Mein erstes Mal - Beichten

Lauren Winner berichtet von ihrem ersten Beichten

Von einer, die Ernst machte

 von Lauren F. Winner

Ungefähr einmal im Monat fahre ich zwei Stunden mit dem Zug nordwärts, springe in ein Taxi und fahre zu einer kleinen Episkopalkirche, und dort treffe ich mich mit Father Peter, meinem Beichtvater.

Auf Father Peter bin ich gekommen, weil ich in seiner Stadt Freunde habe, und deswegen hatte ich mir überlegt, dass ich so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte: erst Beichte und danach Lunch mit Leuten, die ich ansonsten selten zu Gesicht bekomme. Als ich das erste Mal bei ihm in der Gemeinde anrief und fragte, ob er die Beichte abnähme, meinte er "Ja, klar", aber er hörte sich eher überrascht an. "Ist das irgendwie ein Notfall?" Ich war mir nicht ganz sicher, was er damit meinte: ob ich etwa auf dem Sterbebett läge? "Nein, nein", beruhigte ich ihn. "Mir passt es jeden Tag in diesem Monat."

Die nächsten drei Tage betete ich mit offenen Augen und griffbereitem Notizblock. Ich bat Gott, mir alle Sünden, für die ich Buße tun musste, ins Gedächtnis zu rufen. Am vereinbarten Tag machte ich mich auf den Weg mit sechs vollgeschriebenen Seiten.

"Tja, also", sagte er, "freut mich, Sie kennenzulernen. Da das unser erstes Treffen ist, finde ich, wir sollten uns vorher noch ein paar Minuten miteinander bekannt machen." Also gingen wir in sein Büro und begannen, uns miteinander zu unterhalten - darüber, an welcher Uni ich war, was ich studierte, an welchem Seminar er gewesen war, was unsere Lieblingsbücher waren. Ich mochte ihn, den Pfarrer, und ich wollte, dass er mich mochte.

Ich kann unmöglich alles beichten, was ich hier auf der Liste stehen habe, dachte ich, während wir uns unterhielten. Ich merkte, dass ich ihn beeindruckt hatte, er mich gar als Gleichgesinnte ansah. Und exakt das wollte ich: dass er gut von mir dachte, beeindruckt war, mich akzeptierte. Wenn ich ihm die Liste hier vorgelesen habe, wird sich das erledigt haben, dachte ich und hakte schon mal ab, was ich überspringen würde. Meine Versäumnisse in Sachen Gebet werde ich wohl abschwächen müssen, dachte ich, und den letzten Absatz auf Seite 3, den lass ich lieber ganz weg. Da ging es natürlich um Sex. Der Absatz behandelte ausführlich, wie ich nach meiner Taufe vom Pfad der Tugend abgekommen war. Sex mit meinem Freund. Sex mit einem Ex-Freund, und wie ich anschließend meinem Freund darüber was vorgelogen hatte.

Während ich also im Geiste Punkte von meiner Liste strich, unterhielten Father Peter und ich uns über die Theologie der Beichte. In der Zwischenzeit brachte ich im Stillen ein verwirrtes Gebet dar: Wenn ich wirklich die ganzen scheußlich klingenden Sachen beichten sollte, Dinge, durch die ich auf Father Peter als gewöhnlich wirken würde, und nicht mehr imposant und geistesverwandt, dann würde ich sie halt beichten; allerdings legte ich keinen Wert darauf, dass mein Gebet erhört würde; ich war fest entschlossen, den letzten Absatz auf Seite 3 zu überspringen.

Father Peter räumte ein, dass er auch nicht komplett verstand, wie die Beichte funktioniere. "Manche Leute sagen, sie sei nicht aus theologischen Gründen wichtig, sondern aus psychologischen. Erst wenn man irgendeinen halböffentlichen Ritus mitgemacht hat, habe man das Gefühl, dass man wirklich gebeichtet hat, dass einem wirklich vergeben worden ist."

"Kann schon sein", sagte ich, "dass es einen Nutzen für die Seele hat. Aber nur weil die Leute sich dadurch besser fühlen, wird die Kirche wohl kaum etwas als Sakrament bezeichnet haben."

Father Peter nickte und legte seinen Purpur an - Purpur ist die Osterfarbe, aber auch die Farbe der Verschwiegenheit - und erinnerte mich noch einmal daran, dass alles, was ich ihm beichten würde, unter vier Augen bleiben und nie wieder angesprochen werden würde. Wir gingen nach vorne und knieten vor dem Altar nieder.

Die Beichte läuft in der Episkopalkirche in einer schlichten Form ab. Zuerst sagt das Beichtkind (das bin ich): "Segne mich, denn ich habe gesündigt." Und dann sagte Father Peter: "Der Herr möge dein Herz erfüllen und auf deinen Lippen wohnen, auf dass du wahrhaft und demütig deine Sünden bekennen mögest." Und genau das tat ich dann, ich versuchte jedenfalls, wahrhaftig und demütig zu sein, las meine lange Liste vor und sprach von den Sünden, die ich in der kurzen Zeit seit meiner Taufe begangen hatte. Bei Seite 3 und den Sünden angekommen, die ich eigentlich zu überspringen gehofft hatte, war ich so vom Geist der ganzen Sache gefangen, dass ich sie doch nicht ausließ. Ich war mir meiner Peinlichkeit ebenso bewusst wie der Gegenwart von Father Peter und wurde entsprechend rot im Gesicht.

Und dann verkündet der Pfarrer die Absolution: "Der Herr hat all deine Sünden vergeben."

"Dank sei dem Herrn", sagte ich.

"Geh hin in Frieden", sagte Father Peter, "und bitte für mich, einen Sünder."

Ich dachte, dass wir damit fertig wären, doch Father Peter sagte: "Eine Sache noch. Ich hätte gerne Ihre Liste." Ich umkrampfte meine gelben Blätter. Ich hatte mir überlegt, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, die Liste meiner Sünden gelegentlich noch mal durchzugehen. Wollte er sie lesen, nachschauen, ob ich auch wirklich alles gesagt hatte?

Father Peter lächelte, und widerstrebend überließ ich ihm meine Sünden. Dann durfte ich zusehen, wie er meine sechs Seiten zerriss.

"Eigentlich komisch", sagte er, als wir die Kirche verließen, "immer dasselbe, wenn ich eine Beichte abnehme - sobald ich mich vorm Altar wieder erhebe, kann ich mich beim besten Willen an nichts mehr erinnern von dem, was der Beichtende gesagt hat."

Von

  • Lauren F. Winner

    Tochter einer baptistischen Mutter und eines reformjüdischen Vaters, hatte zuerst den jüdisch-orthodoxen Weg eingeschlagen, sich dann mit Mitte 20 taufen lassen. Wie sie beide Welten zu vereinbaren sucht, beschreibt sie in ihrem Buch: Zwei Welten meines Herzens, Brunnen Verlag, Gießen, 2008.

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