Vergebung - Wie Gott uns wieder gemeinschaftsfähig macht.

Vergebung - Anleitung zum Entschärfen von Sündern

Wie Gott uns wieder gemeinschaftsfähig macht

von Klaus Berger

Wenn in der Bibel von Vergebung die Rede ist, gibt es immer mehrere Ebenen. Im Vaterunser beten wir: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die uns etwas schuldig sind." Der Schuldige hat ein doppeltes Netz zerrissen, das zwischen Menschen und das zwischen Mensch und Gott. Vergebung ist die Reparatur der zerrissenen Netze. Der Sozialbezug kommt darin zum Ausdruck, dass man sich die Vergebung nicht selbst zuspricht, sondern dass sie einem zugesprochen wird. Es geht um den Menschen in der Gemeinschaft. Das Alte und das Neue Testament bezeichnen die Gemeinschaftsfähigkeit des Menschen als zedaqa (Gerechtigkeit) bzw. diakiosyne. Gerecht ist, wer anderen ermöglicht, mit ihm zusammenzuleben. Gerechtigkeit ist also keine steile Tugend, sondern realisiert sich im Zusammenleben. Die Möglichkeit, mit ihm zusammenleben zu können, gibt Gott, indem er uns durch Jesus Christus unsere Sünden vergibt. "Gott ist gerecht" (Röm 3) vor allem in dem Sinn, dass er Gemeinschaft will, anbietet und möglich macht.

Was ist der Unterschied zwischen Sünde und Schuld?

Das Neue Testament unterscheidet ebenso wie das Alte nicht zwischen Sünde und Schuld. Im Deutschen aber unterscheiden wir Sünde als Tat von Schuld, die bleibt.

Worin besteht die Sünde? Sich außerhalb der Gemeinschaft zu stellen. Heraus tritt man selbst, aber das Wiederhereinholen steht nicht in der eigenen Macht. Das, was über die aktuelle Tat hinausgeht und bleibt, nennt man Schuld. Sie ist ein Unheilspotenzial, das, wenn es nicht rechtzeitig entsorgt wird, den Täter wie die Gemeinschaft bedroht, wie die Bombe, die sich ein Selbstmordattentäter um den Bauch schnallt. Ein Sünder ist jemand, der sich so eine Bombe zugelegt hat, indem er sich außerhalb der Heil garantierenden Gemeinschaft gestellt hat. Gemeinschaft wird in der Bibel deshalb so stark betont, weil der Mensch bedroht lebt und es darauf ankommt, die Regeln des Lebens präzise einzuhalten.

Vergebung bedeutet, dass die Bombe rechtzeitig entfernt wird und der Attentäter dem Gericht entkommt. Gericht würde bedeuten, den Täter holt seine Tat mit ihren Folgen ein und zerstört ihn und die Gemeinschaft. Alttestamentler haben dafür den Ausdruck der schicksalswirkenden Tat entwickelt. Nicht Gott führt die Folge als Rache herbei; er wird im Gegenteil in erster Linie als der Retter verstanden, der eben diesen Zusammenhang, dieses Ticken der Zeitbombe namens Schuld unterbrechen kann und die Gemeinschaft rettet.

Bewahrung der Gemeinschaft

Im Gebot von Levitikus 19,18 "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" geht es auch um den Umgang mit der Schuld des Nächsten. Diese Stelle wird meist aus dem Kontext herausgerissen und zum Programm einer allgemeinen Philanthropie gemacht. Der Textzusammenhang macht aber deutlich, dass die sog. Nächstenliebe sich auf den Volksgenossen in Israel bezieht. Der Nächste, der Bruder und der Volksgenosse sind dort Synonyme; es geht um die Bewahrung eines Volkes. Dessen Zukunft hängt wesentlich daran, wie man mit den Versäumnissen des Nächsten umgeht. Es heißt dort: Sei nicht rachsüchtig, trage deinem Nächsten nichts nach, fordere nicht sein Leben, sondern stelle ihn zur Rede. Und schließlich die Zusammenfassung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die Gemeinschaft, die das Alte Testament hier entwirft, versteht es, mit den Schuldigen umzugehen und die Zeitbomben eben nicht vor sich hin ticken zu lassen. Deshalb die Aufforderung: Stelle ihn zur Rede, damit Umkehr möglich ist.

Welche Bedeutung hat nun Gott im Zusammenhang der Gemeinschaft?

Im Alten Testament ist Gott derjenige, der die Gemeinschaft gestiftet und ihr eine Ordnung gegeben hat, ihr Recht, ihre Verfassung - und die Juden sind stolz darauf, in der alten Welt die beste Verfassung zu haben, weil diese Verfassung vom Schöpfer selbst gegeben ist.

Hoheitliche Kompetenz: Die Macht Spünden zu vergeben

Im Neuen Testament machen die Menschensohn-Worte die Bedeutung der Vergebung deutlich. Der Menschensohn ist nach Markus 2 derjenige, der bereits jetzt die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben. Er handelt in der Autorität Gottes, mit hoheitlicher Kompetenz. Hoheitlich, weil es ja um die Grenze der Gemeinschaft geht. Wir kennen das, wenn wir Ländergrenzen übertreten: Die Hoheit des Staates tritt in Form von Zollbeamten und Grenzkontrollen in Erscheinung. Genauso ist es, wenn man die Gemeinschaft verläßt oder wieder in sie aufgenommen wird. Es liegt ein Vergehen gegen eine hoheitliche Autorität vor, und dies kann nur durch eine hoheitliche Funktion gerichtet werden.

Der Gegensatz von Schuld vergeben ist Schuld behalten (kratein): "... denen ihr die Sünden behalten werdet, denen sollen sie behalten sein." Hoheitliche Vergebung ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Dem Täter wird nicht "einfach so" vergeben, sondern es sind Umkehr, Reue und die Bitte um Vergebung nötig, manchmal auch die Wiedergutmachung, soweit sich etwas wiedergutmachen lässt. Auch die Beichte ist ein hoheitlicher Akt. Nicht der Beichtvater vergibt, sondern der Herr Jesus Christus. Der ordinierte Beichtvater oder der Bruder, der die Beichte hört, spricht die Vergebung nicht "einfach so" und nicht als "jedermann" zu, sondern als Getaufter.

Kontrastreiche Begriffe

Vergebung steht im Kontrast zu folgenden Begriffen:

Beim Verzeihen geht es um die Überwindung der persönlichen Kränkung; es steht also gerade nicht der soziale, gemeinschaftliche Aspekt im Mittelpunkt.

Bei der Nachsicht geht es gar nicht um Schuld. Wenn man nachsichtig ist, sagt man: "Okay, ich bin alt und weise, und alle Katzen sind grau."

Beim Racheverzicht geschieht auch nichts am Gegenüber. Der Täter wird ja nicht resozialisiert. Der Racheverzicht beseitigt keine Schuld; das Opfer verzichtet lediglich auf gewaltsame Wahrnehmung seiner entstandenen Rechte.

Bei der Begnadigung wird ein bleibendes Autoritätsgefälle vorausgesetzt. Wenn ich mich nach einem Streit wieder mit meiner Frau vertrage, kann ich nicht sagen: Ich begnadige dich. Begnadigt werden wir bestenfalls vom Bundespräsidenten, der höchsten Autorität unseres Landes. Und Begnadigung bedeutet auch nicht, dass die Schuld rite [vorschriftsmäßig] entsorgt wäre.

Versöhnung ist ein zweiseitiger Friedensschluss, ein aktiver Neubeginn von Frieden, der eigentlich das Geschehen der Vergebung, besonders was die Reparation angeht, schon voraussetzt.

Beim Vergessen ist die einzig aktive Größe die Zeit, von der man sagt, dass sie alles zudeckt.

Vergebung hingegen ist eine gezielte Aktivität, um das Hindernis, die Gemeinschaftsunfähigkeit des Täters aus dem Weg zu räumen - oder anders ausgedrückt, um ihm die tödliche Last abzunehmen. Aber wer kann die Last abnehmen?

Juristische Dimension von Vergebung und Gerechtigkeit

Außer der Umkehr und der Bitte um Vergebung gibt es noch das Moment des Patronats. Man kann einen Fürsprecher gewinnen, der für einen bürgt. Nach christlicher Auffassung ist Christus unser Patron, der im Sinne des antiken Patronats als Anwalt für seine Mandanten spricht. Der Hebräerbrief zeichnet sein Bild als einen erhöhten Herrn, der neben Gott steht und für uns eintritt. Das Bürgerrecht, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die Hoheitsfunktion, das Hereinholen in eine Gemeinschaft - all das sind keine mystischen Angelegenheiten, sondern sehr konkret aus dem Alten Testament erwachsen, wo Religion und Recht eins sind. Diese Dimension, dass nämlich Religion eine juristische Bedeutung für eine Gemeinschaft hat, ist die Basis für Kirche. Gerade im Bereich von Schuld und Vergebung, der emotional so belastet ist, schafft das eine entlastende, geradezu juristische Klarheit.

Kultische Dimension von Vergebung und Gerechtigkeit

Wir betrachten Jesus nicht nur als unseren Anwalt, sondern auch als den Gerechten, der stellvertretend für uns leidet.

Gerecht durch Christi Wort: Um mit dem Merkwürdigsten anzufangen: Nach Johannes 13,10 und 15,3 werden die Jünger rein von Schuld und neu geschaffen durch Jesu Wort. Wer sein Schöpferwort aufnimmt, wird gereinigt von allem Alten. Reinigung ist eine kultische Dimension, keine medizinisch-hygienische.

Gerecht durch Christi Tod: In Römer 3,25 wird der Yom Kippur, der Versöhnungstag, zum Bild für die Reinheit, die Jesus mit seinem Tod bewirkt hat. Am Yom Kippur wurde der Tempel durch das Blut von Tieren wieder kultfähig gemacht. In diesem Sinne wird der Tod Jesu als Ort der Versöhnung verstanden: auf ihn wird alle Sünde gehäuft. Gott hat den Heiligsten und Gerechtesten zur Sünde, zum Fluch gemacht, und indem dieser stirbt, wird die Sünde vernichtet. Wie sich auf dem Deckel der Bundeslade alle Sünde Israels sammelt, weil es der heiligste Ort ist, so wird alle Sünde stellvertretend auf den Gerechten gehäuft und vernichtet.

Gerecht durch Christi Blut: Die Vorstellung vom Bundesblut führt uns zu den Abendmahlsberichten. In Exodus 24,8 wird der Bund geschlossen, indem das Volk mit Blut besprengt und dadurch kultfähig, letztlich bundesfähig wird. Nach dem Neuen Testament werden die Menschen bundesfähig, indem sie durch den Kelch beim Abendmahl Teil haben am Blut Jesu. Im Matthäusevangelium heißt es: dies ist der Bund, der geschlossen wird durch mein Blut zur Vergebung der Sünden - ein alttestamentliches Bild.

Hier wird vormoralisch, vorjuristisch, also kultisch gedacht, und umso eindrücklicher, als es hier um Blut geht, um die elementarste Materie überhaupt.

Die Kontroverse um Gibsons Film "Die Passion" hat gezeigt, dass es vielen schwer fällt, sich der Realität von Jesu grausamem und blutigem Tod und der grausamen Welt, in der das möglich wurde, zu stellen. Wenn man davor aber die Augen verschließt, entzieht man sich der Rede vom Blut, die keine leere Rhetorik ist, sondern die beeindruckende Bestätigung der alten Vergebungsbotschaft Gottes: Jesus liebt seine Jünger bis ans Ende, er tritt für uns ein, und aus dem Dokument des Hasses, das die Kreuzigung bedeutet, macht Gott ein Dokument seiner Vergebungsbereitschaft. Das Kreuz sagt uns, wer wir sind und wer Gott ist: Wir bringen Menschen ans Kreuz, und wir sind oft selbst wie Gekreuzigte. Gott macht aus diesem Dokument des Hasses ein Symbol der tiefsten Vergebung, indem er uns sagt: Seht das Blut an als stellvertretend geschenktes Leben. Ich werte diese Kreuzigung kultisch, damit ihr meine Liebe zu euch besser versteht. Gott hat uns schon geliebt, als wir noch seine Feinde waren.

Ehhische Dimension von Vergebung und Gerechtigkeit

Zum Schluss noch ein Blick auf das Matthäusevangelium mit seinen sehr gegensätzlichen Aussagen über Vergebung. Einerseits finden wir das "Blut, vergossen zur Vergebung der Sünden" (Abendmahl), andererseits heißt es: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die uns etwas schuldig sind" (Vaterunser). Wer hat denn nun die erste Pflicht zur Vergebung, die Menschen oder Gott? Am Gleichnis vom ungerechten Sklaven in Matthäus 18 kann man die Logik des Evangelisten ablesen. Der Erste, der vergibt, ist Gott. Er legt sich selbst fest: mit dem Eintritt in den Bund mit der Gemeinde wird, was früher war, vergessen. Im Weiteren geht es darum, die empfangene Vergebung weiterzugeben. Wenn das nicht geschieht, war alles vergebens, denn dann, sagt das Gleichnis, wird der Sklave, der die empfangene Vergebung nicht weitergibt, hinausgeworfen, wo Heulen und Zähneknirschen ist. Bekanntlich behaupten viele Exegeten, das letzte Stück könne nicht von Jesus sein, so grausam ist Gott nicht. Aber gerade darin wird der Ernst dessen deutlich, was Jesus meint. Gott vergibt uns, damit wir einander vergeben.

Gemeinschaft der Vergebenden

Die Vision vom erneuerten Israel, in dem Menschen einander vergeben können, weil der eine seinen Nächsten liebt wie sich selbst, erfährt im Neuen Testament eine Weiterführung: Gott ergreift die Initiative und spricht die Vergebung jedem Einzelnen, der in die Gemeinde eintritt, gratis zu. Man muss nur noch weitergeben, was man empfangen hat - nur noch Gott nachahmen. Er will, dass wir ihm ähnlich werden. Das geschieht, wenn wir seine Vergebung nachahmen und aus der Kirche eine Gemeinschaft der Vergebenden werden lassen. Das lehrt auch Jesus in der Bergpredigt: Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte, und diese Mentalität sollt ihr euch aneignen, dann könnt ihr Gottes Kinder genannt werden.

Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass es unter diesem Niveau nicht geht, dass Frieden und Gerechtigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, in Familien wie unter Völkern nicht möglich sind, wenn wir nicht wirklich durch je und je vollzogene Vergebung das Negative beseitigen. Positiv formuliert: wenn wir die Gemeinschaftsfähigkeit derer wiederherstellen, die das Netz verlassen und zerstört haben.

Quelle: Aus Klaus Berger, Jesus, Copyright: 2004 Pattloch Verlag.

Von

  • Klaus Berger

    Prof. Dr., Emeritus für Neutestamentliche Theologie an der Fakultät für Evangelische Theologie in Heidelberg, veröffentlicht neben Monographien und Fachaufsätzen regelmäßig Beiträge in der FAZ.

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