Hüben und Drüben

Erfahrungen mit dem Standortwechsel West - Ost

Als ich von Baden-Württemberg nach Vorpommern zog, war ich einfach neugierig auf das "Abenteuer Osten". In der Christenlehre holte Christine (5. Klasse) ihre Rolle fürs Krippenspiel ab und fragte mich: "Wer spielt dieses Jahr Romeo und Julia?" Als ich verbesserte: "Maria und Josef", meinte sie gelassen: "Ach ja!" Das forderte mich heraus, mit größerer Klarheit über den Glauben zu reden und ihn in eine verständliche, alltagstaugliche Sprache zu übersetzen. 

Oft hatte ich das Gefühl, dass wir zwar die gleiche Sprache sprechen, uns aber nicht verstehen. Ich war im Studium gewohnt, alles zu reflektieren und mir meine Meinung zu bilden. Als ich einmal nach einem Seniorennachmittag die Mitarbeiter fragte: "Wie ging es heute? Was fandet ihr gut, was könnten wir besser machen?", löste das große Verunsicherung aus: Haben wir etwas falsch gemacht?! Einmal sagte jemand genervt: "Du fragst mich immer, wie es mir geht oder was ich denke, aber ich kann dazu nichts sagen - das hat mich nie jemand gefragt. Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Meinung nicht zählt." Ich merkte, wie wichtig es ist, einander zu erzählen, wie wir aufgewachsen sind und was uns geprägt hat. Seitdem waren Hausbesuche für mich richtige Geschichtsstunden. 

Im Neubaugebiet von Weitenhagen hatten sich einige "Wessis" niedergelassen. Vorurteile und Misstrauen waren auf beiden Seiten spürbar. Einmal kam im Kindergottesdienst das Gespräch auf die "eingebildeten Wessis". Nach einer Weile warf ich ein: "Ich bin auch eine Wessi." Erstaunen und dann ein Mädchen voller Überzeugung: "Nein, Sie gehören doch jetzt zu uns." Dieses freundliche "Adoptiertwerden", auch von Erwachsenen, schmeichelte mir zunächst, aber mit der Zeit störte es mich und ich erwiderte etwas provokativ: "Schön, dass Sie mich mögen. Sehen Sie, auch Westdeutsche können nett sein!" 

Ich spürte auch viel Verletzlichkeit. Unser Nachbar sagte einmal nach einer Begegnung mit Wessis: "Die denken, bei uns in der DDR war alles schlecht und jetzt soll alles nichts mehr wert sein, was wir gelebt haben." Mir wurde wichtig, aus dem Schubladendenken "Ossi" und "Wessi" herauszukommen und uns mehr mit unserer je eigenen Geschichte zu respektieren und voneinander zu lernen. 

Doris Beck, OJC-Jahresteam 1987/88, arbeitete von 1995 bis 1999 als Gemeindediakonin in der Kirchengemeinde Weitenhagen (bei Greifswald) und im Haus der Stille. Heute lebt sie in Böbingen bei Schwäbisch Gmünd.

Erfahrungen mit dem Standortwechsel Ost - West

Ziemlich bald nach der Wende kam ich aus Görlitz in die OJC nach Reichelsheim. Ich war eher skeptisch, wenn ich Leute vom Westen schwärmen hörte, dass hier alles zu haben und alles möglich sei. Die BRD war für mich nicht das "gelobte Land", aber die Reisefreiheit und überhaupt die Freiheit, selbst bestimmen zu können, haben mich gereizt. Bei meinen ersten Besuchen war ich vom Überangebot an Konsumgütern überwältigt. Beeindruckt hat mich die Sauberkeit im Land: in der DDR war alles grau, kaputt und schmutzig - hier dagegen sauber und es gab weiße Fassaden. 

Für mich war es gut, dass ich zunächst ein Jahr in der OJC leben konnte. Sie war eine Art Schutzraum, in dem ich Schritt für Schritt die Freiheit lernen und mich an das "Westleben" gewöhnen konnte. Die Gemeinschaft hat mich in der ersten Zeit durchgetragen. Wenn ich zum Beispiel mit 1000 Eindrücken aus der Stadt oder vom Einkaufen wiederkam, konnte ich darüber reden - sonst wäre ich glatt vereinsamt. Der Start in die freie Wirtschaft fiel mir danach nicht mehr so schwer. Unter den Leuten in der OJC war "Ost-West" gar kein Problem. Ich habe mich auch nicht als fremd empfunden. Aber vielleicht bin ich auch nicht der typische Ossi gewesen. Schon in der DDR hatte ich alles, was von der Partei kam und in der Zeitung stand, hinterfragt. Deshalb bin ich auch oft angeeckt.

Als ich begann, mein eigenes Leben aufzubauen, fiel es mir zunächst schwer, Kontakt zu finden. Von der DDR kannte ich es, dass man die Nachbarschaft gut kennt, einander im Blick hat und hilft. Das hat mir hier gefehlt. Dies änderte sich nach einigen Jahren, als ich irgendwann spürte, dass meine "Bewährungszeit" abgelaufen war. Vorher kam es mir oft vor, als ob die Dorfbewohner mich, den Fremden, genau beobachteten - dann auf einmal war ich mittendrin. Meine Kinder fragen natürlich nach der DDR, vor allem wenn wir zu den Großeltern in Görlitz fahren. Dann erzähle ich ihnen aus meinem Leben. In Görlitz nehme ich heute eine Aufbruchstimmung wahr. Sicher ist vieles schwerer geworden und die Menschen müssen einen langen Atem beweisen, aber im Ganzen empfinde ich die Entwicklung als positiv.

Von

  • Thomas Wagner

    Jahresmannschaft 1990/91, ist Zimmerermeister und feiert im Herbst 2010 ein Jubiläum: 20 Jahre im Westen! Seit 10 Jahren lebt er mit seiner Familie wieder in Reichelsheim und ist Arbeitsanleiter für das FSJ in der OJC.

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