschwistern und Freunden gemacht haben.

Mir fiel dabei auf, dass ich zwar in der Lage bin, anderen meine Meinung zu sagen, aber kaum, ihre Meinungsäußerungen über mich auszuhalten - davor bin ich immer geflüchtet. Diese "Flucht" geschah entweder äußerlich, indem ich beleidigt, verschreckt oder wütend den Raum verließ, oder innerlich, indem ich einfach abschaltete. Mittlerweile weiß ich, dass ich mich hinter diesem Muster versteckt habe und dass es nicht fair dem anderen gegenüber ist, wenn ich mitten im Streit einfach abhaue. Bevor wir an diesem Abend ins Bett gingen, formulierte jede für sich ein Ziel in Hinsicht auf das Streiten. Am Ende haben wir noch zusammen gebetet.

Es war nicht immer einfach, aber ich habe mich seitdem in jeder Auseinandersetzung dazu durchgerungen, den andern ausreden zu lassen, ihm zuzuhören und wirklich im Raum zu bleiben. In den Mentorengesprächen konnte ich diese Situationen Revue passieren lassen und auch Gespräche mit meinen Mitbewohnerinnen haben mir geholfen, mein "Muster" nachhaltig zu ändern.

Ich glaube, dass unser nächtliches WG-Gespräch uns alle verändert hat. Seitdem konnten wir Probleme offener ansprechen und auch nach einem Streit darüber reden, wie es uns damit ging. Auch mein Vater, der nichts von unserem Gespräch wusste, gab mir einige Zeit später die Rückmeldung, ihm sei aufgefallen, dass ich mich verändert hätte: ich würde nicht mehr bei jedem Streit davonlaufen, sondern Konflikte viel besser aushalten.

Die Bewährung

Im Frühjahr meines FSJ-Jahres starb mein Opa. Das erschütterte mich sehr. In dieser Zeit, in der es mir sehr oft sehr schlecht ging, waren meine WG-Mitbewohnerinnen für mich da, haben mich getragen und ertragen, und großes Feingefühl bewiesen. 

Vor der Beerdigung hatte ich große Angst. Um rechtzeitig zur Beerdigung zu kommen, musste ich morgens sehr früh losfahren. Meine Mitbewohnerinnen standen alle mit mir auf, was ein großes Opfer war. Sie sprachen einen Reisesegen über mir. Eine von ihnen brachte mich noch zum Bus und holte mich auch abends wieder vom Zug ab. Das war bei allem Schmerz über den Tod meines Opas eine gute Erfahrung, weil ich merkte, dass sich zwischen uns tragfähige Beziehungen entwickelt haben, die auch dann halten, wenn es mir nicht gut geht.

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