Fremde Freunde

Gastfreundschaft: In den Fußstapfen Jesu

von Donald Clymer

Fremd in unserem Land

"Mein ganzes Leben ist eine Lüge!" Maria liegt in ihrem Bett im Krankenhaus und schluchzt auf spanisch: "Ich bin hergekommen, weil ich mir ein besseres Leben erhofft habe, aber ich bin nur enttäuscht worden."

Mir - einem jungen Krankenhaus-Seelsorger - hatte Maria erzählt, dass sie aus Honduras sei. Unbeabsichtigterweise hörte ich aber, wie sie sich in einem Telefonat mit ihrer Sozialbetreuerin als "Josefina aus Puerto Rico" ausgegeben hatte. Scheinbar hatte sie ihre Aufenthaltsgenehmigung mit einer falschen Identität erlangt.

Marias Geschichte ist typisch für viele nichtregistrierte Arbeitskräfte in den USA. Von ihrem Mann verlassen, war sie mit zwei kleinen Kindern allein geblieben. Sie versuchte alles mögliche, um über die Runden zu kommen. Um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen , ließ sie sie bei ihrer Schwester, und reiste ohne Papiere in die USA ein. Der Grenzschleuser musste teuer bezahlt werden. Die Lebenskosten waren dann aber höher, als sie angenommen hatte. Deshalb blieb nur sehr wenig Geld übrig, das sie ihrer Familie schicken konnte. Aus dem amerikanischen Traum war ein Alptraum geworden.

Als ich Jorge im Krankenhaus kennenlernte, war er schon vor über einer Woche mit Tuberkulose in Quarantäne eingeliefert worden. Eigentlich wollte er nicht mit mir, einem Weißen mit Schlips und vollem Terminkalender, reden. Aber als Jorge erfuhr, dass ich mehr als drei Jahre in seiner Heimat Honduras gelebt hatte und gekommen war, um ihm in seiner Situation beizustehen , begann er, sich zu öffnen: Er hatte seine Frau und seine drei Kindern vor mehr als anderthalb Jahren verlassen, um in den USA ein besseres Leben zu suchen. Weil er kein Geld hatte, reiste er überwiegend per Anhalter oder in Güterzügen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er unterwegs mit Gelegenheitjobs. Als er auf einem Güterzug in meiner Heimatstadt eintraf, hatte er hohes Fieber und einen quälenden Husten. Er verließ den Zug und ging zur Notaufnahme unseres Krankenhauses. Dort war er mutterseelenallein - ohne Freunde, ohne Geld und ohne Papiere.

 Die Sicht der Bibel

Die biblischen Aussagen zum Umgang mit Ausländern sind klar und eindeutig. Im Alten Testament findet sich des öfteren Verse wie: "Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen" (2 Mo 22, 20). "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott" (3 Mo 19, 34). Die Israeliten wurden immer wieder an ihr "Fremdsein" in Ägypten  erinnert, damit sie mehr Verständnis für Fremde im eigenen Land aufbringen konnten.

 Für das Alte und das Neue Testament gleichermaßen hat das Aufnehmen und das Bewirten von Fremden  einen sehr hohen Stellenwert.

 Auch in Jesu Leben gibt es Beispiele sowohl für sein eigenes Fremdsein als auch für seine Gastfreundschaft gegenüber Fremden. Jesus verließ die Herrlichkeit des Himmels und "entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich." (Phil 2, 7). Zu Jesu Lebzeiten hatten vieler seiner Volksgenossen die Praxis der Gastfreundschaft Fremden gegenüber weitgehend aufgegeben und grenzten sich stark von Sündern, Zöllnern, Samaritanern und anderen "unreinen" Fremdlingen ab. Im Gegensatz dazu lud Jesus alle ein. Luke Bretherton formuliert in seinem Buch Hospitality as Holiness: "Mit seiner Einladung an alle, die sich in Tischgemeinschaft und gemeinsamem Feiern ausdrückt, hat Jesus die Welt auf den Kopf gestellt"¹

 Was Jesus über die Behandlung Fremder denkt, drückt er in Mt 25, 35 aus: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen". Wer Fremde bei sich aufnimmt, lädt auch Jesus zu sich ein. Eine ähnlicher Wiederholung dieser Einladung lesen wir in Heb 13, 2: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt."

Barmherzigkeit als Frucht der eigenen Geschichte

Wer einen Fremden wohlwollend behandelt, kann meistens an eigene Erfahrungen des Fremdseins anknüpfen, so wie die Israeliten im Alten Testament und Jesus im Neuen Testament. Christine Pohl hält in ihrem wegweisenden Buch Making Room fest: "Für die Israeliten und die frühen Christen war ihr Selbstverständnis als Fremde und Reisende eine ständige Erinnerung an ihre Abhängigkeit von Gott. ... In der Kirchengeschichte wurde Gastfreundschaft immer dann am konsequentesten ausgeübt, wenn die Gastgeber selbst am Rand der Gesellschaft lebten"². Sie schlussfolgert: Wenn wir die Vergänglichkeit unserer irdischen Existenz vergessen, tendieren wir dazu, uns "extravagante Villen zu bauen" und uns "überflüssigen Luxus" zu leisten, "tauschen das Wichtige für das Nichtige ein"²

 Wie gelingt es mir, mir meiner eigenen Fremdheit bewusst zu bleiben?

Als ich eines Tages in San Pedro Sula in Honduras spazieren ging, spuckte mir ein Mann vor die Füße und überschüttete mich mit Beschimpfungen. Er war wütend über die Außenpolitik der USA.  Den Zorn und Hass in seinem Blick werde ich so schnell nicht vergessen. Niemals wieder habe ich mich irgendwo so fremd gefühlt. Wann immer ich es mir jetzt innerhalb meines sozialen Zirkels zu bequem mache, den Bereich, in dem ich mich sicher fühle, nicht mehr verlassen will, erinnere ich mich daran, wie ich mich an jenem Tag in Honduras fühlte. Wenn ich dieses Gefühl in mir wieder wachrufe, fällt es mir leichter, Fremden offen zu begegnen.

Literarische Quellen (Zitate alle in eigener Übersetzung):

Anmerkungen

1 Bretherton, L. (2006). Hospitality as holiness : Christian witness amid moral diversity. Aldershot, England ; Burlington, VT, Ashgate Pub., S.129.

 Pohl, C. D. (1999). Making room : recovering hospitality as a Christian tradition. Grand Rapids, Mich., W.B. Eerdmans, S. 105, 106, 115.

Buschart, W. David (2006). Exploring Protestant traditions : an invitation to theological hospitality. Downers Grove, Ill., IVP Academic.

Ryken, L., J. Wilhoit, et al. (1998). Dictionary of biblical imagery. Downers Grove, Ill., InterVarsity Press.

Von

  • Donald Clymer

    lehrt Spanisch und "Humanities" an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg in den USA. Er hat bei verschiedenen Missions- und Studieneinsätzen insgesamt 7 Jahre in Honduras, Guatemala und Mexiko gelebt und auch mehrfach Studentengruppen dorthin begleitet. Außerdem gehört er zum Seelsorgeteam seiner Heimatgemeinde und begleitet als Seelsorger spanischsprachige Patienten im dortigen Krankenhaus.

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