Botschafter der Versöhnung

Was Feindbilder verstärkt und was sie auflöst. Beobachtungen im Heiligen Land 

von Guido Baltes 

Es gibt viele Botschafter in Israel, dem Land, in dem ich als Gast lebe: Botschafter der Regierungen, Botschafter des Friedens, Botschafter der Menschenrechte, Botschafter der Solidarität, Botschafter des Glaubens. Aber nur wenige Botschafter der Versöhnung. Man hört viel Wichtiges und viel Richtiges, viel Schönes und viel Schreckliches, aber wenig Versöhnliches.

Als Christen sind wir berufen, Botschafter der Versöhnung zu sein. Paulus schreibt: Denn Gott war in Christus und hat unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Kor 5,19-20)

Sicher ist hier vor allem die Versöhnung mit Gott im Blick, aber eben auch die Versöhnung "unter uns". Beides gehört zusammen. Sind Christen - gerade hier in Israel - wirklich solche "Botschafter der Versöhnung"? Leider selten, im Gegenteil: Sie treten vor allem als Parteigänger auf, die sich auf die eine oder andere Seite des Konfliktes schlagen. Christen sind Freunde und Unterstützer, Spender und Begleiter, Aufklärer und Tröster. Und all das ist sicher nötig und wichtig. Aber leider sind sie nur selten Versöhner. Woran liegt das?

Der Kurzzeit-Faktor 

Die überwiegende Zahl der christlichen Besucher kommt für eine sehr begrenzte Dauer nach Israel. In dieser Zeit arbeitet man meist auf der einen oder der anderen Seite des Konflikts: in israelischen Alten- oder Kinderheimen, Einrichtungen für Körperbehinderte oder Krankenhäusern. Oder in palästinensischen Einrichtungen, Kirchen, Schulen oder Heimen. Die Dauer des Aufenthalts ist dabei lang genug, um Freunde zu finden, Einblick in den Alltag zu bekommen und die Seite des Konfliktes zu erleben, in der man zu Hause ist. Man übernimmt, ob man es will oder nicht, ihre Ängste und Hoffnungen und auch ihre Feindbilder, Vorurteile und blinden Flecken. Weil man aber bald wieder abreist, fehlt die Gelegenheit, eine gesunde Distanz zu dem Umfeld, das man eben lieb gewonnen hat, zu entwickeln. Man hat keine Zeit mehr, es zu hinterfragen oder die andere Seite wirklich kennenzulernen. Man will es auch nicht, weil man froh ist, Freunde gefunden und Einblick bekommen zu haben. Die meisten Leute, die wir hier kennengelernt haben, hatten nach ihrem Aufenthalt festgefahrenere Überzeugungen als bei ihrer Ankunft. So kommen Christen zwar oft als Botschafter der Nächstenliebe und Solidarität ins Land, reisen aber als Botschafter einer Polarisierung wieder ab: Sie wissen nun, auf welcher Seite sie stehen. Und sie wissen, wer der Gegner ist. 

Der Medien-Faktor 

Dass Medien polarisieren, liegt schon in ihrer Natur - denn nur negative Nachrichten sind eine Schlagzeile wert. Egal ob palästinensischer Terroranschlag oder israelischer Militäreinsatz: in beiden Fällen wirft es ein schlechtes Licht auf die Beteiligten und verstärkt Feindbilder. Selten gibt es Nachrichten, die etwas Gutes über die eine oder andere Seite zu berichten haben. Oder auch nur etwas Normales: Familienleben, Sport, Natur, Religion - mit solchen "sympathischen" Themen schafft es dieses Land fast nie in die Schlagzeilen. So aber werden Feindbilder verstärkt, während ein Bild des Gegenübers als "normaler Mensch" kaum entsteht.

Es gibt einen weiteren Faktor: die so genannte "Einseitigkeit" der Medien. Wenn ich vor Gruppen über dieses Thema spreche, stelle ich gerne die Frage: "Wer glaubt, dass die Medien einseitig über diesen Konflikt berichten?" Fast alle Hände gehen dann hoch. Erstaunte Blicke gibt es jedoch, wenn ich weiterfrage, denn während die eine Hälfte des Raumes gewöhnlich fest davon überzeugt ist, dass die Medien einseitig zugunsten von Israel berichten, ist die andere Hälfte ebenso überzeugt, dass es anders herum sei. Die Folgen dieser gespaltenen Wahrnehmung sind fatal, denn jede Seite versucht, die gefühlte Einseitigkeit der Medien durch eigene Einseitigkeit auszugleichen - und wir haben nicht nur einseitige Medien, sondern auch ein parteiisches Publikum. Man fühlt sich nun berechtigt zu polarisieren, denn man will ja "die andere Seite" zu Gehör bringen. 

Der Solidaritäts-Faktor 

Christen sind in diesem Land eine verschwindende Minderheit - sowohl in der arabischen als auch in der jüdischen Gesellschaft. Lauter als die Stimme der einheimischen Christen ist daher immer die Stimme ihrer christlichen Freunde und Förderer aus dem Ausland. Das ist an sich auch gut, denn viel Aufbauhilfe ist hier geleistet worden und viele Spendengelder haben viel Gutes bewirkt. Im Blick auf den Konflikt jedoch ist solche Unterstützung nicht immer hilfreich, denn die Freunde aus dem Ausland verstehen sich vor allem auch als Sprachrohr ihrer jeweiligen Partner vor Ort, deren Geschichte sie zu Gehör bringen, deren Position im Konflikt, deren Sicht der Realität sie bekannt machen wollen. Das tun sie meist, indem sie die eigene Seite als Opfer und die andere Seite als Täter darstellen. Sie betonen die Fehler der Gegenseite und entschuldigen die Fehler der eigenen Seite. So sind die Unterstützer aus dem Ausland zwar oft lautstarke Sprecher für das Existenzrecht Israels oder die Menschenrechte der Palästinenser, sie sind feurige Kämpfer gegen den Antisemitismus oder den Mauerbau. Aber sie sind so keine Botschafter der Versöhnung. Sie machen die Konturen des Konfliktes deutlicher und die Gegensätze schärfer. Das trägt zwar oft zu einer Klärung der Fronten und einer Stärkung der jeweiligen Freunde und Partner auf der einen oder anderen Seite bei, aber selten zu einer Annäherung der Seiten, geschweige denn zur Versöhnung. 

Der Religions-Faktor 

Obwohl alle Christen sich ernsthaft an der Bibel zu orientieren versuchen, gelangen sie zu sehr unterschiedlichen Ansichten: Israel-Freunde betonen vor allem die Landverheißungen und die bleibende Erwählung Israels, aber auch und gern negative Aussagen über Araber und andere Nachbarvölker; Palästina-Freunde die biblische Forderung nach Gerechtigkeit und Gottes Vorliebe für die Unterdrückten, aber auch und gern kritische Worte der Propheten oder Jesu gegen die Führer Israels. Und weil es beide Seiten so ernst meinen mit ihren Glaubensüberzeugungen, wird es noch schwerer, aufeinander zuzugehen. Denn jeder politische oder humanitäre Kompromiss muss hier als ein Verrat an biblischen Grundsätzen gesehen werden. Ein Friede, der nicht ganz den vermeintlichen biblischen Idealen entspricht, wird als oberflächlich abgelehnt. Annäherung ist also kaum möglich. Der Bezug auf die Bibel trägt hier eher zu einer Verhärtung der Fronten bei als zu einer Annäherung.

Wie können wir Christen trotz allem lernen, Botschafter der Versöhnung zu sein? 

Der Mythos der Neutralität 

Botschafter der Versöhnung sind nicht neutral. Das können sie gar nicht sein. Schon allein, weil wir auf der einen oder anderen Seite leben, sind wir unvermeidlich Teil des Konfliktes. Selbst die, die sich "in der Mitte" wähnen, werden von anderen, die sich selbst auch "in der Mitte" sehen, als einseitig wahrgenommen. Die Mitte ist also offensichtlich sehr breit. Aber eine bestimmte Position innerhalb des Konfliktes einzunehmen, ist nicht an sich unversöhnlich. Die Frage ist nicht, wo ich stehe, sondern in welche Richtung ich mich bewege.

Bewege ich mich auf den Anderen zu oder von ihm weg? Versöhnung zu suchen bedeutet, mich von meinem jetzigen Standpunkt aufzumachen und danach zu suchen, was mich dem Anderen näherbringt. 

Versöhnlich leben 

Botschafter der Versöhnung leben und reden versöhnlich. In einem Konflikt, in dem Lösungen stets von "denen da oben" oder "denen da drüben" erwartet werden, fangen Botschafter der Versöhnung mit einer Veränderung im eigenen Leben an. Sie ändern ihre Wortwahl und vermeiden emotional geladene Reizworte. Sie zeigen Zivilcourage, wenn in ihrer Umgebung herablassend oder feindselig über die Gegenseite gesprochen wird. Sie ergreifen Partei für die Abwesenden und werben um Verständnis für den Anderen. Sie vermeiden Klischees und Stereotypen, auch wenn diese immer gern gehört werden.

Die Geschichte des Anderen hören 

Botschafter der Versöhnung versuchen, die Geschichte des Anderen zu hören und zu verstehen, auch wenn sie selbst eine andere Geschichte kennen oder erlebt haben. In diesem Konflikt geht es viel um Geschichte und Geschichten: zu jedem Ereignis der Vergangenheit gibt es zwei unterschiedliche Sichtweisen, und auch die Ereignisse der Gegenwart werden auf beiden Seiten sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Wer also den anderen kennen- und liebenlernen will, der muss seine Geschichte hören und seine Sicht der Dinge kennenlernen. Auch und gerade dann, wenn er sie für falsch hält. Israel-Freunde, die Versöhnung suchen, müssen daher in die Westbank fahren, um das Leben in Flüchtlingslagern oder den Alltag am Checkpoint kennenzulernen. Volontäre aus der Westbank müssen Kontakt zu jüdischen Familien oder zur Synagoge suchen und deren Alltag kennenlernen. Man muss die Bücher und Zeitschriften der jeweils "anderen Seite" lesen. Und das nicht, um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, sondern um den Anderen wirklich besser zu verstehen. Es geht nicht darum, die Meinung des Anderen zu teilen, sondern darum, sie wahrzunehmen. 

Eigenen Fehlern ins Auge sehen 

Botschafter der Versöhnung suchen nicht den Splitter im Auge des Anderen, sondern den Balken im eigenen Auge. Es ist immer leicht, die Fehler der Gegenseite anzuprangern - leider hat das wenig Wirkung, weil die eigene Stimme auf der anderen Seite kaum gehört wird. Und die eigene Seite weiß ohnehin Bescheid über die Fehler des Anderen. Man verstärkt also das Feindbild, ohne zu einer Lösung beizutragen. Wie anders wäre es, wenn jeder die Fehler auf der eigenen Seite bekämpfen würde! Damit wäre beiden Seiten geholfen. So haben etwa Palästina-Freunde meistens die notwendige arabische Sprachkompetenz, um islamische Hasspredigten oder Antisemitismus in palästinensischen Medien zu identifizieren und sich dagegen einzusetzen. Israelfreunde wiederum könnten ihre guten Regierungskontakte nutzen, um sich für Reiseerleichterungen an den Checkpoints oder für die Freilassung von Gefangenen einzusetzen, die ohne Anklage in israelischen Gefängnissen sitzen. Jeder hätte auf der eigenen Seite genug zu tun. Und für beide Seiten wäre gesorgt. Wir würden nicht Feindbilder verstärken, sondern im Gegenteil "Gutes tun denen, die uns verfolgen". 

Versöhnung oder Entfremdung? 

Es scheint in Israel die Ansicht zu herrschen, dass der Frieden schon dadurch gefördert wird, dass man die eigene Opferrolle möglichst dramatisch und die Gegenseite als möglichst bedrohlich darstellt. Das erweckt eine große Sympathie für die eine Seite und oft eine noch größere Antipathie für die Gegenseite. Es mag zuweilen der Aufklärung und Information dienen; zur Versöhnung jedoch tragen solche Darstellungen wenig bei.

Für mich ist daher die Kernfrage in allen Begegnungen, Gesprächen, Vorträgen und Veranstaltungen, in denen es um den Konflikt geht: Bringt mich das, was ich höre oder sage, dem "Anderen" näher oder entfernt es mich von ihm? Wird er mir sympathischer oder fremder? Werden Feindbilder verstärkt oder aufgelöst? Hier liegt der kleine, aber bedeutende Unterschied zwischen "Botschaftern des Friedens", "Botschaftern der Gerechtigkeit", "Botschaftern der Solidarität" - und "Botschaftern der Versöhnung".

Der Artikel ist ein leicht gekürzter Beitrag aus Falafel, Freundesbrief des Johanniter Hospiz, Jerusalem, Nr. 23 - Juli 2008.

Von

  • Guido Baltes

    lebt und arbeitet mit seiner Frau im Johanniter-Hospiz in der Altstadt von Jerusalem, einem Ort christlicher Gastfreundschaft für Pilger und Wanderer im Heiligen Land und ein Arbeitszweig des Christus-Treff Marburg.

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