Fundamentalismus

Wahrheitsanspruch mit Gewalt durchsetzen

Thomas Schirrmacher

Inzwischen ist in der Reihe ‚kurz und bündig’ (Verlag: SCM Hänssler) mein Taschenbuch ‚Fundamentalismus’ erschienen. Deshalb erlaube ich mir als Religionssoziologe, meine Fundamentalismus-Definition in den Ring zu werfen. Man sollt nämlich meines Erachtens nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht. Fundamentalismus wird seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach als radikale, gewaltbereite, religiös motivierte Extremisten oder einfach gar als religiöse Terroristen verstanden. Was der Volksmund mit ‚Fundamentalismus’ meint, ist militanter Wahrheitsanspruch und genau das finde ich die kürzeste Definition. Meines Erachtens gibt es nur zwei Möglichkeiten, den Begriff ‚Fundamentalismus’ für eine seriöse Anwendung zu retten: Entweder wird der Fundamentalismusbegriff näher an den alltäglichen Sprachgebrauch herangeführt und auf wirklich gewaltnahe Bewegungen bezogen. Oder aber die weite Verwendung auf allerlei Bewegungen ist gewünscht, dann muss der Begriff dringend entemotionalisiert werden und eine neutrale, nicht abwertende Bedeutung erlangen und dazu müsste es einen Großeinsatz von Fachleuten geben, die sich den Massenmedien entgegenstellen, derzeit eine Illusion. Meines Erachtens sollten sich diejenigen, die die Öffentlichkeit vor fundamentalitischen Strömungen warnen, auf die Gruppen beschränken, die durch ihre prinzipielle Rechtfertigung von Gewalt oder durch Gewaltbereitschaft – oder gar durch angewandte Gewalt – gefährlich sind, oder von denen wenigstens die Gefahr ausgeht, dass sie auf undemokratische Weise politische Gewalt über Andersdenkende gewinnen wollen.

Im Folgenden lesen Sie Textauszüge (ohne Fußnoten) aus dem Buch: Fundamentalismus: Wenn Religion gefährlich wird. SCM Hänssler. ISBN 978-3-7751-5203-7. 7.95 €: Geschichte des Begriffs Fundamentalismus

Das englische Wort ‚fundamentalism’ wurde wohl erstmals 1920 von C. L. Laws in der Zeitschrift ‚Baptist Watchman-Examiner’ geprägt, um eine gegen die liberale Theologie in den USA formierte Bewegung zu beschreiben, die gerade mit einer Buchreihe ‚The Fundamentals’ bekannt worden war.

1910-1915 gaben A. C. Dixon und Reuben A. Torrey eine Heftreihe mit dem Titel ‚The Fundamentals: A Testimony of Truth’ heraus, deren kostenlose Massenverbreitung in 3 Mio. Exemplaren zwei Brüder, beides texanische Öl-Milliardäre, finanzierten und in der weltbekannte Theologen ebenso wie Erweckungsprediger aus aller Welt und aus unterschiedlichsten Kirchen gegen die liberale Theologie protestierten. Als zentral für den christlichen Glauben sahen sie die Irrtumslosigkeit und Autorität der Bibel, die Gottheit von Jesus Christus, seine jungfräuliche Geburt, sein Tod für die Sünden der Menschen und seine leibliche Auferstehung und persönliche Wiederkehr an – übrigens alles Lehren, die damals auch für die katholische und die orthodoxen Kirchen massgeblich waren. Politische Forderungen fehlen ganz.

George Marsden hat in seinem Klassiker ‚Fundamentalism and American Culture’ die Epoche dieses frühen Fundamentalismus mit 1870-1925 angesetzt. Die ‚Fundamentals’ waren also weniger der Anfang als der Höhepunkt und das Ende einer Bewegung. Mit dem 1925 entschiedenen berühmten ‚Affenprozess’ gegen die Unterrichtung der Evolutionslehre in Schulen – von den Fundamentalisten als Einmischung des Staates in die Familie verstanden - war der Zenit überschritten. Zwar hielt sich die fundamentalistische Bewegung weiter, bildete aber zunehmend nur noch einen kleinen Flügel der Evangelikalen, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg die Mehrheit bildeten und einen eigenen Weg gingen. Zwar wurde 1919 in Philadelphia die ‚World’s Christian Fundamentals Association’ gegründet, sie hatte allerdings nicht lange Bestand. (Der 1948 gegründete International Council of Christian Churches, den man gewissermaßen als späteren Nachfolger ansehen könnte, blieb ebenso weitgehend auf die USA beschränkt. Deutsche Mitglieder hatten beide nie.) 1930-1970 zog sich dieser Art des Fundamentalismus für ein gottgefälliges Leben eher von der Gesellschaft zurück und man war ausdrücklich gegen politisches Engagement. Allmählich bildet sich eine Differenzierung zwischen den Fundamentalisten heraus, die sich selbstbewußt so nennen und sich von allen anderen Kirchen distanzieren, und der Masse der (Neo-)Evangelikalen, die zwar grundsätzlich ähnliche theologische Positionen vertreten, aber für eine Zusammenarbeit der Kirchen und ein Mitwirken in der Demokratie – und für Religionsfreiheit und Menschenrecht - eintreten.

Man kann fünf Phasen des öffentlichen Sprachgebrauchs für ‚Fundamentalismus’ von 1920 bis heute unterscheiden.

Seit 1920 wird der Begriff erst zur Selbstbezeichnung, dann zur Bezeichnung jener Protestanten in den USA verwendet, die gegen die liberale Theologie an den Fundamenten des christlichen Glaubens und an der göttlichen Inspiration der Bibel festhalten. Die Bewegung und die Verwendung des Fundamentalismusbegriffes ebbte aber bis zum 2. Weltkrieg ab.

Fundamentalismus war hier also ein innerchristlicher Begriff zur Selbstbezeichnung einer Bewegung aus den USA mit kleinen Ablegern in einigen westlichen Ländern, der von den Gegnern als stark abwertender theologischer Begriff verwendet wurde.

Dann war es zunächst einmal für Jahrzehnte ziemlich still, um den Fundamentalismusbegriff ebenso wie um die damit bezeichneten Gruppen.

In den 1960er Jahren wird der Begriff Fundamentalismus in der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Debatte als Gegenstück zum sogenannten Fallibilismus des kritischen Rationalismus im Gefolge von Karl Popper und seinem Schüler Karl Albers verwendet. Dieser besagt, dass es im eigentlichen Sinn keine wahren Aussagen gibt, sondern nur Aussagen, die prinzipiell falsifizierbar (als falsch zu erweisen) sind, aber bisher nicht falsifiziert wurden. Jede philosophische Position, die davon ausging, dass es begründbare wahre Aussagen für bestimmte Fragen oder Bereiche des Denkens gebe, galt als ‚fundamentalistisch’. Fundamentalismus war also jedes Ausgehen von einer unbestreibaren Erkenntnisgewißheit.

Fundamentalismus war hier also ein philosophischer, stark abwertender Begriff, der sich vor allem gegen alle anderen Denkrichtungen richtete, die meisten davon nichtreligiös oder gar atheistisch. Die so Bezeichneten lehnten den Begriff ab.

Besonders seit der iranischen Revolution unter Aytollah Khomeini 1979 wurde Fundamentalismus zum politischen Begriff für alle gewaltbereiten oder gewälttätigen, oft terroristischen islamischen Bewegungen, die sich gegen die Grundlagen der politischen Theorie des Westens wie Demokratie, Menschenrechte und Trennung von Religion und Staat richtete. Wieso gerade der Begriff Fundamentalismus zum Schlagwort wurde, der die Schrecken des Terrorismus innerhalb der islamischen Welt einfing, ist bisher meines Wissens nicht untersucht worden.

Fundamentalismus war hier ein ebenso politischer, wie auf den Islam als Religion bezogener Begriff. In den USA wurde 1979 die sogenannte ‚Moral Majority’ von Jerry Falwell gegründet, in der sich erstmals Evangelikale im großen Stil politisch engagierten, zugleich aber mit katholischen, jüdischen und anderen religiösen und konservativen Gruppen kooperierten. Der Wahlsieg von Ronald Reagan 1980 wurde ihnen zugeschrieben, was nur insofern stimmt, als es einen historischen Wechsel gab, hatten die Evangelikalen bis dahin, etwa noch bei der Wahl des evangelikalen Präsidenten Jimmy Carter (1977-1981), überwiegend für die Demokraten gestimmt. Obwohl sich die alte fundamentalistische Bewegung der USA von diesem Engagement für die Republikaner fern hielt, wurde der Begriff Fundamentalismus auf die neue religiöse Rechte der USA übertragen. Da nach 1977 erstmals religiöse Parteien in Israel mitregierten, wurde auch dort die religiöse Rechte nach 1979 so bezeichnet.

Die vierte Phase bildet die Übernahme des Begriffes in den rein politischen Bereich als Beschreibung der Flügel zivilisationskritischer Bewegungen, die einen Kompromiss mit herrschenden Regierungen ablehnten. In Deutschland wurde vor allem für die Partei ‚Die Grünen’, nachdem sie 1983 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt worden war, zwischen ‚Fundis’, die eine Koalition mit anderen Parteien ablehnten, und den ‚Realos’, die für eine Beteiligung an der Macht auf Teile ihrer Forderungen zunächst verzichten bereit waren, unterschieden. Die bekanntesten Fundis waren Rudolf Bahro und Jutta Ditfurth, der bekannteste Realo Joschka Fischer. Die Fundis wollten die linkssozialistischen Bestrebungen in der Tradition der Studentenbewegung, den unbedingten Pazifismus und die Technologiekritik nicht aufgeben. Der Realo Fischer führte später als Außenminister Krieg in Bosnien. Der Begriff wurde allmählich auch auf andere Parteien und politische Bewegungen übertragen.

In der fünften Phase wurden die verschiedenen Bedeutungen miteinander verquickt. Da auch der Islam den Koran für Gottes Wort hält, sieht man die Gemeinsamkeit zwischen der islamischen Revolution und christlichen Fundamentalisten der USA. Eigentlich passt das nicht, weil im Islam alle Muslime den Koran für göttlich und fehlerlos halten, nicht nur ein bestimmter Flügel wie in den USA (und zudem die Überlieferungen von Muhammad un seiner Gefährten ‚Hadith’ ebenso wichtig sind), weil die Fundamentalisten immer schon eine internationale Textkritik und Auslegungsdiskussion kannten, die Muslime nicht, weil im Islam neben den Koran gleichwertig die Überlieferung (Hadith) tritt, und weil die christlichen Fundamentalisten keine Revolution mit Gewalt planten und für Religionsfreiheit eintraten.

Dann wurde der Umstand, dass die bezeichneten Christen und Muslime davon ausgingen, die Wahrheit zu kennen, mit dem philosophischen Begriff verknüpft, obwohl dieser sich doch gerade überwiegend gegen nichtreligiöse Denkschulen in der Philosophie richtete und dort eher dazu diente, eine Denkschule – den sog. kritischen Rationalismus - als die einzig wirklich aufgeklärte zu bezeichnen und alle anderen pauschal abzuwerten. Damit fanden sich plötzlich durchaus moderne Philosophen und traditionell pazifistische Freikirchen in einem Boot mit Terroristen wieder. Dann wurde die fehlende politische Kompromissbereitschaft der grünen ‚Fundis’ mit hineingerührt. War schon beim Islam der Begriff zu einem politischen Schlagwort der Tagespolitik – auch gegen unliebsame Gegner – geworden, galt dies für die Parteipolitik erst recht. Derweil war der Begriff längst auf die unterschiedlichsten religiösen und politischen Gruppen ausgedehnt worden. Die einen zählten nun jede terroristische oder gewaltlegitimierende Gruppe dazu, die anderen den jeweils radikalsten oder unbeliebtesten Flügel einer Religion oder Partei, die nächsten jeden, der einen Wahrheitsanspruch vertrat und andere schlicht und einfach ihre Gegner. Regierungen begannen Krieg, Zwnagsmassnahmen und Einschränkungen von Menschenrechten damit zu begründen. Dass der Begriff Fundamentalismus aus völlig unterschiedlichen, ja nicht zusammen passenden Bedeutungen zusammengeschmiedet wurde, macht sich bis heute in seiner enormen Bedeutungsbreite und in seiner enormen emotionalen Aufgeladenheit bemerkbar.

Erst Mitte und Ende der 1980er Jahre versuchten erste Wissenschaftler, die tatsächlichen oder vermeintlichen strukturellen Gemeinsamkeiten dieser Bewegungen heraus zu kristallisieren, wobei allerdings jeder – soweit ich das übersehen kann – seinen eigenen Katalog vorlegte und vorlegt. Es setzte eine erste Woge von Buchveröffentlichungen zum Thema ein. Aber erst seit dem 11. September 2001 wird der Begriff zu einem der Lieblingswort der Medien und von Sachbuchtiteln. Meine Definition: Fundamentalismus ist militanter Wahrheitsanspruch Man sollt meines Erachtens nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht.

Fundamentalismus wird seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach als radikale, gewaltbereite, religiös motivierte Extremisten oder einfach gar als religiöse Terroristen verstanden. Was der Volksmund mit ‚Fundamentalismus’ meint, ist militanter Wahrheitsanspruch und genau das finde ich die kürzeste Definition.

Meines Erachtens gibt es nur zwei Möglichkeiten, den Begriff ‚Fundamentalismus’ für eine seriöse Anwendung zu retten: Entweder wird der Fundamentalismusbegriff näher an den alltäglichen Sprachgebrauch herangeführt und auf wirklich gewaltnahe Bewegungen bezogen. Oder aber die weite Verwendung auf allerlei Bewegungen ist gewünscht, dann muss der Begriff dringend entemotionalisiert werden und eine neutrale, nicht abwertende Bedeutung erlangen und dazu müßte es einen Großeinsatz von Fachleuten geben, die sich den Massenmedien entgegenstellen, derzeit eine Illusion.

Meines Erachtens sollten sich diejenigen, die die Öffentlichkeit vor fundamentalitischen Strömungen warnen, auf die Gruppen beschränken, die durch ihre prinzipielle Rechtfertigung von Gewalt oder durch Gewaltbereitschaft – oder gar durch angewandte Gewalt – gefährlich sind, oder von denen wenigstens die Gefahr ausgeht, dass sie auf undemokratische Weise politische Gewalt über Andersdenkende gewinnen wollen. Deswegen lautet meine Definition:

Fundamentalismus ist ein militanter Wahrheitsanspruch, der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friendensgebot richtet und nichtsstaaliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet. Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Größen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Fundamentalismus ist eine modernitätsbestimmte Transformation von Religion oder Weltanschauung.

Ich stimme der Definition von Christian Jäggi zu: „Ich gehe davon aus, dass fundamentalistische Verhaltensweisen einen letzlich erfolglosen – weil immer abwehrenden und damit gewaltsamen - Versuch rückwärts gerichteter Rebellion gegen soziale Entfremdung, ethnisch-kulturelle Entwurzelung, weltanschauliche Heimatlosigkeit und gesellschaftlichen Wertezerfall der Moderne und der Postmoderne darstellen.”

Der Sozialethiker Stephan H. Pfürtner behandelt in seinem Buch ‚Fundamentalismus’ unter anderem die ‚Fundis’ der Partei ‚Die Grünen’, die Sekte ‚Volkstempel’ von Jim Jones, gegen die Religionsfreiheit eingestellte Traditionalisten in der katholischen Kirche, Links- und Rechtsextremismus und Terrorismus, ja sogar gewaltbereite Fußballfans und Hooligans. Er definiert: „Fundamentalismus ist Flucht ins Radikale, oft verbunden mit Gewalt, unter Verweigerung von hinreichender Realitätswahrnehmung, von Rationalität und Freiheitsentfaltung für Individuum und Gesellschaft.” Hans-Gerd Jaschke zählt zum gewalttätigen Fundamentalismus in Deutschkland unter anderem linken und rechten Terrorismus, die IRA, die ETA, sowie die RAF.

Einer der bedeutendsten Fortschritte des modernen Rechtsstaates ist, dass er allein das Monopol auf legitime physische Gewalt hat und diese auch dem Zugriff einzelner Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften entzogen ist. Fundamentalismus liefert unter Rückgriff auf letzte Wahrheiten Gründe dafür, gegen diese legtime Gewalt vorzugehen.

Zur fundamentalistischen Gewalt gehört aber auch die Gewalt nach innen gegenüber den eigenen Mitgliedern, damit diese Linientreue halten, oder gegenüber Aussteigern, sei ums diese zu bestrafen oder zu ächten, sei es, um dadurch andere vom Ausstieg abzuhalten.

In diesem Sinne war aus meiner Sicht die Haltung der mittelalterlichen Kirche, dass man sie ohne bürgerliche Konsequenzen nicht verlassen könne, fundamentalistisch. Die katholische Sicht besagt bis heute, dass man die katholische Kirche eigentlich gar nicht verlassen kann, da die Taufe wirksam bleibt, aber heute ist das eine theologische Feststellung, der in der regel keine bürgerlichen Konsequenzen mehr folgen, geschweige bürgerliche oder politische, weswegen es sich auch nicht um Fundamentalismus handelt.

Fundamentalismus kann aber auch vom Staat ausgehen, wenn dieser unter Kontrolle fundamentalistischer Kräfte gerät. So sehe ich Fundamentalismus in islamischen Staaten überall dort, wo der Abfall vom Islam weiterhin mit dem Tod, mit staatlichen Strafen,, mit schweren bürgerlichen Konsequenzen oder mit Ausschluss aus der Familie bedroht wird.

Der Religionswissenschaftler Gernot Wießner sieht in einem der besten Beiträge zum Thema in der ganzen Religionsgeschichte Fundamentalismus immer dort, wo es zur „Enttabuisierung des Lebens” kommt, also immer wenn die Unantastbarkeit und Heiligkeit des Lebens außer Kraft gesetzt wurde und wird. Er vertritt also, „daß unter den Begriff des religiösen Fundamentalismus diejenigen religiös-politischen Bewegungen subsumiert werden könnten, die für die Durchsetzung einer Grundordnung unter den Menschen nach den verbindlichen Vorgaben einer autoritativen Offenbarung das Leben enttabuisieren und die ideologische Rechtfertigung für diese Enttabuisierung aus ihrer Vorstellung vom Wesen und Walten des religiösen Gegenübers legitimieren, in theistischen Religionen aus deren Gottesvorstellung. Ein Blick aus der Gegenwart in die Geschichte der Religionen in der Vergangenheit kann zeigen, daß es diesen Typ des religiösen Fundamentalismus wohl immer gegeben hat” (Weißner. „Fundamentalismus”. S. 61-62).

Die weltweit größte Feldstudie zum Thema Fundamentalismus (The Fundamentalism Project der American Academy of Arts and Sciences, 1991-1995) hat gezeigt, dass der weitaus größte Teil aller Fundamentalisten, gleich welcher Richtung, nicht gewaltbereit ist und wenig politischen Ehrgeiz hat! Wäre es da nicht an der Zeit, gleich den Fundamentalismubegriff zu überdenken?

Religiöse Überzeugungen haben seit Jahrtausenden dazu gedient, Krieg, Unterdrückung und Benachteiligung zu begründen, sei die jeweilige Religion nun dafür mißbraucht geworden oder habe sie ihrerseits die Politik mißbraucht (oder beides). Hans Maier schreibt zu Recht in seinem Buch ‚Das Doppelgesicht des Religiösen: Religion – Gewalt – Politik‘: „Religion ist nichts Harmloses. Sie hat gewinnende und schreckliche Züge, anziehende und abstoßende Seiten.” (Maier. Doppelgesicht. 97) Und Susanne Heine beschreibt das „Doppelgesicht der Religion” ähnlich: „Religion hat einen zweifelhaften Ruf. Sie kann eine Quelle von Liebe und Frieden sein, aber auch von Hass und Krieg.” (Heine. Liebe. S. 15). Das Kastenwesen des Hinduismus gab der rassistischen Unterdrückung der unteren Kasten eine religiöse Legitimation, die Ablaßtheologie finanzierte die Kreuzzüge, der Antisemitismus des mittelalterlichen Christentums legitimierte die Judenverfolgung, die ganz unterschiedlichen Religionen der Babylonier, Inkas und Osmanen legitimierten die Gewalt gegen Frauen, so dass der Herrscher etwa gewaltsam jede beliebige Frau seines Herrschaftsbereiches aussuchen und zur Nebenfrau machen konnte.

Dafür, dass man religiöse Überzeugungen vor allem im Zusammenspiel mit politischer Macht zur Legitimation und Anwendung unrechtmäßiger Gewalt gegen andere führen kann und geführt hat, dürfte es Beispiele aus allen geografischen Räumen, allen Zeitepochen, allen Kulturen und allen Religionen geben. Und dass man seit Jahrtausenden Kriege mit religiöser Legitimation besser rechtfertigen kann, so dass selbst säkulare Staaten bis heute im Kriegsfall eine zumindest auch religiöse Sprache an den Tag legen (man denke an George W. Bush angesichts des Krieges gegen den Irak), dürfte in Geschichtswissenschaft und Religionswissenschaft unumstritten sein. Es dürfte wohl kaum eine Religion geben, die hier nicht zumindest zeitweise oder in einigen ihrer Zweige abstoßende Gewalt verursacht hat. Das gilt für Naturreligionen wie der Religion der Mayas oder der Aborigenes ebenso wie für alle antiken Religionen oder alle großen Weltreligionen.

Religion und Religionsfreiheit

Ich vertrete, dass eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft, die die Religionsfreiheit vertritt, propagiert und in der Praxis respektiert, nicht fundamentalistisch sein kann und nicht so genannt werden sollte!

Und umgekehrt, sollte die Ablehnung der Religionsfreiheit ein klarer Indikator Richtung Fundamentalismus sein, wenn auch nicht der einzige.

Ich könnte mich gut mit folgender Definition anfreunden, nur müßte man dann manche Gruppe aus dem traditionellen Fundamentalismuskanon herausnehmen: „Fundamentalismus heißt absoluter Wahrheitsanspruch, keine Trennung zwischen Staat und Kirche, mehr noch: Keine Trennung zwischen Politik und Religion.“ (Páramo-Ortega. Fundamentalisten. S. 17).

Ebenso vertrete ich, dass eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft, die die klassischen Menschenrechte vertritt, propagiert und in der Praxis respektiert, nicht fundamentalistisch sein kann oder so genannt werden sollte! Allerdings ist dies nicht ganz so einfach auszuführen, wie im Falle der Religionsfreiheit, da sich der Begriff der Menschenrechte immer mehr von den klassischen Menschenrechten fort zu einer Inflation von Forderungen erweitert. Wenn etwa Abtreibung als Menschenrecht definiert wird, dann haben die meisten Religionsgemeinschaften schlechte Karten, weil sie nach wie vor das Menschenrecht des Ungeborenen ebenso hoch veranschlagen, wie das der Mutter, oder es wenigstens mit berücksichtigen.

Aber zurück zur Religionsfreiheit. Was kann man von einer Religionsgemeinschaft mehr verlangen, als dass sie sich im ‚modernen’, demokratischen Staat für Religionsfreiheit, damit für die Religionsneutralität des Staates und für die Trennung von Staat und Kirche bzw. religiöser Struktur einsetzt und andere Religionen und Weltanschauungen im politischen Umfeld respektiert?

Karin Armstrong schreibt: „Für Demokratie, Pluralismus, religiöse Toleranz, Friedenssicherung, Redefreiheit oder die Trennung von Kirche und Staat haben sie nichts übrig.” Die reale Welt ist zwar etwas komplizierter und ihre eigene Liste entspricht diesen Vorgaben nicht. Aber immerhin: das hieße, eine Bewegung, die alle diese Werte teilt, wäre dann per Definition eben nicht fundamentalistisch.

Wie schütze ich mich (nicht nur, aber vor allem als Christ) vor Fundamentalismus?

Verneine jede Art von Hörigkeit anderen Menschen gegenüber.

Verneine blinden Gehorsam. Auch höhere Gebote und Ordnungen darf man in Ruhe diskutieren und nach ihrem Grund fragen.

Stehe autoritären Führern kritisch gegenüber. Was gut und ‚wahr’ ist, erkennt nie nur ein Einzelner. Hinterfrage, wenn andere Befehle Gottes für dich bekommen.

Steh’ auf und schreite ein, wenn andere Menschen hörig gemacht oder deines Erachtens ausgenutzt werden sollen.

Unterscheide deutlich zwischen Gott, Gottes Offenbarung und der fehlbaren Auslegung durch uns Menschen.

Beschäftige dich viel und intensiv mit verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten heiliger Texte. Höre Andersdenkenden immer erst einmal zu. Werde ein erfreulicher Gesprächspartner.

Selbstkritik ist der Beginn jeder Religiosität. Bewahre dir den selbstkritischen Blick für dein Leben, dein Denken, deine Stärken und Schwächen.

„Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, dass tut ihnen auch.“ (Jesus)

„Suche, soweit es an dir liegt, Frieden mit jedermann.“ (Paulus)

Informiere dich ausführlich über die Lage und Sicht von Menschen in anderen Kulturen und Ländern – werde ein Weltbürger.

Vermeide die Verqickung von Religion und Nationalismus.

Verwerfe und bekämpfe jede Art von Rassismus.

Überlege sehr genau, welche persönlichen Moralvorstellungen auch den Staat binden sollten.

Gib’ deinen Glauben und deine Sicht der Dinge mit guten Argumenten weiter, um andere zu überzeugen, vermeide aber jeden Zwang, Druck, Drohung, geschweige denn Gewalt.

Setze dich, wo immer möglich, für Religionsfreiheit ein.

Unterscheide zwischen der Wahrheitsdiskussion zwischen den Religionen und dem Willen zum friedlichen politischen Zusammenleben. Unterstelle Friedensgesprächen zwischen den Religionsgemeinschaft nicht einfach synkretistische Absichten.

Von

  • Thomas Schirrmacher

    Prof. Dr. phil. Dr. theol., (geb. 1960) ist Rektor des Martin Bucer Seminars (Bonn, Zürich, Innsbruck, Prag, Istanbul), wo er auch Ethik lehrt, Professor für Religionssoziologie an der Staatlichen Universität Oradea, Rumänien, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz und Sprecher für Menschenrechte dieses weltweiten Zusammenschlusses.
    Er promovierte 1985 in Ökumenischer Theologie in Kampen (Niederlande), 1989 in Kulturanthropologie in Los Angeles, und 2007 in Vergleichender Religionswissenschaft an der Universität Bonn.

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