Befremdet befreundet

Internationaler Kreis im Haus der Hoffnung in Greifswald

von Renate Böhm

Es ist Freitagabend. Das Sommersemester hat begonnen. Der Internationale Kreis (IK), ein Arbeitszweig der SMD Greifswald, trifft sich nach den Semesterferien wieder bei uns im "Haus der Hoffnung".

Heute sind einige Neue dabei: Julia aus Kaliningrad, Vezi aus Bulgarien, Zenop aus Tunesien und Eric aus dem Kongo. Von denen, die schon im letzten Semester dabei waren, sind Eduardo und Daniel aus Bolivien wiedergekommen, außerdem Dimitri aus Mazedonien, Kenia aus Mexiko, Viki aus Turkmenistan, Serge und Narcisse aus dem Kongo und Babu Ram aus Nepal. Auch aus Deutschland sind einige dabei: Matthias aus Sachsen, der auch den IK leitet, Tabea aus Sachsen-Anhalt, Christina aus Bayern, Christoph aus Franken, Stefan aus Hessen und Lisa aus Mecklenburg. Ein buntes Völkchen mit verschiedenen Sprachen - inklusive der deutschen Dialekte - ist an diesem Abend versammelt.

Wie immer gibt es zuerst eine Vorstellungsrunde und eine kleine Andacht - dieses Mal geht es um Abraham, der in die Fremde geht und erlebt, wie Gott für ihn sorgt. Danach essen wir gemeinsam, das verbindet, lockert die Atmosphäre und macht das Gespräch leichter. Anschließend zeigen die Bolivianer in einer Powerpoint, was wir im letzten Semester miteinander gemacht haben. Ein musikalisch untermaltes Potpourri, das Lust macht: internationales Tanzen und Spielen, die "Nacht der 1000 Speisen", Länderabend, Pilgerweg, Grillen am Strand und Gesprächsrunde mit "Einblick ins Christsein". In der Regel kommen 10-20 Studenten alle 14 Tage ins Haus der Hoffnung, kochen und essen, singen und beten, reden und erleben Gemeinschaft.

Vorgeschmack auf den Himmel

Das bunte Miteinander, die große weite Welt in einem kleinen Raum friedlich vereint, das beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Die internationale Tischgemeinschaft ist für mich ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes!

Beliebter Höhepunkt sind die Länderabende: Jeder kann sein Land anhand von Fotos und Liedern, typischen Speisen oder traditionellem Kunsthandwerk vorstellen, manche tragen dabei ihre Landestracht. Da strahlen die Augen der Erzähler - und bei den Zuhörern öffnet sich der Horizont und das Herz wird weit.

Sprachbarrieren gibt es kaum, einer ist immer dabei, der übersetzen kann, wie z.B. Christina, die mit gutem Schulfranzösisch Serge aus dem Kongo aushilft, wenn er etwas nicht versteht. Die Überraschung des Abends für Vezi aus Bulgarien und Julia aus Kaliningrad ist, dass sie einander verstehen, obwohl jede ihre Sprache spricht! Viele Wörter sind ähnlich.

Große Lacher über das Fremde

Was den Studenten hier auffällt, ist die deutsche Pünktlichkeit - sowohl die der Menschen als auch die der öffentlichen Verkehrsmittel. Im Kongo z.B. wartet man ein bis zwei Stunden oder länger auf den Bus. Einige finden es befremdlich, dass man sich für Besuche anmeldet; in Südamerika kommt man einfach vorbei. Für Francis aus Sri Lanka ist das Essen mit Messer und Gabel eine große Umstellung - wie für uns, wenn er uns einlädt, die gekochten Speisen mit den Fingern zu verzehren. Alle staunen über das Verhalten der hiesigen Studenten in den Vorlesungen: sie stricken, essen, legen die Füße auf dem Tisch. Einmal haben sie in einem Sketch ihre deutschen Kommilitonen imitiert - und viele Lacher geerntet! Beim IK treffen auch Glaubensgewohnheiten und religiöse Hintergründe aufeinander: eine russische Mennonitin lebt ihren Glauben anders als ein Katholik aus dem Kongo oder ein Hindu aus Nepal. Da heißt es, stehenlassen und verstehen lernen, wie der andere denkt und glaubt und wie es sein persönliches Leben prägt.

Einander ein Stück Heimat geben

Die meisten suchen Anschluss, wenn sie nach Deutschland kommen, denn es ist nicht leicht, in der ungewohnten Kultur zurechtzukommen und Freunde zu finden. Der Internationale Kreis möchte ein Landeplatz sein und Raum zur Begegnung anbieten. Mit der Zeit wird er für manche eine Art Zuhause, in dem sie sich willkommen erleben. Freundschaften entstehen, die Studenten treffen sich auch öfters außerhalb.

Eduardo sagte neulich: "Der IK ist nicht irgendein Kreis, sondern wie ein Familienkreis. Jeder ist wie ein Bruder oder eine Schwester für mich. Das Besondere ist, dass die Verwandtschaft aus verschiedenen Ländern kommt - das macht es so interessant." Tabea aus Sachsen-Anhalt fügte hinzu: "Das Kennenlernen von Menschen aus Ländern, in die ich wahrscheinlich nie reisen werde, hat meine Vorurteile und Berührungsängste abgebaut. Ihr Engagement motiviert mich, selbst mitzuarbeiten. Toll, dass nicht wir Deutsche etwas für ausländische Studenten machen, sondern dass wir gemeinsam etwas für uns und andere gestalten."

Der Internationale Kreis fordert auch heraus: Immer wieder muss ich mich auf fremde Gewohnheiten einlassen, auf Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe. Das bedeutet, mich innerlich und äußerlich auf den Weg zu machen, die Mühe nicht zu scheuen, mich verständlich zu machen und den andern verstehen zu wollen. Aber der Einsatz lohnt sich für alle.

Von

  • Renate Böhm

    Gemeindepädagogin, ist seit 1991 Mitarbeiterin in der OJC. Sie lebt mit ihrem Mann Rudi im Haus der Hoffnung in Greifswald.

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