Liebe Freunde

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Artikel 1 Grundgesetz

Fragt man einen Fremden, wer er sei, dann fasst er sich vielleicht ein Herz und erzählt ein Stück seiner Lebensgeschichte. Das Zurückschauen (lat. respectus) auf das eigene Leben und die Bereitschaft, anderen Einblick zu gewähren, ist riskant und lebt von der Achtung voreinander. Es schafft aber auch die Chance für etwas wunderbar Neues: Wann immer wir selbst erzählen und anderen zuhören, wenn wir uns zeigen und aufeinander einlassen, überschreiten wir die Grenze vom Ich zum Du und überbrücken die Kluft zwischen mir und dir. In der Begegnung zwischen dem Eigenen und dem Fremden entstehen die Konturen einer neuen Wirklichkeit, die über das Bestehende hinausweist - es entsteht ein Wir.

In Geschichte(n) verstrickt

Einander zu erzählen ist menschlich und macht menschlich. Erzählen schafft Zeit und überwindet Zeit. Erzählen braucht Gemeinschaft und schafft Gemeinschaft.* Die geteilten Geschichten bilden die Grundlage und den Vorlauf der Geschichte, die erst noch miteinander gelebt werden will.

Es ist unser Vorrecht als Kinder Gottes, in eine große Geschichte des Heils hineingestellt zu sein, sie mitzugestalten und unsere Signatur darin zu hinterlassen. Eindrücklich lässt Thomas Mann in der biblischen Nacherzählung "Joseph und seine Brüder" den jungen Herrn über Ägyptenland diesen Horizont ausleuchten: "Groß ist das Schrifttum! Aber größer noch freilich, wenn das Leben selbst, das man lebt, eine Geschichte ist, und dass wir in einer Geschichte sind, einer vorzüglichen, davon überzeuge ich mich je länger je mehr." 

Mut in Bedrängnis

Die eigene Geschichte als Teil der Heilsgeschichte Gottes zu begreifen, ist eine Gnade, die nicht nur Joseph stark machte, sondern auch uns. Die Folge dieser Erkenntnis ist eine gewaltige Herausforderung: Wir sind nur ein Teil einer viel größeren Familie, in der es eine unermessliche Vielfalt gibt - Menschen mit anderer Hautfarbe, Kultur, Sprache, Glaubensweise und Lebensgeschichte. Und alle sind Ebenbilder Gottes und alle haben als solche eine unantastbare Würde. So ist es auch in Artikel 1 des Grundgesetzes verankert, das vor 60 Jahren zur inspirierten Grundlage für unsere neu zu gründende Republik wurde. 
Die Herausforderung im alltäglichen Zusammenleben besteht nun darin, diese Einmaligkeit eines jeden zu respektieren - seine Anders-artigkeit zu achten, seine Grenzen zu wahren, zugleich aber bereit zu sein, die eigene Grenze für Begegnungen durchlässig zu halten.

Gegen den Strom

Wie wenig selbstverständlich das ist, erleben wir nicht nur im Privaten. Das wurde uns auch in den politischen Auseinandersetzungen um den Kongress der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS), der vom 20.- 24. Mai in Marburg stattfand, bewusst. Wir haben zu spüren bekommen, was es kosten kann, einen Standpunkt einzunehmen, der nicht im Mainstream liegt. Aber auch erfahren, dass es sich lohnt, Respekt einzufordern für die, deren Stimme sonst nicht gehört wird und die ein Recht darauf haben, ihr Leben in Würde und Freiheit zu gestalten.

Nachfolger Jesu sind keine Endverbraucher der Liebe Gottes, sondern Ermutiger und Gehilfen zur Freude (2. Kor 1,24). Wer mit ihm in Verbindung steht, hat den maximalen Zustrom, um anderen mutig und mit Achtsamkeit zu begegnen. Darum gehören Liebe und Respekt ins Marschgepäck jedes Nachfolgers.

Stämme - Völker - Nationen

Blicken wir aus der Vogelperspektive auf die Wachstumsknoten unserer europäischen Kulturgeschichte, sehen wir, wie sich auf dem Weg durch die Jahrtausende immer komplexere und größere Einheiten des Zusammenlebens geformt haben: Menschen bildeten Stämme, wurden Völker und einten sich zu Nationen. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, sind wir damit konfrontiert, dass unsere Welt ein Dorf geworden und das Fremde uns nahegerückt ist. 

Damit ein friedliches und fruchtbares Zusammenleben möglich ist, braucht es interkulturelle Kompetenz. Ein gut gemeintes Modell war die Utopie einer Multi-Kulti-Gesellschaft in den 90er Jahren. Grenzen schienen ihr hinderlich, Unterschiede eher beliebig. Ihr Ideal war der bunte Mischmasch der Kulturen - ohne Spannungen und ohne Abgrenzungen. Aber den gibt es nicht und er wäre auch gar nicht die Lösung.

Identität wahren

Multi-Kulti hat in unserem Land die Begegnung zwischen Einheimischen und Hinzugezogenen nicht vertiefen und im globalen Kontext den Frieden zwischen den Kulturen nicht ermöglichen können - das Trauma des 11. September hat den Traum von einer universellen Menschheitskultur endgültig zerstört. Im Gegensatz zur Multi-Kulti-Utopie will reale interkulturelle Begegnung Unterschiede nicht verharmlosen und Identitätsgrenzen weder verwischen noch marginalisieren. Sie ermöglicht vielmehr ein respektvolles Miteinander, ohne sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken lassen zu wollen. Das meint interkulturelle Kompetenz - sie ist gewissermaßen eine psycho-soziale Elastizität, christlich gesprochen: Respekt- und Liebesfähigkeit.

Interkulturelle Grenzgänger

Die Baustellen interkultureller Verständigung sind vielfältig und gewaltig. Die Aufgabe ist nicht an den Außenminister oder die Kulturbeauftragten zu delegieren, sondern muss mitten unter uns erfüllt werden: im nachbarschaftlichen und gemeindlichen Umfeld, am Arbeitsplatz und in der Schule. Überall sind interkulturelle Barrieren zu überwinden und Grenzen zu gestalten. Genau genommen ist jeder Schritt auf den Nächsten zu ein Akt der kulturellen Grenzöffnung, je nach Gegenüber in unterschiedlicher Intensität. Nicht erst die andere Nationalität eines Menschen fordert uns heraus; schon seine andere familiäre Prägung oder der Generationenunterschied brauchen Respekt und Liebesfähigkeit und konfrontieren uns mit einer "anderen Kultur", dem Fremdsein des Anderen.

Ein neues Wir

Die Geschichten in diesem Heft sind keine Erfolgs-, wohl aber Aufbruchsgeschichten. Zeugnisse von Menschen, die es gewagt haben, vertraute Grenzen zu überschreiten und sich der Begegnung mit dem Anderen zu stellen. Die Erfahrungen dieser Grenzgänger sind so individuell wie beispielhaft und reichen von Afrika bis nach Amerika, von den Indios bis zum Volk Israel; sie erzählen von Doris, die nach dem Mauerfall in den Osten zog, und von Thomas, der die Grenze Richtung Westen überschritt. Sie alle haben sich riskiert und wurden bereichert mit beglückenden und schweren Erfahrungen - auf jeden Fall mit dem großen Geschenk eines neuen Wir. Respekt!

Blick zurück

Das vergangene Jahr war das "Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs". Dieses Salzkorn ist eine Fortführung des Themas. Dabei knüpft die Originalität der Geschichten an das diesjährige Motto zum "Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation". 2009 ist ein Jahr, das uns Grund gibt, respektvoll und versöhnlich auf das Fundament unserer Gegenwart zu blicken: Am 9. November feiern wir den 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls, wir blicken dankbar auf 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und gedenken im September mit dem Weltfriedensgebet (6.-8. Sept. in Krakau) des deutschen Überfalls auf Polen vor 70 Jahren.

Blick nach vorn

Bei alledem darf der Blick nach oben freudig in unseren Alltag verwoben werden. Etwas davon haben wir am Himmelfahrtstag erlebt. Mit nahezu 700 Freunden feierten wir das OJC-Festival unter dem Motto Dem Leben Richtung geben und ließen uns durch die Predigt von Burkard Hotz (Rimbach) ermutigen, den Glauben nicht als bodenlose Erbauung der eigenen Seele zu begreifen, sondern auf dem Boden des Evangeliums mit kämpferischer Ausdauer für unsere Überzeugungen einzutreten. Ihr Kommen und Ihr Beten, Ihre Anteilnahme an unserem Leben und unserem Auftrag und Ihr finanzielles Einstehen gibt uns Rückenwind für den "mutigen Aufbruch", vor dem wir stehen. (S. 96) Gemeinsam wollen wir uns ausrichten auf das Ziel aller Geschichte und Geschichten: auf den Wiederkommenden, der bereits in unserem angefochtenen Alltag den Glanz seiner neuen Welt aufstrahlen lässt. 

Dankbar und herzlich grüße ich Sie, die erlösten Zweifler, die strauchelnden Ermutiger und alle anderen Grenzgänger, die an der einen großen Geschichte Gottes mitschreiben und ihre Signatur hinterlassen werden. 

Ihr 

Dr. Dominik Klenk
Reichelsheim, den 3. Juni 2009

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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