Editorial über Gebet - Wie wird man ein Beter?

Liebe Freunde!

Glaube kann Berge versetzen. So lehrt es die Bibel. Die jüngsten Feierlichkeiten zu 20 Jahren Wiedervereinigung brachten mir noch einmal die Worte von Horst Sindermann in Erinnerung. Ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer bekannte das ehemalige Mitglied des SED-Parteibüros: „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Kerzen und Gebete. Das war es. Das brachte zu Fall, was mit Sperrzaun, Stacheldraht und Selbstschussanlage gesichert war; ein ungleiches Kräftemessen mit wundersamem Ausgang. Den Betern war bewusst, dass es eines Eingreifens von Außen bedurfte und sie den Weg in die Freiheit nicht selbst bahnen konnten. Sie waren der Stoßtrupp der friedlichen Revolution. Wir, die Augen­zeugen dieser Ereignisse, lernen von dieser Lektion der Geschichte. Auch heute dürfen wir dem Zuruf folgen: Fürchte dich nicht, erwarte das Unmögliche von Gott, mach dich auf zur friedlichen Revolution in deinem Leben!

Abgeebbt und verpufft

Beten kann Berge versetzen. Zwanzig Jahre sind seither vergangen und das geistliche Feld in unserem Land wurde kräftig umgepflügt. Allerdings ist der revolutionäre Geist der Beter abgeebbt. Das mag daran liegen, dass wir so beschäftigt sind und Beten eher incognito ­geschieht, unspektakulär, verborgen. Oder daran, dass die Notwendigkeit nicht gravierend genug scheint. Oder wir sind verstrickt in den kleinen großen Kämpfen unseres Alltags: ­eigentlich wollen wir beten, ja, wir haben es fest vor und doch schleichen sich die Minuten der Stille, die wir anvisiert haben, einfach davon. Sie versickern im Spülstein unserer ungeputzten Küchen, sie verpuffen vor den Bildschirmen in unseren Wohnzimmern, sie werden unscharf, wenn wir auf das blicken, was uns als vordringlich erscheint. Der Sog des Alltags reißt uns mit. Beten ist das Wagnis, aufzuhören und die Fülle dessen, was auf uns einströmt, hinter uns zu lassen. Beten heißt, eine Insel in der Zeit aufzusuchen, um endlich Zeit für den Ewigen zu haben. Beten heißt scharfstellen auf Gott.

Wie wird man ein Beter?

Was macht Menschen aus, die Hoffnung ausstrahlen und mutig Herausforderungen annehmen? Die ohne schlechtes Gewissen Nein sagen können? Die nicht ausbrennen, sondern ausdauern? Die auch in der Aufregung Gelassenheit ausstrahlen? Menschen, die in dieser Hinsicht einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben, waren Beter. Und sie haben mich mit ihrem Leben ermutigt, selbst ­einer zu werden.

Gebet hat endlos viele Varianten. Drei Haltungen können uns helfen, in der Begegnung mit Gott zu wachsen:

Kindschaft einüben

Gott als Vater ansprechen, als Schöpfer, der mich ganz persönlich meint und kennt. „Unruhig ist meine Seele, bis sie Ruhe findet in dir“, betete der Kirchenvater Augustinus. Wir sehnen uns danach, angeschaut zu werden. Von diesen Augen-Blicken Gottes her kommt Ruhe und Sättigung in unser Leben. Beten heißt, uns ihm hinhalten in der Schlichtheit des Vertrauens, dass er da ist und uns freundlich anblickt. „Ich schaue ihn an, und er schaut mich an“, beschrieb der Pfarrer von Ars das Geheimnis der Kindschaft im Gebet.

Freundschaft annehmen

Jesus lädt uns ein zur Freundschaft. Er, der Herr und Meister des Lebens, nennt uns seine Freunde (Joh 8, 31), für die er sein Leben zu geben bereit ist. Er betet für uns und steht für uns ein. In seiner Freundschaft eingewurzelt, sind wir allen Stürmen des Lebens gewachsen. Wie wir zu dieser Freundschaft kommen? „Erzähle Jesus dein Leben – wie einem guten Freund“ – ermutigt uns der Karmelitenpater Reinhard Körner.

Ritterschaft ausüben

Wer mit Gott im Gespräch ist, wird über sich hinausgewiesen. Sein Dialog mit Gott bekommt eine andere Tragweite. Christsein beginnt immer persönlich, bleibt aber nie privat. (S. 208) Gottes Botschaft an uns ist immer eingebettet in seine Botschaft an die Welt, in die wir gestellt sind. Er selbst leiht uns die Worte, mit denen er die Welt verändern möchte. Die Gebete des Psalters, die kraftvollen Ver­heißungen der Propheten und der Zuspruch der Jesusworte sind ein Schatz, der den Betern zur Verfügung steht. Es ist das Arsenal der Revolutionäre im Geist. Denn, so Dietrich Bonhoeffer: „Nicht die Armut unseres Herzens, sondern der Reichtum des Wortes Gottes soll unser Gebet bestimmen.“

Summe und Anfang

Die Grundform allen Betens ist das Vaterunser. Jesus selbst lehrte es seine Jünger – und seiner Unterweisung folgen wir, wenn wir es beten. Das Vatergebet ist ausgesprochen mager gehalten und doch wesentlich und klar in allen Dingen. Hier ist immer ein Anfang mit dem Beten zu machen. „In ihm ist alles enthalten. Was in die Bitten des Vaterunsers eingeht, ist recht gebetet, was in ihnen keinen Raum hat, ist kein Gebet“, so Bonhoeffer, „alle­ Gebete der Heiligen Schrift sind im Vater­unser zusammengefasst. Sie werden in seine unermessliche Weite aufgenommen.“

Weltweites Engagement

Reich beschenkt war die OJC-Gemeinschaft in den vergangenen Wochen durch Besuche unserer Projektpartner aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt. Der Missiologe und Pastor Dr. René Padilla aus Argentinien, die Psychologin Melinda Cathey aus Minneapolis, der Kulturwissenschaftler und Theologe Kosta Milkov aus Mazedonien (S. 218). Eindrücklich war auch die Begegnung mit Gerson und Heike Witzlau, die zum Auftanken eine Woche bei uns in Reichelsheim waren. Gerson war 1996 für ein Jahr im OJC-Jahresteam. Seit nunmehr 3 Jahren arbeitet er mit seiner Frau unter den Roma in Bosnien. Zu ihrem Auftrag dort gehört es, diesen unter den Völkern Europas besonders benachteiligten und vielfach entwurzelten Menschen zu einer inneren Heimat und zu einem Hoffnungshorizont in Christus zu verhelfen. Eindrücklich war Gersons Beitrag zur friedlichen Revolution auf dem Balkan: „Ich bete jeden Morgen eine Stunde für Bosnien.“

Hier wird die weltweite Dimension christ­licher Nächstenliebe sichtbar zwischen konkreter Fürbitte, politischem Gebet und praktischen Teilen mit denen, die Hilfe brauchen. Diese Chance können wir alle mit unserer Antwort auf den Zuruf der neuen Weihnachtsaktion ergreifen: „Steig auf, komm mit, teil aus!“ Das dem Salzkorn beiliegende Exemplar zum Weitergeben lädt ein zur kleinen Adventsreise auf den ­Spuren der Weisen aus dem Morgenland zu den Projektpartnern der OJC. Lassen Sie Ihr Herz auf Reisen gehen.

In Generationen denken

Der kommunitäre Kern der OJC-Gemeinschaft wächst: Heidi und Klaus Sperr wurden am 3. Oktober feierlich in den Kreis der Gefährten aufgenommen. (S. 218) Der ­Generationswechsel ist voll im Gange. Schauen Sie sich in Ruhe die Mitarbeiter auf den Bilderseiten an und freuen Sie sich mit uns, dass das Team sich in den vergangenen Jahren ­augenfällig verjüngt hat. Die dritte Genera­tion OJCler ist im Anmarsch. Das bedeutet für uns: Die Altgedienten treten in die zweite Reihe, Neue kommen hinzu und übernehmen mehr Verantwortung. Das ist ein großer Segen und wir staunen über den Zustrom von fähigen Mitarbeitern, die den Auftrag der OJC als ­ihre Berufung annehmen. Das Wachstum bedeutet für unsere Gemeinschaft konkret: Die Neuen kommen, die Alten bleiben. Wir wussten, dass dadurch unsere Kosten steigen werden; aber gerade das ermöglicht es, ­unsere bisherigen Wirkungsfelder zu erhalten und in manchen Bereichen auszubauen – eine notwendige Investition in die Zukunft.

Sparen und werben

Anfang 2010 haben wir es gewagt, ein nicht ganz ausgeglichenes Budget zu beschließen. Seitdem haben wir eifrig gespart und 50.000 Euro weniger ausgegeben, als ursprünglich geplant. Auch für das Jahr 2011 haben wir aus unseren Mitteln abermals Budgetposten um 65.000 Euro gekürzt und einen harten Sparkurs eingeschlagen. Dennoch wird darüber hinaus die oben vorgestellte Personalsituation unser Budget 2011 belasten. Mittelfristig müssen wir neue Freunde gewinnen. Für 2011 möchten wir Sie, unsere Freunde, um ein verstärktes Mittragen bitten. Für den Genera­tionswechsel und die Fortführung unseres ­Engagements in dieser Intensität benötigen wir in den Folgejahren 200.000 Euro mehr Spenden als in diesem Jahr. Das ist kein Pappenstiel, und wir betrachten diesen „Sprung“ nicht ohne Sorge, doch auch in der Gewissheit: Wo Gott führt, da sorgt er auch. Wie könnte dieses zusätzliche Finanzvolumen generiert werden? Zum Beispiel dadurch, dass 500 Freunde, die bislang noch nicht regelmäßig spenden, uns mit einem Euro (!) am Tag unterstützen. Diese 500 mal 30 Euro im Monat würden die Mehrkosten decken. Vielleicht können Sie so ein Freund werden, oder einen werben, der mit einem kleinen aber dauerhaften Beitrag unseren Dienst unterstützt.

Dankbar und erwartungsvoll

Viel Grund zur Dankbarkeit bleibt uns dennoch in diesen Tagen. Gott hat uns auch im 42. Jahr seiner Offensive von jungen und älter gewordenen Christen durchgetragen. Und es hat ihm gefallen, dass wir auch in diesem Jahr vielen tausend Menschen, insbesondere der jungen Generation, ­Anstöße und Orientierung geben konnten, damit sie in ihrem eigenen Leben in Jesus Christus Heimat, Freundschaft und Richtung finden.

Bleiben Sie mit uns verbunden auf dem Weg von Bethlehem zur goldenen Stadt.

Mit herzlichen Grüßen in den Advent,

Ihr Dominik Klenk

Reichelsheim, im November 2010

P.S. Als Weihnachtsgeschenktipp ein wunderbares Büchlein zum Thema Gebet, gerade neu aufgelegt, stärkend für jedermann und überaus geeignet für Noch-nicht-Beter. Bernhard Meuser: Beten. Eine Sehnsucht. Pattloch 2010

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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