Das letzte Tabu

Das Recht nimmt Eigentümer in die Pflicht.

Ein Kommentar

Eigentum verpflichtet. Donnerwetter! Man mag mich ungebildet nennen, aber ich gebe zu: Ich weiß erst seit Kurzem, dass dieser Satz nicht aus dem Repertoire meiner Oma stammt, sondern aus dem 14. Artikel des Grundgesetzes. Ein Grund­gesetz, das in seinen Grundfesten zutiefst christlich ist - auch etwas, was im Alltag leicht verlorengeht.

Fauler Kompromiss

Wenn Reichtum verpflichtet, stellt sich mir die Frage: wozu? Dazu sagt das Gesetz leider nichts. Deswegen gibt es, wie meist in ­solchen Fällen, eine Menge kluger Abhandlungen, zahlreicher kluger Experten dazu - nur leider keine klare Antwort. Seit ich es ­gewagt habe, mich der Thematik "Reichtum, Armut und soziale Verantwortung" zu stellen, agiert ein "Gesetz" in mir (könnte es womöglich das Gesetzt des Geistes sein, von dem Paulus im Römerbrief redet?), das mir unmissverständlich deutlich macht: Reichtum hin und Verantwortung her - irgend­etwas ist bei uns faul! Faul, weil wir es ­geschafft haben, unter dem Mäntelchen einer Bibelauslegung, die angeblich den Kontext beachtet, so ziemlich jedes Bibelwort zu relativieren, das unseren Wohlstandsglauben in Frage stellt. Jesus sagt: "Wer nicht allem entsagt, kann nicht mein Jünger sein" - ja, ja, aber "allem entsagen" kann doch beim besten Willen nicht wirklich "alles" meinen, oder doch?

Seit ich innerlich alarmiert bin, sehe ich öfter als mir lieb ist wohlmeinende Geschwister, die gerne und sogar viel für hehre Zwecke geben - vorausgesetzt, es beeinträchtigt nicht wirklich ihren Lebensstil. Ich treffe andauernd Christen, die tun, was populär ist, aber nicht mehr fragen, ob es auch richtig ist, weil "richtig" ja so schrecklich relativ und subjektiv ist. Dieselben Menschen können zutiefst angerührt sein von Geschichten über Christen, die ihren Glauben radikal leben. Aber auf die Frage, was sie tun, um selbst so zu werden, hört man, ein solcher Glauben sei nichts für jedermann, sondern nur etwas für "besonders Begabte".

Bequemer Vergleich

Viele dieser Männer und Frauen vergleichen sich gern mit der säkularen Welt. Im Vergleich mit der schneiden sie nämlich bemerkenswert gut ab, weil sie nicht ganz so viel ausgeben, nicht ganz so ausschweifend leben, nicht ganz so banal sind. Aber sie weigern sich, sich am Maßstab Gottes zu messen. Den müssen wir ja auch - ich erwähnte es schon - im Kontext auslegen, und der kann heute bestimmt nicht mehr das meinen, was er schon immer bedeutet hat - oder?

Es gibt so entsetzlich viele Fromme, die dankbar sind für alles, was sie haben, aber weit ­davon entfernt anzuerkennen, dass Jesus seine Nachfolger verpflichtet zuzusehen, dass es anderen genauso gut geht wie ihnen selbst. Gott ist ein wahrhaft wichtiger Teil ihres Lebens, aber offensichtlich nicht wichtig genug, als dass man ihm wirklich jeden Bereich, auch den des Geldes, unterstellt.

Eines weiß ich mittlerweile bestimmt: Das letzte große Tabu unter uns Christen sind nicht die Themen "Sex", "Homosexualität" oder "schreckliche" Süchte. O nein. Über all das können wir mittlerweile gut reden und tun es auch. Das letzte Tabu ist das Geld und unser daran geknüpfter Wohlstand.

Unbequeme Fragen

Fragen Sie doch einmal direkt nach, wie viel Ihr Freund oder Ihre Bekannte verdient... Viel Glück! Werfen Sie doch einmal den Vorschlag in den Raum, sich freiwillig an gewisse Einkommensgrenzen zu halten, dass z. B. der Meistverdienende nicht mehr als siebenmal soviel erhält wie der am unteren Ende der ­Skala. Dieser Vorschlag stammt übrigens nicht von mir, sondern wurde schon in den 50er Jahren in einer von Quäkern gegründeten ­Firma umgesetzt. Einem florierenden Unternehmen übrigens. In diese Gehaltsstruktur waren alle Mitarbeiter des Unternehmens eingeschlossen, vom Lehrling bis zum Geschäftsführer.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass bei mir alles anders ist. Das ist es nicht - aber manches schon. Und ich bin entschlossen, mich weiter an dem zu orientieren, was Gott zu ­diesem Thema zu sagen hat. Oder unser deutsches Grundgesetz: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll dem Wohl der Allgemeinheit dienen."

Wie hat John Stuart Mill, englischer Philosoph und Ökonom, schon im 19. Jahrhundert ­bemerkt: Christen haben die erstaunliche ­Fähigkeit, die wunderbarsten Dinge zu sagen, ohne sie wirklich zu glauben. Ich möchte hinzufügen: Ohne sie wirklich zu tun. So will ich nicht sein.

Aus: Impulse 1/09 unter der Überschrift "Eigentum verpflichtet" mit freundlicher Genehmigung © Campus für Christus e. V., Gießen

Von

  • Judith Westhoff

    hat nach ihrer Ausbildung zum Schauwerbegestalter mit ihrem Mann am Moody Bible Institute "Communications" und Theologie studiert und arbeitet seit 1991 bei Campus für Christus.

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