Mein Kulturwechsel

Erste Schritte im Neuland des Glaubens

von Andreas W.

Bei ProChrist im März 2006 war meine Entscheidung gefallen. Nach Jahren des Lebens fern von Gott brannte mein Herz jetzt für Jesus. Zweifeln und Staunen war das Thema gewesen und es beschrieb exakt, was in mir vorging: Mein Kopf, mein Verstand und meine Einstellungen wollten zweifeln, meine Gefühle, meine Seele und mein Herz waren voller Staunen. Kurz zuvor hatte ich in meiner ersten richtigen Krise gespürt, wie alles, was mir Halt gegeben hatte, plötzlich weggebrochen war - und nun war ich mit meinem Schmerz Gott begegnet! Ich spürte, dass er mich trägt und sah staunend, dass Christen, die ich kennenlernte, in ihren eigenen Krisen ein stabiles Fundament haben.

Die nächsten Schritte im Glauben waren extrem spannend: ich hatte ein neues Land betreten und wollte es einnehmen und bewohnen. Um dieses "Land" mit seiner ganz eigenen Kultur besser kennenzulernen, brauchte ich andere Christen, die mich an der Hand nehmen und mir Richtung geben. Solche Wegweiser hoffte ich, bei der OJC zu finden.

Sehen lernen

Zu Beginn meiner Zeit dort erfasste mich tiefe Unzufriedenheit: Niemanden aus meinem Jahresteam hätte ich mir ausgesucht! Alle waren so anders als ich, niemand war auf meiner Wellenlänge. Aber weil mir keine Wahl blieb, ließ ich mich auf sie ein. Nach kurzer Zeit entdeckte ich Schätze in jedem einzelnen (bei dem einen schneller, bei dem anderen hat es länger gedauert), und selbst ihre anfangs so übermächtig wirkenden Ecken und Kanten wurden allmählich liebenswert. Mir dämmerte, wieviel ich bisher verpasst hatte, weil ich immer dem ersten Eindruck gefolgt war. Jetzt erlebte ich, dass gerade die "Splitter" in den Augen der anderen mich den "Balken" in meinen eigenen Augen auf die Schliche kommen ließen. Seitdem versuche ich, mit einer anderen Haltung auf mir unbekannte Menschen zuzugehen.

Reden lernen

Bevor ich Christ wurde, tat ich mich schwer, über mich zu reden. Es gab fast niemanden, dem ich meine inneren Ängste und Kämpfe anvertraut hätte. Gefühle preiszugeben, empfand ich als Schwäche. Das hat sich in der Jahresmannschaft radikal gewandelt. Gleich zu Beginn sollte ich mein Leben reflektieren und an meinem Geburtstag davon erzählen. Ich wollte nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern auch Schweres aus meiner Geschichte preisgeben, was mich zuerst viel Überwindung gekostet hat. Der Lohn war eine Tiefe in den Beziehungen, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. 

Was es bedeutet, wenn Herzen sich begegnen, habe ich vor allem in der Beziehung zu meinem Mentor Matthias und zu meinem Zimmermitbewohner Tobias gespürt: ich war mit anderen Männern unterwegs, spürte, dass sie ähnliche Fragen und Zweifel haben, und lernte, mich ihnen anzuvertrauen, ohne Gefahr, Hohn und Unverständnis zu ernten.

Danken lernen

Ich versuchte - wie gewohnt - den Alltag aus eigener Kraft zu bewältigen. Für mich hing viel davon ab, ob und was ich leistete und wie die anderen darauf reagierten. Das machte mich anfällig für Kritik und Selbstkritik. Wenn ich dann frustriert zum Mittagsgebet in die Kapelle marschierte und mit den anderen betete "Wir gehören nicht der Arbeit, nicht den Menschen und nicht uns selbst - wir gehören dir!", erlebte ich oft, wie sich mein Anspruch verwandelte in einen Zuspruch Gottes. Aus meinem "Ich leiste, also bin ich" wurde ein "Von Jesus geliebt, das bin ich!" Ich ging weitaus entspannter zurück an meine Aufgaben. 

Der Höhepunkt meiner OJC-Woche war immer das Mittagsgebet am Freitag. Nach vier Tagen der Fürbitte stand nun das Danken im Mittelpunkt. Wenn ich die Woche revue passieren ließ, schien sie mir zunächst gewöhnlich und alltäglich. Doch bald kamen mir Erlebnisse in den Sinn, bei denen Gottes Handeln offensichtlich gewesen war und ich fühlte mich reich beschenkt. Dann füllte sich mein Herz derart mit Dank, dass ich gar nicht wusste, wo ich mit dem Erzählen beginnen sollte. Es war wundervoll, in die strahlenden Gesichter der anderen zu blicken und deren Erlebnisse zu hören.

Früher ging ich anders mit Erlebnissen um: statt das Gute zu sehen, war ich schnell dabei, mich über Kleinigkeiten zu beschweren und über ungeliebte Bekannte zu lästern. Die Wendung meines Blicks auf den erlebten Segen hat dazu geführt, dass ich mein Leben in seiner Ganzheit annehmen kann und glücklich darüber bin, wo ich stehe, auch wenn in der Vergangenheit nicht alles leicht war und auch heute nicht ist. "Dankbarkeit ist der Wächter am Tor des Herzens gegen die Mächte der Zerstörung" - dieser Satz von Gabriel Marcel ist mir zu einer wichtigen Lebensweisheit geworden.

Hinstehen lernen

Inzwischen studiere ich in München Elektro- und Informationstechnik. Auch in meinem Unialltag erlebe ich das Zusammentreffen verschiedenster Lebenskulturen. Darin offen von meinem Glauben zu erzählen, ist sehr herausfordernd. Oft verstecke ich mein Christsein und passe mich an, was mir nicht schwerfällt, da ich ja beides kenne, die Welt der jungen Christen und die der anderen. Aber ich sehe auch die Chance, für beide Seiten neue Horizonte öffnen zu können. Ich will nicht über das Neuland schweigen, das ich entdeckt habe: ein Land mit einer so anderen Kultur des Redens, Denkens und Dankens, der Hoffnung und der Liebe zueinander. Mit jedem neuen Schritt, den ich darin wage, staune ich mehr!

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