Sünde kann tödlich sein

Liebe Freunde!

Irgendwie scheint sie uns abhanden gekommen. Ich meine nicht wirklich, aber wohl doch so, wie man etwas Unangenehmes gern vergisst und über manches einfach nicht mehr spricht, in der Hoffnung, dass es mit der Zeit verblasst... Dabei hoffen wir, tatsächlich zu vergessen, zu vernebeln und zu verharmlosen, was jeder geistliche Verbraucherschutz sofort konstatieren würde: Sünde schadet unserer Gesundheit! Sünde ist tödlich.

Dabei ist es mit dem Komplex von Sünde und Schuld, Vergebung und Heilung bisweilen komplizierter als wir meinen. Erinnern wir uns an die Geschichte des jungen Mannes, der abends auf dem Bürgersteig suchend auf und ab ging. Als ein Freund vorbeikam, fragte er ihn: "Was suchst Du?" "Ach, ich habe im Zorn den Schlüssel zu meiner Wohnung weggeschmissen." "Wo hast Du ihn denn verloren"? "Zwei Querstrassen weiter oben." "Warum suchst Du ihn dann hier?" "Nun, hier leuchtet wenigstens das Licht der Straßenlaterne, weiter oben sind die Wege schmutzig und dunkel."

Schlüssel-Worte

Wenn der verworfene Schlüssel zur Wohnung unseres Herzens nicht verworfen bleiben soll, brauchen wir den Mut, uns den dunklen, unbefestigten und bisweilen zugewucherten Wegen unserer Geschichte zu stellen. Nicht, um im Finstern zu verweilen, sondern um das Liegengelassene, Verletzte, schmerzhaft Versäumte noch einmal in den Blick zu nehmen und ins Licht der Wahrheit zu bringen. Ansonsten strickt sich unser Leben nach dem Muster: "Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach." (Friedrich Nietzsche)

Die Erfahrung des gemeinsamen Lebens lehrt uns, dass zwar unser natürlicher Mensch sich sträubt, sein Versagen zuzugeben, aber dass immer, wenn es uns gelingt, die Wahrheit auszusprechen, das Leben in Bewegung kommt. Die biblische Weisheit weiß seit langem: Tod und Leben liegen in der Macht der Sprache (Sprüche 18, 21). Dass aus dieser Bewegung eine Befreiung werden kann, ist das Geschenk der Retterliebe Gottes.

Lucky Change

Das Geheimnis dieser Retterliebe des heiligen Gottes zu uns Menschen ist schwer zu verstehen, eher zu bestaunen, am besten aber dankbar anzunehmen. Die Größe dieser Liebe entzieht sich unserem Fassungsvermögen. Darum bleibt es für uns ein Paradox: wir wissen und erleben, dass wir schuldhaftes Denken und Handeln nicht vermeiden können. Gleichzeitig erfahren wir, dass wir geliebte Kinder unseres Schöpfers sind, denen der Weg in die Arme des Vaters immer offen steht. Simul justus et pecator nannte Martin Luther diesen einzigartigen Zustand unserer Existenz: Gerechter und Sünder zugleich. Johannes bezeugt: Wenn wir im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von ­aller Sünde. Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. (1. Joh 1,7) Das ist der "glückselige Tausch", der Lucky Change zu dem Gott uns einlädt: in Jesus entmachtet er unsere Sünde am Kreuz und schenkt uns die Würde der Kindschaft neu.

Entsündigt

Es ist eine große Sehnsucht und viel Bemühen unter uns nach lebendigem und ausstrahlendem Christsein. Die Herausforderung besteht darin, tief genug anzusetzen und uns nicht in guten Programmen zu erschöpfen. Es geht darum, das Geheimnis des Lebens im Licht wiederzuentdecken.
 
Viel Not der christlichen Gemeinde liegt heute darin, dass dieser glückselige Tausch keine Realität mehr ist. Das Gutmenschentum hat sich weithin ausgebreitet. Der leistungsstarke Selbstversorger ist zum Prototyp der Postmoderne geworden und hat vor der Kirche keinen Halt gemacht. Um im Duktus von Martin Luther zu bleiben: viel iustus, wenig pecator.

Dabei ist und bleibt die Schatzkammer unseres Herzens eben doch auch eine Kammer des Schreckens. Diese Wahrheit ist unbequem. Und so erlauben wir Frommen es uns heute nicht mehr, Sünder zu sein. Die Rede von der Sünde wurde zum Unwort. Geistlich hat der Theologe Paul Schütz recht, wenn er feststellt: "Gott ist einsam geworden, es gibt keine Sünder mehr." Wozu braucht der "entsündigte" Mensch Gott? Er muss das Kreuz Jesu zur überflüssigsten Sache der Welt erklären.

Unterscheiden lernen

Die Dynamik dieser Entwicklung ist deshalb so brisant, weil die Sünde unter unseren Augen nunmehr inkognito ihr zerstörerisches Werk tut. Wo wir uns nach und nach an ihr Gift gewöhnen, weil sie nicht mehr aufgedeckt und benannt wird, sind Wirklichkeitsblindheit und Gewissenstaubheit zwangsläufige Folgekrankheiten. Lässt das Gespür für die gute Ordnung nach, werden schnell Defizite in Tugenden umgedeutet. Nicht selten wird in christlichen Kreisen etwa unterwürfiges Verhalten als Demut, Rebellion als Mut ausgelegt - und damit der Willkür Tür und Tor geöffnet. Täter und Opfer werden gleichermaßen verletzt und von der Fülle des Lebens abgeschnitten.

Das Gespür für Sünde verändert etwas Fundamentales in unserem Sein. Im Hebräerbrief werden wir aufgefordert, mit unseren "durch Gebrauch geübten Sinnen Gutes und Böses unterscheiden" zu lernen (5,14) und in die Mündigkeit zu wachsen.

Den Leib entgiften

Wo es uns gelingt, zur Sündenerkenntnis durchzudringen, ist der erste Schritt getan. Nun steht der Weg der Entlastung, Reinigung und Wiederherstellung offen - für die Gemeinschaft und für den Einzelnen gleichermaßen. Dafür haben die Mütter und Väter unseres Glaubens kostbare Traditionen entwickelt, die wir wiederentdecken dürfen. Und auf dieser Entdeckungsreise können wir mehr riskieren als der sehnsüchtige Skeptiker Max Frisch: "Ein Katholik hat die Beichte... Ich habe bloß meinen Hund." Buße und Beichte sind eine fast ausgestorbene Praxis, die man gern als Form der Unmündigkeit und des Zwanges abtut. Tatsächlich ist dieses Angebot das Tor zur Freiheit.

Die bewährten Heilmittel unseres christlichen Glaubens neu vorzustellen und Sie zu ermutigen, diese in Ihrem Alltag zu gebrauchen, dazu dienen die Beiträge im vorliegenden Salzkorn.

In Petersburg...

Es ist berührend und ermutigend, wenn man miterleben darf, wie dieser Tage in Russland (siehe Kasten) ein Stück Hoffnungsgeschichte geschrieben wird. Wir danken Ihnen für Ihre Freundschaft und Ihren langen Atem, die Arbeit von Eleonora Muschnikowa mit uns zu begleiten und durch Ihr Opfer und Ihre Gebete zu unterstützen. Die junge Generation des russischen ­Volkes hat durch die Legalisierung des Religionsunterrichts jetzt wieder die Möglichkeit, ein Werte­fundament und einen breiteren kulturellen Boden zu erhalten. Es macht dankbar, dass ein jahrzehntelanges Engagement solche Frucht bringen kann und wir ein klein wenig daran Anteil haben.

... und Reichelsheim

In Reichelsheim haben wir am 1. September zehn junge Mitarbeiter in unserem OJC-Jahresteam begrüßen dürfen. Wir stellen Ihnen die vitale Gruppe und auch unsere drei neuen Mitarbeiterfamilien im nächsten Salzkorn ausführlich vor.

Herzlich und dankbar grüße ich Sie und wünsche Ihnen den fröhlichen Ernst, den es braucht, um dieses Heft mit Gewinn zu verkosten.

Ihr Dominik Klenk

Reichelsheim, den 7. September 2009

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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