Tanz um das Goldene Kalb

Von Finanzkrisen und Rettungspaketen

Predigt zu 1. Joh 2, 15-17

Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. (1. Joh 2,15-17)

Liebe Gemeinde,

Heute möchte ich Ihnen drei kurze Geschichten erzählen: Die erste Geschichte beginnt gut und endet schlecht. Die zweite Geschichte ­beginnt schlecht und endet gut. Und die dritte Geschichte kann und soll gut enden, aber ihr Ausgang ist noch offen.

Vom Börsenboom zum Börsenkrach

Die erste Geschichte lautet folgendermaßen:

Es waren einmal Menschen in einem großen freien Land, die vertrauten einander. Sie gaben einander Kredit. "Kredit", das kommt von ­credo = ich glaube. Sie glaubten an ihre gegenseitige Bonität, an ihre Güte und Verlässlichkeit. Sie liehen einander Geld und zahlten es, wie es sich gehört, wieder zurück.

Mit dem geliehenen Geld kauften sie große Autos und schöne Häuser und nach etlichen Jahren hatten sie durch ihrer Hände Fleiß und durch einen sparsamen Lebensstil alle ihre Schulden wieder abbezahlt. Dann aber wollten nach und nach immer mehr Menschen noch größere Autos und noch schönere Häuser kaufen. Die Banken freuten sich über diese vielen lebenslustigen und gelddurstigen Menschen und sagten: Klar doch, wir geben euch auch dann Kredit, wenn ihr überhaupt kein Eigenkapital habt. Aber ihr müsst verstehen: Das ist ein hohes Risiko für uns, und deshalb müssen wir hohe Zinsen verlangen.

Die Leute dachten: Das macht nichts. Die Immobilienpreise werden kräftig ansteigen, dann können wir so manche Immobilie gewinnbringend verkaufen und diese hohen Zinsen mühelos bezahlen. Dann aber kamen manche Häuslebauer unerwartet in Schwierigkeiten. Einige wurden arbeitslos, andere hatten ihre letzten Reserven verbraucht, die Notenbank erhöhte die Leitzinsen. Auf einmal konnten viele ihre Tilgungsraten und Zinsen nicht mehr bezahlen. Da dachten die gelddurstigen Manager in den Banken: Die Häuser gehören ja im Grunde uns. Wir werden sie gewinnbringend verkaufen oder versteigern. Aber immer mehr Banken wollten immer mehr Häuser verkaufen und versteigern. Da geschah, was geschehen musste: Zur Versteigerung kam niemand. Jedermann sagte sich: Die Immobilienpreise sind am Sinken, ich wäre ja dumm, wenn ich jetzt für teures Geld ein Haus kaufte, ich warte noch ein Jahr, dann wird das Haus billiger. Die Folge war: Die Immobilienpreise fielen in den Keller. Unzählige Häuser standen zum Verkauf und keiner wollte sie haben. Und die Banken ärgerten sich, weil sie nun schmerz­liche Abschreibungen in ihren Bilanzen vornehmen mussten.

Da wurden plötzlich alle ganz schön miss­trauisch. Ja, sogar die Banken wurden miss­trauisch gegeneinander und liehen sich untereinander kein Geld mehr. Und als einige ­große traditionsreiche Banken sogar pleite gingen, weil sie irgendwann überhaupt kein flüssiges Geld mehr hatten und nur noch rote Zahlen schrieben, da kam der große Fluss des Geldes unerwartet ins Stocken. Das Gift der vor sich hinfaulenden Kredite aber verbreitete sich über die ganze Welt. Die Menschen gerieten weltweit in Panik. Sie zogen ihre Gelder von den Banken ab und die Aktienkurse stürzten dramatisch in die Tiefe. Innerhalb einer Woche waren Billionen von Euro und Dollar und anderen Währungen verbrannt. Und so mancher dachte im Stillen: Jetzt verstehe ich, was der Ausdruck "schnelles Geld" bedeutet: Man kriegt es nicht nur schnell, man verliert es auch erstaunlich schnell! Und wer sich in der Bibel auskannte, sagte sich: Der 1. Johannesbrief hat offenbar recht, wenn er feststellt: Die Welt vergeht in ihrer Gier, die Welt vergeht mit ihrer Lust.

Die Regierungen der betroffenen Staaten aber kamen zusammen und sagten zueinander: Das Wichtigste in der Wirtschaft ist wohl doch nicht das ungezügelte Gewinnstreben des Einzelnen, sondern etwas, was wir in seiner grundlegenden Bedeutung unterschätzt haben: nämlich das Vertrauen zueinander. Deshalb wollen und müssen wir als Vertreter des Staates Vertrauen stiften. Wir gewähren den Banken Kredit. Wir bürgen für sie. Da erholten sich die Aktienkurse wieder ein ­bisschen, aber das Vertrauen der Menschen in die Finanzwelt war nachhaltig erschüttert.

Das ist also die erste Geschichte, die gut ­beginnt und schlecht endet.

Aus der Depression in den Aufschwung

Nun kommen wir zur zweiten Geschichte, die umgekehrt schlecht beginnt und gut endet. Es ist eine gänzlich andere und viel ältere ­Geschichte. Sie steht auf einem anderen Blatt, oder besser gesagt, sie steht in einem anderen Buch. Sie geht folgendermaßen: Auf einem Planeten lebten Menschen, die miss­trauten einander im Tiefsten. Argwöhnisch beobachteten sie sich gegenseitig. Skepsis und Misstrauen verdunkelten ihr Herz. Sie misstrauten übrigens auch ihrem Urheber, ­ihrem Schöpfer. Eine Schlange hatte ihnen eingeflüstert, dass man ihm, dem Schöpfer der Welt, nicht trauen könne. Er sei vermutlich missgünstig und raffiniert. Er sei, so habe man den Eindruck, wie ein gieriger Investor, der erstmal großzügig Kapital zur Verfügung stellt, aber dann Wucherzinsen von seinen Schuldnern verlangt und viele in die Arbeitslosigkeit entlässt.

So waren die Menschen zutiefst misstrauisch gegeneinander. Und es kam zu schlimmen Geschichten: Ein Brudermord geschah. Ein Turm gegen Gott und für die Menschen sollte gebaut werden, aber dieser Turm erwies sich auch als eine faule Immobilie, die die Vertrauenskrise unter den Menschen nur weiter vorantrieb. Kriege wurden geführt. Menschen wurden ausgebeutet und versklavt. Die Menschenwürde wurde mit Füßen getreten.

Da wurde der Schöpfer der Welt zornig und betrübt, und er überlegte, was er tun solle zur Rettung der von ihm eigentlich so wunderbar geschaffenen Welt. Er sagte sich: Ich muss ­wieder Vertrauen stiften unter den Menschen. Und wie könnte ich besser Vertrauen stiften, als selbst hinunterzusteigen in meine Welt und die Schulden aus eigener Tasche zu bezahlen - mit dem Teuersten, was ich habe. So werbe ich um ein neues Vertrauen, ein neues Vertrauen mir gegenüber, genannt Glaube, und untereinander, genannt Liebe, und der Zukunft gegenüber, genannt Hoffnung.

Ich werde ein Rettungspaket schnüren und es in diese Welt senden. Wer es öffnet, wird ­sehen: Es enthält genau das, was fehlt. Es enthält eine Handykarte, um mit mir und untereinander kostenlos zu telefonieren, es enthält Gutscheine für jeden Tag, die bei mir eingelöst werden können. Es enthält eine umfassende Bürgschaft, die von meinem Sohn übernommen wird, und es enthält drei Lebens-Mittel, die kein Verfallsdatum tragen: nämlich ­Glaube, Liebe und Hoffnung. Viele Menschen nahmen das Rettungspaket dankend und freudig an und atmeten auf, weil ihre Schulden getilgt und ein neues Vertrauen möglich geworden war.

Das war die zweite Geschichte, die schlecht beginnt und gut endet.

Schwankende Kurse...

Und nun die dritte Geschichte! Sie kann und soll gut enden, aber ihr Ausgang ist offen. Die Hauptakteure in dieser Geschichte sind wir selbst. Es ist die Neuauflage der Geschichte vom Goldenen Kalb. Wir müssen uns nämlich immer wieder neu entscheiden: Nehmen wir teil am allgemeinen Tanz um das Goldene Kalb?

Diese Tanzveranstaltung hat ja etwas durchaus Prickelndes: Alle geben ihren goldenen Schmuck her, alles wird zusammengeschmolzen und ein Stierbild wird daraus gegossen. Und dann werden das Gold und die stierhafte Kraft angebetet als das Schönste und Wichtigste im Leben. Es gibt Spaß ohne Limit, eine Party ohne Ende. Jeder kann sich austoben bei diesem Tanz um das Goldene Kalb, jeder kann seiner Lust frönen, so viel er will. Gebote, Werte und Normen spielen keine Rolle. Und selbst wer etwas abseits steht, merkt plötzlich: Man kann mit der johlenden Menge ruhig mittanzen. Man braucht es gar nicht so genau zu nehmen mit der Wahrheit, mit der Liebe, mit der Treue. Man braucht es gar nicht so ­genau zu nehmen mit der Redlichkeit im Beruf und im Wirtschaftsleben. Man braucht es nicht so genau zu nehmen mit der Ehrfurcht vor dem Leben, mit der Ehrfurcht vor dem Göttlichen, mit der Rücksicht auf die, die gar nicht tanzen können, weil sie viel zu schwach dazu sind.

Wir müssen uns immer wieder neu entscheiden: Wollen wir teilnehmen am allgemeinen Tanz um das Goldene Kalb? Folgen wir dieser verlockenden globalen Veranstaltung, die wir tagtäglich im Fernsehen betrachten können? Der 1. Johannesbrief beschreibt sie zwar mit den Worten: Die Welt ist erfüllt von der Gier der Triebe und Sinne, von der Gier der Augen, vom Prahlen mit Geld und Macht.

Aber die Liebe zu dieser Welt macht auch ­großen Spaß, wie man sehen kann. Sollen wir diese von Menschen gemachte Welt also ­lieben, sollen wir uns dranhängen? Sollen wir dieser Einladung folgen, um ja nichts zu versäumen in unserem Leben?

Wer die Bibel kennt, weiß, dass der Tanz um das Goldene Kalb kein besonders gutes Ende genommen hat. Die Prognose für den Ausgang dieser Tanzveranstaltung ist jedenfalls nicht besonders günstig.

... oder sichere Werte?

Was aber ist die Alternative?

Die Alternative ist, gleichsam mit Mose auf den Berg zu steigen, um in der Stille auf Gottes freisprechendes Wort zu hören und seine Gebote zu empfangen.

Die Alternative ist, das Rettungspaket Gottes anzunehmen und wirklich in Anspruch zu nehmen.

Die Alternative besteht darin, den eigenen ­Lebensdurst stillen zu lassen durch Gottes Güte. Die Alternative besteht darin, das eigene Gewinnstreben, die eigene Gier zügeln und bändigen zu lassen durch Gottes Gebote, es einfügen zu lassen in ein menschenwürdiges Maß. Die Alternative ist, vom Berg Sinai wieder hinabzusteigen, um die Gebote Gottes zu erfüllen, um den Mitmenschen zu begegnen in Freundlichkeit und Liebe.

Die Alternative ist auch, mit dem Apostel ­Johannes zum Hügel Golgatha hinaufzusteigen, wo Gott sein Herz in Christus für uns offenbart und geöffnet hat, dort oben das eigene Herz erlösen zu lassen durch Jesu Gnade und Barmherzigkeit und von diesem Hügel der Begnadigung wieder hinunterzusteigen, um den eigenen Schuldnern von Herzen zu vergeben.

Das wäre der Ausgang aus der selbstverschuldeten Schuldenfalle, in die wir geraten sind. Die Alternative wäre der Aufstieg zu Gott aus dem Dunkel ins Licht, und vom Gipfel des Lichts der Abstieg hinunter in den Alltag des Lebens mit einem freudigen und dankbaren und vergebungsbereiten Herzen. Dieser mühsame Aufstieg und dieser mühsame Abstieg, diese mühsame Bergwanderung wird uns dringend empfohlen. Die Prognose für den Ausgang dieser Bergwanderung ist allerdings nach Auskunft des heutigen Predigttextes ­äußerst günstig. Sie lautet: Die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

Amen

Von

  • Stefan Kunz

    Dr., ist Pfarrer der Michaelsgemeinde in Bensheim. Er engagiert sich u.a. im Vorstand des Vereins Evangelisches Exerzitium (Zentrum für geistl. Theologie und christl. Lebensgestaltung, Volkenroda). Mit seiner Frau Janny ist er seit vielen Jahren Wegbegleiter unserer Gemeinschaft.

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