Gottes Herz ist weiter

Wie der eigene Glaube am Unvertrauten wächst

von Claudia Währisch-Oblau 

Es war in Kapernaum. Ein römischer Besatzungshauptmann kommt auf Jesus zu und bittet um Heilung für seinen Diener. Ein kurzes Gespräch entspinnt sich und am Ende sagt Jesus: "Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden." Jesus fordert den Glauben nicht, er sucht und findet ihn - sogar bei denen, die für gute Juden völlig unakzeptabel waren: bei Ausländerinnen und Besatzungssoldaten, bei Frauen mit schlechtem Ruf und bei Männern, die allgemein verhasst waren. Glauben ist keine Leistung, Glauben ist ein Geschenk. Glauben kann ich weder selbst hervorbringen noch selbst stärken. Aber ich kann ihn entdecken - bei mir und bei anderen. 

Entdecken

Das ist die vornehmste Aufgabe einer Kirche, die wachsen will. Nicht: andere zu dem Glauben führen, den wir schon haben. So, als ob wir es ganz genau wüssten, und die anderen es erst noch lernen müssten. Glauben entdecken heißt, gemeinsam entdecken, wo Gott in dieser Welt wirkt,  heißt, mir die Augen von Gott öffnen zu lassen: Gott nicht nur dort zu finden, wo ich ihn vermute, sondern auch da, wo er gar nicht hinzupassen scheint.

Zarte, kleine, kaum erkennbare Glaubenspflänzchen. So wie bei dem Studenten aus meiner Klettergruppe, der mir irgendwann einmal erzählt, dass er öfters die Morgenandacht im Radio hört und sie immer so banal findet. Was oberflächlich kritisch klingt, ist in Wirklichkeit die Frage nach etwas, was sein Leben prägen könnte.

Oder kräftige, tief verwurzelte Glaubensbäume. So wie bei der schwarzen Brasilianerin, die ich in Düsseldorf kennengelernt habe. In ihrem Laden für Importprodukte entstand eine Bibelgruppe brasilianischer Frauen und daraus schließlich eine Gemeinde. Nun ist sie Pastorin - ohne theologische Ausbildung, ohne offizielle Anerkennung. Sie erzählt mir von einer Vision, die Gott ihr geschenkt hat: Gott habe sie zum Heilen berufen. Und dann berichtet sie mir von Menschen, für die sie gebetet hat - und die alle geheilt wurden. Ihr Fazit: "Es ist alles ganz einfach! Du musst nur glauben und beten!" Wenn ich das als sektenhaft abtue, verschließe ich mir den Blick für das, was Gott tut. 

Begegnen

Es war in der Gegend von Tyrus und Sidon. Eine Kanaanäerin kommt auf Jesus zu und bittet um Heilung für ihre Tochter. Jesus weist sie ab. Sie gehört nicht zu Israel. Doch die Frau lässt sich nicht abweisen: sie mag nicht dazugehören, aber ein paar Krümel dürften doch für sie abfallen. Und da lässt Jesus sich umstimmen: "Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst." Jesus lässt sich beeinflussen. Er reagiert auf die Menschen, denen er begegnet.

Jesus sagt uns zu, dass er dabei ist, wenn auch nur zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln. Das verleitet dazu, ihn nur in unseren Kreisen zu vermuten. Aber Jesus sagt auch, dass er uns unverhofft begegnet, zum Beispiel in denen, die in der Fußgängerzone betteln. Oder in den Asylbewerbern aus Afghanistan in den Wohncontainern vor der Stadt. Das ist eine Perspektive, die mir nicht leichtfällt. Tendenziell mache ich es eher anders herum: Wenn ich Gottessehnsucht habe, wenn ich Jesus begegnen will, dann fahre ich in das Haus der Stille meiner Kirche. Ja, und da begegne ich Jesus! Das ist nicht falsch. Aber wenn es dabei bleibt, dann wird mein Glaube zur Wellness-Religion. Und dann begegne ich vielleicht nicht mehr Jesus, sondern nur noch meinem Bild von ihm.

Eine Kirche, eine Gemeinde soll ein Ort sein, an dem man sich wohlfühlen kann. Gastfreundlich. Offen. Heimat. Doch die Bibel kennt das Bild von der "Heimat Kirche" nicht. Im Gegenteil, sie beschreibt die Christen als Fremde, Heimatlose, wanderndes Gottesvolk. Ekklesia, Kirche, ist die Gemeinschaft der Herausgerufenen. Derer, die gerade nicht mehr zu Hause sind. Eine Kirche, eine Gemeinde, die erkennt, dass sie noch nicht zu Hause ist, begegnet anderen, die ebenfalls unterwegs sind. Vielleicht haben sie ein anderes Ziel. Aber vielleicht sind sie auch bereit, mit uns gemeinsam einen neuen Weg auszuprobieren. Einen Weg auf der Suche nach Gott, dem Vater Jesu Christi. 

Wachsen

Es war in Joppe. Petrus hat eine Vision, die er nicht versteht. Er soll essen, was für ihn unrein ist. Kaum ausgeträumt, wird er nach Cäsarea zu einem römischen Besatzungshauptmann eingeladen. Petrus geht mit, aber er lässt keinen Zweifel daran, wie unangenehm ihm das ist. Seine Begrüßung ist mehr als unhöflich: "Ihr wisst, wie unstatthaft es für einen Juden ist, mit einem Fremden aus einem anderen Volk zu verkehren oder gar in sein Haus zu gehen." Doch dann schaut er genau hin, hört genau zu und stellt schließlich fest: Jetzt erkenne ich wirklich, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist, sondern dass ihm aus jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt (Apg 10).

Eigentlich war für Petrus klar, wer zu Gott kommen darf und wer nicht. Erst durch die Begegnung mit dem Fremden (und einiger Überzeugungsarbeit vom Heiligen Geist!) lernt er, dass Gott ein weiteres Herz hat als er selbst. Er ist geistlich gewachsen. Glauben ist nicht etwas, was wir haben, kein statischer Zustand. Glauben ist ein Wachstumsprozess, den wir nicht machen können.  Wir können allenfalls düngen, gießen, Unkraut ausreißen. Wie können wir das tun?

Für mich ist klar: Geistlich wachsen kann ich nur, indem ich mich Neuem und Fremdem aussetze. Es ist doch kein Zufall, dass das große Glaubensvorbild Abraham ein Nomade war. Dass sein Glaube daraus bestand, seine Heimat zu verlassen und in der Fremde zu leben. Wenn Sie geistlich wachsen wollen, dann geht das nicht allein, sondern nur gemeinsam mit anderen. Und zwar mit anderen, die nicht zu Ihnen passen. 

Losgehen

Mein Glaube ist gewachsen durch die Begegnung mit Christinnen und Christen aus anderen Kontinenten. Der erste große Schritt war mein Auslandsstudium in Indien, in Madurai. Direkt neben dem Gelände des Seminars war ein großer Slum. Als die Monsunregen einsetzten, stand dort alles unter Wasser. Tausende von Menschen wurden obdachlos. Und ich, die aus einer behüteten deutschen Mittelklassefamilie kam, fragte mich: Was kann ich angesichts solchen Elends predigen? Ich kann doch Menschen nicht einfach erzählen, dass Gott sie liebt und abends in mein schönes Haus zurückgehen, während sie im Slum bleiben. Wenn ich Gottes Liebe ernstnehme, muss ich auch etwas für Gerechtigkeit tun.

Jahre später zog ich nach China und arbeitete dort für die evangelische Kirche. Ich kam viel im Land herum, vor allem in den ärmeren Regionen ohne medizinische Versorgung. Dort stieß ich auf Gemeinden, die so schnell wuchsen, dass es mir schier den Atem verschlug. Ich begann, Leute zu fragen, wie sie zum Glauben gekommen waren. Ihre Antworten waren sehr ähnlich: "Ich war krank. Dann hat mir jemand davon erzählt, dass es einen Jesus Christus gibt, der Kranke gesund macht. Das habe ich ausprobiert. Ich habe gebetet und bin tatsächlich gesund geworden. Darum möchte ich zu diesem Jesus Christus gehören."

Es sind meist nicht die Pastoren in China, die zu solchen Menschen gehen und ihnen von dem Heiler Jesus Christus erzählen. Es sind ganz normale Gemeindemitglieder: Bauern, Arbeiter, alte Frauen, die nicht einmal lesen und schreiben können. Aber sie wissen, dass man Jesus um Heilung bitten darf, und machen die Erfahrung, dass sie erhört werden. "Ich weiß, dass die Bibel wahr ist", sagte mir eine Frau. "Was da drin steht, passiert ja auch hier in meinem Dorf." In Indien hatte ich gelernt, dass ich mich für Gerechtigkeit einsetzen muss. In China lernte ich nun, darüber hinaus auf Wunder zu vertrauen. 

Ermutigen

Nach 12 Jahren in China begann ich in Deutschland eine Arbeit mit Migrationskirchen. Vor allem in afrikanischen Gemeinden habe ich gelernt, dass man ganz anders beten kann, als ich es gewöhnt war. Hier liegen die Menschen mit ihren Anliegen Gott buchstäblich in den Ohren - laut und wortgewaltig. Da ist ein Gebet keine kurze, nüchterne Bitte   nach dem Motto: "Gott weiß schon, was ich brauche." Nein, dort wissen die Menschen, dass Gott sich umstimmen lässt. Und so beten sie stundenlang und ganze Nächte hindurch und geben nicht auf. Auch dann nicht, wenn Gott nicht zu antworten scheint.

Mir ist schon klar, dass Sie nicht alle für ein paar Jahre ins Ausland gehen können, um Ihren Glauben zu vertiefen, aber ich möchte Sie ermutigen, Fremde in Ihrer Nähe zu suchen. Menschen, die nicht zu Ihnen passen. Deren Glauben Sie erst einmal befremdet, deren Gebete und Gottesdienste Sie seltsam finden. Ich möchte Sie ermutigen, dort hinzugehen mit offenen Augen, auf der Suche danach, wo Gott wirkt. Ihr Glaube wird daran wachsen.

Von

  • Claudia Währisch-Oblau

    Dr., Vorstandsmitglied der Vereinten Evangelischen Mission, einer Gemeinschaft von Kirchen in drei Erdteilen, leitet die Abteilung für Evangelisation, ist verheiratet und Mutter zweier Töchter.

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