Sehr aufschlussreich: Drei Einsichten im Umgang mit Schuld.

Einsichten im Umgang mit Schuld - Drei Minizeugnisse

Ein Verdacht

Über keine Untat in meinem Leben habe ich so bittere Tränen vergossen, wie über die Worte "Hallo, Stinkies!" Wir waren um die 6 Jahre alt, die beiden Mädchen auf der anderen Straßenseite und ich. Ausstaffiert mit Hut und Handtasche ich, unterwegs mit Oma zur Konditorei, drüben das zerzauste Schwesternpaar. Man wusste, dass ihre alleinerziehende Mutter überfordert war, sie rochen ungepflegt. Die Ältere hatte einen Sehfehler und einen sechsten Finger, die jüngere feuerrotes Haar - die meisten Kinder mieden sie. Ich hingegen war stets bemüht, sie in unsere Spiele einzubinden, und hätte sie auch niemals gehänselt, denn das war gegen meine Prinzipien. Ich war bereits im Kindergarten ein Mensch mit Prinzipien. Und dann diese Entgleisung! Freundlich hatten sie mich, ihre vermeintliche Verbündete, gegrüßt: "Hallo Írisz!" Nie werde ich vergessen, wie sich der freudige Ausdruck in ihren Gesichtern in stummes Staunen über meine Antwort wandelte. Seither verfolgt mich dieses Bild und das Schuldgefühl. Anfangs überwog die Scham über die eigene Gehässigkeit, mit der Zeit aber drückte mich das Wissen um die Wunde, die ich geschlagen haben muss. Ich bat Gott oft um Vergebung, vor allem aber um Trost für die beiden, zu denen der spätere Kontakt mir leider verwehrt blieb. Ich konnte jedoch weder glauben, dass mir vergeben, noch dass meinen Opfern geholfen war.

Gut 30 Jahre später, als der Schmerz erneut mit Wucht hochkam, bekundete ich in einem Beichtgespräch zum x-ten Mal meine Reue. Ich dachte, die Seelsorgerin würde mich endlich lossprechen, meine große Schuld bestätigen und mich ermutigen, dass Gott größer sei. Stattdessen fragte sie: "Wurdest du mal sehr beschämt?" Ich war baff. Ja, mit dieser Straßenecke verband ich eine weitere Erinnerung. Hier hatte ich mal nach der Schule gespielt, anstatt nach Hause zu gehen. Als meine Mutter mich zur Rede stellte, weigerte ich mich, anzuerkennen, dass ich tatsächlich Zeit und Pflicht vergessen hatte. Es war irrsinnig peinlich, ich war der Lüge überführt aber stur. Einige Tage später bedachte mich der Nikolaus mit viel Gutem - und einer Rute. Das war bei uns noch nie vorgekommen, und mein Vater nahm sie mir gleich aus der Hand, als er mein Gesicht sah. Im Handumdrehen verschwand das Ding im Kachelofen. Mutter mutete mir jedoch die traurige Wahrheit zu, dass sich die Rute auf mein Benehmen von neulich bezog. Wir alle spürten, dass etwas an dieser Erziehungsmaßnahme unangemessen war. Ich kam über das Gefühl, für ein bereits gebüßtes Vergehen einen ordentlichen Nachtritt erhalten zu haben, nie wirklich hinweg: jedes Nikolausfest war mir fortan eine heimliche Trauerfeier.

Jetzt war es auf dem Tisch: Ich hegte Groll gegen die Eltern. Aber noch tiefer im Herzen hatte sich der Verdacht eingenistet, dass bestimmte Dinge nicht gutzumachen, nicht aus der Welt sind, nur weil ich es möchte. Das hatte sich in meinem Gewissen mit der anderen Situation verwoben. Ich war unfähig, für meine Schuld Vergebung zu empfangen - ich wartete wohl auf den Nachtritt; und die Befürchtung, für die Mädchen gäbe es keinen Trost, setzte mir noch mehr zu. Jetzt endlich konnte ich diesen Verdacht loslassen. Noch immer schmerzt die Erinnerung, aber das Gift der Verzweiflung ist aus der Wunde gespült. Ich kann glauben, dass Gott größer ist.

I.S., Redakteurin

Dieser Text ist erschienen im Salzkorn 3/2009 - "Sünde kann tödlich sein" unter dem Titel: "Sehr aufschlussreich. Drei Einsichten im Umgang mit Schuld", S. 122-123.


Mir etwas sagen lassen

Als kleine Familie zogen wir 1988 auf Schloss Reichenberg und lebten dort anderthalb Jahre mit anderen Mitarbeiterfamilien und jungen Freiwilligen zusammen. Meine Situation war insofern ungewöhnlich, als ich nur teilweise mitarbeitete und die restliche Zeit freigestellt war, die nötigen Sprachkenntnisse für unseren bevorstehenden Argentinieneinsatz zu erwerben.

Man brachte uns viel Vertrauen entgegen, obwohl wir ja OJC-Neulinge waren. Ich bekam von Anfang an Einblick in viele interne Prozesse und Entscheidungen und durfte an wichtigen Planungssitzungen teilnehmen.

Während ich das gemeinsame Leben und Arbeiten als sehr bereichernd erlebte, fiel es mir zunehmend schwerer, die Autorität des Schlossvaters Michael anzuerkennen. Manches wollte ich mir von ihm nicht sagen lassen, weil ich seine Sicht der Dinge nicht teilte. Zudem waren wir fast gleich alt und ich kam aus einer verantwortlichen Pastorenaufgabe. Hier aber sollte ich plötzlich nicht mehr leiten, sondern mich einfügen lernen und die Anweisungen eines anderen befolgen. Das fiel mir sehr schwer.

Meine Kritik wuchs. Ich steigerte mich in eine ablehnende Haltung hinein und setzte mich mit der mir eigenen Sturheit über manche von Michaels Anweisungen einfach hinweg - erst stillschweigend und dann laut protestierend. Das brachte das Fass zum Überlaufen - wir gerieten in einen heftigen Streit. Bald hatten wir uns so ineinander verhakt, dass sich unsere Gespräche im Kreis drehten und keine Klärung mehr brachten. Deshalb zogen wir schließlich einen erfahrenen Mitarbeiter zu Rate. In mehreren Gesprächen war er als Dritter zugegen und stellte ruhig Fragen. Jeder von uns legte dar, wie er das Problem erlebte. Manches hörten wir voneinander zum ersten Mal. Wir konnten einander ausreden lassen und ehrlich werden, ohne um den heißen Brei herumzureden.

Zwei Dinge ereigneten sich dabei: Ich begann zu verstehen, wie meine kritische Haltung auf Michael gewirkt hatte, nämlich entmutigend und meine Mitarbeit entwertend. Das tat mir leid, denn ich war doch gekommen, um im gemeinsamen Leben zu lernen. Zweitens konnte ich durch die klaren Worte des väterlichen Vermittlers annehmen, worin für mich die Herausforderung lag: zu lernen, die Entscheidungsbefugnis der Schlosseltern zu respektieren, ohne mich beleidigt zurückzuziehen und im Stillen zu grollen.

Aus dieser Einsicht wuchs die Bitte um Vergebung und daraus ein echter, tiefer Neuanfang, der über die Jahre zu einer fröhlichen, ehrlichen Freundschaft auf Augenhöhe führte.

F.P., Theologe und Missionar

Dieser Text ist erschienen im Salzkorn 3/2009 - "Sünde kann tödlich sein" unter dem Titel: "Sehr aufschlussreich. Drei Einsichten im Umgang mit Schuld", S. 124.

Nie wieder Schwäche zeigen

An einem Hauskreisabend, an dem es um Versöhnung und Vergebung ging, erzählte Barbara, meine Schwester, davon, wie ihr eine uralte, beschämende Erfahrung mit unserem Vater hochgekommen war. Ihre heftigen Ohnmachtsgefühle Männern gegenüber hatten sich gelöst, weil sie mit dem Schmerz von damals in Berührung gekommen war. Sie hatte darüber weinen und es ihm dann auch vergeben können. In einem Nebensatz sagte sie zu mir: "Ich bin nie geschlagen worden, aber du wohl schon, oder?" Ich hörte das, eine Erinnerung blitzte auf - um gleich wieder weg zu sein. Ich empfand es als sehr unpassend, dass sie das vor den anderen angesprochen hatte.

Am nächsten Morgen in der Stille kam mir jene Erinnerung wieder hoch und überflutete mich mit einem ohnmächtigen Schmerz: Es war am späten Abend, als ich nach dem Abschlussball meines recht unglücklich verlaufenen Tanzkurses meinen Vater im Hausflur traf. Auf die Frage, wie es denn gelaufen war, brach ich in Tränen aus. Es war so demütigend gewesen - einen schrecklich langen Abend hatte ich als Mauerblümchen den anderen beim Tanzen zugesehen. Ich weinte und schluchzte, vielleicht mit hysterischen Anklängen - jedenfalls schlug er mich ins Gesicht, hart und hilflos - statt mich tröstend in den Arm zu nehmen.
Ich erinnerte mich, dass ich sofort mit Weinen aufhörte und mir schwor: Niemals mehr zeige ich Schmerz. Negative Gefühle sind nicht erlaubt, sondern werden bestraft.

Damit hatte ich das Kapitel "Männer" begraben und entwickelte einen harten Schutzpanzer ihnen gegenüber. Anerkennung und Wertschätzung suchte ich ab jetzt in meiner Leistung. In mir gab es wohl einen tiefen Rückschluss: Wenn ich in meiner Weiblichkeit weder von meinen Altersgenossen noch von meinem Vater angenommen werde, dann brauche ich sie nicht, aber ich werde ihnen beweisen, dass ich trotzdem etwas wert bin. Unbewusst habe ich einen Rachefeldzug gegen autoritäre Männer geführt. Meine Waffen waren Spott, Hochmut, Verachtung. Ich konnte scharfzüngig und aggressiv werden, was die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz nicht einfach machte - und privat auch nicht.

Bald tauchte noch eine weitere Erinnerung auf. Als Kind liebte ich meinen Vater sehr - aber er hatte diese Liebe zurückgewiesen, vor anderen verraten. In meinem kindlichen Denken verstand ich: Er braucht meine Liebe nicht. Mein Rückschluss war: Wehe, ich liebe jemanden, das wird immer hoffnungslos bleiben. Damals war etwas in mir gestorben und hatte sich in Groll, ja in Hass verwandelt.

An diesem Tag ging ich aufgewühlt, voller Schmerz und Schuld, in die Seelsorge. Ich bat um Vergebung für meinen Hass und die Bitterkeit, mit der ich mir und anderen geschadet hatte. Ich sehnte mich nach Befreiung, nach Freiheit vom Erfolgszwang, vom Mich-beweisen-Müssen. Der Seelsorger hörte mir lange zu - und tat dann etwas ganz Überraschendes: er kniete sich zu mir und bat mich um Vergebung für das, was mein Vater und andere Männer mir angetan hatten, wo sie an mir schuldig geworden waren. Dann schaute er mich ernst an und fragte eindringlich: Wirst du mir das vergeben?

Es war schwer, aber ich habe es getan und erlebt, wie sich der Panzer um meine Seele löste. Später merkte ich, dass auch meine Weiblichkeit bereit war, sich wieder zu zeigen. Ich fühlte mich lebendiger, Lebenslust und schrittweise mehr Freiheit haben sich eingestellt.

B.K., Logopädin