Herausforderung Grenze

Vom Reichtum der Nationen im Horizont der Heilsgeschichte

von Moira Rogers

Das Neue Jerusalem (Offenbarung 21 und 22)

In dieser Himmel-auf-Erden-Stadt ist Gott alles in allem.

Die gesamte Schöpfung ist seine Wohnstätte.

Nicht Sonne noch Mond braucht die Stadt,

denn die Herrlichkeit Gottes erhellt sie

und das Lamm, das geschlachtet war, ist ihr Licht.

In seinem Glanz wandeln die Völker

mit ihren Fürsten, Präsidenten und Ministern

und bringen ihre Gaben, den Reichtum ihrer Kultur,

die Ehre und den Ruhm der Nationen

in die immer geöffneten Tore der Stadt:

aus Midian, Saba und Tarsis,

aus Antiochien, Alexandria und Athen,

aus Korinth, Laodicea und Rom,

aus Washington, Peking und Moskau,

aus Tokio, Frankfurt und Paris,

aus Rio, Nairobi und Neu Delhi.

Menschen aller Sprachen und Stämme

bringen ihr Kostbares in die leuchtende Stadt.

Wie ein Fluss durch Gebirgsklüfte,

so strömt der Reichtum der Völker zum heiligen Ort.

 

Eine Stadt von nie gesehener Schönheit:

ein Willkommen für alle, Geborgenheit und Frieden -

unsere Wohnung im Haus Gottes.

 

Gott hatte die Welt als Zuhause erschaffen,

sie mit Geschöpfen groß und klein gefüllt:

ein Ort der Zugehörigkeit und Einigkeit.

Himmel und Erde: unser Zuhause.

 

Er, der Stifter von Heimat, macht nun alles neu.

Sieh und höre die überwältigende Vision.

Stell dir Gottes Zukunft vor Augen,

in der alles zurechtgebracht und am Platz ist:

alles, wie es sein soll, und vollkommen der Schalom.

 

Amen. So sei es.*

 

Unser Lebensumfeld wandelt sich beständig, nicht nur durch die Erweiterung der Reisemöglichkeiten, durch das Internet und die weltweiten Märkte, sondern auch durch gewaltige Migrationsbewegungen in Folge von Krieg, Armut und Umweltkatastrophen. Wir sind herausgefordert, in einer globalisierten Welt fremden Menschen und ihren Kulturen zu begegnen. Die Rahmenbedingungen dafür sind denkbar ungünstig: die Erdbevölkerung wächst schneller als unser Talent, die Güter gerecht zu teilen. Vielerorts ist der Schutz der Menschenrechte nicht gewährleistet, Finanzwirtschaft und Handel dienen egoistischen Interessen, Terror und Gewalt eskalieren und die Vermengung von innenpolitischen Interessen und außenpolitischen Zielen treibt die Nationen gegeneinander. Die Kultur der anderen wird dabei schnell als Bedrohung empfunden und ganze Weltbilder prallen im sogenannten clash of cultures feindselig aufeinander.

Die Schicksalsfrage eines befriedeten Zusammenlebens wird jedoch nicht an militärischen Demarkationslinien entschieden, auch nicht durch Friedensverträge oder erfolgreiche Börsenkurse, sondern daran, ob wir einander als Mitmenschen und als Teil der einen großen Menschheitsfamilie erkennen. Die Voraussetzung dafür ist die grundlegende Bereitschaft zum Lernen. Wir müssen lernen, Unterschiede respektvoll stehenzulassen, ein klares Bewusstsein für unsere eigenen Grenzen zu entwickeln und der (Un-)Kultur der Angst entgegenzuwirken. Das gelingt nur, wenn wir Begegnungen fördern: Freundschaft und Offenheit anstelle von Gleichgültigkeit und Stereotypen. 

Dieser Aufsatz möchte zu einer Grenzbegehung (border crossing) auf biblischer Grundlage einladen. Es wird dabei zu fragen sein, worin das Wesen und die Notwendigkeit von Grenzen besteht und wie wir Teilhaber der Vision Gottes vom Neuen Jerusalem - der Stadt des Friedens - werden, in der die kostbaren Schätze aller Völker willkommen sind.

I. Grenzen: biblisches Paradigma

Schon unser alltägliches Leben erfordert eine gewissenhafte Prüfung der globalen Zusammenhänge, die Beachtung der Menschenwürde und den Respekt vor dem Anderen - nicht nur weltweit, sondern auch in der Nachbarschaft. Noch grundlegender ist die in der Bibel formulierte Aufforderung zu authentischen zwischenmenschlichen Beziehungen über geographische, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg.

Der biblische Schöpfungsbericht zeigt Gott als umsichtigen und auf Vielfalt zielenden Schöpfer. Seinem prächtigen Eden sollen nicht nur mächtige Wasserströme entspringen; auch Menschen sollen von dort über die Erde strömen und sie bevölkern - der erste Auftrag an die Menschheit. 

Schalom den Grenzen

Der biblische Schöpfer hat großen Gefallen an der Verschiedenheit - allerdings nicht im Sinne der Beliebigkeit! Er verspricht den Israeliten, "ihren Grenzen Frieden zu schaffen" (Ps. 147,14).

Gott hat beides im Blick - die Weite und die Nähe, die Vielfalt und die Eindeutigkeit - und fordert auch von seinem Volk, beides in den Blick zu nehmen. Es ist berufen, sich klar von anderen Völkern zu unterscheiden, um seine Identität im Bund mit Gott zu erkennen. Zugleich aber muss Israel lernen, über den Horizont der eigenen kulturellen Enge hinauszusehen. Immer wieder suchen die Väter des Glaubens ihren Broterwerb jenseits der Grenzen und sind, wenn Hungersnöte übers Land ziehen, auf das Wohlwollen der Nachbarvölker angewiesen. Ebenso sollen sie die bei ihnen Schutz suchenden Fremden willkommen heißen. Andererseits duldet die Thora keine Übernahme fremder Götterkulte, auch nicht, wenn das mit diplomatischen Vorteilen einhergeht. So muss Israel häufig in Kauf nehmen, zwischen die Fronten einander bekriegender Großreiche zu geraten.

Im neuen Testament geht es ebenfalls um die rechte Balance zwischen der Anbiederung an und der Abschottung gegen die Fremden. Jesus hat auch beides im Blick. Den Zöllner, der sich an die Besatzungsmacht verkauft hat und deren Steuer bei den eigenen Volkgenossen eintreibt, erinnert er daran, "Sohn Abrahams" zu sein. Den Pharisäer aber, der sich verächtlich von Samaritern und Kanaanitern abwendet und Römer für unrein hält, brüskiert der Meister durch seine ausdrückliche Wertschätzung dieser Menschen. Seine Jüngerschar beruft Jesus in der grenznahen Provinz Galiläa - und nicht im frommen Judäa. Schließlich sendet er sie aus über die Grenzen von "Jerusalem, Judäa, Samaria, bis an die Enden der Welt" (Apg 1,8). 

Maß der Vollkommenheit

Unterschiede sind das Maß unserer Vervollkommnung. Indem wir die Verschiedenartigkeit im Blick behalten, zeigen wir die Wertschätzung für den Reichtum, den wir einander bedeuten. In der Vision des himmlischen Jerusalem, dem Inbegriff des Friedens, bilden die Schätze der Völker die Bauelemente der neuen Stadt. Natürlich ist diese Stadt nicht von Menschen errichtet - dazu wären wir gänzlich unfähig - , sondern von Gott selbst! Die in ihr wirkende Ordnung jedoch zeigt das schönste Ebenmaß menschlichen Miteinanders, nach dem sich jeder, der zu Christus gehört, ausstrecken sollte. Hier stehen die Völker beisammen, wenn auch nicht vermischt. Sie sind vereint - nicht um ihre Ziele effektiv durchzusetzen, sondern um Gott in Einmütigkeit nach ihren jeweiligen Gaben zu dienen. Diese kraftvolle Vorstellung eröffnet uns eine neue Perspektive und eine neue Hoffnung für unsere Länder und Städte. Sie macht Mut zum Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit zwischen Nachbarn und zwischen Nationen.

Das also ist unsere Motivation heute, Freundschaft mit Ausländern zu schließen. Wir bleiben als Familie Gottes unvollständig, solange wir nicht Menschen aus allen Himmelsrichtungen darin willkommen heißen. Das Geheimnis, das der Verheißung der goldenen Stadt innewohnt, offenbart sich bereits in der Kirche, die viele Völker und ihre Kulturen umschließt (Eph 3,3-6). Sie besteht aus zahlreichen Gemeinschaften, die jeweils ihre eigene Identität haben und um Christi willen miteinander verbunden sind.

II. Gefahr und Notwendigkeit

Die Geschichte der Völker ist von unzähligen Krisen, Kriegen, Vertreibungen und Migrationsbewegungen gezeichnet. Wir wissen, dass die Wahrung der eigenen Grenzen und die der anderen, seien sie nun politisch, kulturell oder geographisch markiert, eine Bedingung für den Frieden ist. 

Konturen von Gemeinschaft

Grenzen als Umrisse kultureller Identität sind essentiell und unverzichtbar, zugleich aber von tiefer Ambiguität, denn wir können sie nicht eindeutig greifen, einfordern und konservieren. Sie sind weder in Stein gemeißelt noch ein für alle Mal festgelegt. Und: die eigene Grenze ist eben niemals nur die eigene; mit ihr grenzen wir an den Anderen! Daher kann auch ihr Verlauf nicht von einer Seite diktiert werden. Identität, die zugleich schützt und befreit, entsteht stets in lebendiger Gegenseitigkeit mit dem Anderen. Das gilt sowohl für Individuen als auch für jedes Kollektiv. Wir können mit unseren Grenzen nur dann angemessen umgehen, wenn wir uns den Menschen "jenseits" öffnen und uns von ihnen ergänzen und prägen lassen.

Sind wir, Völker in der globalisierten Welt, dazu überhaupt fähig?

Die traumatische Erfahrung vom 11. September 2001 hat viele Hoffnungen zerstört. Nun besteht die Tendenz in allen Teilen der Welt, sich gegen die jeweils dämonisierten Anderen abzuschotten und sich in den eigenen politischen, religiösen und wirtschaftlichen Belangen bedroht zu fühlen. Andere wiederum wollen Grenzen gänzlich abschaffen. Sie leugnen sie oder unterlaufen sie wirtschaftlich, politisch, militärisch oder kulturell, weil sie keinen Respekt vor der Andersartigkeit haben oder weil ihnen die Einsicht fehlt, dass Grenzen bedeutungsvolle Vorgaben menschlichen Lebens sind. 

Wahrung statt Erstarrung

Grenzen gewähren Geborgenheit, Stabilität und Vertrautheit, sie umschließen unsere Heimat, in der wir willkommen sind. Sie bieten einen Ansatz zur Orientierung und ein Netzwerk der Zugehörigkeit. Kulturelle und geographische Grenzen konstituieren erst das gesellschaftliche Miteinander, indem sie lebenswichtige Zuordnungen schaffen. Sie werden aber zum Käfig des Geistes und gar zum realen Gefängnis, wenn sie ständig und ohne wahre Not "verteidigt" werden.

Der kompetente und verantwortliche Umgang mit Grenzen - das ist der Kern "interkultureller Kompetenz" - fordert uns heraus

  • Wie können wir so mit Grenzen umgehen, dass sie nicht zum Bollwerk gegen andere, sondern zum Ort der Zuflucht und Gastfreundschaft für sie werden?
  • Wie bleiben unsere Grenzen so dynamisch, dass wir selbst in ihnen offen, flexibel und entwicklungsfähig bleiben?
  • Wie werden wir zu Grenzgängern, die, sich ihrer eigene Identität bewusst, fähig werden, dem "Anderen" angemessen zu begegnen und sich von ihm verändern zu lassen?

III. Kompetente Grenzgänger

Um mit den "Anderen" in einer gemeinsamen Welt zu leben, müssen wir unseren festen Bezugsrahmen verlassen und in einen sinnhaften Austausch mit anderen kulturellen Realitäten treten. Das bedeutet, kulturelle Differenzen in Demut anzuerkennen: Unsere Sicht der Dinge ist nicht die einzige!

Friedliche Koexistenz wird möglich, wenn wir unser Wissen, unsere Affekte und unsere Umgangsformen erweitern lassen und so mit den uns Fremden in einen effektiven und angemessenen Austausch treten. 

Interkulturelle Kompetenz trägt dem Prinzip der Ganzheitlichkeit Rechnung und erfordert 

  • ein Bewusstsein für das Geprägtsein durch die eigene Kultur,
  • das Erkennen und Verstehen fremder Bedeutungsmuster,
  •  den einfühlsamen Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen,
  • ein kulturkongruentes Verhalten und die Fähigkeit, Unterschiede auch zwischen Fremdgruppen zu berücksichtigen.

Wenn wir uns öffnen, überwinden wir die Isolation und die Angst. Angst ist ein Dieb, sie raubt uns nicht nur den inneren Frieden - was schlimm genug ist -, sie beraubt uns auch beglückender Beziehungen und hält uns in einer schrumpfenden Welt gefangen, die wir vergeblich zu schützen versuchen. Wo sich Vorurteil, Angst und Eifersucht breitmachen, bleibt kein Raum für herzliches Willkommen, Anteilnahme und gegenseitige Bereicherung.

Annahme hingegen ist eine Einladung an den Anderen. Sie ist weit mehr als ein bloßes pflichtbewusstes Tolerieren in frommer Selbstgefälligkeit. Wir stehen beieinander und schätzen einander, so wie wir sind, wir können einander reich machen, ohne selbst arm zu werden.  Damit werden wir zu Botschaftern des Schalom und zu Grenzgängern, die mutig über das Hochseil der unterschiedlichen Lebensrealitäten schreiten, weil sie sich getragen und geleitet wissen von der alles und alle umfassenden Liebe Gottes. Wenn wir es so angehen, werden wir den komplexen Herausforderungen unserer Zeit vielleicht gewachsen sein. Gott hat seine Einladung in das Neue Jerusalem längst ausgesprochen. Öffnen wir Augen und Herz, Hände und Türen für seine überwältigende Vision!

Von

  • Moira Rogers

    Dr., Professorin an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg, USA. Seit 2002 begleitet sie verschiedene Internationale Baucamps der OJC. Ziel ihres Engagements ist es, unsere Arbeit wissenschaftlich zu reflektieren und Lehreinheiten zu interkultureller Kompetenz durchzuführen.

    Alle Artikel von Moira Rogers

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