Mit dem Mut des Herzens

Die letzte Zeitzeugin des „Kreisauer Kreises“ –
Nachruf auf Freya Gräfin von Moltke (29.3. 1911–1.1.2010)

 von Angela Ludwig

Am ersten Tag dieses Jahres erlag die hochbetagte Witwe des 1945 hingerichteten Widerstandskämpfers gegen das Nazi-Regime, Helmuth James Graf von Moltke, im Kreis ihrer Familie im US-Bundesstaat Vermont einer Virusinfektion.

Es war am 12. Oktober 1995, als die bereits 84-Jährige uns in Reichelsheim besuchte. Im Wohnzimmer unserer gemeinsamen Freunde Bas und Teuna Leenman stellte sie sich den ­Fragen der OJCler. Sehr persönlich und ungeheuer lebendig und präsent gab sie Einblick in ihr Leben während der Hitler-Diktatur sowie der Zeit nach der Hinrichtung ihres Mannes.

Die 1911 in Köln geborene Freya Deichmann stammt aus einer liberal-protestantischen ­Bankiersfamilie. Sie und ihre beiden älteren Brüder sind entschieden anti-nationalistisch eingestellt. Noch vor dem Abitur trifft sie bei der Sommerakademie junger Europäer am Gundlsee in Österreich den politisch wachen Jura­studenten von Moltke. Zwei Jahre später, sie ist ­gerade 20, heiraten sie. 1935 schließt sie ihr Studium mit der Promotion ab und übernimmt die Bewirtschaftung des riesigen Landgutes der Familie ihres Mannes im niederschlesischen Kreisau. Von Moltke eröffnet eine Anwaltskanzlei in Berlin, wo er sich besonders für die Verteidigung jüdischer Mitbürger einsetzt. Die Ehepartner pendeln in den folgenden Jahren hin und her zwischen dem Machtzentrum der Nazis und der ländlichen Oase und stehen in innigem Austausch. Den regen, fast täglichen Briefwechsel bewahrt Freya in ihren Bienenstöcken auf und schleppt die ca. 600 Briefe ­ihres Mannes später mit auf die Flucht. So wird das eindrucksvolle und menschliche Dokument der liebenden Verbundenheit der Eheleute, aber auch ihrer konspirativen und kreativen Widerstandskraft aus der Quelle des immer wichtiger werdenden Glaubens gerettet – ein Glücksfall für die Nachwelt.

Konspiratives Kreisau

Vor den dunklen Schatten der Kriegsverbrechen, die der Unrechtsstaat immer unverfrorener ausübt, bildet sich ab 1940 um von Moltke die Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises (diesen ­Namen gab ihr später die Gestapo). Freya ist von Anfang an eingeweiht in Konzept und Ziele der Gruppe, sie wird die erste Beraterin ihres Mannes und organisiert die großen geheimen Treffen im Kreisauer „Berghaus“ zwischen 1942 und 1943. Das Besondere der Gruppe besteht darin, dass sie äußerst heterogen ist. Zum engeren Kreis zählen neben Moltke und weiteren Nachfahren preußischer Adelsgeschlechter Sozialdemokraten, ­Gewerkschafter sowie Jesuiten wie Alfred Delp und die protestantischen Geistlichen Eugen Gerstenmaier und Harald Poelchau.

Im Unterschied zu anderen Gruppen ging es den Kreisauern nicht um die Vorbereitung eines Umsturzes, sondern darum, sich auf die Grundzüge einer demokratischen Neuordnung Deutschlands nach dem Tag X vorzubereiten. Angesichts der politischen Meinungsvielfalt war die Einigung auf Grundlinien eines in die europäische Völkergemeinschaft eingebetteten deutschen Rechtsstaates eine enorme Herausforderung. Sie forderte große Diskussionsoffenheit und Kompromissbereitschaft von den Teilnehmern. Aber eben die Einübung dieser Bereitschaft verstand die Gruppe­ als Teil eines Lernprozesses, der vorbildhaft sein sollte für das Zusammenleben nach der Diktatur. „Wichtiger als die inhaltlichen Details der Pläne war der Einigungsprozess selbst“, hat Freya von Moltke rückblickend vermerkt.

Aus ihrem christlichen Selbstverständnis leiteten sie ihre Forderungen ab: Garantie der Glaubens- und Gewissensfreiheit, Brechung des totalitären Gewissenszwanges und Anerkennung der unverletzlichen Würde der Person. Diese fundamentalen Menschen- und Bürgerechte – für uns heute selbstverständlich – waren teuer erkauft.

Preis der Wahrheit

Im Januar 1944 wird Helmuth von Moltke festgenommen, aber erst nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli wird das Netzwerk und seine führende Rolle darin aufgedeckt. Er wird, wie viele seiner Gefährten, zum Tode verurteilt. In den bewegenden „Letzten Briefen“ gibt er seiner Frau Zeugnis vom Grund der Verur­teilung: Das Bekenntnis zum Christentum ist das eigentliche Verbrechen, die Entscheidung zwischen Gott und Abgott. Von Moltke selbst sieht darin die Erfüllung des Sinns seines ­Lebens, zu dem Gott ihn berufen hat.

Freya bejaht seinen Weg von Anfang bis Ende und sagt später, dass sie immer gedacht habe, „dass ihre Opfer nützlich waren“.

Für sie folgen die Stationen: Flucht aus Schle­sien mit den beiden kleinen Söhnen, Auswanderung nach Südafrika und schließlich 1960 die Übersiedelung nach USA, wohin der Breslauer Rechtsgelehrte und Freund ihres Mannes, ­Eugen Rosenstock-Huessy, emigriert war.

Schmerzlich muss sie erleben, dass die, die ihr Leben für das neue Deutschland gelassen ­haben, nach dem Krieg als Vaterlandsverräter verunglimpft werden. Erst Anfang der 80er Jahre nimmt man sie wirklich zur Kenntnis und beginnt, ihren Einsatz zu würdigen.

Ihre Lebensaufgabe sieht Freya von Moltke darin, das Vermächtnis ihres Mannes und seiner Freunde „für die Zukunft sprechen zu lassen. Man hat soviel Zukunft wie man Vergangenheit hat.“ Sie ediert die Briefe an Freya, veröffentlicht die Erinnerungen 1930-1945. Nach der Wende erlebt sie die große Freude, dass das verfallene Anwesen in Kreisau, heute Krzyzowa in Polen, in eine deutsch-polnische Begegnungsstätte für ein friedliches Zusammenleben in ­Europa umgestaltet wird – ein Ort der Verständigung für die junge Generation. Das Neue Kreisau wird ihr Herzensanliegen. Sie ist regelmäßiger Gast und begleitet den Aufbau feinfühlig: „Heute kommt es darauf an, dass Leute, die verschieden denken, miteinander sprechen und darin war die Kreisauer Gruppe hervor­ragend“. Ihr Erbe ist heimgekommen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

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