Aus freien Stücken

Der Zugewinn im Verzicht.

Ein persönlicher Bericht

Jung im Glauben, habe ich mich immer wieder gewundert über ein Gespräch Jesu mit seinen Jüngern: Habt ihr je Mangel ­gehabt? - Nie! Keinen! (Luk 22, 35). Dabei hatten diese Männer auf so vieles verzichtet, um mit dem Wanderprediger unterwegs zu sein: Keine reguläre Arbeit, kein geordnetes Einkommen; morgens oft nicht gewusst, wo sie nach einem langen, heißen Tag abends essen, sich waschen und ausruhen können.

Und heute? Habe ich in den letzten 35 Jahren meines OJC-Lebens je Mangel gehabt? Ich hatte immer ein Dach über dem Kopf, täglich Nahrung (manchmal tagelang nur in Form von Kartoffeln und Quark), Kleidung, Bildung und Arbeit waren reichlich vorhanden. Rückblickend kann ich antworten: Ich musste nicht wirklich Mangel leiden! Gott gibt, was wir brauchen und sogar mehr als das.

Doch es gibt auch das andere merkwürdige ­Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern: Wir haben alles verlassen und sind dir nach­gefolgt. Was wird uns dafür gegeben? Niemand verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfange - jetzt in dieser Zeit - Häuser und Brüder und Schwestern... (Mk 10,28-31).

Die Fülle im Verzicht

Ich habe zwar auf Stellenangebote verzichtet, um in der OJC-Gemeinschaft zu leben, kann weder ein Eigenheim noch ein eigenes Auto vorweisen und werde die ersehnten Weltreisen nicht antreten. Jedoch: Ich wohnte in einem Schloss, in Jugendstil-Villen, in einer umgebauten Mantelfabrik und jetzt in einem grund­sanierten Haus mit Garten mitten in Greifswald. Meine Ursprungsfamilie ist schon nicht ganz klein. Doch meine Geschwisterschar ist "hundertfach" gewachsen, mit Brüdern und Schwestern aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen. Bei einigen kann ich ohne Probleme sogar Urlaube verbringen, z.B. direkt an der Newa in St. Petersburg oder in der Umgebung von Haifa - oder im Schwabenland.

Selbstverständlich muss ich auf vieles verzichten. Die Möbel, der Teppich, die Vasen, die ­meinem ästhetischen Empfinden entsprechen, kann ich mir nicht leisten. Ich will sie mir nicht leisten; ich will mein Leben unbeschwert mit Menschen teilen, ohne Sorgen vor Schäden an den Kostbarkeiten. Vor einigen Jahren schenkte mir ein Freund Geld für einen Tisch. Noch heute schwebt mir das filigrane Gedicht aus Kirschbaum vor Augen; stattdessen steht in meinem Wohnzimmer ein robuster Kiefernholztisch. Er hat schon einige Umzüge hinter sich.

Auf der polierten Oberfläche des Kirchbaumtisches hätten mich die Kratzer, die im "geöffneten Wohnzimmer" unausweichlich kommen, geärgert. So aber erinnern sie mich einfach an die Menschen, die mit mir Gemeinschaft hatten, an Kinder, die darauf herumhämmerten, um die Härte des Holzes zu testen. Schaue ich mich in meiner Wohnung um, gilt: Alles habe ich als ­Geschenk empfangen. Jedes Stück erinnert mich an "Brüder und Schwestern hundertfach". Unser Vater im Himmel gibt großzügig und er hat einen ausgeprägten Sinn für Schönheit!

Die Falle im Verzicht

Zugegeben, ich kenne auch die mürrischen Anfälle: Wenn ich mir nicht den neuen und praktischen Laptop kaufen oder ein spontanes "Kulturwochenende" in Hamburg leisten kann; wenn ich wieder auf ein interessantes neues Buch verzichten muss; wenn es nicht für großzügigere ­Geschenke reicht.

Ich weiß, jeder muss auf vieles verzichten und niemand kann alle seine Träume und Wünsche erfüllen. Und ich kann sogar sagen, dass ich freiwillig verzichte. Wie schwer hat es doch mancher, dem das Verzichten gegen seinen Willen und seine Einsicht abverlangt wird. Wie viele werden ­dabei bitter und sind vom Leben enttäuscht!

Verglichen mit vielen Freunden und Bekannten lebe ich materiell "arm" in unserem immer noch reichen Land. Aber genau das wollte ich: Konstruktiv-kritischen Konsumverzicht praktizieren, wie es etwa die Propheten Amos und Micha proklamieren. Allerdings ist konsumarm zu leben kein Selbstzweck, keine "Tugend", allenfalls ein Entscheidung, um den Werten des gemeinsamen, geteilten Lebens den Vorrang zu geben.

Die Freiheit im Verzicht

Das wirklich Erstrebenswerte am Verzichten ist die Freiheit:

Freigesetzt werden vom Zwang mitzuhalten, nur um etwas zu gelten. Die Freiheit, zu verstehen: "Die Heiligen werden siegen, weil sie Schöpfer sind; unversieglich wie die Sonne sind sie in ihrer Liebe. Unversieglich ist auch die Erfahrung des Gebets. Das Gebet widersteht dem Parasitentum der modernen Verbrauchergesellschaft. In ihr, wo alles Gegenstand des Verkaufs und des passiven Genusses ist, vermag allein das Gebet zu erbauen und aufzubauen, und es wird von dieser Gesellschaft, die gierig wie ein Vampir und langweilig wie die Hölle ist, nie verschlungen werden." (Tatjana Goritschewa)

Ich habe die Freiheit, ein dankbarer Mensch zu werden und zu bleiben. Es ist meine Freiheit, mit dem wenigen, was ich habe, anderen Menschen Freude zu bereiten. Kürzlich wollte ich einer ­bedürftigen Freundin Geld schenken, aber was ich hatte, erschien mir unangemessen wenig. Ich war versucht, es ganz zu lassen, doch dann schickte ich das Wenige los. Zwei Wochen später schrieb sie mir glücklich: Mit meinen paar Euros hatte sie für ihren sterbenden Freund ein kleines Fest zum letzten Geburtstag arrangiert, ein "Stückchen Himmel auf Erden".

Das scheint "himmlische Mathematik" zu sein: Gott macht aus unserem Wenigen, das wir ihm aushändigen, genug für die, die es empfangen. Heißt es nicht im Evangelium: Und sie sammelten noch Körbe voll ein!

Materiell gesehen lebe ich freiwillig bescheiden, aber reich bin ich an guten und vielseitigen Beziehungen, die mich etwas kosten dürfen und die unser aller Leben erwärmen und erfreuen!

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal