Fundamente des Glaubens

Es ist Sturmflut heute.
Die Fundamente des Glaubens kommen wieder zum Vorschein!
Paul Schütz (1891–1985)

Ein jüdischer Rabbi, ein liberaler evangelischer Theologe und ein katholischer Priester sitzen am Frühstückstisch eines Hotels. Ihr Gespräch führt sie zu der grundlegenden Frage, wann menschliches Leben ­beginnt. Der Priester bezieht eindeutig Stellung: „Das menschliche Leben ­beginnt in dem Moment, in dem sich ­­Ei- und Samenzelle vereinigen.“ Der evangelische Kollege nestelt an seiner Antwort herum: „Nun ja, das menschliche Leben, so genau kann man das nicht sagen. Hirnforschung und Naturwissenschaften bringen ja ständig neue Erkenntnisse hervor. Man wird sich mit einer endgültigen Bewertung gedulden müssen.“ Der Rabbi blickt die beiden lange stumm an. Dann erhellt sich sein Gesicht und er ­bekennt inbrünstig: „Das Leben? Das ­Leben beginnt, wenn das letzte Kind aus dem Haus ist und den Hund mitgenommen hat.“

Zündstoff des Anfangs

Wann immer wir heute von Anfang, von Gründung oder von Fundamentalem sprechen, wird es heikel – und nicht immer rettet uns der Humor. Das liegt daran, dass die Anfänge Gewicht haben. Anfänge fundamentieren – und haben damit eine nicht geringe Deutungshoheit über das, was folgt. Das gilt für die Eheschließung ebenso wie für die Familienfehde, für den Hausbau wie für den Stiftungszweck: Es wird ein Grund gelegt. Allem weiteren setzt dieser Grundriss sein Maß. Schwerer tun wir uns mit Grundrissen, die uns von anderen vorgegeben werden und unser Leben prägen: von den Gegebenheiten unserer Herkunfts­familie bis zu den Grundlagen unserer Kultur. Das birgt Zündstoff aber auch schöpferisches Konfliktpotenzial. Noch heftiger prallen wir aufeinander, wenn es um Anfänge geht, die ganz und gar nicht in unserem Ermessen ­liegen: Wie ist die Welt entstanden? Wann beginnt menschliches Leben? Hierbei geht es um Fragen unserer Existenz, um unser Gottes-, Welt- und Menschenbild. Schon der Philosoph Platon (400 v. Chr.) meinte, dass unter allen natürlichen und menschlichen Dingen der Anfang das vorzüglichste sei. Wohl deshalb führt die Rede von Anfängen und von Fundamenten schnell auf umkämpftes Terrain; und nicht selten ins Unversöhnliche.

Unbehauste Freiheit

In der vormodernen Zeit lagen die Dinge ­klarer: es gab eine fundamentale Wahrheit, die es zu finden und der es sich zu unterwerfen galt. Die Moderne, angeschoben durch die ­rasante Entwicklung der Wissenschaften, ­konstatierte, es gebe viele Wahrheiten, die miteinander konkurrieren. In der sogenannten Postmoderne, zeitlich einhergehend mit der Virtualisierung unseres Lebens, hat sich mehr und mehr das Paradigma der Gleich-Gültigkeit durchgesetzt: es gibt keine Wahrheit mehr. Die Freiräume des Lebens und Denkens sind bis zur Entgrenzung ausgedehnt. Die vormals tragenden Fundamente dieser „Räume“ wurden verschüttet, nicht selten zertrümmert. Das Gefühl der großen Freiheit ist umgeschlagen in jenes der inneren Unbehaustheit: wir kennen heute weithin keine Anfänge und keine Fundamente mehr. Das griechische Grundwort für Anarchie bedeutet übrigens un-begonnen.

Dieses Heft geht über Fundamente – Fundamente des Lebens und des Glaubens. Wir wollen herausfordern zum Nachdenken, zum tiefer Gründen und zum Widerspruch. Dabei werden auch heiße Eisen angepackt. Der Oxforder Theologe Bernd Wannenwetsch entfaltet mit seiner Betrachtung zu Psalm 8 die Frage „Was ist der Mensch?“ Aus seinen biblischen Einsichten leiten sich eindringliche Anfragen an die aktuellen bioethischen Antworten ab. Die Anfänge der Menschwerdung, die uns in jedem Kind begegnen, und die große Frage, wie wir Ich sagen lernen, ­erörtert der Heidelberger Psychiater Thomas Fuchs im Interview. In seinem anspruchsvollen philosophischen Essay stellt Robert Spaemann die freche These auf: „Jeder ist Fundamentalist von irgend­etwas.“ Damit schlägt er den Bogen von den Fundamenten zum Fundamentalismus.

Fundamentalismus: Schillernder Begriff

Das Phänomen des Fundamentalismus ist vielschichtig. Als politischer Begriff hat er ­eine Art Totschlagfunktion bekommen, die ihn für einen präzisen Umgang untauglich macht. Der Begriff „Fundamentals“ entstand im englischsprachigen Protestantismus Anfang des 20. Jahrhunderts und war durchaus positiv konnotiert. In den 60er Jahren wurde „fundamentalistisch“ wissenschaftstheoretisch neu belegt: nach der Definition von Karl Albers, einem Schüler von Karl Popper, ist fundamentalistisch „jede philosophische Schule, die damit rechnet, dass am Ende eine eindeutige Wahrheit steht“. Politische Verwendung und globale Verbreitung fand der Begriff mit der Machtergreifung Ajatollah Khomenis 1979 im Iran und erreichte seinen dramatischen Höhepunkt in dem Entsetzen über die Anschläge des 11. September 2001. Insgesamt lässt sich seit den 90er Jahren eine zunehmende Ver­mischung der Begriffs­ebenen beobachten, ­ohne dass eine hilfreiche Differenzierung ­abzusehen wäre. Neuerdings wird der Fundamentalismusvorwurf auch gegen Christen, vor allem evangelikale Christen laut – und salonfähig. Stephan Holthaus, Peter Zimmerling und Thomas Schirrmacher und zeigen in ihren Beiträgen, wie christlicher Glaube ohne Scheuklappen und trügerische Sicherheiten möglich ist, und woran problematische Engführungen in christlichen Kreisen zu erkennen sind. Wegweisend sollte die Erkenntnis werden, dass ­religiöse Bewegungen, die für Freiheitsrechte und Versöhnung eintreten, per definitionem nicht fundamentalistisch sein können.

Russisches Wintermärchen

Mehr als 35 Milliarden Euro, so meldete vor kurzem die evangelische Nachrichtenagentur idea, hätten evangelikale Missionswerke in der ehemaligen Sowjetunion investiert. Langfristige Wirkungen seien schwer nachzuweisen. Das stellt Fragen an das Missionsverständnis der Beteiligten. Sicher ist, dass vor allem freundschaftlich gepflegte Beziehungen, soziales und kulturelles Engagement mit Hoffnungsträgern vor Ort segensreich wirken. Das durften wir in den vergangenen Monaten erleben. Eleonora Muschnikowa, seit fast 20 Jahren Projektpartnerin der OJC in St. Petersburg, hat durch ihren ausdauernden Einsatz weitreichende Veränderungen in Russland erwirken können: der von ihrer Schule gewonnene Prozess hat einen Präzedenzfall erwirkt, in dessen Folge nach 92 ­Jahren „Auszeit“ wieder Religionsunterricht an staatlichen Schulen möglich wurde. Und – ebenso überraschend wie wunderbar: Sie wurde von der Schulbehörde beauftragt, mit ­ihrem Team für den jetzt landesweit startenden Religionsunterricht das Schulbuch zu ­erarbeiten. Was für eine kulturmissionarische Chance! Über ihre turbulenten Erfahrungen während der letzten Monate und von den vor ihr liegenden Aufgaben berichtet sie uns im Interview.

Fragwürdiger Gesetzesentwurf

Brandaktuell und fundamental ist der Ge­setzesentwurf, den SPD, Grüne und PDS Ende Januar in den Deutschen Bundestag eingebracht haben: Der Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes soll erweitert werden um das Merkmal der „sexuellen Identität“. Die weitreichenden Folgen dieser Gesetzesvorlage für unsere politische Kultur und die nächste ­Generation hat Christl Vonholdt in ­einer kurzen und präzisen Stellungnahme ­zusammengestellt. Seien Sie ermutigt, diese Stellungnahme konstruktiv-kritisch aufzunehmen und sie an die politischen Mandatsträger in ihrem Kreis weiterzugeben. Es wird viele Stimmen brauchen, um diese juristische Dekonstruktion von Geschlecht, Ehe und Familie zu verhindern.

Verlust des Messianischen

Um Zukunft zu gewinnen, müssen wir um unsere Herkunft wissen. Der Verlust der Verbundenheit mit den Vorangegangenen trübt auch unseren Blick nach vorn. Uns geht der Zusammenhang und der Zusammenhalt verloren. Der Kulturkritiker George Steiner nennt es den „Verlust des Messianischen“ und fragt folgerichtig: „Wer außer Fundamentalisten erwartet heute tatsächlich das Kommen des Messias?“ Unter diesem Gesichtspunkt sind alle Beter des apostolischen Glaubensbekenntnisses Brückenmenschen zwischen Herkunft und Zukunft. Denn sie glauben an Jesus Christus, den „eingeborenen Sohn unseren Herrn“, der kommen wird, „zu richten die Lebenden und die Toten“. Solche Brückenmenschen braucht unsere Zeit, Menschen, die die Spannkraft aufbringen, die scheinbare ­Sicherheit erstarrter Traditionen hinter sich zu lassen, ohne sich jedoch in Beliebigkeit und Relativismus zu verlieren. Christen können das, denn Christen kennen ihren Ursprung und ihr Ziel: Jesus Christus – der Wiederkommende. „Ich gehöre meinem Geliebten und Gott verlangt nach mir“, singt der Beter des Hohenliedes (7,11). Christen geht es nicht um Restauration, sondern um ein beherztes ­„Voraus“ – dem Messias entgegen. In Anlehnung an Martin Buber können wir einander ermutigen: „Ein Zurück gibt es für uns nicht, nur ein Hindurch. Hindurch aber werden wir nur dringen, wenn wir wissen, wohin wir gehören.“

Der ewig Zugewandte

Unsere tiefste Würde als Menschen liegt darin, dass wir geliebte sind. Geliebte Gottes. Das macht uns fest und hält uns zugleich elastisch. Und wir sind begnadete Anfänger, immer neu aufgefordert, mit Jesus einen Anfang zu ­machen. Die Zugewandtheit des Schöpfers, der uns geschaffen hat, ist ewig und umfängt jeden von uns ganz, mit allem, was in uns schon licht geworden und noch Finsternis ist. Der Urgrund unseres Lebens ist die Liebe ­Gottes. Gott ist Liebe.

Auf diesem Fundament lässt sich leben und Spannungen ertragen: reformieren und neu formieren, verwurzelt bleiben und dem Himmel entgegenwachsen. Jung bleiben ist schön und alt werden ist ein herrlich Ding, wenn man gelernt hat, was anfangen heißt.

Herzlich grüße ich Sie mit allen begnadeten Anfängern der OJC,

Ihr

Dr. Dominik Klenk

Reichelsheim, am 20. Februar 2010

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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