Gleichnis vom Verlorenen Sohn.

Gleichnis vom Verlorenen Sohn

Ein unberechenbarer Gott
Überraschender Blick auf Lukas 15

von Rebekka Havemann

Gott ist anders - immer wieder überraschend oder verwirrend anders als wir ihn uns denken. Diese alltägliche und mitunter erschütternde Erfahrung erlebt wohl jeder, der sich auf eine Beziehung mit ihm einlässt.

Als Jesus vor 2000 Jahren predigend durch sein Heimatland zog, sprach er von Gott als einem leidenschaftlich liebenden, dem Einzelnen zugewandten Vater. Das war eine dieser Erschütterungen, die bis heute nachklingen. Denn anscheinend ist - damals wie heute - das Bild eines unnahbaren Gottes, der Folgsame belohnt und Sünder straft, zu tief in unsere menschliche Vorstellungskraft eingeschrieben, als dass wir uns leicht davon lösen könnten. Damit wissen wir umzugehen - ein liebender Gott dagegen ist unberechenbar.

Ein Blick ins Vaterherz

Wer liebt, öffnet sich einem anderen und zeigt ihm ein Stück seines Herzens - und hat doch keine Macht zu bestimmen, wie der andere damit umgeht. Es ist ein großes Wagnis zu lieben, und die Sehnsucht wiedergeliebt zu werden, macht die Seele verletzlich.

Was für eine Nachricht, dass Gott genau dieses Wagnis eingegangen ist! Dass der Allmächtige die Machtlosigkeit in Kauf nimmt, die Liebe seiner Kinder weder erzwingen noch erkaufen zu können. Und doch hat auch er ein Herz, das die Verletzlichkeit des Sich-geöffnet-Habens spürt und den Schmerz darüber, nicht wiedergeliebt zu werden. Das spürt, ob sein Gegenüber ihn um seiner selbst willen annimmt, wie er ist - anders eben und oft schwer zu verstehen, nahbar und doch nicht zu manipulieren - oder nur des Reichtums wegen, der mit seiner Gegenwart einhergeht.

Denn das ist die eigentliche Schuld jenseits aller nicht eingehaltener Gebote: diese Liebe nicht annehmen, sich von ihr nicht berühren und verändern lassen, sie nicht erwidern. Es beschäftigt uns, was die Sünde mit uns und unseren Beziehungen zu Gott, den Mitmenschen und zur Umwelt macht. Aber fragen wir uns doch einmal: Was macht unsere Sünde eigentlich mit Gott?

In einer Geschichte gibt Jesus besonderen Einblick in das Vaterherz Gottes. Schließen wir für einen Moment die Augen und stellen uns vor, wir säßen an jenem längst vergangenen lauen Sommerabend im Kreis der Männer, Frauen und Kinder auf der festgetretenen staubigen Erde eines Dorfplatzes irgendwo im weiten Grasland von Galiläa, um dem berühmten Wanderprediger aus Nazareth zu lauschen.

Es war einmal ein Mann, der hatte zwei Söhne. Eines Tages sagte der jüngere: Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht!

Ich stelle mir vor, dass ein entrüstetes Raunen durch die Reihen der Zuhörer geht: Was für eine unerhörte Beleidigung! Das hieße doch nichts anderes, als dass er darauf wartete, seinen Vater für immer los zu sein! Und was war mit dem älteren Sohn? Als nächster Angehöriger war es seine heilige Pflicht, zwischen den Parteien zu vermitteln und die Ehre des Vaters zu retten. Dass er nicht auftaucht und sich nicht zum Vater stellt, lässt nichts Gutes ahnen. Und als der Jüngere in kürzester Zeit seinen Anteil an Vieh und Boden weit unter Preis verscherbelt und dann verschwindet, ist die Katastrophe komplett: der Besitz auseinandergerissen und der Name der Familie öffentlich entehrt - welch eine Schande! Und doch lässt dieser Vater den Sohn gewähren.

Jesu Zuhörer wissen genau, wie sie mit solch ehrlosen Burschen umgehen würden, dazu gab es schließlich jahrhundertealte Traditionen wie die Kezazah-Zeremonie. Falls jemand das Vermögen der Familie bei den Heiden verlieren und dennoch wagen sollte, wieder zu Hause aufzutauchen, würden alle Dorfbewohner gemeinsam einen großen Tonkrug vor dem Delinquenten zerschmettern und rufen: "Der ist von seinem Volk geschieden!" Danach würde niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben wollen.

Der Verlorene Sohn: Eine Beinah-Umkehr

Jesus - unbeirrt von der Aufregung der Zuhörer - erzählt weiter:

Er zog also weit fort in ein anderes Land. Dort verjubelte er alles. Als er nichts mehr hatte, brach eine große Hungersnot aus und es ging ihm bald sehr schlecht. Er drängte sich einem Bürger des Landes auf und der schickte ihn schließlich zum Schweinehüten. Er war so hungrig, dass er auch das Schweinefutter gegessen hätte, aber er bekam nichts davon. Endlich kam er zu Verstand und sagte sich: Mein Vater hat so viele Arbeiter, die haben alle genug zu essen und ich sterbe hier vor Hunger. Ich will zurückgehen und sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Nimm mich als einen deiner Arbeiter in Dienst!

Das klingt beinahe wie ein Schuldbekenntnis - aber auch nur beinahe. Denn echtes Bedauern über den Schmerz, den er seinem Vater und der ganzen Familie zugefügt hat, kommt in diesem Selbstgespräch nicht zum Ausdruck. Er denkt lediglich: "Ich habe Hunger! Ich muss etwas unternehmen!" In einigen ägyptischen Übersetzungen heißt es daher: Er wurde schlau.

Hätte er sich wirklich demütigen wollen, hätte er angeboten, als doulos (Sklave) zu arbeiten - Sklaven erhalten keinen Lohn. Doch seine Idee war offensichtlich, als bezahlter Handwerker (misthios) Geld zu sparen, um seine Schulden bezahlen und erhobenen Hauptes der Familie entgegentreten zu können.

Die Gebildeten unter Jesu Zuhörern durchschauen den Plan sofort, denn den Einleitungssatz Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir - erkennen sie als eine Anspielung auf das Buch Exodus. Dort bittet der Pharao nach der achten Plage Mose um Fürsprache bei Gott, ohne jedoch seinen stolzen Sinn zu ändern. Also ist es nicht Reue, sondern eine schlaue Idee, die den Sohn heimkehren lässt. Und diese nur vordergründig demütige Rede soll seinen Vater dazu bringen, ihn bei einem Meister in die Lehre gehen zu lassen, um überhaupt erstmal ein misthios zu werden, der Geld verdienen kann. Dieser junge Mann will keine Gnade, sondern hat vor, allein mit seinem Problem fertig zu werden.

Doch Jesus ist mit seiner Geschichte noch nicht am Ende:

So machte er sich also auf den Weg. Er war noch ein gutes Stück vom Haus entfernt, da sah ihn sein Vater schon kommen und das Mitleid ergriff ihn. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und überhäufte ihn mit Küssen.

Die Zuhörer schnappen überrascht nach Luft - damit haben sie nun ganz und gar nicht gerechnet. Es war zu erwarten, dass der Junge sich seinen Weg durch Geschrei, Spottlieder und Steinwürfe der Dorfkinder bahnen und dann vor dem Tor des Familienanwesens am Pranger sitzen musste, bis der Vater geruht, ihn vorzulassen. Doch dieser Vater muss verrückt sein - er bricht sämtliche Regeln ihrer patriarchalen Gesellschaft: er rennt. Niemals, unter keinen Umständen würde sich im Orient ein ehrbarer Mann anders bewegen als würdevoll schreitend. Die Zuhörer sehen das Bild vor ihrem inneren Auge und stöhnen auf: dieser geachtete Dorfälteste hebt seinen Mantel hoch, so dass alle seine Beine sehen können!, und rennt so schnell er kann. Was für eine Schande! Und natürlich rennen alle hinterher - so ist das nun mal in einem orientalischen Dorf, wo nichts privat bleibt. In dichtem Kreis stehen sie um Vater und Sohn und lassen sich nichts entgehen.

Der Heimkehrer war sicher verwirrt. Bisher lief alles anderes, als er es sich vorgestellt hatte. Er wusste, wie demütigend das Ganze für seinen Vater war - und diese Erkenntnis öffnete ihm die Augen: Sein Vater hatte mit vollem Einsatz gespielt, alles auf eine Karte gesetzt. Wie groß musste seine Liebe zu ihm sein und wie brennend der Schmerz über die Zurückweisung!

Ein ganzes Entgegenkommen

Ich glaube nicht, dass die Küsse des Vaters ihn daran hinderten, seine vorbereitete Rede zu vollenden, sondern eher, dass er in diesem Augenblick seinen schlauen Plan fallen ließ. Ich bin nicht wert, dass ich dein Sohn heiße - das ist die Wahrheit, dem ist nichts hinzuzufügen. Was der Vater damit macht, ist ihm überlassen. Der Sohn maßt sich nicht mehr an, Lösungsvorschläge anzubieten - gutmachen kann er ohnehin nichts. Er schweigt und lässt sich finden. Das ist Reue: nicht eine Tat, durch die wir uns Begnadigung verdienen, sondern die Bereitschaft, uns finden zu lassen.

Der Vater zeigt sein Herz - ohne diese verrückte, überdimensionierte Demonstration seiner Liebe wäre der Sohn als Arbeiter zurückgekehrt, nun hat er die Möglichkeit, endlich wirklich Sohn zu sein. Wird er diese unverdiente Gnade annehmen? Es gehört echte Demut dazu, sich fortan als verlorener und wiedergefundener Sohn im Dorf zu bewegen, immerhin wissen alle um seine Geschichte.

Doch das ist Zukunftsmusik. Vorerst stehen sie noch mitten auf der Dorfstraße, wo der Vater sehr souverän die Beziehungen erneuert, die der Sohn mutwillig zerstört hatte: Die Diener des Hauses, die auch im Kreis der Neugierigen stehen, sollen den Heimgekehrten mit dem besten Kleid, dem Festgewand des Vaters, bekleiden. So wissen sie, dass sie ihm fortan mit gebührendem Respekt zu begegnen haben. Und da die erste Begrüßung in aller Öffentlichkeit stattgefunden hat, ist der Sohn jetzt automatisch auch wieder mit dem ganzen Dorf versöhnt. Mit dem Siegelring, der dazu ermächtigt, Geschäfte im Namen der Familie abzuschließen, verleiht er dem Sohn Vollmacht und Verantwortung - und macht sich damit erneut verletzlich, denn was wird der mit dieser Macht in Zukunft anstellen? Und dann ordnet der Vater ein Fest an: der Verlorene ist gefunden und mit großem Kostenaufwand nach Hause gebracht - das muss gefeiert werden!

Hier macht Jesus eine kurze Pause und seine Zuhörer schauen ihn erwartungsvoll an: immerhin ist eine Beziehung noch ungeklärt. Wie wird es weitergehen?

Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und erfuhr, was gefeiert wurde, wurde er zornig und wollte nicht ins Haus gehen. Da kam der Vater heraus und redete ihm gut zu.

Diese Geschichte hat es in sich. Allein der Gedanke, dass ein männliches Mitglied der Familie sich weigerte, hereinzukommen und alle Gäste mit Handschlag zu begrüßen, war ungeheuerlich. Damit beleidigte er den Gastgeber, und das vor dem ganzen Dorf! Würde der ihn, um seiner Ehre willen, öffentlich bestrafen? Denn einer, das ist klar, muss sich demütigen, um die Ordnung wieder herzustellen. Für einen Augenblick ist es ganz still, dann geschieht das unfassbare: Der Hausherr steht auf und geht hinaus.

Ein offener Ausgang

Die auf der Erde hockenden Männer, die wie gebannt an Jesu Lippen hängen, können den Schock der Gäste gut nachvollziehen. Das ist doch verrückt, als wäre der Patriarch derjenige, der schuldig geworden war. Und doch geht er, um seinen Sohn hereinzubitten, nicht um ihn zu verurteilen. Aber es kommt noch schlimmer: Ohne die übliche, respektvolle Anrede beginnt der Aufgebrachte, seinem Vater Vorwürfe zu machen: So lange diene ich dir, nie war ich ungehorsam. Was hab ich davon?

Jetzt klingt er fast wie sein Bruder damals: Gib mir, was mir zusteht! Aber sicher würde er jede Ähnlichkeit mit dem verachteten Jüngeren weit von sich weisen: er ist kein Versager! Er hat immer alles richtig gemacht und jetzt will er nichts weiter als sein Recht! Wie ein Arbeiter beginnt er, seinen wohlverdienten Lohn einzufordern. Falls der Vater bis dahin gehofft hatte, sein Ältester wäre in den langen Jahren des Zusammenlebens vom unmündigen Kind zum verlässlichen Partner und Gegenüber herangewachsen, der sein Anliegen, seinen Schmerz und seine Freude mit ihm teilt, sieht er sich jetzt bitter enttäuscht. Denn mit jedem Wort wird deutlicher, dass der sich weigert, seinen Platz als Erbe einzunehmen.

Als die fordernde Stimme verklungen ist, schweigt der Vater einen Augenblick:

Mein Sohn, sagt er dann leise, mein lieber Sohn, es gehört doch alles längst dir, nicht nur der Besitz, sondern mein ganzes Herz. Was willst du mehr? Bitte, freu dich doch mit mir!
 

Jesus schweigt. Ganz still ist es geworden. Die hereinbrechende Dunkelheit lässt die Umrisse der Menschen auf dem Dorfplatz verschwimmen. Sie brauchen eine Weile, bis sie begreifen, dass die Geschichte hier zu Ende ist und sehen einander fragend an, bis sich einer nach dem ­anderen leise verabschiedet.

Und noch lange, nachdem der berühmte Rabbi weitergezogen war und später aus der fernen Hauptstadt aufgeregte Gerüchte über seinen schmachvollen Tod und seine unglaubliche Auferstehung das Dorf erreichten, wurde in dieser Gegend wieder und wieder die Geschichte eines verrückten Vaters erzählt, der sich selbst nicht schonte, sondern alles daransetzte, um mit seinen beiden Söhnen in Frieden zu leben.

Die Anregung zu obiger Bibelarbeit entstammen dem Buch von Kenneth E. Bailey: Der ganz andere Vater. Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn aus nahöstlicher Perspektive in Szene gesetzt. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2006

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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