Lass dich belehren!

Interkulturelle Begegnung als geistlicher Bildungsweg 

von David I. Smith

Ein christliches Gymnasium an der Ostküste US-Amerikas hatte mich zur Revision ihres Spanisch-Lehrplanes eingeladen. Ich beobachtete über mehrere Tage den Unterricht, las Lehrpläne und sprach mit Schülern und Eltern. Mir fiel auf, dass die Lehrer aufrichtig bemüht waren, den Unterricht durch ihren christlichen Glauben zu prägen.

Wer hat hier den Hut auf?

Eines Morgens fragte ich eine Gruppe von Zwölf- und Dreizehnjährigen über ihren Sprachunterricht: "Warum lernt ihr eine Zweitsprache?" Sie antworteten: "Um Gottes Liebe mit spanisch-sprechenden Menschen zu teilen". "Das ist nett", meinte ich. "Denkt ihr, dass ihr euer Spanisch nach dem Schulabschluss brauchen werdet?" Ein oder zwei vermuteten, dass sie es möglicherweise anwenden würden, aber die meisten verneinten entschieden. Das hat mich ziemlich überrascht und ich fragte, warum. "Weil ich kein Missionar werde", war die allgemeine Antwort. Zwei Gemeinden am Ort hatten missionarische Kontakte zu Lateinamerika, und auch die Schule organisierte Missionsreisen für Schüler dorthin. Deswegen dachten sie wohl: Fremdsprachen sind etwas für Missionare, ich werde keiner, also wird mir mein Spanisch nichts bringen.  Ich versuchte es mit einer anderen Frage: "Was meint ihr, wie viele spanisch-sprechende Menschen gibt es in den Vereinigten Staaten?" "Oh, viele, an der Westküste und am Flughafen von Los Angeles". Anscheinend meinten sie, es gäbe zwar reichlich Hispanics, allerdings nicht in ihrer Nähe. Ich recherchierte im Internet und fand heraus, dass im Umkreis einer Autostunde von der Schule entfernt 100.000 Hispano-Amerikaner leben.

Unbehagen bereitet mir auch das Ergebnis einer anderen Umfrage: Ich fragte die Schüler, wie nützlich ihnen ihre Spanischkenntnisse während der Klassenfahrt nach Zentralamerika gewesen seien. Manche schrieben, dass ihnen Spanisch eine große Hilfe war, um "den Spaniern von Gott zu erzählen" (sie hielten die Lateinamerikaner für Spanier). Andere, dass "sie mich jetzt besser verstehen" oder dass "sie endlich kapiert haben, was ich meinte" oder dass sie durch ihre Spanischkenntnisse den Respekt der Einheimischen gewonnen hätten. Fast immer ging es darum, dass die einheimischen Spanischsprechenden sie zu verstehen und zu respektieren lernten.

Allerdings darf man diesen Aussagen nicht allzu viel Bedeutung zumessen - sie kamen von Teenagern. Ihren Lehrern ist durchaus bewusst, dass das Denken der Schüler noch ausbaufähig ist. Mich erschütterte aber, dass der an sich begrüßenswerte Impuls, den Spracherwerb mit dem Wunsch zu verbinden, das Evangelium zu verkünden, so unverblümt mit dem Desinteresse an der Kultur der anderen einherging. Die Schüler schienen die Möglichkeit, sich mit den Belangen der Menschen in ihrer Umgebung, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, auseinanderzusetzen, gar nicht zu erwägen.

Eignungstest in Nächstenliebe

Der Missionsauftrag ist nicht der einzige Zusammenhang in der Bibel, in dem das Augenmerk auf Menschen gelenkt wird, die nicht aus meiner Gemeinschaft stammen. Man beachte 3. Mose 19,18 ein Vers, den Jesus als einen der wichtigsten des Alten Testaments auswies. Dort steht Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - ein hinlänglich bekanntes Gebot. Weniger bekannt ist, dass die Verse 33-34 und die Frage "Wer ist mein Nächster?" ein Echo auf dieses Gebot darstellen. Dort heißt es: Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott. Die Antwort: "Nun, diejenigen zu lieben, die essen, sich anziehen und denken wie du, ist ein guter Anfang. Aber wenn es dir wirklich damit ernst ist, dann versuche, jemanden zu lieben, der nicht aus deiner Gemeinschaft kommt, der anders aussieht, spricht und denkt als du."

Jesus bezieht sich auf genau diesen Abschnitt aus 3. Mose, als ihn ein Schriftgelehrter fragt: Wer ist mein Nächster? Wer gehört zu denen, um die ich mich kümmern sollte? Jesus antwortet mit einer Geschichte. Da wird ein Mann mit unbestimmter Herkunft überfallen und liegt blutüberströmt am Wegrand. Ein jüdischer Priester und ein Levit gehen vorbei, ohne ihm zu helfen. Dann ist da noch der Samariter, einer von denen mit der lausigen Theologie, den falschen religiösen Bräuchen und von zweifelhafter ethnischer Herkunft - kurz einer, um den ein anständiger jüdischer Reisender am besten einen großen Bogen macht. Wie man zur Zeit Jesu über sie dachte, kommt im höhnischen Vorwurf an anderer Stelle zum Ausdruck: Sagen wir nicht recht, dass du ein Samariter bist und einen Dämon hast? (Joh 8,48). Vermutlich wartet der Schriftgelehrte auf eine ihm genehme Antwort am Ende der Geschichte: Mein Nächster ist mein jüdischer Glaubensgenosse, mein Mitbürger, der am Wegrand liegt und meine Hilfe braucht. Aber Jesus schließt durch seine Formulierung diese Antwort aus. Er fragt: "Wer von diesen Dreien war ein Nächster dem, der unter die Räuber gefallen war?" Von den vier Protagonisten stehen drei zur Auswahl, zwei sind nicht qualifiziert - und der Schriftgelehrte ist in die Ecke getrieben: "Der die Barmherzigkeit an ihm übte." Offensichtlich ist "der Nächste" in der Geschichte der Samariter, jener Außenseiter, der die interkulturelle Grenze überschreitet, um einem verletzten Juden zu helfen. Das wirklich Schockierende aber ist die Aufforderung an den jüdischen Schriftgelehrten, sich am Samariter ein Beispiel zu nehmen und es ihm im Gehorsam gegen Gottes Gebot gleichzutun. Das heißt einzugestehen, dass dieser Verachtete ihm etwas über wahre Frömmigkeit beizubringen hat.

Trainingsfeld für Tugenden

Es gibt noch die Geschichte aus Matthäus über den König, der am Tag des Gerichts die Schafe von den Böcken trennt. Zu den Schafen, die für die Gerechten stehen, sagt er: Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen; ich hatte nichts anzuziehen und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt euch um mich gekümmert; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht. (Mt 25, 35-40). Die Schafe werden belohnt; die Böcke werden zur Strafe fortgeschickt, weil sie sich weigerten, entsprechend zu handeln. Im Zentrum der Aufzählung guter Taten steht die Liebe zu dem Fremden - als Kriterium zur Unterscheidung von Gerechten und Ungerechten. Wir können daher mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Gott unsere Schule, unsere Gemeinde und unseren Freundeskreis daraufhin abklopfen wird, wie willkommen dort Fremde sind, gemäß der Worte Jesu in Matthäus 5,47: Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht sogar die Heiden, die Gott nicht kennen?

Diese und viele andere Bibelstellen fordern uns auf, in Außenseitern, Fremden, Ausländern und in ethnisch und kulturell anders geprägten Menschen mehr zu sehen als nur das potentielle Publikum unserer missionarischen Ambitionen. Wir sollen lernen, sie zu lieben wie uns selbst, und unsere christliche Nächstenliebe daraufhin prüfen, ob sie mehr ist als ein Gefühl. Nur wenn wir bereit sind, uns auf die Fremden einzulassen, sie anzunehmen und von ihnen zu lernen, werden wir geistlich wachsen. Wir haben die Wahrheit nicht gepachtet - das kann uns Demut lehren. Wenn wir uns bewusst werden, wie viele unserer Ansichten über Fremde auf Vorurteilen beruhen, werden wir lernen, mit unseren Urteilen vorsichtiger zu sein. Wir können uns in Geduld üben, wenn wir uns Zeit lassen, Menschen aus anderen Kulturen verstehen zu lernen und dabei auch Missverständnisse und Fehlschläge in Kauf nehmen. Um einem Fremden wirklich zuhören zu können, bedarf es all dieser Tugenden - und es ist ein konkreter Akt der Liebe. Die Gastfreundschaft vergesst nicht! - ermahnt uns Hebräer 13,2 - denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.

Reifeprüfung für den Charakter

Im Roman des französischen Nobelpreisträgers François Mauriac "Natterngezücht" begegnen wir einem mürrischen alten Geschäftsmann, der auf sein Leben zurückblickt und darüber nachdenkt, wie seine früheren Entscheidungen seine Gegenwart geprägt haben: "Die schreckliche Bürde des Alters," klagt er, "besteht darin, dass wir gleichsam eine Lebenssumme sind, eine Summe, an der wir keine einzige Ziffer mehr ändern können. Sechzig Jahre lang habe ich mich abgemüht, ein am Hass sterbender Greis zu werden. Ich bin, der ich bin. Ich müsste geradezu ein anderer werden."1

Während er zur Einsicht darüber gelangt, wie ihn vor allem die Liebe zum Geld und der kleinliche Wunsch nach Rache geformt haben, schaut er bedauernd auf sein Leben. Er hat kein Verbrechen, keine besonders böse Tat zu bereuen; aber er hat dabei versagt, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und hat sich beim Urteil über Menschen von der äußeren Erscheinung blenden lassen. Langsam begreift er, dass er es versäumt hat, durch irritierende Äußerlichkeiten hindurch zum Wesentlichen vorzudringen und der Liebe zu begegnen. Er hat diese Gelegenheit verpasst, die Zeit für prägende Entscheidungen ist vorbei: "Die Menschen, die ich hätte lieben sollen, sind tot; tot die, die mich hätten lieben können! Zu den noch Lebenden den Weg zu finden, dazu fehlt mir Zeit und Kraft. Nichts ist mehr in mir - meine Stimme, mein Benehmen und Lachen nicht ausgenommen -, was nicht jenem Ungeheuer gehörte, das nach außen hervortrat und dem ich meinen Namen gegeben habe."2

Fast zu spät wird ihm klar, was ihn zu einem "Monster" gemacht hatte: ein Leben, eingeschlossen in den engen Horizont seines Selbst, ohne die Möglichkeit, wirklich zu lieben und geliebt zu werden. Jetzt ist er unfähig, auf andere zuzugehen, aber bevor er stirbt, erkennt er, dass es für ihn, obwohl er sich nicht mehr zu verändern vermag, dennoch Gnade gibt. Da ist einer, "in dem wir uns alle finden können" und der uns aus der Selbstverkapselung und Selbstvereinnahmung löst. "Um über alle Lächerlichkeit, alle Laster und insbesondere über den Unverstand der Menschen hinwegzukommen, muss man ein Liebesgeheimnis im Herzen tragen, das der Welt abhanden gekommen ist."3 Dieses Geheimnis entdeckt der Alte erst in seinen letzten Tagen.

Wir, die wir noch eine längere Lebensspanne vor uns haben, müssen ebenfalls Entscheidungen fällen, die unseren Charakter, unsere Person formen werden.

Nachhilfe für den Lehrer

Erst neulich wurde meine Liebe zum Fremden neu herausgefordert, obwohl ich schon manche Sprache gelernt und gelehrt habe und seit langem verschiedene Formen interkulturellen Lernens praktiziere. Mit einigen Mitgliedern unserer Gemeinde hatte ich mich bereiterklärt, einer Flüchtlingsfamilie aus Burundi, die gerade in Grand Rapids, Michigan, angekommen war, zu helfen, sich in den Vereinigten Staaten zurechtzufinden. Ein bis zweimal in der Woche treffen wir uns zum Reden und Lesen - und fangen immer wieder bei Null an. Durch einen Übersetzer habe ich Einblick in ihre Familiengeschichte bekommen, doch bei den Sprachübungen geht es nur um Begrüßungsfloskeln, Zahlen und Haushaltsgegenstände. Die Familie ist sehr motiviert und voller Ungeduld angesichts der Grenzen ihrer Kommunikationsfähigkeit. Manchmal frage ich sie, wie das eine oder andere Wort auf Kirundi heißt. In solchen Momenten, wenn sie die Kompetenten und ich der Lernende bin, strahlt auf ihren Gesichtern ein breites Lächeln auf, Entspannung und Freude, während ich, ungeachtet meiner Sprachdiplome und zurückversetzt in die Lage eines Kindes, mühsam unbekannte Laute in meinem Kurzzeitgedächtnis speichere, um sie dann beim Sprechen doch wieder zu verlieren. Auf diese Weise machen wir einander Woche für Woche ganz unspektakulär kleine Geschenke, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Für mich heißt das z.B. auch, bei Schnee durch die ganze Stadt zu fahren, obwohl ich andere Dinge zu tun hätte. Aber das ist meine Übung, den Fremden zu lieben.

Anmerkungen

            1 François Mauriac, Natterngezücht. Aufbau-Verlag, Berlin/

               Weimar, 1977. S.160.

            2 Ebd. S. 185.

            3 Ebd. S. 188-189.

Von

  • David I. Smith

    ist Leiter des Kuyers Instituts für Christliches Lehren und Lernen am Calvin College in Grand Rapids, Michigan.

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