Nicht nur Kleider machen Leute

Als weiße Frau im schwarzen Afrika

von Carolin Meyer

In Deutschland trug ich Hosen, auch bei festlichen Anlässen. Anders in Uganda, wo Frauen Rock und Kleider oder die traditionelle Gomez tragen, eine Art Wickelkleid. Sie lassen sich, wenn es das Einkommen erlaubt, die Haare flechten. Auch ihr Gang ist betont fraulich. Seit ich hier lebe und mich nach den hiesigen Vorstellungen von Anstand kleide, habe ich nicht nur das Röcketragen neu gelernt, sondern auch das Frausein. 

Mir Gehör verschaffen

Dabei ist das Leben hier, zumal für eine Weiße, kein Honigschlecken. Obwohl ich mich als Teil der hiesigen Kommune sehe, werde ich täglich an meine Hautfarbe erinnert. Von mir als Ausländerin verspricht man sich vor allem Hilfe, Vorteile und Privilegien. Besonders herausfordernd ist es, mir als Frau in einer männlich dominierten Arbeitswelt Gehör zu verschaffen und in meinen leitenden Ämtern ernstgenommen zu werden. Ich möchte dennoch meine Fraulichkeit nicht verleugnen, sondern als Stärke einsetzen. 

Austausch von Gleich zu Gleich

Vor allem vermisse ich anregende Debatten über interessante Themen. Viele Menschen hier lernen in der Schule kaum, dass man sich eine Meinung bilden und sie auch in der Öffentlichkeit vertreten darf, sondern vor allem, wie man dem allwissenden Lehrer nachplappert. Umso wertvoller sind mir die über die Jahre entstandenen Freundschaften mit Einheimischen, mit denen ich fabelhaft austauschen und diskutieren kann. Sie geben mir nicht nur Anteil an ihrem Leben und ihren Gedanken, sondern auch das Gefühl, ganz ich zu sein, ohne mich fremd zu fühlen. Sie sind wahre Gottesgeschenke für mich. 

Was ist Normal?

Vieles, was zuvor befremdlich war, ist nun meine Normalität. Auch der verlangsamte Lebensrhythmus, der herumliegende Müll - man kehrt nur im Radius von zwei bis drei Metern vor der Haustüre - oder dass die öffentlichen Verkehrsmittel stets überfüllt sind und nicht nach Fahrplan verkehren. Manchmal ertappe ich mich dabei, über mein Hiersein zu grübeln. Dann dringt die ganze Fremdheit in mich ein und mir wird bewusst, wie wenig selbstverständlich es ist, dass ich in Kumi lebe und fähig bin, mich auf diesen Lebensstil einzulassen. In solchen Momenten scheint alles wie ein Traum. Im nächsten Moment fährt ein Bekannter auf dem Motorrad vorbei, nickt mit dem Kopf zum Gruß, hüllt mich in eine Staubwolke - und Kumi ist wieder handfeste Realität. 

Die Frage, wohin ich gehöre, beschäftigt mich zuweilen intensiv. Ich wurde in Deutschland geboren, erzogen und 25 Jahre lang geprägt - in Uganda fand ich innerhalb von 4 Jahren eine Heimat. 

Ein Gefühl von "dazwischen"

Ich existiere in einer von mir selbst erschaffenen Drittkultur. Zunehmend fremd fühle ich mich gegenüber meiner Familie und den Freunden in Deutschland. Die Kommunikation stockt oft, weil ich mich unverstanden fühle. Wie sollen sie meine Gedanken, meine Erfahrungen, die - wie mein ganzes Leben - gewissermaßen zwischen den Kulturen angesiedelt sind, auch nachvollziehen können? Die banalsten Dinge muss ich erläutern, und oft fehlen mir die deutschen Worte. Alles Reden braucht mehr Zeit und innere Kraft. 

Über die Jahre hinweg ist jedoch auch eine neue Art der Verbundenheit zur früheren Heimat entstanden: alte Freunde, aber auch Menschen, die ich persönlich gar nicht kenne, beten für mich und für die Aufgaben, denen ich mich hier stelle. Das zu wissen, ist eine große Stärkung, vor allem, wenn ich es selbst nicht mehr kann. In vielen ausweglos scheinenden Situationen, in denen ich deutlich auf Gottes Beistand angewiesen bin, spüre ich die Kraft, die mir durch die Menschen zufließt, die mich im Gebet vor Gott bringen. Ganz gleich, wo diese Freunde sind: die Kraft ihres Gebetes stärkt mir den Rücken, die Problemberge schrumpfen oder weichen, und ich selbst erlebe mich zunehmend gelassener und ausgeglichener. Und das Beste: meine Liebe zu Land und Leuten in Uganda wächst.

Zu Hause bei Ihm

Ja, es ist letztlich die Liebe, die alle Herausforderungen überwindet. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen ich hier zu kämpfen habe, weiß ich, dass Gott mich hergerufen hat. Ich kann das Ausmaß seiner Liebe und seiner Freundlichkeit nur erahnen. Sie zeigt sich in den großen und kleinen Dingen, mit denen er mich beschenkt und vor allem darin, dass ich hier immer mehr zuhause bin. Gott hat mir das Gefühl von Heimat geschenkt, die Freude am Leben in Uganda und die Gewissheit, hier an meinem Platz zu sein.

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal