Die Armen haben mich verändert

Begegnungen auf der Schattenseite des Lebens

Angela Ludwig fragte Steffen Stiehl

Du warst 2002/3 im Jahresteam der OJC. Gibt es eine Lebensmaxime, die du mitnehmen konntest?

Ja, den Satz von Bonhoeffer: Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll. Jetzt, wo ich ins Berufsleben starte, füllt sich dieses Wort mit Leben. Ich möchte die ­Gaben, die mir gegeben sind, so einbringen, dass sie anderen zugute kommen. Perspektive gab mir auch der Auslandseinsatz in Kroatien. Die Begegnung mit diesem kriegsgebeutelten Land* machte mir bewusst, dass ich Chancen habe, die andere nicht haben.

Was war der Anlass Eures Einsatzes?

Wir haben mit einheimischen Jugendlichen einen Baueinsatz in einem Gemeindezentrum gemacht; ­außerdem ein Flüchtlingsaltenheim besucht, mit den Leuten gesprochen, Essen verteilt, gesungen. Die Flüchtlinge leben seit dem Krieg dort. Bei vielen fing der Lebensabend schon mit 35 an, sie konnten einfach nicht zurück in ihre Gebiete, weil sie ethnisch unerwünscht sind. Das war für mich eine krasse ­Erfahrung und hat existentielle Fragen ausgelöst. 

Wie bist du damit umgegangen?

Ich wollte besser verstehen und bin noch einmal für ein Jahr nach ÄŒakovec gegangen und habe bei Hilfe konkret mitgearbeitet: akute Flüchtlingshilfe leisten, Transporte mit Hilfsgütern fahren, Essensversorgung organisieren. Mit der Zeit hat sich unsere Arbeit in strukturierte Diakonie, Gemeindeaufbau und Evangelisation gewandelt. (Siehe auch S. 205) Mein Schwerpunkt war Jugendarbeit - mit einer neuen Generation etwas tragfähig Neues aufbauen. Dabei sind intensive Beziehungen entstanden.

Sind Freundschaften geblieben?

In diesen Tagen fahre ich zur Hochzeit eines Freundes wieder dort hin. Es ist jedes Mal wie ein Nachhausekommen. Die Gastfreundschaft ist eine besondere Gabe der Kroaten, ihre Offenheit umwerfend. Es wird alles aufgetischt, was da ist, der Gastgeber ist erst zufrieden, wenn du kugelrund wieder rausrollst. Obwohl sie materiell gesehen nicht viel haben, fahre ich immer als der Beschenkte heim. Diese Freude am ­Geben und Teilen nötigt mir großen Respekt ab.

Gab es etwas, womit du sie beschenken konntest?

Viele haben sich riesig gefreut, als sie mitbekamen, dass ich mich für ihre Kultur interessiere, dass ich ­ihre Sprache lerne. Die Kroaten sind gewohnt, dass sie Sprachen lernen müssen, um mit Menschen aus dem Ausland in Kontakt zu kommen.

Wie kam es zu deinem Sprung nach Mexiko?

Ich habe Internationale Projektierung studiert, eine Fachrichtung im Maschinenbau. Teil des Studiums war die spanische Sprache. Da ich sie vernünftig ­lernen wollte, lag es nahe, in ein Land zu gehen, in dem Spanisch gesprochen wird. Den Ausschlag für Mexiko gaben meine Spanischlehrerin, die Kontakte dahin hatte, und Saúl Cruz, mit dem ich drei Internationale OJC-Baucamps gemacht habe.

Nach zwei Jahren Studium ging ich 2006/7 nach ­Puebla - etwa zwei Stunden von Mexiko-City entfernt. Saúl besuchte mich ab und zu, alle drei bis vier Wochen war ich für ein verlängertes Wochenende bei ihm. So habe ich Armonia kennengelernt. Saúls ­Eltern haben diesen Dienst an den Armen vor 25 ­Jahren gegründet, um der unvorstellbaren sozialen Not in dieser Megastadt etwas entgegenzusetzen. (Siehe auch S. 193) Sie ermöglichten mir Einblicke, die ich ohne sie nie bekommen hätte.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Ich bekam Zugang zu Menschen, die wirklich im Elend leben, weil ich Saúl in die Slums begleiten konnte. Armonia unterhält dort Community-Center. Sie bieten den Menschen, vor allem den Familien, Hoffnungsperspektiven und Bildungsangebote und wollen verändernd auf das soziale Umfeld einwirken, so dass langfristig auch die Infrastruktur verbessert wird, Straßen gebaut, Abwasserleitungen gelegt, ­Arbeitsplätze geschaffen werden.

Wie hast du die Armut erlebt?

Die Armen haben mich verändert
Die Offenheit und die Gastfreundschaft der Armen in Mexiko machten einen nachhaltigen Eindruck auf Steffen Stiehl.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Mexiko wesentlich weiter auseinander als in Kroatien. Mexiko-City ist ein Moloch, in dem der Apple-Store und Ferrarihändler nicht weit vom übelsten Slum angesiedelt sind. Die sozialen Extreme knallen hier aufeinander. Zwischen erster und dritter Welt besteht aber eine unsichtbare Grenze.

Ich habe angefangen zu verstehen, dass das Problem der Armut in erster Linie eines der Ausgrenzung ist, auch der Ausbeutung und Perspektivlosigkeit und des mangelnden Selbstbewusstseins. Wenn man versteht, dass das Armut bedeutet, dann versteht man auch, dass es nichts bringt, Armen einfach Geld zu geben, um sie aus ihrer Situation zu befreien. Das ist ein Aspekt, aber um wirklich etwas zu verändern, braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der alle ­diese Armutsfaktoren mit einbezieht.

Was hast du gelernt von den Armen?

Dass diese Menschen verglichen mit mir wirkliche Probleme haben. Sonntags in den Gebetsgemeinschaften haben die Teilnehmer sie vor Gott ausgesprochen: Der eine Sohn ist in Drogen verstrickt, ein anderer hängt mit Banden herum, dieser liegt im Sterben, die und die bekommt ein Kind und ist noch so jung, sie weiß nicht, wie sie die Entbindung ­bezahlen soll - alles existenzielle Nöte.

Auf der anderen Seite die Fröhlichkeit der Leute! Ein Kommilitone in Puebla meinte einmal: Ihr Deutschen müsst total glücklich sein, euch geht es gut, ihr lebt im Wohlstand! Ich habe kurz nachgedacht und gemerkt, dass wir keinesfalls glücklicher sind, eher unzufriedener. Natürlich gibt es auch Arme, die nicht fröhlich sind. Aber ich traf viele, die mit ­wesentlich weniger wesentlich zufriedener sind.

Saúl und Pilar Cruz sind Freunde und Projektpartner der OJC. Was hat dich an ihrer Arbeit beeindruckt?

Ihr Engagement ist einfach faszinierend. Sie sind für die Menschen wie ein Leuchtturm im Dunkeln, an den sie sich halten können. Was sie tun, bringt echte Veränderung. Ich habe großen Respekt vor ihrer Dienstbereitschaft. Sie lassen Leute bei sich mitleben, ziehen auch Menschen mit durch, von denen sie später enttäuscht werden. Sie geben ihr Herzblut, ohne zu wissen, ob sich das lohnt oder nicht. Sie sind ein Vorbild für mich. Wir gehen mit bedürftigen Menschen oft bis zu einem gewissen Punkt mit, aber wenn sie uns nerven oder uns zu viel kosten, steigen wir aus. Sie fangen hier oft erst an.

Hat Mexiko dein Leben verändert?

Jede Begegnung in den Slums war ein stummer Schrei für mich: Wir sind arm, weil du reich bist. Das hat niemand formuliert, auch nicht als verdeckte Anklage. Aber einfach diesen Zusammenhang zu ­begreifen: Ich komme aus einem extrem reichen Land und habe nichts dafür getan. Diese Leute leben in extremer Armut und haben auch nichts dafür getan. Mein Wohlstand funktioniert nur, weil es hier so aussieht. Das ist eine Anfrage an mich! Sie hat meine Sicht auf Geld und Reichtum verändert. Ich hörte in Mexiko: Du bist reich, wenn du weißt, was du am nächsten Tag zu essen hast und acht Stunden schlafen kannst.

Wenn ich mein Gehalt als Student im Praktikum mit anderen Gehaltsempfängern in Deutschland vergleiche, liege ich eher am unteren Ende. Wenn ich es im Weltmaßstab vergleiche, bin ich superreich, ich kann tun, was ich tun möchte, muss mir um nichts wirklich Sorgen ­machen und kann mir auch den Luxus leisten zu reisen.

Was kann ein reiches Land von einem ärmeren lernen?

Wir denken oft, wir haben der Welt viel zu geben, zu ­exportieren. Dabei haben wir sehr viel zu importieren. Wir kranken beispielsweise an Beziehungsarmut. Das ist etwas, was wir von ärmeren Ländern lernen können: Gastfreundschaft. Offenheit. Herzlichkeit. Ansteckende Lebensfreude. Ich habe in Mexiko oft gehört es tu casa!, mein Haus ist dein Haus. Du kannst kommen, wann du willst, du gehörst zur Familie. Das würde ich höchstens einem sehr, sehr guten Freund sagen. Als ich einmal in Mexiko-City in dem riesigen Busbahnhof saß, sprach mich ein junger Mann an und sagte, er habe an der Uni einen Kurs mit mir belegt. Seine Mutter war auch dabei und nach fünf Minuten Gespräch meinte sie, wenn du mal nicht weißt, wo du schlafen kannst, komm zu uns! Ich hatte diesen Studenten nie wahrgenommen und er kannte mich nur vom Sehen... Das sind Erfahrungen, von denen wir nur lernen können.

Was hat sich an deinem Leben seit deiner Rückkehr verändert?

Wir haben auch bei uns Armut und Ausgrenzung von Menschen, die vielleicht komisch riechen oder sich nicht strukturiert verhalten können. Ich möchte diese unsichtbare Grenze überschreiten, diesen Menschen mit dem Respekt und der Liebe begegnen, die ich anderen selbstverständlich entgegenbringe. Aber ich habe gemerkt, dass es nichts bringt, das aus schlechtem Gewissen oder einem Ideal heraus zu tun. Ich brenne aus, wenn meine Haltung nur der Liebe entspringt, die von mir selbst kommt. Das habe ich bei Familie Cruz gesehen: Sie leben aus einer Liebe, die nicht aus ihnen kommt. Ohne ihre geistlichen Quellen könnten sie ihr soziales Engagement nicht mit dieser Hingabe und Treue durchtragen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal