Vom Untergrund zum Unterricht

Religion: ein Pilotprojekt an russischen Schulen

Seit der Neugründung der Deutschen Peterschule (St. Petersburg) im Perestroika-Jahr 1990 wird an ihr christlicher Religionsunterricht erteilt. Dieses Privileg, das nur wenigen Privatschulen eingeräumt wurde, sollte im letzten Jahr durch ein Gerichtsverfahren ganz ­abgeschafft werden. Völlig überraschend fiel das Urteil zugunsten der Peterschule aus – und wurde zum bahnbrechenden Präzedenzfall in der heißen Debatte um die Verfassungsmäßigkeit von Reli­gionsunterricht in Russland. Mit weitreichenden Folgen: Nach 92 Jahren ist Religion russlandweit als Schulfach wieder anerkannt.

Eleonora Muschnikowa, Gründerin und langjährige Direktorin der Schule, berichtet.

Eleonora, wie lautete der Vorwurf, der zum Prozess gegen die Peterschule führte?

Den Hauptpunkt hatten zehn Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften in einem offenen Brief an den Kreml formuliert: Religionsunterricht habe an russischen Schulen nichts zu suchen, auch nicht in privaten Einrichtungen. Das sorgte für neuen Zündstoff in der Debatte um den Religionsunterricht, die seit der Wende geführt wird.

Wie reagierte die Politik auf diesen Aufruf?

Das ist schwer zu rekonstruieren, denn die Gegner sind in viele Lager gespalten. Im Grunde ­erreichten die Wissenschaftler, die uns mit ihrem „offenen Brief“ anprangerten, das Gegenteil. Zahlreiche Politiker betonen nun, dass sich Schulunterricht nicht darin erschöpfen darf, ­reines Faktenwissen zu vermitteln. Präsident Medwedew sagte öffentlich, was sich genau mit unseren Zielen deckt: die Schule soll nicht Experten, sondern in erster Linie Persönlichkeiten heranbilden.

Wie konnte es dann überhaupt zum Gerichtsverfahren kommen?

In weiten Teilen der Wissenschaft und in den Bildungseinrichtungen regiert noch der aggressive, anti-religiöse Geist der Vorwendezeit. Wahrscheinlich hat sich die Schulbehörde in St. Petersburg deshalb auf den offenen Brief gestürzt und wollte ihrerseits Fakten schaffen. Sie begann, die Schulen zu durchforsten, prüfte Lehrpläne, Schulbücher und Unterrichtskonzepte. Schulleiter wurden vorgeladen und aufgefordert, den Religionsunterricht einzustellen. Nur drei beharrten auf ihrem Recht der freien Gestaltung des Unterrichts. Daraufhin gab es eine zweite Inspektionswelle, die Anzeige und schließlich die gerichtliche Klage der Staatsanwaltschaft gegen uns.

Der Gerichtsentscheid hat euch nach sieben aufreibenden Monaten Recht gegeben. War dieser positive Ausgang abzusehen?

Nein. Wir kannten zwar unsere Rechte, aber ob das Gericht uns Recht gibt, wussten wir nicht. Und selbst das hätte nicht garantiert, dass wir vor weiteren amtlichen Schikanen verschont bleiben.

Haben die Eltern euch unterstützt?

Das war kaum möglich, denn die Eltern haben keine rechtliche Handhabe, außerdem fand die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wir durften über den Stand des Prozesses nicht reden, weil es angeblich die Neutralität des Gerichts gefährdet.

Hast du in dieser Zeit Stärkung erfahren?

Ja, vor allem von meinen Kollegen, Freunden und den Mitstreitern im 2006 gegründeten Comenius-Zentrum. Dieser überkonfessionelle Arbeitskreis von Theologen, Philosophen und Geistlichen, von Orthodoxen, Katholiken und Lutheranern hat seit der Gründung der Peterschule 1990 den Religionsunterricht mitgestaltet und den Lehrern den Rücken gestärkt.

Hat das Urteil vom 5. August 2009 womöglich zur Modifikation des Schulgesetzes ­beigetragen, wonach Religionsunterricht auch für staatliche Schulen erlaubt wird?

Das Thema war so heiß gelaufen, dass die Zeit für eine Entscheidung reif war. Es wäre ­vermessen, einen kausalen Zusammenhang zwischen der hohen Politik und unserem ­Gerichtsverfahren herzustellen. Fest steht aber, dass durch den Prozess unsere Positionen, ­Ansichten und Ansätze bekannt wurden. Vorher war die Arbeit des Zentrums weithin ­unbekannt, jetzt berichteten die Medien über unsere Konferenzen und Materialien – wir ­erhielten viele interessierte Anfragen.

Wie hat man sich Religionsunterricht in Russland vorzustellen?

Das hängt von der jeweiligen Schule ab. Das Fach heißt „Geistlich-ethische Kultur“, aber es gibt noch kein Curriculum für Religionslehrer, weder Lehrpläne noch Schulbücher. Der Unterricht hat durch Pädagogen im Schuldienst zu erfolgen und nicht durch Geistliche im Kirchendienst. Die Schulbildung ist Sache der Regierungsbezirke, daher werden die ­jeweils zuständigen Schulämter sicher ein ­Auge darauf haben, und auch die Orthodoxe Kirche macht ihre Interessen geltend.

Wir haben es in St. Petersburg in mancherlei Hinsicht einfacher, denn hier waren schon immer viele Konfessionen mit starken Gemeinden vertreten. Und es gab einen toleranten, achtungsvollen Umgang auch mit Muslimen und Juden. An diese geistig rege Tradition haben wir nach Ende der Sowjetära anknüpfen können.

Gibt es denn ein Interesse an Religion?

Das ist unterschiedlich. Meine Generation ist durch die religionsfeindliche Rätediktatur ­geprägt, was viele bitter oder zynisch gemacht hat. Durchgekommen ist, wer sich mit den Machtverhältnissen arrangierte und die Gesetze der Hierarchie befolgte. Eine Moral aber, die sich nicht am eigenen Gewissen orientiert, sondern an der Obrigkeit, ist gefährlich.

Die Jungen haben noch nicht resigniert und sind eher bereit, über religiöse Inhalte zu reden. Die Frage ist nur: mit wem? Es gibt in der Bevölkerung kaum Wissen über Religion. Das ist eine kollektive Amnesie, eine Entfremdung von den eigenen geistigen Wurzeln. Also muss als erstes ins Bewusstsein gelangen, dass Glaube nichts Abseitiges ist, sondern dass jede Kultur ein religiöses Fundament und jede Ethik eine geistliche Dimension hat. Ohne diese Perspektive kann es keine lebendige Demokratie geben. Darum ist die Einführung des Reli­gionsunterrichts an allen Schulen eine einzigartige historische Chance für unser Land.

Das Comenius-Zentrum hat in den letzten Jahren Unterrichtsmaterialien erstellt. Zeigen andere Schulen Interesse daran?

Oh ja, und es hat inzwischen Kreise gezogen, die wir uns nie hätten träumen lassen! Nachdem wir die Lehreinheiten vorgestellt hatten, wurden wir mit Anfragen überschüttet, auch vom Ministerium für Bildung und Erziehung. Inzwischen hat uns der Verlag, der in Russ­land das Monopol für Schulbücher hat, beauftragt, Unterrichtsmaterial für den christlichen Religionsunterricht und den Ethikunterricht für Nichtreligiöse zu erstellen. Unser Team ­arbeitet auf Hochtouren, damit die Bücher im April 2010 in Druck gehen und im kommenden Schuljahr zur Verfügung stehen. Im Juni werden wir Religionskurse für Lehrer aus ganz Russland geben.

Euer Konzept macht also Schule.

Vorerst unsere Bücher. Das Gesamtkonzept ist zu umfassend, um es eins zu eins auf andere Schulen zu übertragen. Wir versuchen, den Erwerb von geistig-geistlicher Kompetenz in den gesamten Unterricht zu integrieren und die „letzten Fragen“ in den Raum zu stellen: Warum lebe ich, wozu sind wir da? Wenn Lehrer und Schüler gemeinsam überlegen, welchen Sinn das Lernen hat, werden sie neu motiviert, Wissen zu vermitteln bzw. zu ­erwerben.

Das gilt übrigens ebenso für die Eltern. Darum binden wir die Eltern in das Konzept mit ein und bieten ihnen Gesprächsabende an. Wir möchten das Augenmerk auf die Wertediskussion lenken: Es gibt keinen ethikfreien Raum, keine wertneutrale Wissenschaft. In den musischen Fächern z. B. geht es nicht nur um Reimschema und Handlungsbogen, um Malstil oder Harmoniegesetze, sondern auch um Sinnfragen, die heute sehr aktuell sind. Letztlich sollen die Schüler befähigt werden, im künstlerischen Gestalten ihren eigenen ­Lebensfragen nachzuspüren und ihre Einsichten zu artikulieren.

Liegt darin nicht die Gefahr der Indoktrination?

Doch natürlich – vor allem, wenn wir wie der Marxismus-Leninismus meinen, alle Antworten zu besitzen. Unsere Aufgabe ist es, zum kritischen Denken gegenüber jeder Art von Ideologie und Dogmatik anzuleiten. Das fehlt in Russland. Wir dürfen den Jugendlichen nicht vorenthalten, dass unsere Kultur auf solchen Fragen und Antworten, auch religiösen Antworten, basiert. Wenn das verschleiert wird, wird der Einzelne wurzellos und manipulierbar.

Wie unterrichtet ihr Religion an der Peterschule?

Wir nennen den Kursus: „Über die geistliche Kultur“. Darin sind unterschiedliche fachliche Schwerpunkte integriert. In der Grundschule sind biblische Geschichten dem Alter entsprechend aufbereitet. In der Mittelstufe lernen die Schüler Kirchengeschichte und erfahren, welchen Einfluss die Kirchenväter, Klöster und die Scholastik auf die Denk- und Wissenschaftstradition des Abendlandes hatten. In der Oberstufe geht es um Philosophie im religiösen und säkularen Kontext und um unterschiedliche Weltbilder und Religionen. Im Fach „Sozialkunde“ heißt der Schwerpunkt „geistliche Evolution der Menschheit“. Hier wird sichtbar, dass politische Ereignisse immer mit geistesgeschichtlichen Entwicklungen zusammenhängen.

Das ist doch ohnehin Aufgabe des Geschichtsunterrichts.

Aber die Frage ist doch, auf welchem Fundament und nach welchem Menschenbild unterrichtet wird. Die gängigen Lehrbücher sind von Historikern geschrieben, die in den Denkmustern eines vulgären Materialismus sozialisiert worden sind. Menschheitsgeschichte setzt in diesen Büchern beim ersten Affen an, der einen Stock in die Hand nimmt und ihn als Werkzeug einsetzt.

... und der Klassenkampf beschreibt sozusagen den Kampf der Affenhorden um die Produktionsmittel. Diese Sicht scheint, leicht modifiziert, auch im Westen konsensfähig zu sein. Was setzt ihr dem entgegen?

Wir zeigen auf, dass jede Kultur einen ideellen Bezug zu der Welt herstellt, in der der Mensch lebt. Am Beginn einer Zivilisation stehen ­Riten und kultische Handlungen, durch die der Einzelne in die Gemeinschaft eingebunden wird. In der identitätsstiftenden Phase ­einer Kultur haben religiöse Vorstellungen ­eine grundlegende Bedeutung. Das ist kein Zufall, meinen wir, sondern im Wesen des Menschen verankert, der ein fundamentales Bedürfnis nach Transzendenz hat.

Wie lassen sich so komplexe Zusammen­hänge vermitteln?

Da ist Kreativität gefragt. An der Peterschule gibt es jedes Jahr die „biblische Woche“ für ­alle Jahrgänge. Die Lehrer bieten in ihren ­Fächern Arbeitsgruppen an, bei denen spezi­fische Passagen aus der Bibel herangezogen werden. Immer praxisnah und experimentell, aber es wird auch viel musiziert und Theater gespielt – alles in einer anregenden Atmosphäre. Für die Schüler ist das der Höhepunkt des Schuljahres.

Wer ist denn für die Planung der Bibelwochen zuständig?

Die Pläne dafür entwickelt das Lehrerkolle­gium. Wir laden auch die Geistlichen dazu ein, mit denen wir kooperieren. Die denkerische Vorarbeit entsteht aber im Comenius-Zentrum.

Ihr habt das Zentrum nach Jan Amos Comenius benannt, einem Pädagogen der Nach­reformation. Worin ist er euch Vorbild?

Comenius – er war Doktor der Philosophie und Theologie – entwarf das Konzept einer Schule, die nicht allein auf das Leben, sondern auf das „ewige Leben“ vorbereitet. Erziehung soll über die Techniken des Broterwerbs und des gesellschaftlichen Erfolgs hinaus vor allem die geistliche Reife fördern. Seine Methode nannte er „Pansophie“: Wissen im Zusammenhang, nicht in Einzeldisziplinen zerhackt darbieten. Comenius war davon überzeugt, dass die Schüler das Recht auf ein vollständiges Weltbild haben. Die Aufgabe der Pädagoge besteht darin, die Schüler zum Denken und ethischen Handeln anzuleiten anstatt ihnen nur Fakten und mundfertige Dogmen einzutrichtern. Entspricht aber nicht genau das der Forderung nach Neutralität, die die Gegner des Religionsunterrichtes anmelden?

Wir müssen doch Objektivität von Neutralität unterscheiden! Der angeblich neutrale Standpunkt der Forschung ist eine Illusion und sehr ideologieanfällig. Ein Ansatz wie der Positivismus blendet ganze Dimensionen des Seins aus. Wir tun den Schülern Unrecht, wenn wir ihnen diese vorenthalten.

Wie kann man überhaupt Objektivität wahren?

Indem wir unseren Standpunkt transparent machen und sagen: Hier, das ist unsere christliche Position – eine von mehreren möglichen. Wir halten sie aus den und den Gründen für wichtig und richtig und sind diesen und jenen Werten verpflichtet. Wir sind fromm, andere nicht. Die Kinder haben ein Anrecht auf das gesamte Spektrum. Wer ihnen nicht zutraut, eigenständig denken zu lernen und kritisch urteilen zu können, sollte kein Pädagoge werden.

Was haben Schüler vom „gesamten Spektrum“?

Es geht mir nicht um große Worte und Konzepte. Es ist schon viel, wenn Menschen in Würde, Anstand und Frieden leben können, wenn sie ein Lebensfundament haben, das trägt – und das bietet der christliche Glaube. Letztlich geht es um die Zufriedenheit im ­Leben und damit um das Wohl eines Volkes.

Es scheint doch, dass Menschen ohne Glauben aber mit Geld viel zufriedener sind?

Mir scheint das ganz und gar nicht. Die ­meisten Menschen sind nicht zufrieden, nur wissen sie nicht, woran es liegt. Im Grunde sind sie hilflos, weil sie keine Maßstäbe für Glück und Werte haben und keine Vorstellung über die Lebensqualität, die der Glaube bietet. Das führt zu Störungen der Seele und zur Zerstörung von Beziehungen. Und damit sind wir wieder bei der Gesellschaft und ihren Fundamenten angelangt.

Was möchtest du den Schülern mit ins Lebensfundament geben?

Festigkeit und Weite. Ich bin weder Prophet noch Politiker, ich verteile keine Erfolgsrezepte. Das ist nicht meine Aufgabe. Wenn die Schüler zu kritikfähigen Persönlichkeiten werden und wenn ihnen der ethische Rahmen ­einleuchtet, die christlichen Werte, dann ist es genug. Ich finde, das ist genug!
 

Das Interview führte Írisz Sipos.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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