Geld - Vom ängstlichen Festhalten zum fröhlichen Haushalten

Es ist erst wenige Jahre her, da blätterte der amerikanische Verlegermillionär Christopher Forbes im Londoner Auktionshaus Christie's die Rekordsumme von 400.000 Mark für eine Flasche Wein auf den Tisch. Es war ein "Lafitte" mit dem Stempel J. Th., was soviel bedeutet wie Jefferson, Thomas. Für den berühmten dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika war die Weinlieferung dereinst bestimmt gewesen. Forbes ließ den historischen Tropfen in sein Verlagshaus bringen und dort im Foyer ausstellen: eine nationale Reliquie im bruchfesten Glas, leider jedoch stehend und angestrahlt, so dass eines Tages der Korken durch die Hitze mürbe wurde und in den 200 Jahre alten Wein glitt.

Eigentum ist geliehen

Wer Geld hat, vermag viel zu bewegen - und sei es, sich eine Flasche Präsidenten-Wein zu leisten und dabei ein bisschen wie der Präsident selbst zu fühlen. Geld ermöglicht uns in vielen Dingen Wahlfreiheit und Einflussnahme auf das gesellschaftliche Geschehen.

Im biblischen Kontext wird klar, dass Vermögen und Besitz vom Schöpfer an seine Geschöpfe geliehen sind. Denn mein ist ­Silber und Gold, lässt Gott sein Volk wissen (Haggai 2,8). Und der Psalmist proklamiert es noch umfassender: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darin wohnen (Ps. 24,1). Er, der Schöpfer, ist der Eigentümer, wir sind die vorüber­gehenden Besitzer. Im Neuen Testament wird dieser Horizont weiter präzisiert: Haushalter, Verwalter und Mitarbeiter Gottes dürfen wir sein. Güter, Geld und Gaben sind uns anvertraut, damit wir mit ­ihnen im Sinne des gerechten Ausgleichs verantwortungsvoll wirtschaften (Lukas 12,41-48 und 2. Kor 8,13-15).

Vermögen ist ein Auftrag

Jesus selbst kam aus einfachen Verhältnissen und lebte besitzlos. Immer wieder warnte er seine Jünger vor den Gefahren des Reichtums, forderte aber nicht von allen Nachfolgern radikale Besitzlosigkeit. In seinem Umfeld gab es Menschen, "die ihm dienten mit ihrer ­Habe" (Lk 8,3). Entscheidend war für ihn der Umgang mit den anvertrauten Gütern.

In 1. Timotheus 6, 17-19 gibt uns Paulus ­klare Richtlinien an die Hand, wie Reichtum eingesetzt werden soll: Denen die in der gegenwärtigen Weltzeit wohlhabend sind, gib die Anweisung, dass sie nicht hochmütig sein und ihre Hoffnung nicht auf den unberechenbaren Reichtum setzen sollen, sondern auf Gott. Er ist es, der uns alles großzügig gibt, ­damit wir es genießen können. Sie sollen Gutes tun und reich sein in ihren guten Taten, freigebig sein und auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Dadurch bauen sie sich ein gutes Fundament auf, damit sie dann das Leben ergreifen, auf das es wirklich ankommt (Übers.: Roland ­Werner, Das Buch). Paulus betont die Richtung, auf die es ankommt: auf das Vertauen und das Wohl der ganzen Gemeinschaft.

Geld ist eine Versuchung

Geld an sich ist weder gut noch böse. Aber von Gott und der Gemeinschaft losgelöst neigen Geld und Besitz dazu, sich zu verselbständigen und unsere Hände und unser Herz zu besetzen. "Unsere Herzen haben nur für eine alles umfassende Hingabe Platz und wir können nur an einem Herrn festhalten" (Bonhoeffer). Dass wir eindeutig bleiben und unsere Hände sich immer wieder öffnen, ist nicht selbstverständlich. Die Slogans unserer Zeit und die medialen Transmissionsriemen der Werbe­industrie leiern eine andere Melodie: "Geiz ist geil" (Saturn) oder "Unterm Strich zähl ich" (Postbank). Wir stehen heute mehr denn je in der Herausforderung, uns von diesem atmosphärischen Konsumnebel nicht eindampfen zu lassen. Gekochte Herzen werden klein und schrumpeln.

Wir sind für diese Botschaften so empfänglich, weil Geld und Besitz uns Prestige verschaffen und unsere Person aufwerten. Der Menschenkenner Mephisto sagt in Goethes Faust: "Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte dann nicht meine? Ich renne zu und bin ein rechter Mann, als hätt’ ich vierundzwanzig Beine." Zu den Pferdestärken unter der Haube des Sportwagens ist es dann nicht mehr allzu weit. Entscheidend aber ist nicht der Sportwagen als solcher, sondern die Frage, was wir mit ihm verbinden, was für uns daran hängt.

Mammon - Wer dient wem?

Welchen Stellenwert hat Besitz für uns? Dienen wir dem Mammon oder dient er uns? Mit der Frage, wo unser Schatz im Leben ist, kommen wir unserem Herzen auf die Spur. Was darf uns auf keinen Fall genommen werden? Was darf nicht angetastet werden? An welche Sicherheit hänge ich mich, wenn es eng wird?

Gottes Ringen um die aus den Fugen geratene Welt, die von dem immer größer werdenden Gefälle zwischen Reich und Arm zerrissen wird, ist zuallererst ein Ringen um unser Herz. Erst wenn wir in Verbindung mit ihm leben, Christus den ersten Platz in unserem Herzen gewähren, lernen wir, Menschen mit seinen Augen zu sehen. Dann erkennen wir unsere und ihre wirklichen Nöte und Bedürfnisse und werden fähig, mit einem großmü­tigen Herzen zu teilen. Nicht mehr die Gier, sondern das Trachten nach den wahren, ­unvergänglichen Reichtümern seines Reiches (Mt 6,33) gestaltet unsere Besitzverhältnisse und unser Verhältnis zum Besitz. Nur so wächst in uns innere Freiheit dem Geld gegenüber.

Einfach leben - dankbar genießen

Eine gewaltige Zeit-Analyse hat in diesem Jahr der Querdenker Peter Sloterdijk vorge­legt: "Du musst dein Leben ändern". Trotz komplexer Denkfiguren über Ökonomie und Ökologie ist der Entwurf selbst von bemerkenswerter Schlichtheit. Im Titel klingt das Jesus­wort aus Markus 1,15 an: Kehrt um, ­ändert Euch und Euren Denksinn. Und, wie der Philosoph sein Programm in die Worte "Leben heißt üben" fasst, können wir Christen ergänzen: Neues Leben bedeutet, dass wir mit Jesus üben, für einen Reichtum der anderen Art empfänglich zu werden und zu bleiben.

Der rechte Umgang mit Geld und Gütern will gelernt sein. Wie viel mehr Freude entsteht, wenn wir als dankbar Empfangende das Geschenkte in Besitz nehmen, wenn wir beherzt teilen und gemeinsam genießen? Kind Gottes sein heißt auch, mit Freude genießen können - eine Disziplin, die in unseren Kreisen nicht selten vom traurigen Mehltau eines schlechten Gewissens überzogen ist. Wie viel mehr Freude macht der miteinander genossene Wein, als der edle Tropfen im Tresor.

Kontrastgesellschaft sein

In einer Zeit, in der nahezu alle Lebensbe­reiche ökonomisch durchdrungen sind und damit fast alles käuflich geworden ist, braucht es Gegengewichte, die auf den größeren Horizont hinweisen. Die Bettelorden im 13. Jahrhundert (am bekanntesten die Franziskaner und Dominikaner) haben in der Kirche eine Reformbewegung angestoßen, die sich in der gesamten abendländischen Kultur fruchtbar auswirken sollte. Sie lebten radikal anders, ­ohne den klerikalen Prunk ihrer Zeit. Weil sie sich offensiv und konstruktiv in das gesellschaftliche Leben einmischten, wurde ihr ­Leben richtungweisend für die Epoche.

Auch heute braucht die Kirche vom Geist inspirierte Aufbrüche und experimentierfreudige Jünger, die im Kontrast zum wohltemperierten Mainstream-Materialismus leben. Wo im gemeinsamen Leben - in Familien, Gemeinschaften, Gemeinden - ­Orte der Hoffnung entstehen, in denen Konsum klein gehalten wird, weil Menschen und Begegnungen im Mittelpunkt stehen, da wachsen uns wieder vitale Kräfte zu.

In Bewegung bleiben

Auch nach vier Jahrzehnten lädt die OJC ­junge Menschen zum Experiment des gemeinsamen Lebens ein. Wie die "offensive Truppe" in diesem Jahr aussieht, wer dazugekommen ist und wer sich wie verändert hat, sehen Sie auf den dynamisch gestalteten Bilderseiten unseres Heftes. Wir sind gewachsen und wir haben uns weiter verjüngt. Diesen Trend führen wir dankbar und entschlossen weiter. Die verdienten und älter werdenden Mitarbeiter der OJC sollen und dürfen Schritt für Schritt Ver­antwortung abgeben. Auch die finanzielle ­Be­lastung der OJC wird in den Jahren des ­Generationswechsels steigen - aber wir ­vertrauen auf Gott, der uns in diesen Auftrag gerufen und uns zusammengestellt hat.

Viel unterwegs war die OJC in diesem Herbst, um Gemeinschaften im Raum der Kirche zu fördern. Von verschiedenen Seiten ist hier ­Bewegung zu spüren. Im Kloster Neresheim trafen sich zum fünften Mal Vertreter von evangelischen und katholischen Gemeinschaften zur "Weggemeinschaft Ökumene und Spiritualität", um über Nachfolge Jesu und die Folgen für die Einheit der Familie Gottes nachzudenken. In Würzburg gab es ein nationales Treffen der ebenfalls ökumenischen Bewegung "Miteinander für Europa", bei dem Gemeinschaftsvertreter über die grenzüberschreitende Gestaltung Europas im geistlich-geschwisterlichen Sinn sprachen. Auch innerhalb der evangelischen ­Kirche gibt es in dieser Hinsicht Bewegung: ­Ende November treffen sich zum ersten Mal 80 Vertreter zölibatärer Kommunitäten und der ­familiär ausgerichteten Lebensgemeinschaften zum geistlichen Austausch auf dem Schwanberg. Wir erhoffen uns davon neue Impulse für ein Miteinander als Kontrastgesellschaft.

Hören und staunen - Kirche im Aufbruch

Im Vorfeld der Kasseler Zukunftswerkstatt ­"Kirche im Aufbruch" der EKD im September tat der noch Ratsvorsitzende Wolfgang ­Huber, seine Sorge kund, dass angesichts von Sparzwängen und Strukturfragen geistliche Inhalte bei den Reformbemühungen aus dem Blick geraten könnten. Es war ihm wichtig festzuhalten, was evangelische Kirche ausmacht: "Gottesbegegnung, Lebenserneuerung und Gemeinschaft." Ein Dreiklang, der aufhorchen lässt und ermutigt, unseren Weg an Gottes Hand in fröhlicher Entschlossenheit fortzusetzen. Bei der Umsetzung dieser klaren Vorgabe wünschen wir dem neugewählten Rat und seiner Vorsitzenden Margot Käßmann Gottes Segen und Geleit.

Ihnen wünschen wir einen fröhlichen Advent - möge er uns auf das Wesentliche, auf den ­Wesentlichen ausrichten. Ich grüße Sie herzlich mit der ganzen OJC,

Ihr

Dr. Dominik Klenk

Reichelsheim, den 18. November 2009

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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