Ökumenisch, charischmatisch, ausländerfreundlich

Das Mitenand - mehr als ein Gottesdienst

Klaus Fürst, Pfarrer i.R., rief mit seiner Frau Ilma 1988 die Mitenandgottesdienste in Basel ins Leben. Angela Ludwig befragte ihn zu den Anfängen und Motiven seines Engagements. 

Als Pfarrer einer Schweizer reformierten Gemeinde begannen Sie, Migranten aufzunehmen. 

Wie kam es dazu?

Als ich 1987 von Zürich nach Basel wechselte, hatte ich "Asylarbeit" nicht speziell auf dem Plan. Aber sie kam bald - genau an Weihnachten. Es gab damals in Basel keine Strukturen für Asylsuchende. 600 von ihnen lebten auf der Straße oder in einer unterirdischen Anlage des Militärs. Die musste morgens um 7 Uhr geräumt werden, das heißt, die Menschen lebten den ganzen Tag bei Minusgraden draußen. Die Kirchenbehörde bat uns, die Gemeindehäuser zu öffnen. Wir haben dann einige von ihnen mit unserem VW-Bus zu uns geholt.

Schnell merkten wir, dass sie nichts zu tun hatten. Meiner Frau kam die Idee, eine Lederwerkstatt einzurichten und damit Arbeitsplätze zu schaffen. Mit Hilfe eines Schuhmachers haben wir Schuhe entwickelt, die man in Handarbeit anfertigen konnte.

Sie haben das Projekt erfolgreich umgesetzt. Wie war das möglich? 

1989 durften wir unsere Werkstatt auf dem Kongress für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung vorstellen. Die Resonanz war gut. Wir bekamen von den Basler Behörden das Recht, ein Beschäftigungsprojekt für Asylsuchende aufzubauen und von Kirchenseite finanzielle Unterstützung. Das war sehr ermutigend. Leiter der Werkstatt wurde ein arabischsprechender Alevit aus der Türkei. Ohne diese Arbeit wäre er ausgewiesen worden. Im vergangenen Jahr konnte unsere Werkstatt Rehovot (hebräisch: weiter Raum) 20jähriges Bestehen feiern!

Mit welchen Menschen hatten Sie es zu tun?

Mit Flüchtlingen aus den jeweils aktuellen Krisenländern. Sie suchten Zuflucht in Europa, auch bei uns in Kleinbasel, wo mehr als 50% der Bewohner Ausländer sind. 

Gab es Spannungen unter den Ethnien?

Ja, aber Süleyman, der Werkstattleiter, kam mit den verschiedenen Sprachen, Kulturen und Temperamenten aus Osteuropa, Asien und Afrika gut zurecht, er hatte Verhandlungsgeschick und konnte so manchen Konflikt lösen. 

Wie reagierte Ihre Gemeinde auf das Engagement?

Unterstützung fand ich bei denen, die selbst Flüchtlinge waren; mitgearbeitet haben vor allem die, die Auslandserfahrung hatten. Aber es gab auch Gemeindeglieder, die meinten, ich kümmere mich zu viel um Ausländer. 

Ein eindrückliches Erlebnis hatte ich während eines Pfingstgottesdienstes: Als ich die Pfingstgeschichte las, in der es heißt: Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache hört? Parther und Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, von Judäa etc. (Apg 2,8-12), stand ein Ehepaar demonstrativ auf und beim Hinausgehen sagte die Frau: "Immer  geht es um die Ausländer." 

Kann eine "bürgerliche" Gemeinde einen so herausfordernden Dienst mittragen?

Ja, wenn der Kirchenvorstand dahintersteht. Aktiv werden ja immer nur einzelne, die aber von der Gemeinde getragen werden sollten. Wir hatten wunderbare Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die ihr Haus für die Migranten geöffnet und diese teilweise über Jahre begleitet haben.

Sie selbst haben die Türen Ihres Hauses weit aufgemacht...

Es begann mit Süleyman, der eine Wohnung suchte. Als die Vermieter sahen, dass er Türke war, wollten sie nicht an ihn vermieten. Das war so hart, dass wir ihm bei uns spontan eine Bleibe eingerichtet haben. Von da an haben immer wieder Migranten bei uns gewohnt - bis zu 40 Personen. Wir sind zusammengerückt und haben vom Keller bis zum Dach Platz gemacht, aber 40 war wirklich die Grenze.

Hatten sie Aufenthaltsgenehmigungen?

Wir wussten, dass sie keine hatten. Die Stadt konnte damals nur ganz wenige aufnehmen. Man war gar nicht auf sie eingestellt. Im Höchstfall bekamen sie ein Papier mit der Aufforderung, in drei Wochen wiederzukommen. Unser Glück war, dass der damalige Polizeichef uns freundlich gesinnt war. 

Wie kam es zu den Mitenand-Gottesdiensten?

Auf Dauer war es schwierig, unsere Ausländer in den Gottesdienst mitzunehmen. Einmal kam eine Gruppe Türken, die meisten Aleviten, spontan zum Abendmahl nach vorne. Ich konnte sie nicht zurückweisen, das hätten sie nicht verstanden. Einige Gemeindeglieder hatten große Mühe damit. Ich habe dann von einem Zürcher Professor ein theologisches Gutachten erbeten. Es besagte, dass die Schweizer Kirchenordnung das nicht vorsieht, aber von Jesus her jeder eingeladen ist. Wir wollten die Gemeinde nicht provozieren und haben deshalb in einer kleinen Kapelle mit eigenen Gottesdiensten begonnen. Meine Frau ging auf die Empfangsstelle für Asylsuchende und lud dazu ein und plötzlich waren wir 50. Wir zogen um in die Matthäuskirche, in der wir heute noch sind. 

Was mussten Sie anders machen als im traditionell reformierten Gottesdienst?

Ich hatte Erfahrungen mit der freieren Form der charismatischen Gottesdienste, das half. Die Elemente eines Gottesdienstes sind alle da: Begrüßung, Anbetung mit Liedern in mehreren Sprachen (gute Musik ist sehr wichtig für die Atmosphäre!), dann die Predigt in englischer Sprache mit Übersetzung. Sie ist für mich immer eine Askeseübung, denn sie muss basic sein. Ihr voraus geht das Theaterspiel zum Predigtext. Wer sprachlich nicht mitkommt, soll den Inhalt dennoch vor Augen haben. Das Spiel ist oft sehr eindrücklich. Bei der Fürbitte ist jeder eingeladen, in seiner eigenen Sprache laut oder leise zu beten. Zum Abschluss bilden wir zum Vaterunser und Segen einen Kreis um den Altar. Nach dem Gottesdienst gibt es die Möglichkeit, zum Essen, das von einer Migrantin gekocht wird, zusammenzubleiben.

Gibt es andere Formen der Begegnung?

Einmal im Jahr bieten wir eine "Herbstwoche" in den Bergen an, zu der ca. 250 Personen mitkommen. Die Besetzung ist halb schweizerisch, halb international. Wir haben viele Familien mit Kindern dabei. Der Sinn ist, sich in einem lockeren Klima näher kennenzulernen und miteinander zu feiern. 

Sie wurden für viele Heimatlose zur Heimat...

Heimat ist nicht das richtige Wort, denn das war nie unser Ziel. Wir wussten ja, dass viele Asylsuchende wieder gehen müssen. Wir wollten Gastfreundschaft und Beziehung anbieten, ein Stück freundschaftliche Begleitung. Wir waren eher eine "Durchlaufgemeinde". Heute sind auch Migranten und gemischte Paare im Gottesdienst, die fest hier leben.  

Für viele waren Sie immer Ansprechpartner, ein Stück Familie?

Ja, das war weitgehend so. Aber nicht nur wir. Auch andere Mitarbeiter haben Familien begleitet, sich um Schulfragen gekümmert, Behördengänge gemacht, Geld für die Werkstatt beschafft oder sie waren seelsorgerlich tätig unter den Menschen, die so unterschiedliche Geschichten und Nöte mitbringen. 

Wie haben Sie sich vor dem Burnout geschützt?

Sonntagabend nach dem Gottesdienst sind wir oft weggefahren. Wir hatten jenseits der Grenze einen Campingwagen. Einmal ausschlafen, für niemanden erreichbar sein, das brauchte ich, sonst hätte ich es nicht geschafft. Es war nicht immer möglich, aber alle zwei, drei Wochen. Zum Glück hatten wir gute Mitarbeiter, an die wir Verantwortung delegieren konnten.

Ist Ihre Offenheit ausgenutzt worden? 

Selbstverständlich. Wenn man nicht ausgenutzt werden will, darf man eine solche Arbeit nicht beginnen. Die Offenheit allen gegenüber verdanke ich meiner Frau. Ich wäre viel eher an meine Grenze gekommen, aber sie kann Leute so annehmen, wie sie sind - über alle Grenzen hinweg. Ein Theologe sagte einmal, Jesu Liebe war "anstößig inklusiv" - das haben wir versucht zu leben und natürlich auch Anstoß erregt.

Wurden Sie auch enttäuscht?

Ich habe kürzlich einen Afrikaner wiedergetroffen, den ich sehr geliebt habe. Er kam einst zu mir ins Büro und fragte, ob er mir seine Lebensgeschichte erzählen darf. Als ich zurückfragte, ob sie wahr sei, sagte er: "Nein". Das war ehrlich und deshalb ein Highlight für mich.

Ein anderer Afrikaner erzählte mir auch sein Leben, eine rührende Geschichte. Er hat dann zwei Jahre bei uns den Evangelisten gespielt, bis herauskam, dass alles gelogen war. Er hat mich sehr verärgert, weil er so unglaublich fromm war und ständig von faithfulness geredet hat. Man kann als Migrant nach außen nicht immer alles preisgeben von seiner Biographie, aber mir als geistlichem Begleiter hätte er das nicht vormachen müssen. 

Ein anderes Mal kamen ganz fromme Teilnehmer mit zur Freizeit. Sie haben feurig gesungen und angebetet, um sich dann irgendwann als Drogenhändler zu entpuppen. Wenn man als Grundhaltung Vertrauen wagt, wird man auch enttäuscht. Das gehört dazu.

Sie fragen nicht nach der Religion oder "Bekehrung", laden aber zu eindeutig christlichen Gottesdiensten ein...

Ob einer bekehrt ist, ist für uns nie das Wichtigste gewesen. Man kann bekehrt sein und sich ausschließlich um sich selbst drehen oder die Welt in einen Krieg ziehen. In Matthäus 25 beim "Weltgericht" geht es um etwas anderes, nämlich um die Qualität unseres Menschseins: Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Ich weise auf Jesus hin, ohne jemanden zu bedrängen, und erlebe, dass die Menschen hören. Wir haben auch ab und zu Taufen. Aber vieles geschieht "unterirdisch", was, das weiß ich gar nicht. Es geht darum, mit ihnen einen Weg zu gehen.

Sie verstehen sich als ökumenisch, haben einen katholischen Priester im Team...

Francisco war mein Kollege und Freund, mit ihm habe ich früher viel zusammen gemacht. Seine Mitarbeit lag nahe, zumal er lange in Peru gelebt hat. Aber der ökumenische Geist geht eigentlich auf unsere Herbstwochen zurück. Die waren von Anfang an ökumenisch. Ökumenisch, charismatisch und ausländerfreundlich, das ist unser Selbstverständnis. Wem das zu weit geht, der findet genug andere geistliche Angebote in Basel. 

Was braucht es, um eine Arbeit mit Migranten durchzuhalten?

Liebe zu den Menschen und Angstfreiheit, dem Fremden gegenüber. Außerdem eine gewisse Reife, das heißt, man muss sich selbst schon ein wenig kennen und damit auch den anderen. Und dann natürlich juristisches Wissen über die Rechte von Migranten.

Wie haben Sie Ihre Mitarbeiter geschult?

Einige kommen aus Gemeinden, in denen sie schon Verantwortungsträger sind. Schon früh hatten wir das fellowship am Freitag, eine Art offener Hauskreis, in dem der Predigttext vom Sonntag besprochen wird - eine Gelegenheit, sich über die verschiedenen kulturspezifischen Gottesbilder und Erfahrungen mit der Bibel auszutauschen und auseinanderzusetzen.

Für mich persönlich ist die "Gebetsseelsorge" eine geistliche Erfrischung, die mir sehr viel gibt; die eigene Geschichte kennenzulernen und daran zu arbeiten, ist für jeden wichtig.

Wo in Ihrer Biographie liegen die Wurzeln für Ihre Liebe zu den Randständigen?

In meinem Elternhaus. Menschen am Rande der Gesellschaft gehörten bei uns dazu. Im Krieg lebten Juden und Flüchtlinge bei uns. Das hat Mut gebraucht. Meine Frau ist ganz ähnlich geprägt. 

Eine andere Wurzel ist unsere Zeit als Missionare in Kamerun. Dort haben wir die Kirche und die Menschen Afrikas lieben gelernt. Es war unsere schönste Zeit.

Als Pfarrer in Zürich hatte ich in den Achtzigern eine Kirchenasyl-Aktion, bei der wir 40 Familien Zuflucht gewährt haben, die nach Chile, noch unter Pinochet, ausgewiesen werden sollten. Das hatte Auseinandersetzungen mit der Kirche und den staatlichen Behörden zur Folge. Da haben wir gelernt, Widerstände zu ertragen.

Heute trägt ein internationales Team von Christen diese Arbeit, darunter Anne-Marie Senn, die 1980/81 ein Jahr in der OJC lebte. Im Salzkorn 4/2002 hatte sie diesen Dienst, der eine Berufung wurde, ausführlicher vorgestellt. Wer mehr über Mitenand erfaren möchte, findet Infos unter www.rehovot.ch/mitenand

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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