Die dunkle und helle Seite des Geldes

Impulse aus biblischer Sicht

Die persönlich gefärbte Ansprache über Armut und Reichtum in unserem alltäglichen Leben hielt der lateinamerikanische Theologe Dr. René Padilla anlässlich eines Freundestreffens in Reichelsheim.

Ich bin gekommen, um mit euch einige Unterschiede zwischen eurer und meiner Heimat zu teilen. Wir waren sieben Kinder. Unser Vater, ein Schneider, hatte es schwer, die Familie durchzubringen. Wir alle haben durch Gottes Güte eine Ausbildung erhalten, einige sogar einen Doktortitel. Ich bin sozusagen ein "Produkt" der Kraft des Evangeliums, das unser Familienleben sehr verändert hat.

Geld als Gefahrenquelle

Das System, in dem wir leben, setzt den Wert des Mate­riellen absolut. Was zählt, ist die größtmögliche Steigerung des Gewinns. Aus der Bibel wissen wir, dass der Materialismus keine Grundlage für unser Leben sein kann, wir können nicht zugleich Gott und den Mammon anbeten. Dem Reichtum wohnt eine eigenartige Macht inne: Er errichtet einen Altar in uns und verleitet uns zum Götzendienst. Welche ungeheure Macht von ihm ausgeht, wird in den reichen Ländern oft nicht wahrgenommen; dabei sitzen wir längst in der Reichtumsfalle und der Götzendienst hat sich in unseren Herzen breit gemacht. Damit wurde ich in meinem Leben als Pastor immer wieder konfrontiert.

Arme Eltern - reiches Erbe

Durch Gottes gute Führung konnte ich studieren. Das Geld für die Überfahrt in die USA wurde mir geliehen, ich erhielt ein Stipendium und jobbte während des Studiums. Allmählich wurde mir bewusst, dass die Ausbildung, die ich genoss, ein Kapital ist und Einfluss bedeutet. Die Frau, die ich geheiratet habe, hat ebenfalls eine sehr gute Ausbildung. Ihre Familie pflegte einen asketischen Lebensstil, denn der strenge und sparsame Vater gab nur aus, was ausgegeben werden musste. Der bescheidene ­Lebensstil der Herkunftsfamilien war eine unserer ­Gemeinsamkeiten.

Dann starb der Vater meiner Frau. Er hatte viel gespart. Plötzlich waren wir reich. Was sollten wir mit dem Erbe anfangen? Wir dachten daran, es den Armen zukommen zu lassen, wussten aber, dass es gefährlich ist, ihnen einfach Geld zu schenken - ohne die notwendige Liebe und Verantwortlichkeit. So kam das Geld vorerst auf ein Sparkonto und brachte Zinsen. Irgendwann merkten wir, dass es mehr wurde, je länger wir es hatten. Wir baten Gott im Gebet, uns zu zeigen, wofür wir es einsetzen sollten, denn wir selbst brauchten es nicht. Schließlich haben wir es in den Dienst der Kairos-Arbeitsgemeinschaft* gestellt.

Mit Geld kann man viel tun. Uns wurde klar, dass Geld auch eine dunkle Seite hat. Wer Geld besitzt, kommt schnell zu noch mehr, weil er andere ausbeuten, manipulieren und von sich abhängig machen kann. Wer das Geld hat, diktiert die Bedingungen. Und er ist der Versuchung ausgesetzt, immer mehr haben zu wollen. Und wer viel hat, kann immer mehr bekommen. Die größte Versuchung für einen reichen Menschen besteht darin, Gott zu vergessen, denn das Geld wird sein Gott.

Eigendynamik des Wohlstandes

In 5. Mose 8 ergeht eine Warnung an das Volk Israel, als es im Begriff ist, ins Gelobte Land - damals ein modernes Wohlstandsland - einzuziehen. Die der Sklaverei entkommenen ­Israeliten werden zur Achtsamkeit aufgefordert: Wenn ihr nun in das Land des Überflusses kommt, werdet ihr versucht sein, Gott zu vergessen und anzunehmen, dass ihr all euren Besitz selbst erworben habt. Schnell nimmt der Reichtum den Platz Gottes in unserem Leben ein, wenn wir - oft ganz unbewusst - unser Vertrauen in das setzen, was uns an Mitteln und Möglichkeiten zur Verfügung steht.

Den Armen bringt das Evangelium eine gute Nachricht. Es spricht ihnen zu, dass das Reich Gottes ihnen gehört, dass Gott auf ihrer Seite steht: Vertraut ihm, er nimmt sich eurer Nöte an! Nur die Armen können beten: "Unser ­tägliches Brot gib uns heute." Die Reichen brauchen dieses Gebet nicht, denn sie können gut selbst für ihre Bedürfnisse sorgen. Doch auch den Reichen bringt das Evangelium eine frohe Botschaft. Es weist ihnen nämlich den Weg aus der Abhängigkeit und Gefangenschaft des Geldes - in die Freiheit.

Vom Reichtum freigesetzt

Wie dieser Weg aussieht, möchte ich am Beispiel von Lukas 19,1-10 betrachten. Zachäus war Steuereintreiber und reich. Allerdings war er ein armer Reicher, denn er war reich geworden, weil er andere ausnahm. Seinen Reichtum verdankte er der Ausbeutung des eigenen Volkes. Er war zwar wohlhabend geworden, aber alles andere als beliebt. Er stand im Dienste der Herren aus Rom.

Wir in der Dritten Welt fragen oft nach den Gründen für unsere Armut. Im Alten Testament ist eine Menge darüber zu finden. Als Hauptursache wird Ausbeutung genannt. Sie ist nicht der einzige Grund, aber der häufigste. Wenige Menschen haben ihren Reichtum ­geerbt oder ihn sich hart erarbeitet.

Manchmal hört man bei uns, die Armen seien arm, weil sie faul sind und arbeitsscheu. Ich glaube das nicht. Als ich Kind war, haben mein Vater und meine Mutter oft die ganze Nacht durchgearbeitet und trotzdem blieben wir arm. Dagegen kenne ich genug wohl­habende Leute, die nicht arbeiten. Vor einigen Jahren bot ein Mann uns seine Hilfe im ­Kairos-Büro an, er sei auf der Suche nach _einer sinnvollen Tätigkeit. Ich freute mich über sein Angebot und beschäftigte ihn in unserer Bibliothek. Aber er war so etwas von faul! ­Eines Tages erzählte mir seine Frau, er sei ­Millionär und das sei sein Problem. Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der Menge der Arbeit, die einer tut, und der Größe seines Reichtums.

Auch ihr im reichen Westen seid Teil des ausbeuterischen Systems, selbst wenn ihr euch dessen nicht bewusst seid. Die Ausbeutung der Armen geschieht heute im globalen Ausmaß. Ihr und ich profitieren davon. Aber selbst wenn unser Reichtum das Ergebnis von harter Arbeit ist, sind wir herausgefordert, uns zu fragen, welchen Stellenwert das Geld in unserem Leben hat. Wir müssen unser Herz immer wieder prüfen, inwieweit wir unsere ­Sicherheit am Besitz festgemacht haben und Gott uns unwichtig geworden ist.

Folgenreiche Begegnung

Was wollte Zachäus von Jesus? Vielleicht war er nur neugierig, vielleicht aber wusste er, dass er in moralischer Hinsicht sehr arm war, dass ihn die Leute verachteten. Womöglich quälte ihn auch das Gewissen. Auf jeden Fall wollte er Jesus sehen! Er wollte es so unbedingt, dass er wie ein kleiner Junge auf einen Baum kletterte. Den Rabbi einzuladen, hätte er nie gewagt. Jesus selbst lud sich bei ihm ein - und brach damit ein Tabu. Er handelte immer unkonventionell; meistens zog es ihn zu den Armen und Hungrigen und er wusste, dass Zachäus nach Hoffnung hungerte. Hier wird uns vor Augen geführt, dass das Evangelium den Armen und den Reichen gleichermaßen gilt, den Sündern und jenen, an denen sich andere versündigen. Jesus lädt sich bei beiden ein!

Die Antwort von Zachäus ist nicht überliefert, sehr wohl aber die Folgen, die diese Begegnung für sein Leben hatte. Ob Jesus mit ihm über Umkehr sprach? Ob er Bemerkungen über seinen Lebensstil machte? Jedenfalls muss er an seinen wundesten Punkt gerührt haben: die Ausbeutung. Zachäus‘ Reue und Umkehr sind tief. Echte Umkehr bedeutet immer die radikale Umstellung des Lebensstils, einen Wechsel des Herrn, einen Wechsel der Loyalität. Viele glauben heute, ihr Lebensstil sei Privatsache und habe nichts mit ihrem Christsein zu tun.
Bei Zachäus folgt der Reue ein öffentlicher Akt der Wiedergutmachung. Obwohl das jüdische Gesetz nicht die vier­fache Rückerstattung von Gestohlenem vorschreibt, war er bereit, die von ihm Geprellten so zu entschädigen. Das meint Jesus, wenn er sagt, dass dem Haus des Zachäus Heil widerfahren ist, dass Leben in Fülle eingekehrt ist. Überfließendes Leben ist etwas völlig anderes als Überfluss an materiellen Gütern.

Vom Segen und Sich-Geben

Die Macht des Geldes kann sehr zerstörerisch sein, uns und andere kaputt machen. Es kann aber auch dem Guten dienen. Wir können unseren Wohlstand in den Dienst an den Ärmeren stellen. Wenn wir Geld im Gehorsam gegenüber Gott weitergeben, werden wir als erste davon profitieren und selbst reich gesegnet sein. Dazu bedarf es nicht nur der Bereitschaft zu teilen, sondern auch der Weisheit, denn es ist nicht egal, wie wir unser Geld geben.

Wir haben als Kairos-Gemeinschaft ein Projekt ins Leben gerufen, das es armen Familien ermöglicht, sich kleine Häuser zu bauen und in einem würdigen Zuhause sich ihrer eigenen Würde gewahr zu werden. Die Menschen erhalten Hilfe zur Selbsthilfe. Wir geben ihnen nicht einen Fisch, sondern lehren sie fischen. Wenn wir Geld in nicht angemessener Weise weitergeben, können Menschen entwürdigt oder sogar ruiniert werden.Es ist ein biblisches Grundprinzip, dass Menschen wichtiger sind als Geld. Wichtiger noch als Geld zu ­geben, ist es, uns selbst zu geben. Das will gelernt sein. Wichtiger als Menschen mit Geld zu helfen, ist, ihnen zu ihrer Gott geschenkten Würde zu verhelfen. Wir müssen gut bedenken, wie wir geben, wohin wir geben, wann wir geben. Für unseren Umgang mit Wohlstand, Armut und Geld brauchen wir viel Weisheit - Weisheit von Gott.

Von

  • René Padilla

    Dr., Theologe und Pastor, lebt in Buenos Aires. Beim Lausanner Kongress 1974 fand sein Appell, die so­ziale Dimension des Evangeliums ernst zu nehmen, starken Widerhall. 1976 gründete er die Comunidad Kairos. In Partnerschaft mit der OJC hat er über 30 Jahre hinweg Hilfsprojekte, Baueinsätze, Bibelwochen und ­Tagungen durchgeführt.

    Alle Artikel von René Padilla

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