Gott lässt sich nicht lumpen

Rechnen mit dem himmlischen Wechselkurs

von Hermann Klenk

Müssen wir Gott eigentlich Rechenschaft über unser Geld geben? Ist es von Belang, was ich gebe, was ich ­zurückbehalte? Gehört das Thema nicht eher an die Börse als ins Gotteshaus?

Es sind im Evangelium mehr Aussagen Jesu über das Geld überliefert als über Himmel und Hölle. Im Markusevangelium wird beschrieben, wie Jesus wenige Tage vor seiner Festnahme an den Stufen des Tempels nahe am Opferkasten sitzt und das Geschehen beobachtet: ­Einige reiche Leute legten viel ein. Eine arme Witwe legte zwei Kupfermünzen im Wert von zwei Cent ein. Da ruft er seine Jünger zu sich und sagt: "Glaubt mir, ich sage euch, diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten geworfen als alle anderen. Denn alle anderen haben gegeben, was sie übrig hatten. Sie aber hat alles gegeben, was sie in ihrer Armut noch besaß. Sie gab ihr ganzes Leben." (Mk 12, 41-44)
Am ­Beispiel der Witwe will er seinen Jüngern klarmachen: Gott möchte nicht etwas von uns, nicht ein paar Prozent von dem, was wir haben. Er will uns ganz, er will, dass wir alle Bereiche unseres Lebens, einschließlich Geld und Gut, Ihm anvertrauen - so wie diese Frau, die ihre ganze Existenz in seine Hand gelegt hat.

Ist solch ein Vertrauen vernünftig? Ist es nicht eher leichtsinnig, alles aus der Hand zu geben? Ist diese Frau, eine Witwe, nicht selbst eine ­Bedürftige, die Hilfe in Anspruch nehmen muss?! Jesus sieht es anders: Diese arme Witwe lebt bereits das, was er seinen Nachfolgern beibringen möchte: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen, was ihr trinken sollt und womit ihr euch kleidet - euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht. (Mt 6,31) Jesus möchte seinen Jüngern die Augen öffnen für diesen sorgenden Vater, dem man sich in allen Situationen ganz anvertrauen kann.

Befragen wir unser Herz: Vertraue ich darauf, dass Gott wirklich weiß, was ich brauche? Glaube ich, dass er mich im Blick hat, mich kennt und dafür sorgt, dass ich nicht zu kurz komme? Ein solches Vertrauen muss immer neu aufgebracht werden und sich in der Nachfolge bewähren. Meine Frau und ich haben diese Übung konkret machen dürfen.

Wo Gott ruft, sorgt er

Nach zehn Berufsjahren als Architekt bin ich Anfang der 70er Jahre mit meiner Frau und zwei kleinen Kindern in eine Lebensgemeinschaft von Christen gezogen, um mitzuhelfen, dass junge Menschen zu einem lebendigen Glauben und einer starken Identität finden können. Von nun an lebten wir wie alle anderen Mitarbeiter von einem bescheidenen Taschengeld. Was wir besaßen, brachten wir ins gemeinsame Leben ein, auch unsere schöne Holzküche.
 
Als wir nach Jahren die Wohnung wechseln mussten, überließen wir die eingebaute Küche den Nachfolgern und nahmen mit jener vorlieb, die wir in der neuen Wohnung vorfanden. Das war ein echtes Loslassen. Jahre später zogen wir erneut um - in eine Wohnung ohne Küche. Was nun? Sollen wir unsere "eigene" zurückholen? Ausbau und Einbau wären ein Riesenaufwand und unser Problem würden wir der anderen Mitarbeiterfamilie aufbürden, die selbst ohne Küche gekommen war. Wir erwogen, Freunde zu bitten, uns beim Kauf einer Küche zu unterstützen. Schließlich aber ließen wir die Küche, wo sie war und beschlossen, unser Bedürfnis nur vor Gott zu bringen. Hatte nicht Er uns vor 38 Jahren gerufen? Wir wollten darauf vertrauen, dass Er weiß, was wir brauchen; vielleicht war es für uns dran, richtig "arm" zu sein...

Wenige Tage später kam ein Anruf: Ein Ehepaar, das ins Ausland ging, hatte eine schöne Holzküche zu verschenken, inklusive Geräte. Wieder einmal erlebten wir Gott als fürsorg­lichen Vater, der uns sieht und hört. Warum machen wir Christen in Europa nur so selten solche Glaubenserfahrungen? Könnte es sein, dass uns oft der Mut fehlt, wie die arme Witwe,­ "alles" zu geben?

Wir alle kennen die Begebenheit mit dem prächtigen, ehrbaren, frommen jungen Mann. Jesus sah ihn an und hatte Freude an ihm. Ja, er liebte ihn auf Anhieb, schreibt Lukas 18: Ein Mensch, dem das Reich Gottes das Wichtigste zu sein scheint. Jesus sagte zu ihm: "Das ist wunderbar, dass du mir folgen willst. Verkaufe alles was du hast, gib es denen, die in Not sind, dann hast du einen Schatz im Himmel. Dann komm und geh mit mir meinen Weg." Dem jungen Mann stockte der Atem - und er ging traurig und enttäuscht weg, denn, so heißt es, er war sehr reich. Er wollte ja Gott dienen, aber beim Geld hörte es auf: Er war fasziniert von Jesus, aber er hatte nicht geahnt, was ihn die Nachfolge kosten würde.

Geld an sich ist weder gut noch böse. Entscheidend ist der Platz, den wir ihm einräumen. Wenn es nicht unter die Führung Gottes kommt, wird es zum Götzen "Mammon" und besetzt jenen Platz in unserem Leben, der Gott gehört. Geld ist der mächtigste, mit Gott rivalisierende Götze, von dem wir unser Glück, unsere Sicherheit und unsere Zukunft - sogar den Wert der Menschen abhängig machen. Wir stehen immer in Gefahr, vom Geld abhängig zu werden, voller Angst, es wieder zu verlieren. Wie das bepackte Kamel, das nicht durch die hohle Gasse des "Nadelöhrs" kommt, vermögen wir nicht an der Freiheit der Kinder Gottes teilzuhaben, weil wir uns an eine falsche Sicherheit klammern.

Sich halten, an das, was hält

Gott geht es um unser ungeteiltes Herz! Jesus sagt: Wo euer Schatz ist, ist euer Herz. Einen Freund, der als Geschäftsmann viel verdient und auch großzügig spendet, habe ich einmal gefragt, was ihm Geld bedeute. "Geld und Besitz üben eine große Faszination aus, aber ich würde heute vieles nicht für eine Million ­hergeben: z.B. bestimmte Freundschaften oder die Liebe meiner Kinder. Dreimal stand ich schon an der Schwelle des Todes, und jedes Mal spürte ich: Du kannst keinen Euro mitnehmen. Die Endlichkeit meines Lebens hat mein Verhältnis zum Geld verändert." Auf die Frage, nach welchen Kriterien er sein Geld investiert, antwortete er: "Ich verstehe mich als Gottes Haushalter. Was ich aufgebaut habe, gehört ihm. Ganz! Hundertprozentig! Er hat es mir zur Verfügung gestellt, damit mein ­Leben gelingt und darüber hinaus das Leben vieler anderer. Geld hat für mich den Wert der Freude, die ich anderen damit mache!"

Den Wert des Geldes bestimmen nicht die ­Ziffern auf dem Schein oder auf der Aktie; wir selbst messen ihm den Wert bei, den es für uns hat. Für diesen Freund hat es den Wert der Freude, die er anderen damit bereitet.

Entscheidend ist also, ob wir uns als Haushalter Gottes verstehen, dem alles gehört und dessen Reichtum wir verwalten. Leben wir im ­Bewusstsein, dass wir unser Geld, Haus, Bankkonto, dass wir alles - Leben, Kraft, ­Gesundheit - aus seiner Hand empfangen? Mit dem Ziel, dass durch mein Leben auch das anderer gelingen kann.

Die himmlische Währung

Dem reichen Jüngling wird die Bedeutung des Geldes erst bewusst, als er aufgefordert wird, es wegzugeben. Erst, wenn wir eine große Summe weggeben, merken wir, wie sehr wir daran hängen. Geld hat eine dunkle Seite: es ist niemals genug, wir wollen immer mehr. Und je mehr wir der Gier nachgeben, desto stärker nimmt die Sucht zu raffen und zu ­horten uns gefangen. Geld hat aber auch eine helle Seite: die Freiheit und die Freude, es zu teilen und zu verschenken. Diese helle Seite kann sich nur entfalten, wenn wir das Weg­geben üben. Erst im Geben wächst der Reichtum, den wir mit Geld nicht erwerben können. Eine kleine chassidische Geschichte zeigt, wie der himmlische Wechselkurs berechnet wird:

Bauer Jossele fragt den Rabbi, welchen Anteil seines Verdienstes er Gott geben müsse. Der Rabbi fragt zurück: Jossele, wenn du 100 Kopeken hast und gibst 10 Kopeken für Gott, wie viel hast du dann noch für dich?" Jossele rechnet: Mir bleiben 90 Kopeken.Falsch, sagt der Rabbi, es bleiben dir 10 Kopeken. Denn die 90 Kopeken verbrauchst du - die sind weg. Nur was du Gott gibst, bleibt dir in alle Ewigkeit.

Die einzige Währung, die im Reich Gottes gültig ist, ist die Liebe. Was wir in Liebe zu Gott und Menschen investieren, ist unzer­störbar. Mit Geld können und sollen wir Freude machen, Bedürftigen helfen und dazu beitragen, dass Gottes Liebe in dieser Welt sichtbarer, hörbarer, erfahrbarer wird. Bei Gott werden wir immer reicher beschenkt, als wir geben - das ist himmlische Ökonomie. Gott lässt sich nicht lumpen, er segnet das ­Leben derer, die ihm vertrauen und in diesem Vertrauen mit anderen teilen. Er segnet durch neue Beziehungen und Freunde, durch Glück, das wir genießen, und durch geschenkte ­Lebenszeit. Jesus verspricht: Wer um meinetwillen loslässt: Häuser, Geschwister, Eltern, Kinder und Besitz, der wird es im Haushalt Gottes, in der Großfamilie der Christen, hundertfach zurückerhalten: Häuser, Geschwister, Mütter, Kinder, Besitz (Mk 10).

Wann immer wir Liebe investieren, Leben ­fördern, stärken und mit jenen teilen, die es dringend brauchen, beginnt der segensreiche Kreislauf des Geldes.

Von

  • Hermann Klenk

    Architekt und Liturg der OJC-Gemeinschaft. Er ist verantwortlich für den Bau des Mehrgenerationenhauses und gehört zum Gottesdienstteam.

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