Vergeben darf dauern.

Vergeben darf dauern

Lass mir Zeit

von Fulbert Steffensky

Die Kunst, das Gesicht zu verlieren

Eine Szene aus meiner Kindheit: Ich wurde von einem Lehrer zu Unrecht beschuldigt, eine Fensterscheibe eingeschmissen zu haben und bekam dafür die damals noch selbstverständliche Ohrfeige. Später erkannte der Lehrer seinen Irrtum und hat sich vor der Klasse für die Ohrfeige entschuldigt. Seit diesem Augenblick war mir dieser Lehrer ein Lehrer wie kaum ein anderer. Er hat es gewagt, sich vor einer ziemlich wilden Horde von Schülern schutzlos und angreifbar zu machen. Er hat seine Autorität, nein seine autoritäre Unangefochtenheit, aufs Spiel gesetzt, und damit ist er für mich und meine Mitschüler zur Autorität geworden. Er hat mir mit dieser Geste die Waffe der Rache aus der Hand genommen. Er ist ein Risiko eingegangen, indem er sich vor uns verwundbar gemacht hat. Dieser Lehrer hat mich Gewaltlosigkeit gelehrt, indem er sich wehrlos gemacht hat. Er war mein erster großer Friedenserzieher.

Vergebung braucht seine Zeit

Vor einiger Zeit fragte mich ein Journalist: "Haben Sie Feinde?" Mir fiel zunächst kein Feind ein. Dann erinnerte ich mich an einen Theologen, der meine Frau nach ihrem Tod in einem ekelhaften Kommentar angegriffen und sie eine Zerstörerin des Glaubens genannt hatte. Kann ich ihm vergeben? Nein. Er ist mein Feind, und bleibt es, solange er seine infamen Sätze nicht dort widerruft, wo er sie gesagt hat. Liebe ich diesen Feind, wie mir die Bergpredigt vorschreibt? Nein, ich liebe ihn nicht. Ich hätte die beste Lust, mich an diesem Dummkopf zu rächen. Dem Christus der Bergpredigt möchte ich sagen: Lass mir Zeit! Auch der Zorn hat sein Recht. Für Zorn und Empörung ist mir Christus selbst ein Vorbild: Er hat die Wechsler im Tempel, die das Haus seines Vaters schändeten, mit der Peitsche hinausgetrieben. Die Liebe, die er meint, ist offensichtlich keine blutleere Sanftmut, die für alles, was geschieht, immer schon Verständnis hat. Ich habe für meinen Feind kein Verständnis, jedenfalls zunächst nicht. Alle tiefen Gefühle des Menschen brauchen ihre Zeit, man kann nichts überspringen, auch seine eigenen Irrtümer und Unzulänglichkeiten nicht.

Ich habe nun nicht nur meinen Zorn gegen meinen Feind. Ich habe auch das Bibelwort, das mich auffordert, meinen Geschwistern sieben mal siebzig Mal zu vergeben. Es tritt mir in den Weg und beunruhigt mich. Es bringt mich in einen Zwiespalt. Das alte Wort lässt mir keine Ruhe, die Feindschaft bekommt Risse. Immer noch habe ich das Gefühl der Abneigung, und ich will dieses Gefühl nicht überspringen. Zur Überwindung der Feindschaft gehört auch der Mut, sie nicht zu verleugnen. Aber ich habe auch diesen fremden Befehl: Vergib sieben mal siebzig Mal! Und ich spüre, dass etwas dran ist. Nein, zu diesem Feind habe ich keine anderen Gefühle als die der Abneigung, und ich werde sie nicht weglügen, auch nicht wegen des Friedensgebots. Wir sind ja keineswegs immer Herr in unserem seelischen Haus, auch nicht Herr über die Nähe und die Entfernung, die wir zu Menschen haben. Aber eines kann ich schon tun, und das ist eine erste Auslegung des Vergebungsgebots: Ich kann darauf verzichten, ihm zu schaden, mich zu rächen. Auch das ist eine Form der Vergebung. Vorerst ist das genug. Vergeben heißt nicht, diesem Menschen, den ich nicht mag, mit Gewalt zugeneigt zu sein. Alle Gewalt ist unfruchtbar, auch die, die man gegen seine eigenen Gefühle anwendet. Dem Feind nicht schaden - das genügt für den Augenblick, es ist ja auch schwer genug, darauf zu verzichten.

Kann eine Gesellschaft vergeben?

Vor einigen Jahren wurde in Berlin eine Ausländerbeauftragte gesucht. Zur Debatte stand eine Frau, die als 19-jährige eine Verpflichtungserklärung als informelle Mitarbeiterin bei der Stasi unterschrieben hatte. Nach sieben Jahren, sie war damals 26, hat sie es gewagt, mit der Stasi zu brechen. Dies war kurz vor ihrem Universitätsexamen, und sie hat mit diesem Schritt die Vernichtung ihrer beruflichen Karriere in Kauf genommen. Wie soll man mit dieser Frau und ihrer Bewerbung um das Amt der Ausländerbeauftragten umgehen? Ich träume mir eine Gesellschaft, die ihren Mut würdigt, aus den Stasiverstrickungen auszubrechen. Ich träume von einer Gesellschaft, die einem Menschen nicht nach dreißig Jahren die Fehler der Jugend vorrechnet.

Vergebung ist ein Grundwort der christlichen Tradition. Die Großmut und die Humanität einer Gesellschaft erkennt man daran, dass sie Einzelne oder Gruppen nicht einmauert in die Verfehlungen alter Tage. Es soll keine Schuld unter den Teppich gekehrt und vertuscht werden. Wohl aber soll eine Gesellschaft die Güte und die Souveränität haben, niemandem die Zukunft zu nehmen. In einer Gesellschaft voll keifender Kleinlichkeit, in der jeder jedem seine Vergangenheit vorrechnet, kann man nicht atmen. Unsere Kinder und Jugendlichen können in ihr nicht wohnen. Ich weiß nicht, ob jene Frau ihre Stasimitarbeit offengelegt hat. Aber das ist nicht nur eine Frage an sie. Kann sie bekennen, wenn das Bekenntnis zugleich zu ihrer Vernichtung benutzt wird? Es gibt einen herrlich-ironischen Satz Jesu, sehr brauchbar für solche Fälle. Als die ehrenwerte Gesellschaft die Ehebrecherin steinigen wollte, sagte er: "Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!"

Vergeben ist schwer, um Vergebung bitten schwerer

Jemand sieht seine Schuld ein und bittet um Vergebung. Es ist eine Frage der Würde zu sagen: Ich bin der Mensch! Und es ist eine Form der Stärke, sich selber in seiner Schuld zu zeigen. Wer sich entschuldigt, besteht nicht auf sich selbst. Er hat es aufgegeben, sich selber zu rechtfertigen und zu schützen, er zeigt sich in seiner Gebrechlichkeit. Welcher Glaube an die Güte des Seins gehört dazu, dies zu wagen und zu vertrauen, dass man nicht vernichtet wird, wenn man die Dunkelheit der eigenen Seele zeigt. Man glaubt nicht hauptsächlich in Lehrsätzen an Gott. Man glaubt an Gott mit solchen Gesten, in denen man über alle Sätze hinaus sagt, dass der Grund des Seins die Güte ist, die niemanden in eisige Abgründe fallen lässt, auch wenn er sich in Schuld verstrickt hat. An die Gnade glauben heißt im tiefsten Sinn, aufgeben, sich selbst zu rechtfertigen; aufhören, auf seiner eigenen Ganzheit zu bestehen; sich richten lassen können.

Die Bitte um Vergebung macht auch den Menschen, der vergeben soll, wehrlos. Auch er ist gehemmt, seinen Ärger, seine Rachegelüste zu verfolgen. Der Vergebende hat mit dem Schuldigen gemein, dass er auch nicht auf sich selbst besteht. Er macht seine Verletzung, seine Wut und seine Rachegefühle nicht zum Maßstab seines Verhaltens. Es gehört zum Vergeben die gleiche menschliche Stärke wie zur Bitte um Vergebung. Aber mehr bewundere ich den, der um Vergebung bittet. Der Vergebende behält seine Souveränität, der Bittende hat sie aufgegeben.

Die Bitte um Entschuldigung und die Vergebung sind nicht die Wiederherstellung alter Zustände. Sie schaffen etwas Neues, das vor dem Konflikt und vor der Verwundung nicht zu denken und nicht zu haben war. Sie schaffen eine neue Zukunft und retten nicht nur die Vergangenheit. Allerdings braucht sowohl die Bitte um Vergebung wie die Vergebung Zeit. Wunden heilen langsam, und langsam erst kommt der Mensch dazu, seine Schuld einzusehen und zu ihr zu stehen. Beides ist Arbeit, beides geht langsam. Auch der Zorn und die Wut brauchen ihre Zeit. Auch sie sind menschliche Fähigkeiten. Es sind die Sprachen des Rechts, und wo das Recht verletzt wird, können sie Stimme verlangen. So ist von dem, der schuldig geworden ist, Geduld verlangt. Die Geduld, die er aufbringen muss, ist vielleicht die schwerste Buße, die er zu leisten hat. Menschen wachsen, bleiben stehen, fallen zurück in die Attitüde der Selbstrechtfertigung und wachsen erneut. Nichts, was wirklich wichtig ist in unserem Leben, ist "instant" und im Nu zu haben. Alles, was wichtig ist, braucht Zeit. Was gut geht, geht langsam. Es gehört zur menschlichen Reife, damit zu rechnen und auch das Angeld der Reue und der Vergebung zu schätzen.

Text aus: Publik-Forum Extra 2008 Vergebung

Von

  • Fulbert Steffensky

    Prof. Dr., lehrte Religionspädagogik in Hamburg. Der ehemalige Benediktinerabt (Abtei Maria Laach) konvertierte zum lutherischen Bekenntnis und heiratete die evangelische Theologin Dorothee Sölle. Er lebt heute in Hamburg.

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