Sehnsucht nach Fülle und Erkenntnis

Du darfst!
Aus der Falle der Selbstbedienung in die Fülle des Lebens

von Markus Hoffmann

Der Begriff "Sünde" wird in der Seelsorge zunehmend ausgeblendet. Stattdessen verweisen wir verständnisvoll auf die verletzte Seele eines kindlich Suchenden, der so viel nachzuholen hat und sich das eine oder andere Verhalten erlauben darf, von dem er im Grunde weiß, dass es der Entfaltung seiner Persönlichkeit abträglich ist. Vor allem im Bereich von Beziehungen und Sexualität zögern wir, von Sünde(n) zu sprechen, schließlich geht es dort um allzu menschliche Bedürfnisse, über die zu richten als unbarmherzig, moralisierend, gar als fundamentalistisch gilt. Doch bei allem Unbehagen sollten wir in der Seelsorge die Auseinandersetzung mit der Sünde nicht umgehen, sondern uns fragen, was die Bibel meint, wenn sie von Sünde spricht.

Der Maßstab für Sünde ist nicht ein Kanon an Verhaltensvorschriften und Geboten, sondern in erster Linie unser Gottesverhältnis. Die Bibel unterscheidet zwischen der Sünde als der Abkehr des Menschen von Gott und den Sünden als sündhafte Verhaltensweisen. Im Wesentlichen besteht Sünde darin, dass der Mensch sich der Fülle des Lebens, die Gott ihm, seinem Ebenbild, schenken möchte, verschließt. Dies kann nur dadurch überwunden werden, dass wir uns mit Gott versöhnen lassen (2. Kor 5,20). Aus der Verschließung aber folgen Verhaltenssünden: Selbstversorgung, Sucht nach Macht und Geld, lieblose Abgrenzung im zwischenmenschlichen Verhältnis.

Da die Sünde den Menschen von der Quelle des Lebens trennt, wird sie auch als Abspaltung vom Leben schlechthin sichtbar.

Der Kirchenvater Augustinus sieht in ihr eine Kraft, die den menschlichen Geist verdunkelt, sodass er unfähig ist, die tiefere Wahrheit des Lebens zu begreifen, mehr noch: die eigene Not angemessen zu diagnostizieren und dann Abhilfe zu schaffen.

Fehlgeleitete Sehnsucht

Dem Abgeschnitten-Sein und der daraus folgenden Verwirrung der Gefühle und Gedanken begegnen wir auch im seelsorgerlichen Kontext. Der Theologe Paul Tillich beschreibt Sünde als die "unbegrenzte Sehnsucht, das Ganze der Wirklichkeit dem eigenen Selbst einzuverleiben", was auf "psychischen Hunger ebenso wie auf sexuelle Befriedigung, Erkenntnis, Macht, Wissen, materiellen Reichtum und geistige Werte" bezogen werden kann.1 Diese Dimension lässt sich in der folgenden Dynamik nachvollziehen: Sündiges Verhalten ist häufig eine Folge von seelischen Verletzungen, die wir erlitten haben und die uns die Botschaft vermitteln: "Dir ist es nicht erlaubt, die Fülle des Lebens zu genießen!" Mit dieser Grundbotschaft im Lebensgepäck sind wir kaum in der Lage, Beziehungen, Nähe, Liebe, Vertrauen angstfrei zu erfahren. Stattdessen hegen wir ein tiefes Misstrauen uns selbst, anderen und Gott gegenüber. Da wir aber Anerkennung, Beziehung und Selbstverwirklichung wie die Luft zum Atmen brauchen, versuchen wir unbewusst, die von der Verletzung gesetzten Grenzen und Verbote zu umgehen und - wenn auch mit Scham, Angst oder in Heimlichkeit - unsere Bedürfnisse zu stillen. So würde zum Beispiel ein Mensch, dessen Grenzen missachtet wurden, unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit kontrollierende Beziehungen bilden; der Ungeliebte würde vielleicht durch dienende Unterwerfung und Überanpassung die Liebe zu erheischen suchen, die ihm versagt blieb; der an mangelnder männlicher oder weiblicher Identität Leidende würde versuchen, durch Verschmelzungsphantasien und sexuelle Intimität seine Identitätslücke zu schließen usw.

Das alles erlöst nur scheinbar vom inneren Konflikt und Schmerz, denn diese vermeintlichen Abkürzungen halten uns gefangen und gaukeln uns Freiheit vor, während sie in Wahrheit Beziehungen zerstören, die Entfaltung unserer Identität verhindern und uns in Abhängigkeiten verwickeln. Darin liegt das Paradox der Sünde: Wir meinen, uns durch sie etwas von der uns verwehrten Fülle anzueignen, schlagen dadurch aber eben diese Fülle aus.

Unfähigkeit zur Erkenntnis

Die Feststellung des Augustinus, dass Sünde den Geist an der Erkenntnis hindert und Schritte in ein befriedetes Leben blockiert, wird in der Seelsorgepraxis immer neu bestätigt. Mir fällt der Süchtige ein, der zur Einsicht gelangt, dass seine Sucht sich aus der ungestillten Sehnsucht nach Beziehung nährt. Obwohl er einen Beziehungsversuch erarbeitet hat, lässt er sich aus Angst nicht darauf ein, sondern kompensiert das innere Vakuum über die Sucht. Oder der Mensch in einer hörigen erotischen Beziehung, der zwar erkannt hat, dass seine Begierde etwas mit seiner mangelnden geschlechtlichen Identität zu tun hat und er diese nur durch stabile, nicht-erotische Beziehungen finden kann - und doch weiterhin mit seinen sexuellen Phantasien spielt.

Solange wir mit der Sünde verbandelt sind, bleiben wir in ihrem Kreislauf gefangen, der mit der Frustration durch Unzufriedenheit, Leere oder Einsamkeit beginnt und sich fortsetzt, wenn wir die Schritte in eine tragfähige Beziehung oder in die Selbstannahme als zu schwer empfinden und beginnen, in der Phantasie wieder mit der Sünde zu spielen. Wir verdrängen alle bereits erarbeiteten Erkenntnisse und verschaffen uns schließlich Erleichterung, indem wir uns wieder der Sünde (Suchtmittel, berauschende Phantasien, zerstörerische Verhaltensweisen, abhängige Beziehung usw.) zuwenden. Der Selbsthass meldet sich: Warum habe ich das getan?! Der Selbstwert schwindet: Ich werde es nie schaffen! Das Gefühl der Ohnmacht und eine negative Gottessicht sind die Folge: Warum erlöst mich Gott nicht; warum schweigt er? Ich bin von ihm verworfen! Wir sehen keine Chance auf Veränderung - und am Ende sind unser Glaube und Wille so beeinträchtigt, dass wir uns aufgeben und einfach weiter sündigen. Das meint Augustinus, wenn er Sünde als Krankheit und die Unfähigkeit der Erkenntnis beschreibt.

Ausweg aus dem Kreislauf

Sünde macht den Menschen zu einem hilflosen Wesen und raubt ihm die Kraft, sein Leben in Freiheit zu gestalten - das Vorrecht der Kinder Gottes. Daher dürfen wir sie in der seelsorgerlichen Praxis weder ausblenden noch verharmlosen. Es reicht aber nicht, an die Moral zu appellieren. Nur wenn es uns gelingt, die Hoffnung auf Fülle, die Gott uns in Christus bereitet hat, in die Praxis des Sündenbekenntnisses einzubringen, kann die Sünde abgelegt werden. Folgende Punkte können in der Seelsorge hilfreich sein:

Auf die Fülle fokussieren: Jesus ermutigt uns, die Fülle des Lebens in den Mittelpunkt der Seelsorge zu stellen. Er spricht sie auch dem Schächer am Kreuz zu - ganz ohne Bedingungen: "Heute wirst du mit mir im Paradies sein!" (Lk 23,43) Wir vermitteln dem Ratsuchenden, dass Heilung und Veränderung keinen engen, lebensverneinenden Frömmigkeitsstil meinen, sondern ein erfülltes, freudiges Leben in der Kraft von fruchtbaren Beziehungen und der Freude über unsere eigene Schönheit.

Die Heimat beim Vater suchen: Im Sündenbekenntnis dominiert nicht das Belastende, sondern die Freude des Vaters über die Heimkehr seines Kindes. Das Aussprechen der Sünden hat in der Seelsorge seinen selbstverständlichen Raum. Hilfreich sind schlichte, ermutigende Worte wie: "Möchtest du heute etwas vor Gott aussprechen?" Wird Sünde benannt, ist es wichtig, auch die Vergebung deutlich zuzusprechen. Die symbolische Verwendung von Wasser kann eindrücklich machen: Jesus hat dich reingewaschen. Wenn es jemandem schwer fällt, Vergebung anzunehmen, oder er länger braucht, um "beim Vater anzukommen", lässt der Seelsorger genug Zeit für ein Gebet oder die Betrachtung eines Bibelwortes.

Den Geschmack der Fülle vermitteln: Gerade Menschen, die in Süchten oder konkret erkennbaren Sünden gefangen sind, sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, was Fülle für sie konkret bedeutet. Viele finden erst allmählich heraus, dass unter ihrem Fehlverhalten eine Sehnsucht oder ein ungestilltes Bedürfnis nach Liebe, körperlicher Unversehrtheit oder Selbstverwirklichung liegt. Dabei kann es helfen, sich vorzustellen, wie es sein wird, keine Angst mehr vor Beziehungen zu haben, sich nicht mehr leer zu fühlen, nicht mehr hassen zu müssen.

Den Willen aktivieren: Die in der Beratung formulierte Zielebene ist die Fülle und nicht die von der Sünde angebotene Scheinlösung! Der Seelsorger fragt den Ratsuchenden: "Willst du in die Fülle des Lebens, von Beziehungen hineinfinden?" Die Willenserklärung ist die Grundlage für ein Bündnis zur Freiheit und zum Heil. Die Tür zur Sünde - das muss der Ratsuchende sich klar machen - schließt er zu; sein Weg führt, auch wenn er steinig ist, in Richtung Freiheit.

Erkenntnisorientiert arbeiten: (Selbst-)Erkenntnisse sind Wegmarken zur Freiheit. Wenn ein Ratsuchender zu einer Einsicht über sein Problem gelangt, sein Vorhaben aber nicht umsetzen kann, weil er im oben beschriebenen Kreislauf von Verletzungen, Fehlhaltungen und Sünde steckt, kann die mühsam errungene Erkenntnis wieder verschüttet werden. Da ist es hilfreich, wenn er seine Gedanken protokolliert oder ein Seelsorgetagebuch führt. Damit kann ihn der Seelsorger in Zeiten der Entmutigung und Ratlosigkeit auf seine eigenen Erkenntnisse verweisen und an Erfolgserlebnisse erinnern. Das wird ihn motivieren, sich neu nach der Fülle eines authentischen Lebens auszustrecken.

Von

  • Markus Hoffmann

    leitet die Organisation für Beratung und Seelsorge Wüstenstrom e.V., die Seelsorger und Berater fortbildet und in Deutschland, Schweiz und Österreich Seelsorgegruppen unterhält.

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