Angst oder Liebe?

Kursbericht über eine Exkursion nach Marokko und Spanien

von Abigail Spurrier

Überdenke ich die vergangenen drei Monate, kommt mir das Wort Angst in den Sinn. Nicht die Angst, wie sie Kinder im Dunkeln haben, sondern Angst als der fest verankerte, bedrückende Reflex, der unsere Sicht einengt und Fremdenhass und bigotte Scheinheiligkeit hervorbringt. Angst ist ein ungemein kraftvolles Ungeheuer, und ich habe die Not, die es verursacht, zu spüren bekommen. Ihr einziger natürlicher Feind ist die Liebe, deren anmutiges Wesen Menschen verbindet und die Mauern der Angst zum Einstürzen bringt. Angst umklammert den ganzen Erdkreis - auch Spanien und Marokko hat sie in ihrem Griff. 

Diffuse Bilder

Bei meiner Ankunft in Marokko spürte ich eine zerrende Angst im Herzen: Ich mit meiner großen "Offenheit" würde nun bald "bei den Anderen" einquartiert. Diffuse Bilder stiegen aus meinem Unbewussten und machten sich in meinen Gedanken breit. Auf der anderen Seite bekam es auch die Gastfamilie mit der Angst zu tun: Die kühlen, materialistischen Amerikaner sind im Anmarsch, und es gibt kein Zurück! Aber schon nach den ersten unvermeidlichen Kollisionen und Peinlichkeiten entpuppten sich die Amis als menschliche Wesen, und als ich einmal meine Gastmutter Jasmine umarmte, ging ihr der Mund über. Ich verstand ihre Worte erst, als meine Gastbrüder sie mir übersetzten: "Sieh an, sie zeigen Gefühle!" Es stellte sich heraus, dass die kulturellen Unterschiede unsere Beziehung nicht wirklich beeinträchtigten. 

Außerdem merkte ich, dass ich mich in zwei Marokkos bewegte: in dem der Gastfamilie und dem außerhalb des Hauses. Allmählich verstand ich mehr von den Ängsten der Marokkaner. Ich sah Angst in den Augen meines Gastbruders Mehdi, dem die Polizei ins Gesicht sagte, dass er unsere Gruppe nicht begleiten darf. Ich sah Angst im Gesicht meiner Gastmutter, als sich herausstellte, dass ihr Bruder den Freunden erlaubte, Bier in seinem Laden zu trinken. Angst war allgegenwärtig. Mehdi berichtete mit gesenkter Stimme von der Zerschlagung einer friedlichen Studentendemo durch das Militär. 

Obwohl die Liebe es fertiggebracht hat, meine Ängste zu zerstören und die Beziehungen zu meiner Gastgeberfamilie wachsen zu lassen, war und ist sie doch nicht in der Lage, die existentiellen Probleme zu lösen, die der Grund für die Ängste sind, mit denen die Marokkaner Tag für Tag umgehen müssen. Aufrichtige interkulturelle Freundschaften zwischen Einzelnen kann die Wahrnehmung voneinander und damit das individuelle Leben ändern, aber sie kann nicht die sozialen Spannungen und interkulturellen Konflikte auf gesellschaftlicher Ebene lösen, erst recht kann sie keine repressive Monarchie entmachten.

Lieben - der beste Vorsatz

Später, als ich mich mit Spaniern in Madrid über Marokko unterhielt, wurde mir bewusst, wie auch eine voreingenommene Geschichtsschreibung Stereotypen prägen und Rassismus schüren kann. Kann man es den Spaniern vorwerfen? Das historische Gedächtnis jeder Nation formt sich ja nach eigenen Werten und Vorstellungen. So bald werden die Vorbehalte gegenüber den Marokkanern wohl nicht abnehmen. Meine spanische Gastfamilie in Cadiz hatte selbst, nach anfänglichem Zögern, eine muslimische marokkanische Studentin beherbergt, und sie haben nur Gutes über sie erzählt. Solche Erfahrungen aber sind stets individuell und wirken nur auf wenige Menschen. Andererseits können sie mit der Zeit nachhaltig Veränderungen in der Gesellschaft bewirken. Die Liebe hat eine große Kraft, die sie jedoch nur auf der persönlichen Beziehungsebene entfalten kann. 

Ich habe viel über Angst und über Liebe gelernt. Angst kann uns hindern, das Kostbare in den kulturellen Unterschieden zu erkennen. Angst kann unsere interkulturellen Erfahrungen und Begegnungen dominieren, kann das Reisen vergeblich und das Lernen unmöglich machen. 

Die Kraft der Liebe aber hat mich berührt und verändert. Sie hat mich befähigt, einem Muslimen in Freundschaft zu begegnen und ihm aufrichtig über mein Leben und meinen Glauben zu erzählen. Die Liebe hat mir die Freundschaft zu einer Familie in einer fremden Kultur erschlossen, und ich hatte eine wunderbare Zeit bei ihnen. Vor allem aber habe ich erlebt, dass Liebe bedeutet, mich mit meinen Erfahrungen Gott anzuvertrauen und für seine Liebe zu anderen offen zu bleiben. Es gibt keinen besseren Vorsatz als diesen.

Von

  • Abigail Spurrier

    studiert Spanisch und "Kultur, Religion und Mission" an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg (Virginia).

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